deutsch english français

Mathematikunterricht und demokratische Erziehung

Mathematik unterrichten heißt einen vermeintlichen Widerspruch auflösen. Es sei nicht möglich, die fachliche Strenge und Korrektheit einerseits und die pädagogische Forderung nach Autonomie der Lernenden andererseits miteinander zu vereinen, so meint man.

Dass wir aber beiden Forderungen entsprechen müssen, dafür gibt es sowohl didaktische als auch gewichtige gesellschaftliche Gründe.

  1. (Didaktisch) Um Mathematik wirklich zu verstehen, müssen die Schüler schon in der Schule ihre Meinung und ihr Urteil einbringen können. Wenn wir Lehrer aber die Mathematik als Fertigprodukt lehren, in dem sowohl die Ergebnisse als auch die Wege bereits feststehen, fällt es den Schülern schwer, ein eigenes Urteil zu entwickeln.
  2. (Gesellschaftlich) Unsere heutige Gesellschaft ist überall durch mathematische Strukturen geprägt, sichtbar und im Verborgenen. Wenn die Heranwachsenden nicht lernen, im Verhältnis zur Mathematik einen eigenen Standpunkt zu entwickeln, können sie später leicht durch "wissenschaftliche" Argumente in die Defensive gedrängt werden. Unsere demokratische Gesellschaft ist aber dringend auf mündige Bürger angewiesen, die selbst in technisch beeinflussten Situationen über dialogische Kompetenz verfügen.

Marie Marcks: SchmetterlingEs gibt mittlerweile positive Erfahrungen, die zeigen, dass der Unterricht - trotz des scheinbaren Gegensatzes - durchaus beiden Forderungen gerecht werden kann. Unser Comenius-Seminar unter gleichem Namen hat 1998 den Weg gewiesen. (Die dadurch ausgelöste internationale Diskussion können Sie im Zentralblatt für die Didaktik der Mathematik (ZDM 98/6, 99/1) und in der spanischen Zeitung für Mathematikdidaktik Uno (Juli 2001) nachlesen.) Zusätzlich hat in Deutschland nach TIMSS und neuerdings PISA ein intensiver Denkprozess eingesetzt, der besonders in Baden-Württemberg zu sehr ermutigenden Ansätzen geführt hat. Diese setzen wir nun schon im zweiten Jahr landesweit an vielen Schulen in Fortbildungen um und entwickeln sie weiter. Wir, die Veranstalter, sind an diesem Prozess beteiligt, und unsere Erfahrungen daraus werden einen Schwerpunkt des Seminars bilden.

In diesem Kurs möchten wir die Teilnehmer anregen, die gesellschaftliche Relevanz ihres Unterrichtes stärker zu berücksichtigen als bisher. Gleichzeitig würde der mathematische Unterricht selbst profitieren. Darüber hinaus wollen wir die diesbezüglichen Erfahrungen der Teilnehmer aus unterschiedlichen nationalen Traditionen zusammenführen und verstärken. Weiterhin wollen wir die Teilnehmer befähigen, diese Anregungen in ihren Wirkungskreis weiter zu tragen. So soll die Keimzelle eines Netzwerkes europäischer Zusammenarbeit für die Weiterentwicklung eines zeitgemäßen Mathematikunterrichtes geschaffen werden. Überdies wollen wir in dem Seminar Vorschläge und Kriterien für eine neue Unterrichtskultur in Mathematik gemeinsam erarbeiten. Diese notwendige Basis für die Weiterentwicklung der praktischen Schularbeit in ganz Europa liegt bisher nicht vor.

Das Seminar richtet sich an Lehrer der Mathematik, die ihren Unterricht in einen größeren Zusammenhang stellen wollen. Es richtet sich ausdrücklich auch an interessierte Lehrer anderer Fächer, die sich an der Diskussion beteiligen wollen. Nicht zuletzt richtet es sich an Führungskräfte, die an der langfristigen Entwicklung des mathematischen Unterrichtes in Europa interessiert sind.

Programm

1. Tag: Die Teilnehmer stellen sich und ihre Erfahrungen vor. Verständigung über das Programm.
Wechselseitige Bedingtheiten der Entwicklung von Mathematik und Demokratie in der europäischen Geschichte als Hintergrund und Hilfe für die bevorstehende Arbeit.

2. Tag: Wegmarken einer demokratischen Unterrichtskultur im Mathematikunterricht.
Unterrichtsstile und ihre psychologische und gesellschaftliche Relevanz.
Pädagogische Entscheidungen und ihre Folgen.

3. Tag: Lerntheoretische Ansätze (einschließlich neuester kognitionstheoretischer Erkenntnisse) für eine demokratisch verstandene Unterrichtskultur.
Verständigung über die Theorie und über Wege zur Umsetzung in die Unterrichtspraxis.

4. Tag: Entwicklung der Grundlagen der Mathematik im 20. Jahrhundert und ihr zumeist übersehener Zusammenhang mit den Zielen eines allgemein bildenden Mathematikunterrichts (Gödel und die Folgen). Auswirkungen des mathematischen Weltbildes der heutigen Gesellschaft und daraus resultierende Forderungen für den Unterricht.

5. Tag: Zusammenhänge zwischen den hier entwickelten Zielvorstellungen und den unterschiedlichen Lehrplanvorgaben in den einzelnen Ländern.
Probleme und Handlungsmöglichkeiten.
Schlussdiskussion über die Handlungsperspektiven jedes Teilnehmers.
Organisation eines Netzwerkes für weitere Zusammenarbeit.

Organisation

Seminarleitung

Dr. Hartmut Köhler
Claus Meyer-Bothling

Referenten

Colin Hannaford
Eva Vàsàrhelyi

Information

Die Ausschreibung ist auch in der Sokrates Datenbank veröffentlicht. Bitte suchen Sie nach dem Titelwort "mathematics" oder dem Kursschlüssel DE-2004-001.
Fragen zum Inhalt richten Sie bitte an: Claus Meyer-Bothling, E-Mail: cmb@zum.de

Termin

24.-28.5.2004

Ort

Das Seminar findet im schönen Städtchen Calw, der Geburtsstadt Hermann Hesses, im Schwarzwald statt. Oberhalb der Stadt, in 10' Distanz vom gemütlichen Zentrum, ist die Akademie gelegen.

Anmeldung

Wenden Sie sich bitte direkt an die Akademie:
Staatliche Akademie für Lehrerfortbildung
Hanspeter Schellhorn
Telefon: +49-7051-9229-0
Telefax: +49-7051-9229-10
E-Mail: poststelle@sal-cw.kv.bwl.de
Mo-Do 9-12, 14-17Uhr, Fr 9-13Uhr

Kosten

Die Teilnahme kostet € 460,- je Teilnehmer einschließlich Übernachtung und Verpflegung. Das Seminar wird von der EU unterstützt. Teilnehmer aus dem europäischen Ausland bekommen die Kosten bis zu 100% erstattet. Die Höhe der Förderung hängt vom Herkunftsland ab. Für Teilnehmer aus Deutschland oder von außerhalb der EU steht eine begrenzte Zahl von Stipendien zur Verfügung.

Sprachen

Die im Seminar verwendeten Sprachen sind teilweise Deutsch und teilweise Englisch. Vieles verwendete Material wird auf Deutsch vorliegen. Weitere Sprachen können je nach Beteiligung (insondere in den Arbeitsgruppen) berücksichtigt werden.

deutsch english français