Aggression beim Menschen
Einführung
- [lat.: "Angriff"]
- Angriff, affekt- oder triebbedingtes Angriffsverhalten
In der PSYCHOLOGIE:
- das Austeilen schädigender Reize gegen Lebewesen (auch gegen die eigene Person >>
Auto-Aggression), Institutionen und Sachen
- kann offen (körperlich, verbal) oder versteckt (phantasiert) sein
- kann negativ (missbilligt) oder positiv (von der Kultur gebilligt) sein
- Psychoanalyse sieht als Ursache den Aggressionstrieb, der seine Quelle im Todestrieb (S.
Freud) hat
- großes Interesse in allg. Psychologie und im Rahmen der Friedensforschung
VERHALTENSFORSCHUNG:
- der tatsächl. physische Akt oder eine Drohhandlg. mit dem Ziel die Lebensfähigkeit
eines anderen Individuums oder einer anderen Gruppe von Individuen einzuschränken
- Bereitschaft, solche Handlg. auszuführen, als Aggressionstrieb (>>
Triebstauhypothese) oder Aggressivität bezeichnet
- Aggressivität: [lat.: "Angriffslust"], die Bereitschaft eines oder mehrerer
Individuen, andere Organismen durch best. Verhaltensweisen so einzuschränken,
dass ihre
Umweltbeziehungen entgegen der eigenen Motivation verändert oder ganz aufgehoben werden;
hierzu zählen verschiedene Klassen des Angriffsverhaltens (Inner- und Zwischengruppenaggressionen)
- Trieb (Antrieb, Motivation): Bereitschaft, eine best. Handlg. (insbesondere eine
Instinkthandlg.) ablaufen zu lassen; innere Erregung wird zentralnervös produziert und
staut sich auf (Triebstau); bei starkem Triebstau reicht schon schwacher spezif. Reiz
(Auslöser, Schlüsselreiz) aus, der die innere Sperre über einen angeborenen
Auslösemechanismus beseitigt, um Handlg. ablaufen zu lassen (Triebbefriedigung); bleibt
Reiz aus, wird die angestaute Erregung in einer Leerlaufhandlung aufgebraucht (Abreaktion
an Ersatzobjekt)
- K. E. Moyer fasste verschied. Aggressionsformen 1968 als spezielle Form der
Umweltanpassung zusammen
- Aggression ist kein "böses" Prinzip an sich, sondern Teil eines notwendigen
Regelmechanismus gegenüber der Umwelt, der im Laufe der Stammesgeschichte durch
Rivalisation vielfältig in seiner Wirkung abgeschwächt wurde
- nach K. Lorenz kann Bereitschaft des Menschen, Artgenossen zu töten, darauf beruhen,
dass seit der Erfindung des (Tötungs-) Werkzeugs 1. keine entwicklungsgeschichtlich
relevante Zeitdauer zur Dämpfung der Aggression für den Gebrauch von Waffen zur
Verfügung stand und 2. die natürl. Mechanismen zur Anpassung an die Umwelt durch die
rasch einsetzende menschl. kulturelle Entwicklung außer Kraft gesetzt wurden
VÖLKERRECHT:
- das gewaltsame, meist militär. Vorgehen eines Staates gegen einen anderen unter
Verletzung der territorialen Integrität
- Aggression setzt Gebietsverletzungen in feindl. Absicht und die Drohung mit Anwendung
militär. Gewalt voraus
- affektbedingtes Angriffsverhalten, dass auf einen Machtzuwachs des Angreifers und eine
Machtminderung des Angegriffenen zielt
- äußert sich als Reaktion auf eine wirkliche oder vermeintliche Bedrohung der eigenen
Machtsphäre
Aggressionstheorien
versuchen menschliches Verhalten zu erklären
TRIEBTHEORIE :
- von Konrad Lorenz aufgestellt / vor allem von Biologen unterstützt
- Aggressionsverhalten = echter Instinkt mit eigener endogenen Antriebserzeugung, die zu
Appetenzverhalten wachsender Handlungsbereitschaft für aggressives Verhalten führt
- starke Handlungsbereitschaft >> rein endogenen bedingtem aggressiven Verhalten,
also nicht von äußeren Ursachen ausgelöst
- kann durch Lernen verändert werden
- Frustration kann zu aggressiven Handlungen führen
- Teilaussage der Triebtheorie durch zunehmendes Wissen und verfeinerte ethologische
Untersuchungsmethoden in Frage gestellt: es ist nicht bewiesen, dass Aggressionsverhalten
ein Instinkt mit eigener Antriebserzeugung ist, die zu Appetenzverhalten und steigender
Handlungsbereitschaft führt
FRUSTRATIONS-AGGRESSIONSTHEORIE:
- psychologische Aufstellung
- Frustration ist Störung einer zielgerichteten Aktivität
- Aggression ist jedes Verhalten, dass auf die Verletzung eines Organismus abzielt
- Aggression ist immer Folge einer Frustration, d.h. die Versagung von Bedürfnissen oder
Wünschen führt zur Angriffslust
- Frustration führt stets zu einer Form der Aggression
- Stärke der Bereitschaft zur Aggression ist abhängig von:
- der Stärke der gestörten Aktivität,
- der Stärke der Störung und
- der Anzahl der Frustrationen
- Aggression ist am stärksten gegen den Frustrierenden
- Erwartung der Bestrafung einer Aggression und Erziehung der Kontrolle der aggressiven
Handlungen können Aggression hemmen
- Ausführung einer Aggression reduziert Aggressionsbereitschaft (Katharsishypothese)
- erkennt nur Frustration als aggressionsauslösende Ursache an
LERNTHEORIE
- von Psychologen aufgestellt
- aggressives Verhalten basiert auf Lernen
- aggressives Verhalten befriedigt Bedürfnisse und führt zum Erreichen von Zielen
- es entwickelt sich Erwartung, auch zukünftig durch Aggression Erfolg zu haben
- Lob und Belohnung verstärken aggressives Verhalten
- Aggression kann auch am Modell gelernt werden, d.h. wenn aggressives Verhalten anderer
erfolgreich ist, unbestraft bleibt, gerechtfertigt oder verherrlicht wird, erhöht sich
Erwartung, dass eigenes aggressives Verhalten zu Zielen verhilft
- erkennt nur Lernen als aggressionsauslösenden Faktor an
GEMEINSAMKEIT:
- Gefährlichkeit menschl. Aggression
- Genetisch-soziales Modell
- Zusammenarbeit vieler Aggressionsforscher
- fasst zahlreiche Einzelergebnisse zusammen
- Aggressionsverhalten als vielschichtiges Verhalten, das multikausal (vielbegründet) und
multifunktional (vielleistend)
- Aggressionsverhalten durch komplexes Zusammenwirken von Erbanlagen und Umwelteinflüssen
bestimmt
- in 5 Bereichen gesteuert und unmittelbar beeinflusst:
- im Bereich der Gene
- in der Physiologie (z.B. Hormonstörungen bewirken auffällige Aggressivität oder
völliges Fehlen aggressiven Verhaltens)
- im Gesamtorganismus (psychische Zustände, Empfindungen, Motive, ...)
- im sozialen Verband (Aggression bei Ausbildung einer Rangordnung, weniger bei
gefestigten Hierarchie)
- im ökologischen Zusammenhang (Gruppendichte oder Nahrungsknappheit beeinflussen
aggressives Verhalten)
- historische Einwirkungen >> 3 historische Dimensionen:
- stammesgeschichtlich: - aggressives Verhalten hat
sich bei verschied. Arten unterschiedlich herausgebildet, auch evolutionsbedingte
Unterschiede zw. menschl. Rassen, Aggressionsverhalten diente unterschiedl. Zwecken und
Funktionen
- kulturgeschichtlich: - Ausbildung unterschiedl.
Kulturellen Ritualisierungen des Aggressionsverhaltens
- ontogenetisch: - Beeinflussung des aggressiven
Verhaltens durch persönl. Erfahrungen, Erlebnisse, Frustrationen, Ängste oder Vorbilder
Außenseiteraggression
- besondere Form des innerartlichen Aggressionsverhaltens
- instinktive Regung
- Vorkommen: bei Vögeln, Säugetieren und Menschen
- gegen Gruppenmitglieder gerichtet, die durch Aussehen oder Verhalten von Gruppennorm
abweichen
- Beobachtung, dass durch Kinderlähmung behinderte Schimpansen von Gruppenmitgliedern
heftig angegriffen
- relativ harmlose Form beim Menschen: "Abstandnehmen", Auslachen, Hänseln
- >> kann bis zu Hetzen und Mord reichen
- auch gegen Ausländer und Behinderte gerichtet
- in zahlreichen Gesellschaften der Frühzeit setzten Mütter ihre Kinder nach Geburt
aus >> wenn Kinder mit Füßen zuerst geboren, Zwillinge, Albinos, Krüppel,
in manchen Gesellschaften Mädchen (Prinzip der Auslese)
- betroffen nicht nur Einzelwesen ohne persönl. Bindung, auch Gruppenmitglieder nach
Unfällen, durch Krankheit oder Alter
- bereits Kinder zeigen soziale Ausstoßreaktionen >> angeborene Grundlage
- Mitleid und Hilfeleistung wirken Aggression entgegen
Sicherheitsabstand
- amerik. Psychologe Dr. Augustus F. Kinzel testete Zusammenhang zwischen persönl.
Raumanspruch und Aggressivität in Versuchsreihe mit Strafgefangenen (½ wegen
Gewalttätigkeit, ½ wegen anderer Straftaten):
- Testteilnehmer in Mitte eines leeren Raumes - Versuchsleiter näherte sich langsam -
Teilnehmer sollte "Stop" sagen, wenn weitere Annäherung für ihn unangenehm
- >> "Pufferzone" blieb auch nach mehreren Versuchen konstant
- >> Gewalttäter ließen Versuchsleiter in doppelter Entfernung von anderen
Gefangenen anhalten
Friedensforschung
- Auswirkungen menschl. Aggressionen durch Verwendung von Waffen viel schlimmer >>
Mord
- Aggressions- und Tötungshemmungen durch moderne Fernwaffen nicht wirksam, da Folgen
nicht unmittelbar wahrnehmbar
- Analyse der Kriegsentstehung und Verhalten des Menschen im Krieg: >> aggressives
Verhalten gegen Mitglieder der eigenen Gruppe, des eigenen Stammes oder Volkes =
Innengruppenaggression, nicht so destruktiv und unmenschlich>> aggressives Verhalten
gegen Mitglieder fremder Gruppen, Stämme und Völker = Zwischengruppenaggression,
Menschsein wird abgesprochen, keine Schonung, kein Mitgefühl oder Mitleid
- Kriege
- keinem drängenden Aggressionstrieb entspringend
- aus wirt., machtpolit., ideolog. oder religiösen Gründen
- zielgerichtet, vorbereitet, gerechtfertigt
- durch Propaganda werden aggressive Stimmung und Angst, Begeisterung, Liebe zum Vaterland
und Sorge um Familie
- Verteufelung des Feindes durch Informations- und Meinungsfreiheit
- Kenntnis der menschl. Triebstruktur und Möglichkeiten sie auszunutzen und zu
missbrauchen ist Voraussetzung für Kriegsverhinderung
Weitere spezifisch menschliche Aggressionsformen:
Vergleich der menschl. Aggression
zu der beim Tier
UNTERSCHIEDE
Tier: rein biologisches Wesen
Mensch: soziales, psychisches und biologisches Wesen >> kann erlebtes
Verhalten überdenken und beeinflussen >> SELBSTKONTROLLE des Verhaltens >>
durch gesellschaftl. Verhältnisse, Werte, Normen und Regeln geprägt >> moralische
Ansichten
GEMEINSAMKEITEN
- Aggression biologisch angelegt
- Aggression dann, wenn man sich beeinträchtigt, belästigt fühlt, wenn man
Umweltansprüche und Interessen
- sichern und behaupten will
- Außenseiteraggressivität
- Ausdruck durch Wut, Zorn und Hass
- kann der Verteidigung dienen (Schutzfunktion)
- Voraussetzungen sind Motivation und Schlüsselreiz
- Suchen von Verbündeten
SCHLUSSFOLGERUNG
- Mensch kann Verantwortung für sein Handeln übernehmen
- Aggression bei Tier und Mensch sehr ähnlich
- "Tier im Mensch"
- Aggressionsverhalten liegt in den Genen
Vermeidung von Aggressionen beim Menschen
- Aggression abreagieren, z.B. durch körperl. Anstrengung >> Abbau von
Energieüberschüssen
- stabile Familienverhältnisse (feste Bezugsperson)
- Aggressionsbereitschaft wird gesenkt durch: Lächeln, Höflichkeit, Grüßen,
Anerkennung, Geschenke
- nicht zu Handlg. verleiten lassen, die man von selbst nie tun würde
- bei ungerechten Forderungen nicht nachgeben, weil sonst Lernen am Erfolg
- Menschen sollten sich selbst kennenlernen, sich beobachten und Selbstbeherrschung üben
Menschliches Aggressionsverhalten (Definition basierend auf Verhaltensforschung)
- der tatsächl. physische Akt oder eine Drohhandlg. mit dem Ziel die Lebensfähigkeit
eines anderen Individuums oder einer anderen Gruppe von Individuen einzuschränken
- Bereitschaft, solche Handlg. auszuführen, als Aggressionstrieb (>>
Triebstauhypothese) oder Aggressivität bezeichnet
- Aggression ist kein "böses" Prinzip an sich, sondern Teil eines notwendigen
Regelmechanismus gegenüber der Umwelt, der im Laufe der Stammesgeschichte durch
Rivalisation vielfältig in seiner Wirkung abgeschwächt wurde
- nach K. Lorenz kann Bereitschaft des Menschen, Artgenossen zu töten, darauf
beruhen, daß seit der Erfindung des (Tötungs-)Werkzeugs 1. keine
entwicklungsgeschichtlich relevante Zeitdauer zur Dämpfung der Aggression für den
Gebrauch von Waffen zur Verfügung stand und 2. Die natürl. Mechanismen zur Anpassung an
die Umwelt durch die rasch einsetzende menschl. kulturelle Entwicklung außer Kraft
gesetzt wurden
Aggressionstheorien
versuchen Ursachen für menschliches Verhalten zu finden und zu erklären
LERNPSYCHOLOGISCHES DENKMODELL geht davon aus,
dass aggressives Verhalten in früher Kindheit gelernt wird, und zwar sowohl durch
persönlichen Erfolg mit aggressivem Auftreten als auch durch Imitation von Vorbildern.
(von Psychologen vertreten)
FRUSTRATIONS-AGGRESSIONSMODELL führt aggressives
Verhalten auf frühe Entbehrungserlebnisse zurück, bei denen Aggression eine Folge von
Frustration ist. (von Psychologen aufgestellt)
- im Bereich der Gene
- in der Physiologie (z.B. Hormonstörungen bewirken auffällige Aggressivität oder
völliges Fehlen aggressiven Verhaltens)
- im Gesamtorganismus (psychische Zustände, Empfindungen, Motive, ...)
- im sozialen Verband (Aggression bei Ausbildung einer Rangordnung, weniger bei
gefestigten Hierarchie)
- im ökologischen Zusammenhang (Gruppendichte oder Nahrungsknappheit beeinflussen
aggressives Verhalten)
(erstellt von Karina Ehrensperger, 12. Klasse, im Rahmen eines Kurzvortrages GK
Biologie am Friedrich-Schiller-Gymnasium
Bad Lausick, 18.3.1998)
=> Siehe auch: Aggression bei Tieren
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