Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Adelbert von Chamisso 1781 - 1831:

Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1813)

Zur Gattungsfrage:
"Man hat den’Schlemihl’ ein Märchen, ja ... sogar ein Kindermärchen genannt. Er ist es nicht, ist ... zu novellistischer Natur, bei allem grotesken Einschlag zu ernst, zu modern-leidenschaftlich, um der Gattung des Märchens eingeordnet zu werden ... Ganz realistisch und bürgerlich hebt die Erzählung an und die eigentliche Kunstleistung des Verfassers besteht darin, daß er die realistisch-bürgerliche Allüre bis ans Ende ... festzuhalten weiß... Schon ihre autobiographische, bekenntnismäßige Form trägt dazu bei, daß ihr Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Realität strenger als beim unpersönlich fabulierenden Märchen betont erscheint, und wenn es darauf ankäme, sie mit einem Gattungsnamen zu bestimmen, so wäre ... der einer phantastischen Novelle’ zu wählen.“ (Thomas Mann, Chamisso (1911), in: Leiden und Größe der Meister, S.Fischer Verlag 1982 S. 528)

I.

Der Ich-Erzähler Peter Schlemihl erzählt seine Geschichte einem Zuhörer, den er als Chamisso anspricht. Diese Geschichte beginnt ganz unmittelbar mit der Ankunft des jungen Mannes in einer großen Hafenstadt. Dort begibt er sich mit einem Empfehlungsschreiben zu dem reichen Handelsherrn John. Er trifft ihn an, als dieser einer größeren Gesellschaft seine Besitztümer zeigt und das Lob des Reichseins verkündigt: "Wer nicht Herr ist wenigstens einer Million, der ist ... ein Schuft.“ Schlemihl stimmt dem lebhaft zu.
In dieser Gesellschaft fällt dem Ich-Erzähler ein hagerer, grau gekleideter Herr auf, der auf allerlei Anfragen hin erstaunliche Dinge aus seiner Tasche hervorzuholen vermag: Englisches Wundpflaster, ein Fernrohr, eine türkischen Teppich, ein Prunkzelt ... Niemand scheint das weiter zu verwundern. Derselbe Herr spricht Schlemihl wenig später unter vier Augen an und bietet ihm einen Glückssäckel an im Tausch für dessen Schatten. Dieser Geldbeutel scheint unerschöpflich zu sein, woraufhin Schlemihl dem Herrn willig seinen Schatten überlässt, den dieser geschickt einrollt und mit einem merkwürdigen Lachen mitnimmt.

II.
Seine Schattenlosigkeit erregt sofort Aufsehen: Gassenjungen verspotten ihn, Frauen bemitleiden ihn, Herren empören sich, er flüchtet in seine Herberge, Mit seinem Geld im Überfluss quartiert sich in einem besseren Hotel ein, wo er sich verkrochen hält . Er stellt einen vertrauenswürdigen Diener ein, namens Bendel, diesen schickt er los, um jenen grauen Herrn zu finden, dem er den Schatten verkauft hat. Dieser jedoch lässt ihm mitteilen, dass er übers Meer reise und erst in genau einem Jahr wieder erscheinen werde.

III.
Schlemihl ist sehr unglücklich. Sein treuer Diener Bendel, dem er sein Geheimnis offenbart, begleitet ihn von nun an und spendet ihm seinen Schatten, was allerdings nicht immer ganz einfach geht. Mit seinem Geld vermag Schlemihl eine Gesellschaft um sich zu scharen, sogar eine schöne Frau, Fanny, an sich zu binden, doch als diese in einer Vollmondnacht seine Schattenlosigkeit erkennt, fällt sie in Ohnmacht und er verlässt fluchtartig die Stadt, um sich anderswo niederzulassen.

IV.
Auf der Anreise zu seinem neuen Ort wird Peter Opfer einer Verwechslung, man hält ihn für den incognito reisenden König, Ehrungen werden ihm zuteil und dabei begegnet er seiner neuen Liebe. Als Graf Peter veranstaltet er nun aufwändige Feste, trifft dabei die Frau seines Herzens wieder und bittet um deren Hand, die ihm auch bewilligt wird. Er wartet nur noch auf die versprochene Rückkehr des Grauen, um seine Schattenlosigkeit zu beenden.

V.
Peters anderer Diener mit dem bezeichnenden Namen Rascal intrigiert gegen ihn. Er hat ihn immer wieder bestohlen und sich bereichert, jetzt begehrt er gegen ihn - den Schattenlosen - auf, indem er selbst um Minas Hand anhält und Peters Übel bei deren Vater bekannt macht. Dieser stellt Peter eine Dreitagefrist, innerhalb derer er seinen Schatten wiedergewonnen haben muss. Verzweifelt zieht sich Peter in die Heide zurück, wo er dann doch dem Grauen begegnet. Dieser schlägt einen neuen Handel vor: Peters Seele gegen den Schatten! Peter widersteht.

VI.
Er irrt drei Tage in der Heide umher. Der Graue spielt ein übles Spiel mit dem sich verzweifelt Wehrenden. Unter einer Tarnkappe muss Peter miterleben, wie sich seine Mina in den Willen des Vaters schickt, der sie dem Schurken Rascal versprochen hat. Erneut macht der Graue sein Angebot: Mit einer Unterschrift seine Seele abtreten und sofort seinen Schatten zurückbekommen.

VII.
Eine Ohnmacht rettet Peter vor der Versuchung, doch noch zu unterschreiben. Als er es schließlich schafft, zu seinem Haus zu kommen, findet er dieses verwüstet und geplündert vor, nur der treue Bendel hatte noch tapfer die Stellung gehalten. Hinter allem steckte der Schurke Rascal, der von Anbeginn gegen Peter intrigiert und ihn bestohlen hatte. Der armen Schlemihl verlässt darauf sein Haus und die Stadt, seinen treuen Bendel aber lässt er mit ausreichend Geld zurück.

VIII.
Auf dem Weg in die Welt gesellt sich der Graue wieder zu seinem Opfer. Dieses Mal aber schlägt er eine andere Taktik ein: Er zeigt sich dienstfertig, leiht ihm seinen Schatten und ist ihm zu Diensten, so dass sich wieder der alte Reichtum und die Ehrerbietung des Volkes einstellen. Dann aber lässt ihn eines Tages der Graue das Schicksal des ebenfalls von ihm abhängigen Herr John (Kapitel 1) ahnen, darüber entsetzt er sich derart, dass er den Geldsäckel in einen Abgrund wirft und sich von dannen macht.

IX.
So wandert er ohne Schatten und jetzt auch ohne Geld durch die Lande und hält sich von den Menschen - so gut es geht - fern. In einem Dorf ersteht er für seine letzten Geldstücke ein Paar alte Stiefel und stellt zu seiner Überraschung fest, dass es sich hier um Siebenmeilenstiefel handelt, mit denen in wenigen Schritten die Länder und Kontinente wechsel kann.

X.
Von nun an durchstreift er die Kontinente und findet als privatisierender Gelehrter eine neue Lebensweise, die Luft messend, die Tiere beobachtend, die Gewächse untersuchend vom Äquator zu den Polen und zurück.

XI.
Zwischen dem Nordmeer und der Wüste erkältet er sich lebensgefährlich und findet sich wieder in einem Krankenhaus, das 'Schlemihlium' heißt, weil es von seinem treuen Diener Bendel zusammen mit seiner unglücklichen Geliebten Mina eingerichtet wurde, welche nun hierin ihre Erfüllung gefunden haben. Schlemihl gibt sich nicht zu erkennen, sondern verlässt geheilt und unerkannt die Anstalt.
Von nun an vervollkommnet er sein Wissen von der Geografie und der Fauna der Kontinente, verfasst darüber kluge Manuskripte, welche eines Tages der Berliner Universität zukommen sollen, seinen Zuhörer Chamisso aber macht er zum Bewahrer seiner Geschichte.

Adelbert von Chamisso
(* 30. Januar 1781 auf Schloss Boncourt, Frankreich; † 21. August 1838 in Berlin; eigentlich Louis Charles Adélaïde de Chamisso) war ein deutscher Naturforscher und Dichter.
1790 flohen die verarmten Eltern vor der Französischen Revolution nach Deutschland.
1796 wurde er Page bei Königin Luise von Preußen in Berlin.
Von 1798 bis 1807 leistete er seinen Militärdienst als preußischer Offizier ab.
Ab 1804 gibt er den "Grünen Musenalmanach" mit den Freunden des romantischen Dichterkreises "Nordsternbund" heraus. (Julius Eduard Hitzig, Friedrich de la Motte Fouqué, Karl August Varnhagen von Ense und Friedrich Wilhelm Neumann).
1809 - 1815 hält er sich in Frankreich und der Schweiz auf, danach wieder in Berlin.
1812 - Studium der Medizin und der Botanik an der Universität Berlin
1815 - 1818 nimmt er an einer Weltumsegelung teil.
1819 wird er Kustos (Direktor) am Botanischen Garten in Berlin.
1832-38 - Redaktion des "Deutschen Musenalmanachs" (zusammen mit Gustav Schwab)
1833 - Erster Kustos am K√δniglichen Herbarium
21. August 1838 Berlin - Chamisso erliegt einem Lungenleiden. Er wird begraben auf dem Friedhof am Halleschen Tor in Berlin-Kreuzberg, in der Nähe des nach ihm benannten Chamissoplatzes.

Chamisso im Internet Zur Lektüre empfohlen:

Klaus Dautel, 1999-2014

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss