Franz Grillparzer (1791-1872 Wien):

DER ARME SPIELMANN (1831)

"Ich speiste viele Jahre hindurch im Gasthause "Zum Jägerhorn" in der Spiegelgasse. Da kam häufig ein armer Geiger und spielte auf. Er zeichnete sich durch eine auffällige Sauberkeit seines ärmlichen Anzuges aus und wirkte durch seine unbeholfenen Bewegungen rührend komisch. Wenn man ihn beschenkte, dankte er jedesmal mit irgendeiner kurzen lateinischen Phrase, was auf eine genossene Schulbildung und auf einstige bessere Verhältnisse des greisen Mannes schließen ließ. Plötzlich erschien er nicht mehr, und so eine lange Zeit nicht. Da kam die große Überschwemmung im Jahre 1830. Am meisten litt die Brigittenau, wo ein berühmter Kirchtag, ein lustiges Volksfest, jeden Sommer gefeiert wurde. Ich wusste, dass der arme Geiger dort wohnte, und da er nicht mehr aufspielen kam, so glaubte ich, dass auch er unter den Menschenopfern in der Brigittenau seinen Tod gefunden habe. Ich wurde eingeladen, für ein Taschenbuch eine Novelle zu schreiben, und so versuchte ich eine solche, in welcher mein armer, guter Bekannter als Held figuriert." (aus: Grillparzer, Gespräche)



Alljährlich findet in Wien im Juli ein Volksfest statt, und der Ich-Erzähler, ein "dramatischer Dichter", der als "leidenschaftlicher Liebhaber des Menschen, vorzüglich des Volkes", solche volkstümlichen Feste gerne aufsucht, entdeckt in der >Woge<, im >Strom des Volkes< einen alten Herrn, welcher nach Noten spielt, aber ohne großen Zuspruch bleibt. Er findet den Spielmann an einer anderen Stelle wieder, spricht ihn an und erfährt, dass dieser Herr sehr arm und gleichzeitig ziemlich gebildet sein muss. Er lädt sich bei ihm zu einem Besuche ein.

Noch in derselben Nacht läuft der Erzähler an des alten Mannes Haus vorbei und hört ihn auf der Geige >phantasieren<, bis ein Nachbar lauthals nach Ruhe verlangt.

Einige Tage später sucht er den Alten morgens auf und findet ihn in seiner Dachkammer, die er mit zwei Handwerkern teilt. Diesesmal übt er auf seiner Geige die >großen Meister< und es klingt ziemlich eigenwillig. Aber die Reinlichkeit des Alten erweckt des Erzählers Neugierde auf die Geschichte des Spielmannes. Dieser erzählt schließlich:

Er ist als Sohn eines mächtigen Staatsmannes groß geworden. Aber durch seine Langsamkeit und Zögerlichkeit scheitert seine Schul- kariere und er verliert die Zuneigung des harten Vaters. Er wird schließlich Kanzleischreiber. Dort lernt er ein einfaches Mädchen, die Tochterdes benachbarten Grieskrämers, Barbara, kennen. Sie fällt ihm durch ein Lied auf, das sie gerne singt und wodurch zugleich sein Interesse für die Musik und die Geige wiedererwacht.

Sein Vater verliert eines Tages die Macht und stirbt wenig später, wodurch der verstoßene Sohn eine größere Summe erbt. Dieses Geld investiert er in ein noch zu gründendes Kopiergeschäft, aber der damit beauftragte Kompagnon brennt mit dem Geld durch. Das ist umso schmerzlicher, als gerade jetzt sich das Verhältnis zu Barbara zu entfalten beginnt und sie ihm, Jakob, vorschlägt, mit dem Geld gemeinsam einen Putzladen zu kaufen und eine gemeinsame Zukunft zu planen.

So aber heiratet sie gezwungenermaßen einen geschäfts- und lebens- tüchtigeren Fleischer, während der betrogene und verlassen Minister- sohn zum Straßenmusiker herunterkommt, der erfolglos versucht, die Menschen mit seinen unvollkommenen Versionen der >großen Meister< zu beglücken. Aber die Verbindung zur Jugendliebe reißt nicht ganz ab, denn er darf ihrem Sohn Jakob das Geigenspielen beibringen. Soweit die Geschichte des alten Spielmannes.

Der Ich-Erzähler verliert in den nächsten Monaten wegen verschiedenster Geschäfte den Alten aus den Augen und wird erst wieder an ihn erinnert, als eine fürchterliche Überschwemmung im Frühjahr den Vorort des Alten heimsucht. Er geht hin und kommt gerade recht zu dessen Beerdigung: Der alte Mann hatte sich bei der heldenhaften Rettung der Kinder seiner Wirtsleute eine Lungenentzündung zugezogen und war daran gestorben. Die feierliche Beerdigung aber bezahlte und organisierte die - nun recht stark und stattlich gewordene - Fleischersfrau Barbara. Und auch die Geige verwahrt diese in liebendem Angedenken an den armen Spielmann.



Hierzu aus Benno v. Wiese, Die Deutsche Novelle von Goethe bis Kafka (1955)

"...die Erzählung Grillparzers (kehrt) sich von der Novelle als einer aristokratisch gesellschaftlichen Form bewußt ab und (betont) statt dessen in sehr iviel stärkerem Ausmaß den niederen, volkstümlichen Bereich, aber mehr im tragischen als im komischen Sinne. Geistesgeschichtlich gesehen gehört Grillparzers Erzählung "Der arme Spielmann" in den Prozess der Verbürgerlichung des 19. Jahrhunderts hinein, in jenen sich immer mehr ausbreitenden Realismus, der die Stilform der heroischen Tragödie ablehnen mußte. Der Mensch wird bereits als ein gebrochenes und durch seine Umwelt vielfach bedingtes Wesen gesehen..."(S.135)

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