AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS

Der Isegrimm

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen -
Mag sies halten, wie sie will!

Joseph Freiherr von Eichendorff:
Aus dem Leben eines Taugenichts - Erzählung (1826)

Kurze Einführung: EICHENDORFF und die DEUTSCHE ROMANTIK (1800-1830)

Die ROMANTIKER WAREN (und sind) der Ansicht,

Wichtige Themen (und Motive) der romantischen Literatur sind :



Der Held: Kurzer Abschied, Blitzkarriere, Liebe und Fernweh

Erstes Kapitel: Der ICH-Erzähler wird an einem schönen Frühlingsmorgen von seinem geschäftigen Vater, dem Müller, ein Taugenichts geheißen und aufgefordert, sich in der Welt draußen selbst sein Brot zu erwerben. Ohne Umschweife verabschiedet sich der junge Mann, nimmt seine Geige und wenig mehr in den Säckel, bedauert die arbeitenden Leute herzlich und nimmt mit dem Liede "Wem Gott will ..." seine Wanderschaft auf. Auf dem Weg begegnet ihm eine herrschaftliche Kutsche mit zwei Damen, einer jüngeren und einer weniger jungen, die ihn mitnehmen. Im Schloß angekommen umgibt ihn eine geschäftige Atmosphäre, er trifft den Portier, eine pompöse Erscheinung, wird zum Gärtnerburschen gemacht, gönnt sich als solcher ein faules Leben und erhält von der Jüngeren der Damen heimliche Zeichen der Zuneigung. Liebe entbrennt und er beobachtet seine Liebste täglich, bis diese ihn bemerkt und sich nicht mehr blicken lässt. Auf einer Bootsfahrt betört der die Herzen der anwesenden Herren und besonders der Damen mit einem Volkslied, "die Seele der Nationalseele", wie ein Herr tiefsinnig schwelgend bemerkt.

-> Der Taugenichts steigt aus der kleinen, überschaubaren Welt der Tüchtigkeit >aus< und begibt sich in die große Welt der Abenteuer und Überraschungen. Ist er ein AUSSTEIGER?

2. Unverhofft wird er Zolleinnehmer, bezieht ein schönes Haus, reißt das Gemüse aus dem Garten heraus, pflanzt Blumen, macht sich faule Tage und denkt ans Sesshaftwerden. Der Dame seines Herzens legt er jeden Abend einen selbstgepflückten Strauß in den Schlossgarten. Im Gespräch mit dem Portier über die Jagd, als dieser die Jagd nicht romantisch findet, weil er immer Treiber sein muss, haut ihm der Taugenichts auf die Nase. Daraufhin begegnet ihm seine Liebste zu Rosse, erfährt, dass die Sträuße von ihm sind, und lässt sie fürderhin im Garten liegen und verwelken. Auf einem herrschaftlichen Balle entdeckt der T. seine Angebetete an der Seite eines stattlichen Mannes, verfällt in tiefe Melancholie, lasst sich wieder von Reiselust anstecken und zieht gen Italien.

-> "Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte."
Was hält der Taugenichts von der Arbeit?
Wie hält er es mit dem Nützlichen?
Wie werden diejenigen beschrieben, die arbeiten und eine Stellung bekleiden? Gärtner, Amtmann, Portier -> Spießbürger (=Philister)

Was ist an romantischen Motiven im >Taugenichts< bisher erkennbar?

Wir erkennen zwei entgegengesetzte Welten:

  >KALTE WELT<                              >weite Welt< 
    
  geschäftigkeit       \               gesteigertes Naturlerleben
  und hektik            |              ->Vögel, Brünnlein, Bächlein ...
 ->väterliche Mühle     |               -> freies Wanderleben
                        |
Zweckmäßigkeit und      --\            Müßiggang, Geigenspiel 
  Erfolgsdenken         --/             ("ewiger Sonntag im Gemüte", S.6)  
 -> der Portier         | 
 ->Kartoffeln und Gemüse|              Blumen und Unkraut
                        |
neckische Koketterie    |              Tiefe Gefühlsempfindungen
 (Bootsfahrt)          /                 Volkslied und Liebesleid
Zwischen diesen Welten ist der Taugenichts hin- und hergerissen, daraus ergeben sich seine extremen GEMÜTSLAGEN:
   -> Wanderlust, unbändiger Freiheitsdrang
      und Gefühlsüberschwang (Naturerleben, Liebe)
               /\                                    Unentschiedenheit
               ||                                    Rast- und Ziel-    
               \/                                       losigkeit
    -> tiefe Melancholie und Selbstmitleid:
       Gefühl der Heimatlosigkeit
       Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe, nach einem
             sesshaften, ruhigen Leben

Wieder unterwegs

3. Auf dem Weg nach Italien hat er noch manch unliebsame Begegnung mit griesgrämigen Menschen, aber auch mit schönen Dorfmägden, die er durch sein Geigenspiel beglückt. Wieder einmal möchte er sesshaft werden und beklagt seine Einsamkeit, da wird er von zwei Reitern gezwungen, ihnend en Weg ins Dorf B. zu zeigen. Aufs Geradewohl stolpert er nun den Reitern voraus durch den Wald und siehe da: Beim Morgengrauen zeigt sich, dass erstens der Weg richtig war, und zweitens stellt sich heraus, dass die 'Räuber' geradenwegs vom Schloss kommen und sich sehr wohl an ihn erinnern: Sie stelen sich als Maler Leonhard und Guido vor, wobei letzterer noch jung ist uns schöne schwarze Locken hat.

4. Nun gehts hurtig voran. Der T. bekommt neue Kleider und sitzt jetzt vorne auf der Postkutsche. In der Lombardei (Welschland) eines Abends taucht ein komischer buckliger Alter auf, der sich ihm anzubiedern versucht, und in der Nacht verschwinden die beiden Maler plötzlich. Der T. muss mit der Kutsche weiterfahren und weiß nicht genau wohin und warum.


Auf dem Schlosse

5. Plötzlich weicht die Kutsche vom Weg ab und fährt in eine nächtliche wilde Gegend. Die Fahrt endet auf einem alten Schloss, wo zwei Alte ihn empfangen und bewirten.

6. Seltsame Dinge und Leute gibt es auf dem Schloss: Hübsche Kammerjungfern, zwei komische Alte und einen blassen Studenten, der immer deklamiert. Aber der T. versteht nicht ihre Sprache und auch nicht, was da vorgeht. Die Tage vergehen und werden vertrieben mit Essen, Schlafen und Geigenspiel. Ab und zu weckt ein Posthorn in ihm romantische Sehnsucht ("Wer in die Fremde will wandern..."). Da erreicht ihn ein Brieflein von (s)einer "Aurelie", die ihn (?) sehnsüchtig im Schlosse zurückerwartet. Entzückt beschließt er, das Schloss zu verlassen und gibt den sonderlichen Alten auch noch Kenntnis davon. Diese schließen ihn nun nachts in sein Zimmer ein, nur mit Hilfe des Studenten gelingt ihm die Flucht aus dem Schloss.

Arbeitsauftrag:
Verfasse zu jedem Kapitel eine Kurzzusammenfassung, die nicht länger ist als ein Satz. Z.B.

1. Der Taugenichts verlässt die väterliche Mühle, bricht auf in die weite Welt und landet als Gärtnerbursche auf einem Schloss.
2. Er wird unverhofft Zolleinnehmer, verliebt sich in eine edle Dame, die ihn aber nicht zu erhören scheint, woraufhin es ihn wieder in die Welt hinaustreibt, diesmal gen Italien.

Fahre selbst fort und versuche, die Sprache des T. zu verwenden!


Irrungen und Wirrungen in Rom

7. Spät abends zieht er in Rom ein. Alles ist leer und still, nur eine melancholische Gitarre klimpert, und er vernimmt die süße Stimme seiner "schönen gnädigen Frau". Er springt in den Garten, aber die Türen werden verschlossen und auch sein Geigenspiel öffnen sie nicht mehr. Am Morgen findet ihn ein deutscher Maler und nimmt ihn mit in sein Atelier. Dort malt er ihn als Hirten in einer Krippenszene (Maria, Joseph usw.). Es zeigt sich, dass der Maler die beiden Begleiter Guido und Leonhardt kennt, und dass sich eine junge Gräfin aus Deutschland nach ihm erkundigt hätte. Ein Porträt von ihr veranlasst den T., sich auf die Suche zu machen.

-> Wie wird Italien/Rom geschildert?

8. Weitere Verwicklungen: T. findet das Haus vom Vorabend nicht mehr, statt dessen erwacht er aus dem Mittagsschlaf von Blumen übersäht unter einem Balkone. Während er mit dem Papageien diskuriert, findet ihn der Maler und nimmt ihn mit vor die Stadt, wo eine kleine Gesellschaft festet. Dort spielt sich gerade eine Eifersuchtsszene ab, in deren Verlauf ein Mädchen ihm einen Zettel zusteckt, wann er wo zu sein hat. Es war die schnippische Kammerjungfer aus dem Schlosse bei Wien. Daraufhin fiedelt der T. für alle, bis es dunkel wird, nur noch er und zwei Maler bleiben übrig, davon hält einer zu vorgerückter Stunde eine Rede über das "Dasein des Genies". T. verschwindet und findet das Haus wieder im nächtlichen Mondglanz, wieder ist alles verschlossen. Er sieht eine weiße Gestalt mit einem Schlüssel durch einen Nebeneingang huschen, vermeint darin darin den Maler zu erkennen, der ihn als Genie angeredet hat, und läuft diesem 'Mordio' schreiend hinterher. Das Geschrei weckt alle auf. Es zeigt sich, dass die Kammerjungfer die Person im weißen Mantel ist, die zu ihrer Gräfin läuft. Der Taugenichts hat aufgrund des Mantels fälschlicherweise den Maler vermutet, der der Gräfin etwas antun wolle; dieser Maler aber hat der Kammerjungfer nur seinen Mantel geborgt, da er sie auf ihrem Weg zur Gräfin traf und sie fror. Die singende Dame wiederum, die den T. zum Stelldichein gelockt hatte, ist gar nicht die Geliebte, die war schon längst nach Deutschland zurückgereist. Es kommen Leute mit Knüppeln herbeigelaufen um nach dem Lärm zu schauen und T. macht sich noch zur selben Stunden auf den Fußweg nach Deutschland zurück.


Rückweg, Rückkehr, Auflösung aller Rätsel und Happy End

9. Kurz vor Österreich stößt er auf drei fahrende Musikanten, Studenten, die sich so ihr Geld verdienen. Das scheint einträglich zu sein. Gespräch über das Reisen und das Studium der freien Welt. Der Portier ist ein Vetter eines der Musikanten und sie beschließen, mit dem Postschiff hinzufahren. Auf diesem erfährt er von einem ehrwürdigen Pfarrer, dass auf 'seinem' Schlosse bald eine Hochzeit stattfände, und die Gräfin ihren Bräutigam, der sich noch in der Welt herumtreibe und in Rom gewesen sei, sehnsüchtig erwarte. Sofort hält sich T. für diesen.

10. Angekommen sucht er sogleich sein Einnehmerhäuschen auf, aber es ist bereits wieder besetzt. Beim Schlosse hört er Herrn Guido ein altbekanntes Lied singen und findet seine Geliebte in voller Pracht, neben ihr noch eine andere. Plötzlich ...

... und es ist "alles, alles gut".


ROMANTISCHE LIEDER ('Volkslieder') IM TAUGENICHTS
-> Was ist ein VOLKLSLIED? Wovon handeln sie im allgemeinen?
-> Bei welchen Gelegenheiten werden im 'Taugenichts' Lieder gesungen.

   Kap. 1:  'Wem Gott will rechte Gunst erweisen..'
                 'Wohin ich geh und schaue...'
   Kap. 4: 'Schweigt der Menschen laute Lust..."(und Kap.10)
   Kap. 6: 'Wer in die Fremde will wandern..."
   Kap. 7: 'Wenn ich ein Vöglein wär...'
   Kap. 9: 'Die treuen Berg' stehn auf der Wacht..."

Vergleich von:  Wem Gott will ... / Wer in die Fremde will... 
nach den Aspekten: Situation - Inhalt - Stimmung - Form 

             Wem Gott will ...      |    Wer in die Ferne will...
        -------------------------------------------------------------
Situation: "ewiger Sonntag im Gemüt"| Im Schloss (Fremde), beim Hören  
             Aufbruch               |   des Posthorns
                                    |
Stimmung   Freiheitsdrang,          |  Einsamkeit und Sehnsucht
  und       unbekümmerte Wanderlust |     Heimweh
                                    |
Inhalt    Spott über die Beschränkt-|  Klage über die Gefühllosigkeit
            heit der anderen        |     der andern Menschen
          Gewissheit von Gottes     |   Trost in der Erinnerung
            Fürsorge                |
                                      
Form            Volksliedstrophe, vierzeilig mit Kreuzreim
             vierhebiger Jambus            Daktylus

Klaus Dautel, 1999-2009

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
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