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Biologie in Sachsen

Schmetterling

Alle Fächer / Koordinator: C. Busse / E-Mail

 

Reaktion auf den Vergleich: Tierisches - menschliches Sexualverhalten per E-Mail:

sehr geehrter herr busse!

mit großem interesse durchstöbere ich die artikel zum thema verhalten
und kann mir leider nicht verkneifen, ihrer tabelle zum vergleich
tierlichen und menschlichen verhaltens zu widersprechen. natürlich ist
es schwierig, vom tier allgemein zu sprechen.... aber wenn sie es nun
einmal tun, dann bleiben sie bitte exakt! anbei ein artikel aus der
taz!    nichts für ungut! mit freundlichen grüssen r.kramer

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T931231.184 TAZ Nr. 4202 Seite 29 vom 31.12.1993
370 Zeilen von TAZ-Bericht michael miersch  

Die Fachwelt verschweigt es schamhaft: Auch das liebe Vieh, schätzt
die Onanie. Der Elefant besorgt sich's mit dem Rüssel, Delphine
rubbeln an Torpedos
 

Im Zoo der wilden Wichser 

Gebannt starren die Kinder auf die brünstig angeschwollenen Schamlippen. "Was
macht der Affe da?" fragen sie ihre Eltern im Menschenaffenhaus des
Frankfurter Zoos. Doch die wollen nicht antworten, sondern unbedingt
weitergehen. Dabei wäre die Antwort ganz einfach: Die Schimpansin nutzt einen
vom Wärter beiseite gelegten Wasserschlauch, um zu masturbieren - die Beine
über dem dünnen Strahl gespreizt, reibt sie ihre Vulva. Und sie hat
offensichtlich Spaß daran.
 
Schließlich schaffen es die Eltern, ihre Kinder wegzulocken. Es nützt ihnen
nichts. Im übernächsten Käfig ist ein Zwergschimpansenweibchen ebenfalls mit
ihrem Kitzler beschäftigt und steckt sich obendrein einen Finger in den
Enddarm. Fraglich, ob diese Eltern so schnell wieder einen Zoobesuch
vorschlagen.
 
Denn obwohl heute in allen Fernsehprogrammen über Sex gesprochen wird, ist
vielen das Thema Masturbation weiterhin peinlich. Bei einer Allensbach-
Umfrage gaben 39,7 Prozent der Deutschen an, nie zu onanieren, 25,6 Prozent
machten gleich gar keine Angaben. Und das, obwohl die Befrager angewiesen
waren, beim Ankreuzen wegzuschauen und den Fragebogen im verschlossenen
Umschlag entgegenzunehmen. Immerhin halten 84 Prozent der jüngeren Deutschen
Selbstbefriedigung für eine ganz normale Sache. Dabei bekommen sie
Schützenhilfe aus der Naturwissenschaft, denn ein Blick in das Tierreich
beweist: Onanie ist nicht nur normal, sondern auch ganz natürlich.
 
Denn Alberto Moravia irrt, wenn er behauptet: "Die Selbstbefriedigung stellt
den einzigen Sexualakt dar, der etwas mit Kultur zu tun hat, weil er ganz aus
der Phantasie kommt." Und auch Mark Twain unterschätzte die sexuelle
Verspieltheit vieler Tiere; er schrieb: "Der Affe ist das einzige Tier,
ausgenommen der Mensch, das diese Wissenschaft praktiziert - daher ist er
unser Bruder." Jeder Hundebesitzer hätte ihn eines Besseren belehren können.
 
Lange hüllten sich die Biologen in Schweigen über das, was sie in Wüsten,
Dschungeln und Savannen beobachten konnten. Sex, so die Lehrmeinung, sei nur
dann natürlich, wenn er der Fortpflanzung diene. Was aber tun, wenn die Natur
sich unnatürlich verhält? Die Regel ist: Am besten nicht darüber reden.
 
Mit seinem 1918 erschienenen Werk "Physik der Liebe" versuchte Remy de
Gourmont zwar alle Spielarten tierischen Verlangens zu würdigen, doch die
Selbstlust wird in dem 283-Seiten-Buch nur mit ein paar Sätzen abgehandelt.
Gourmont berichtet von Hündinnen, die "ihre Vulva am Erdboden wetzen", und
von Hirschen, die ihre "Rute an den Baumstämmen reiben". Dabei war der
französische Essayist alles andere als verklemmt. "Es gibt nichts
Widernatürliches", behauptete er schon damals. Die eigentümlichste sexuelle
Verirrung war für ihn die Keuschheit.
 
Um Keuschheit bemüht sind bis heute viele Tierbücher, in denen immer noch
Sexualität mit Fortpflanzung gleichgesetzt wird. Onanie kommt in dem 1953
erschienenen Werk "Das Liebesleben der Tiere" ebensowenig vor, wie in dem
Buch "Die Liebeswelt der Tiere" von 1927. Obwohl sogar ein Hund beschrieben
wird, der sich Hühner "auf sehr geschickte Weise zu seinen Gattinnen machte".
Selbst in Adrian Forsyths zoologischem Liebeslexikon "Die Sexualität in der
Natur" von 1986 erscheint das Stichwort Masturbation nur an zwei Stellen: im
Zusammenhang mit Affen.
 
Eine Sammlung von Onanie- Beobachtungen, die der ehemalige Zoodirektor von
Hannover, Lothar Dittrich, 1968 erstellte, kommt nicht ohne moralischen
Zeigefinger aus. Sie beginnt mit dem Satz: "Neben normalen heterosexuellen
Geschlechtsbeziehungen kann man im Zoo homosexuelles und gelegentlich auch
anderes abnormes sexuelles Verhalten, am häufigsten Masturbation,
beobachten." Als ob die Strafe für solche "Abnormitäten" auf dem Fuß folgt,
nehmen viele der von Dittrich beschriebenen Tiere ein schlimmes Ende.
 
Ein Affenweibchen machte "einen gestörten, fast kranken Eindruck", ein
anderer Affe "magerte sehr stark ab und starb schließlich", ein halbwüchsiger
Kudu ist "bald danach tödlich verunglückt", ein onanistischer Ameisenbär
"starb schließlich an Entkräftung", und die Hoden eines sündigen Elefanten
waren "völlig degeneriert".
 
Erst eine neue Generation von Wissenschaftlern nähert sich dem Thema so
unbefangen wie der Dichter Robert Gernhardt mit seinem berühmten Zweizeiler:
Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern runter.
Wobei Gernhardt in der dazugehörigen Zeichnung die manuellen Fähigkeiten von
Bären überschätzte, die Biegsamkeit der Wirbelsäule aber unterschätzte. Nicht
mit der Tatze, sondern mit der Schnauze befriedigt sich der Bär.
 
Der Anthropologe und Verhaltensforscher Volker Sommer, der 1990 das erste
Standardwerk über Homosexualität im Tierreich verfaßte, arbeitet an einem
Buch über tierische Autoerotik. Er hat sich damit ein weites Feld
vorgenommen. Sex an und für sich ist bei Känguruhs, Walen, Giraffen, Tauben,
Wellensittichen und Hunderten weiterer Tiere beobachtet worden. Dieses große
Artenspektrum läßt vermuten, daß sich die gesamte höhere Fauna gelegentlich
dem eigenen Genital zuwendet.
 
Die Methoden stehen im Einfallsreichtum den menschlichen Praktiken in nichts
nach. Zoodirektor Dittrich beschreibt zwei junge Orang-Utan-Weibchen, die
"ihr Genitale gegen die aus dem Gitterwerk vorstehenden Schweißkuppen
rieben". In Grzimeks Enzyklopädie wird von wilden Nubischen Steinböcken
berichtet, die sich die eigene Penisspitze in den Mund stecken. Den gleichen
Trick beherrschen weibliche Fleckenhyänen mit ihrer riesigen Klitoris. Ein
Nashornbulle wurde dabei beobachtet, wie er sich sein Glied klatschend gegen
den Leib schlug, bis er ejakulierte.
 
Elefantenbullen besaugen ihr Genital mit dem Rüssel. Die Weibchen dagegen
suckeln an ihren zwischen den Vorderbeinen gelegenen Zitzen und schlagen sich
gleichzeitig mit dem Schwanz auf die Vulva. Von den Delphinen, die die
US-Navy zum Bergen von Torpedos einsetzt, wird berichtet, daß sie ihr
Geschlechtsteil an den Unterwasserwaffen rieben. Die ausgefeilteste Technik
besitzen unsere engsten Verwandten: Schimpansinnen können sich Holzstückchen
paßgenau zurechtbeißen, um sie in die Scheide einzuführen. Prinzipiell
scheint die Regel zu gelten: Jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach
seinen Möglichkeiten.
 
Die meisten zoologischen Masturbationsbeobachtungen stammen von Säugern oder
Vögeln. Das Verhalten dieser hoch entwickelten Tierklassen ähnelt in vielen
Facetten dem menschlichen. Bei Affen beiderlei Geschlechts konnte sogar
nachgewiesen werden, daß sie einen Orgasmus haben. Die Forscher maßen die
Hirnströme und die Muskelkontraktionen. Sogar Laien können die Lustgefühle
von Primaten einfach erkennen: Wenn eine Bärenmakake den Höhepunkt erreicht,
bebt der Körper und der Mund formt ein "O".
 
Obwohl die meisten Berichte aus Zoos und Laboren stammen, ist eines sicher:
Selbstbefriedigung ist keine Knastneurose. Biologen gehen heute davon aus,
daß alle Verhaltensweisen, die in Gefangenschaft registriert werden, auch in
freier Wildbahn vorkommen. Nur die Häufigkeit der Masturbation mag durch das
Zooleben, wo die Tiere sich nicht mehr um ihr Fressen kümmern müssen,
gefördert werden.
 
Glaubt man den gesammelten Daten, so machen es Weibchen seltener als
Männchen. Ein ähnliches Bild erbrachten Umfragen unter Menschen: Etwa zehn
Prozent weniger Frauen als Männer gestehen ein zu masturbieren. Bei beiden
Ergebnissen ist fraglich, ob sie wirklich die ganze Wahrheit ans Licht
bringen. Viele Männer prahlen eben gern mit ihrer Sexualität. Viele Frauen
dagegen neigen zum Herunterspielen ihres Trieblebens.
 
Was die Tiere betrifft, muß einkalkuliert werden, daß jeder Beobachter
auffälliges Verhalten eher registriert als unauffälliges. Männliche Geilheit
ist durch den erigierten Penis gekennzeichnet, der sich kaum verbergen läßt.
Die Ejakulation zeigt den Höhepunkt an. Ein weibliches Tier jedoch kann sich
ein stilles Glück verschaffen, indem es auf dem Boden herumrutscht oder das
Hinterteil an einen Baumstamm reibt. Beides ist nicht unbedingt als sexuelle
Handlung erkenntlich.
 
Überhaupt ist Selbstbefriedigung keine Praxis, die genau eingegrenzt werden
könnte. Der eine rubbelt alleine, weil er keine Partnerin findet, die andere
streichelt sich, weil sie gerade keinen Partner will. Affenpaschas wurden
gesehen, die, umgeben von ihrem sexwilligen Harem, genüßlich onanierten.
Paare gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts masturbieren voreinander
und helfen sich gelegentlich dabei. Experte Volker Sommer: "Es ist ein
Komplex in einem Kontinuum von allen möglichen sexuellen Äußerungen, von
denen 99,9 Prozent nicht zu einer Befruchtung führen."
 
Die Soziobiologie lehrt jedoch, daß nur solches Verhalten sich in der
Evolution durchsetzt, das den Individuen einen Fortpflanzungserfolg
verschafft. Schwer vorstellbar, wie Onanie bei der Fortpflanzung dienlich
sein könnte - sie ist es aber doch, wie Wissenschaftler herausgefunden haben.
Wenn ein Männchen masturbiert, ist der Samen beim nächsten Geschlechtsverkehr
frischer. Jüngere Spermien sind erfolgreicher, wenn im Körper eines Weibchens
Samen von mehreren Partnern in Konkurrenz treten. Der Onanist verschafft
seinen Spermien also einen Startvorteil beim Zielschwimmen auf das Ei,
behaupten die britischen Biologen Robin Baker und Mark Bellis.
 
Auch weiblichen Wesen verschafft die Selbstbefriedigung gesteigerte
Vermehrungschancen: Sie halten ihre Scheidemuskeln fit und ihre
Vaginalsekrete frisch. Das ist sehr nützlich, denn der weibliche Körper
bestimmt, welcher Samen das Ei befruchten darf. Die Vorstellung von Spermien,
die ein Ei erobern, ist eine männliche Wunschphantasie. Sie ist genauso
falsch wie das langgehegte Vorurteil, männliche Tiere (und auch Männer)
würden sich Weibchen (bzw. Frauen) aussuchen. In Wahrheit wählen die
Weibchen, und die Eizellen ziehen die Spermien an, um sie förmlich
einzusaugen.
 
Außer dem Trainingsaspekt kann die Masturbation dem weiblichen Wesen einen
weiteren Vorteil verschaffen. Baker und Bellis fanden heraus, daß Frauen, die
im Abstand von einigen Tagen mit zwei Partnern verkehren, durch Onanie
beeinflussen können, welcher Samen sie befruchtet. Trägt die Frau
beispielsweise Spermien vom Montag in sich, masturbiert am Mittwoch und hat
am Freitag einen neuen Liebhaber, dann bewirkt die mittwöchliche Übung, daß
die alten Samen des ersten Partners reaktiviert werden und die des zweiten
kaum eine Chance zum Befruchten haben.
 
Darüber hinaus kann Onanie auch soziale Vorteile bringen. Ein gutes Beispiel
dafür sind die Zwergschimpansen, auch Bonobos genannt. Sie führen ein
ausschweifendes Sexualleben, zu dem auch alle Formen der Masturbation
gehören. Der Verhaltensforscher Frans de Waal sieht darin den Grund für ihr
überaus friedliches Sozialleben. Ihre Brüder, die Schimpansen, sind viel
weniger lustbetont, dafür aber wesentlich aggressiver.
 
Doch jenseits der soziobiologischen Theorie und des darwinistischen
Konkurrenzdenkens kann den Tieren die Masturbation einfach Spaß machen.
Lothar Dittrich berichtet von einer Hulman-Äffin, die ungezählte Male am Tag
Hand an sich legte und beim Höhepunkt "fast anfallartige, krampfartige
Erschütterungen des ganzen Körpers anzeigte".
 
Der Zoodirektor schließt die Beschreibung des sexbesessenen Tieres mit einem
Vergleich, der jedem Onanie-Genießer aus dem Herzen spricht: "Einen Orgasmus
solcher Intensität erleben bei der normalen Paarung weder die Hulmans noch
andere Affenarten." Michael Miersch


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© C. Busse 06. Dezember 2004

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