GOTTFRIED KELLER: KLEIDER MACHEN LEUTE (1866)

An einem kalten Novembertag wandert ein armer Schneider auf der Straße von Seldwyla nach Goldach. Sein Arbeitgeber hat Bankrott gemacht und ihm nicht einmal Lohn ausgezahlt. Der junge Mann hat blasses, wohlgeformtes und vornehmes Gesicht, ein Schnurrbärtchen, schwarze Haare une einen wehmütig-melancholischen Gesichtsausdruck. Außerdem trägt er sein schwarzes Sonntagsgewand, darüber einen mit Samt gefütterten Radmantel und eine polnische Fellmütze. Er ist zwar bettelarm, aber dieser Aufzug, den er sehr pflegt, gibt ihm eine vornehmes Aussehen.

(4) Ein Kutscher nimmt ihn in seiner prächtigen, aber leeren Kutsche nach Goldach mit und hält vor dem Gasthaus "Zur Waage". Das neugierige Volk drängt den Schneider in die Gaststube, der Wirt macht es sich zur Ehrensache, den vornehm und bescheiden schweigenden Gast mit dem Besten zu bewirten, was dieser sich, nach anfänglicher Zurückhaltung, wohl munden lässt. Die zum täglichen Kaffee erscheinenden Honoratioren der Stadt lassen es sich nicht nehmen, den Gast bestens zu unterhalten. (12) Der Kutscher hatte sich den Spaß erlaubt, den Schneider als polnischen Grafen STRAPINSKI auszugeben, sich auf dessen Kosten verköstigen zu lassen und dann abzufahren. Zufälligerweise heißt der Schneider wirklich so!

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|     WAS LÄSST DEN SCHNEIDER 'VORNEHM' erscheinen?                 |
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|äußere Umstände                      Verhaltensweisen              |
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|stattl. Kutsche & Kutscher        er schweigt                      |
|                                                                   |
|dunkelgrauer Radmantel, mit       isst Fisch mit der Gabel         |
|    Samtfütterung                 trinkt nicht jeden Wein und      |
|Sonntagskleid und polnische       dann erst in kleinen Schlücklein |
|   Pelzmütze                    lässt sich Zeit, isst erst zögernd,|
|                                       dann entschlossen           |
|schwarzes Haar &                                                   |
|           Schnurrbärtchen        er kann Zügel und Peitsche führen|
|blasse, regelmäßige                  ("schulgerechte Haltung")     |
|           Gesichtszüge                                            |
|                                                                   |
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(14) Und weil der Herbsttag doch noch sonnig wird, beschließen die Herren, zum fröhlichen Amtsrat hinauszufahren und dort den neuen Wein (Sauser) zu probieren. Der junge Graf darf dabei selbst Zügel und Peitsche führen, was er - dank seiner Militärzeit bei den Husaren - in "schulgerechter Haltung" bewerkstelligt. Auf dem Gut des Amtsrates wird viel getrunken, fachmännisch über Pferde und Reiten geredet und auch um Geld gespielt. Mit einem geliehenden Taler gewinnt der Schneider eine ordentliche Summe, und als der damit gerade im Garten verschwinden will, erscheint der Amtsrat mit seiner schmucken Tochter NETTCHEN, um sie dem Grafen vorzustellen. (20) Von dem Mädchen angetan und ermuntert fängt er nun endlich an, der ihm bisher aufgedrängten Rolle bewusst entsprechen zu wollen, wobei ihm jede Ungeschicklichkeit als Unbefangenheit zugute gehalten wird. So singt er nach dem Abendessen das einzige polnische Lied, das er kann, keiner versteht den Text, aber alle sind begeistert. Im Wirtshaus erhält er dann das beste Zimmer und weil er kein Gepäck hat, erfindet er schnell den Eindruck, dass er für einige Zeit seine Spur verwischen möchte, also incognito reise.

(23) Am nächsten Tag spaziert er durch das wunderliche Städtchen und vor das Tor, und noch einmal denkt er ans Weiterwandern, als das Fräulein Nettchen an ihm vorbeifährt und ihm freundlich zuwinkt. Da kehrt er um und geht in die Stadt zurück.

(27) Von nun an spielt er die Rolle immer besser, ist aber auch immer besorgt, dass er eines Tages seine Schulden begleichen kann. Darum nimmt er an verschiedenen Lotterien teil und dies mit einigem Glück. Schließlich bittet er um die Hand seiner Geliebten, die der Herr Amtsrat ihm nicht verweigert und die Verlobung wird zur Faschingszeit arrangiert.


Nun gibt es aber in der Stadt den Geschäftsmann MELCHIOR BÖHNI, welcher schon bei der ersten Begegnung im Wirtshaus bemerkt hat, dass Strapinski kein Graf, sondern ein Schneider sein muss. Es stellt sich heraus, dass er ein abgewiesener Bewerber des Fräuleins ist und nun irgendetwas im Schilde führt.

(35) Das Gasthaus, in dem die Feierlichkeit sein soll, liegt in der Mitte zwischen Goldach und Seldwyla, und der Verlobungszug begegnet dort einem maskenumzug der Seldwyler Schneiderzunft. Nach dem Essen bietet diese der Verlobungsgesellschaft an, einen kleinen Schautanz vorzuführen mit dem Titel: Kleider machen Leute. In diesem aber wird die wahre Herkunft des falschen Grafen entlarvt, was zu einem großen Tumult im Saale führt, welcher sich leert, so dass nur noch zwei sprachlos dasitzende Brautleute übrig sind.

STRAPINSKIS UNFREIWILLIGER AUFSTIEG, TRAGISCHER FALL und GLÜCKLICHE RETTUNG

                              Verlobung und Entlarvung
                              /                   \
                             /                     \
                 Glück im Lotteriespiel             \
                  und in der Liebe                 Schande, Scham
                (Wiedergutmachungspläne)           und Todeswunsch!?
                 /                                      \
           Stadtgang tags drauf                          \
           3. Fluchtversuch und                    Woher kommt die
           Entscheidung für die Rolle                  RETTUNG?
           /                                                \
    Einladung zum Amtsrat                         Nettchen findet ihn
    2.Fluchtversuch (Tochter)                    im Schnee und erzwingt
       /                                             eine AUSPRACHE
Ankunft im                                                       \
Gasthaus 'Zur Waage'                              Lösung durch Nettchens
1.Fluchtversuch                                   entschlossenes Handeln

Exposition     ->    II.     ->      KRISE    ->     IV.   ->   LÖSUNG 

(40) Da verlässt der Schneider den Saal und marschiert auf der dunklen Straße davon, voller Scham und Gram über das erlittene Unrecht und die eigene Dummheit. Aber auch Nettchen,nach einer Stunde ratlosen Dasitzens und nachdem sie Melcior Böhnis Hilfe abgelehnt hat, besteigt endlich ihre Kutsche und fährt mehr instinktiv als überlegt in Richtung Seldwyla davon. Tatsächlich findet sie ihren Wenzel im Schnee halb erfroren und bringt ihn mit einer Abreibung wieder zu Bewusstsein. ...

...und zehn Jahre später sind sie wohlhabend, angesehen und kinderreich und ziehen nach Goldach zurück.



Der Prozess gegen Wenzel Strapinski

Aus dem Goldacher Gäuboten vom13.11.

AFFAIRE STRAPINSKI: Hochstapler entlarvt

Wochenlang führte ein arbeitsloser Schneider ein Doppelleben in Goldach - Jetzt Happy End in Seldwyla: "Graf Strapinski" heiratet reiche Amtsratstochter - Strapinski fühlt sich unschuldig: "Ich bin das Opfer einer Verwechslung!" - Ein Bericht vom Leiter unserer Lokalredaktion in Seldwyla.

Nach zehn Wochen herrlichen Grafenlebens war die Sensation perfekt: Der angebliche "Graf" Strapinski wurde am letzen Wochenende während einer Fastnachtsveranstaltung von seinen ehemaligen Arbeitskollegen aus Seldwyla entlarvt. Dabei hatte es zunächst so gut begonnen:
Der arbeitslose Schneidergeselle Wenzel Strapinski wird auf seiner Wanderschaft in der Kutsche eines reichen Herrn mitgenommen, die ihn nach Goldach bringt. Der Kutscher gibt den Schneider als Grafen aus und es beginnt der rasche Aufstieg vom Schneidergesellen zum glücklichen Schwiegersohn des angesehenen Amtsrates Friedrich von Kottwitz.

Erst durch die Nachforschungen des Goldacher Bürgers Melcher Böhni konnte der Schwindel aufgedeckt werden. Wie Herr Böhni gegenüber unserer Lokalredaktion äußerte, habe er schon vom ersten Tag an Zweifel an der Identität des vermeintlichen Grafen gehabt. Des weiteren betont er, dass er sich mit der jetzigen Situation keineswegs zufrieden gebe. Vielmehr strebe er
einen Gerichtsprozess gegen den frisch verheirateten Schneider an. Er gehe davon aus, dass Recht und Ordnung in unserem Land zum Durchbruch verholfen werden müsse: "Es geht nicht an, dass Leute, die sich durch eine vorgetäuschte Identität Vorteile verschaffen, ungestraft bleiben sollen!" sagte der streitbare Böhni.

Demgegenüber beharrt Strapinski - wie wir von ihm telefonisch erfahren konnten - auf seiner Ansicht, dass er weder willentlich andere getäuscht, noch anderen geschadet habe. Vielmehr sei er selbst das Opfer eines Missverständnisses gewesen. Strapinski: "Alle haben um meine Gunst geworben, weil sie sich davon einen persönlichen Vorteil versprachen."
Ob dies vor einem unabhängigen Gericht bestehen kann, wird sich zeigen, wenn nächsten Monat das Oberlandesgericht Goldach sich mit der Affaire Strapinski beschäftigt. Es wird erwartet, dass zahlreiche Zeugen zur Vernehmung anstehen und der Prozess sich über mehrere Tage hinziehen wird.



Klaus Dautel, 1999-2009

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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
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