Thomas Mann: DER TOD IN VENEDIG

Stoffe und Inspirationen: Goethe - Mahler - Mann

"Leidenschaft als Verwirrung und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, - was ich ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die -grotesk gesehene - Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen Mädchen in Marienbad, das er mit Zustimmung der streberisch-kupplerischen Mama und gegen das Entsetzen der eigenen Familie partout heiraten wollte, was aber die Kleine durchaus nicht wollte ... diese Geschichte mit allen ihren schauerlich-komischen, hoch-blamablen, zu ehrfürchtigem Gelächter stimmenden Situationen, diese peinliche, rührende und große Geschichte, die ich eines Tages vielleicht doch noch schreibe. Was damals hinzukam, war ein persönlich-lyrisches Reiseerlebnis, das mich bestimmte, die Dinge durch Einführung des Motivs der "Verbotenen" Liebe auf die Spitze zu stellen ..." (Brief Thomas Manns an Carl Maria Weber, 4.Juli 1920, Briefe I, S.200ff)

Im Mai 1911 befindet sich Thomas Mann mit seiner Frau auf einer Reise, die ihn von der Adria nach Venedig führt, in welcher sich die Episode mit dem Gondoliere ebenso ereignete wie die Geschichte mit den fehlgeleiteten Koffern, und auf welcher Mann die Nachricht vom Tode des verehrten Gustav Mahler erhielt. Von diesem Komponisten stammt dann nicht nur der Vorname des Novellen-Helden, sondern Mann hat "ihm auch bei der Beschreibung seines Äußeren die Maske Mahlers" verliehen (Brief an Wolfgang Born, 18. März 1921, Briefe I, S.209).

Schließlich wird in Gustav v. Aschenbachs Herkunft und penibler Tageseinteilung Thomas Manns eigene Herkunft und Arbeitsweise widergespiegelt. Die These liegt nahe, dass Mann in dieser Novelle Möglichkeiten durchspielt, die in seiner eigenen weltanschaulichen und künstlerischen Position liegen. Hierzu zwei Briefstellen:
"Aber das Innere: die immer drohende Erschöpfung, Skrupel, Müdigkeit, Zweifel, eine Wundheit und Schwäche, daß mich jeder Angriff bis auf den Grund erschüttert; dazu die Unfähigkeit, mich geistig und politisch eigentlich zu orientieren, wie Du es gekonnt hast; eine wachsende Sympathie mit dem Tode, mir tief eingeboren: mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für Fortschritt zu interessieren. (...) Es ist schlimm, wenn die ganze Misere der Zeit und des Vaterlandes auf einem liegt, ohne daß man die Kräfte hat, sie zu gestalten."(Brief an Heinrich Mann, 8. November 1913, Th. Mann/H.Mann: Briefwechsel, S. 141f)
"Das Problem aber, das ich besonders im Auge hatte, war das der Künstlerwürde, - ich wollte etwas geben wie die Tragödie des Meistertums." (Brief an Elisabeth Zimmer, September 1915, Briefe I, S.144)



Gustav Mahler,
Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
"Gustav von Aschenbach war etwas unter Mittelgröße, brünett, rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu groß im Verhältnis zu der fast zierlichen Gestalt. Sein rückwärts gebürstetes Haar, am Scheitel gelichtet, an den Schläfen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine hohe, zerklüftete und gleichsam narbige Stirn. Der Bügel einer Goldbrille mit randlosen Gläsern schnitt in die Wurzel der gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war groß, oft schlaff, oft plötzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende Schicksale schienen über dies meist leidend seitwärts geneigte Haupt hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier jene physiognomische Durchbildung übernommen hatte, welche sonst das Werk eines schweren bewegten Lebens ist. ... Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie gräbt in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginärer und geistiger Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei klösterlicher Stille des äußeren Daseins, auf die Dauer eine Verwöhntheit, Überfeinerung, Müdigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifender Leidenschaften und Genüsse sie kaum hervorzubringen vermag."
Thomas Mann: Der Tod in Venedig, Zweites Kapitel


Aschenbach und Tadzio: Stadien der Verführung und Verführbarkeit

(Eine Übersicht)


26/27 erste Begegnung im Hotel

Wahrnehmung vollkommener Schönheit

Beschreibung des Knaben
-> nüchterne Beobachtung
31ff Beobachtungen am Meer

Verdoppelung der Gefühle in Achtung und Scham

"väterliche Huld" und "gerührte Hinneigung"(33)

Das Standbild des jungen Gottes wird vermenschlicht

Die Selbstbeobachtung des Gealterten wird angeregt



-> "tieferer Teilnahme wert"
42ff Die an der klassischen Schönheit interessierte,
rein intellektuelle Anschauung wird zunehmend ins Sinnliche gewendet - sie entgleitet ...


Dichotomie von
zuchtvoller Form <-> lebendiger Schönheit
Marmor <-> Zauber


-> Sinnlichkeit


-> Ausschweifung, Begierde, Betäubung

51/2 Trunkenheit und Stimme des Dämons gefährden, ja besiegen Vernunft und Würde

Überwältigt vom Eros ist kein Halt mehr in der Tradition
-> Verfall von Vernunft und Würde
65/6 Dionysos : der wilde Zug des Rauschgottes
Faszination und Abscheu

Socrates : Schönheit führt zu Rausch,
Begierde und Ausschweifung
-> Gefühlsfrevel,
Abgrund

Der "Alte" spricht zu Phaidros, dem Jüngling (65/66):

Drei Leitfragen zur Analyse und Interpretation einer schwierigen Textstelle:
1. In welchem Handlungszusammenhang steht diese Episode, was geht voraus, was folgt?
2. Was ist der Inhalt, wie verläuft der Gedankengang?
3. Wie ist dieser Ausschnitt in die Thematik des Werkes einzuordnen?

ad 1) Die Textstelle steht kurz vor dem Ende des 5. Kapitels, damit auch dem Ende Aschenbachs:
- G.v.Aschenbachs Widerstand bricht endgültig zusammen, er verfällt dem "Dämon" (51)
- Die Beschwörung der Vorfahren gewährt keinen inneren Halt mehr (52)
- Das Auftreten des Musikanten ruft Todesahnungen hervor (58)
- Auch genaueres Wissen über die Seuche kann ihn nicht mehr aus seiner Lethargie reißen (60)
- Wieder sucht ihn ein Traum heim: Das Dämonische hat ihn überwältigt (62)
- Er lässt sich verjüngen und erleidet bei der Verfolgung der polnischen Familie in der Stadt Venedig einen Schwächeanfall (65)
- In dieser Situation hat er nun diese Vision.

ad 2) Schönheit ist das Göttliche als Sinnlich-Erfahrbares,
die Erscheinungsform des Wahren und Guten.
Der Weg des Künstlers zur Wahrheit führt notwendig über das Sinnliche:
Dies aber ist zugleich ein Irrweg, denn EROS (Leidenschaft und Liebe) übermannt den Dichter und beraubt ihn seiner Würde - zumindest ist dies die Gefahr, in welcher der nach Wahrheit strebende Künstler schwebt.
Darum auch - so Platons Sokrates - sei Volks- und Jugenderziehung durch die Kunst zu verbieten.
Der Weg des Sinnlichen führt in den Abgrund, denn ihn begleiten Rausch, Begierde und Ausschweifung.

Was ist die Lösung? Sokrates schickt den schönen Jüngling weg!

Der Sprecher in G.v.Aschenbachs "seltsamer Traumlogik" spricht von sich als einem jener gefährdeten und doch zugleich privilegierten Künstler („wir Dichter“), er ist NICHT der Platon‘sche Sokrates, der die Dichter aus dem Staate ausgewiesen sehen möchte, da sie nur Abbilder der Abbilder schaffen und weiter von der Wahrheit weg sind als jeder Handwerker, der aus der Idee des Bettgestells wenigstens noch ein richtiges Bettgestell machen kann, während der Dichter nur den sinnlichen Abglanz der Erscheinungsform des Bettgestells in unernstem Spiele schafft usw. usf. (vgl. Platons „Politeia“, 595-607).
Wer ist er dann? Aschenbachs anderes Ich?

ad 3) Das Verhältnis Sokrates - Phaidros ist ein Spiegel des Verhältnisses Aschenbach - Tadzio, aber Aschenbach zieht nicht die Konsequenz des Sokrates, die Trennung.

Aschenbachs Schicksal besteht darin:
- Das Schöne ist bloß ein Abglanz des Göttlichen - nicht das Göttliche selbst.
- Die Erkenntnis des Wahren kann nur leidenschaftslos gelingen, dadurch ist sie aber auch ohne Würde, Haltung und Form (sozusagen seelenlos).
- Der Dichter aber will nicht bloß erkennen (verstehen und verzeihen), sondern Form und Haltung
- Dies aber ist ohne Leidenschaft nicht möglich
- Aschenbachs Wille ist nicht leidenschaftslos auf die Erkenntnis des Göttlichen gerichtet,
sondern verfängt sich im Abglanz des Göttlichen (Tadzio), dessen Nähe und Aufmerksamkeit er immer rückhaltloser genießen will.
- Die Vernunft bricht zusammen und der Rausch beginnt.

Aschenbachs individuelles Schicksal wird als TRAGISCHES erkennbar: Konsequenz eines sich Verschuldens ohne Schuld.

Schließlich steht der Konflikt Aschenbach für die Problematik des Künstlers überhaupt: In seinem aufrichtig-idealischen Streben nach Wahrheit und Schönheit ist der Künstler notwendig konfrontiert mit Sinnlichkeit und Leidenschaft; in dieser fatalen Verkettung riskiert er immer aufs Neue seinen Verstand.

Bei Platon ist noch vom "heiligen Wahnsinn" die Rede, bei dem Helden der Moderne, Aschenbach, ist es nur noch Wahnsinn!


Arbeitsaufträge zu „Tod in Venedig“: Analytisch

1.
Thomas Manns Erzählung "Tod in Venedig" entstand in den Jahren 1911/12.

2.
Die Erzählung trägt die Merkmale einer Novelle :
a) Sie ist von überschaubarer Länge,
b) konzentriert sich auf wenige Figuren und Handlungsorte,
c) weist eine klassische dramatische Struktur auf (Exposition - Krise - Katastrophe);
d) schildert eine Ereigniskette, welche - durch den Zufall ausgelöst - scheinbar schicksalshaft in eine gesicherte Existenz einbricht und diese in die persönliche Katastrophe treiben lässt.
(Vgl. Informationen zur Novelle)

3.
Thomas Mann arbeitet mit der Technik der Leitmotivs:
In unterschiedlichen Gestalten begleiten "Todesboten" den Weg des Gustav v. Aschenbach:

- Der Fremde auf dem Friedhof, (I)
- der geckenhafte Greis auf dem Fährschiff, (III)
- der Gondoliere ohne Lizenz, (III)
- der Straßenmusikant, (V)
- der Todes-Engel Tadzio am Meer (V)


4.
Personencharakteristik:
„Der Held von Thomas Manns Novelle, G.v. Aschenbach, ist ein 50-jähriger, gesellschaftlich anerkannter Schriftsteller, der ...“

„In G. v. Aschenbach gestaltet Thomas Mann den modernen, in sich zerrissenen Künstler, ...“

Arbeitsaufträge zu „Tod in Venedig“: Produktiv

1. Schreiben:
In seiner Novelle bedient sich Thomas Mann einer ausgefeilten Sprech- und Erzählweise, welche in langen, mehrfach untergliederten und streng kontrollierten Sätzen eine Fülle von äußeren und inneren Eindrücken wiedergibt und darin wiederum Gustav von Aschenbachs Wille zu disziplinierter Form und sprachlicher Zucht widerspiegelt. Die letzten drei Sätze der Erzählung aber sind von erstaunlicher Kürze und Nüchternheit und berichten von Aschenbachs Ableben:

"Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hingesunkenen zu Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch denselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode."


2. Wir bereiten eine Lesung vor:
Suchen Sie eine Ihnen geeignet erscheinende Vorlese-Stelle (maximal eine Seite), bereiten Sie diese für den Vortrag vor und halten sie die Begründung für Ihre Wahl bereit.

Gründe für Ihre Textauswahl könnten sein:
- Die Textstelle fasziniert Sie sprachlich
- Sie schätzen deren gedanklichen Tiefgang
- Die Stelle eignet sich für eine bestimmte Vortragsweise, einen bestimmten Ton oder Gestik
- Sie halten sie für ein abschreckendes Beispiel für T.Manns elitär-aufgeblasene Schreibe
- Sie lieben darin besonders die feine hintergründige (oder auch offen zu Tage tretende) Ironie
- Die Stelle ist ein gutes Beispiel für die Gestaltung eines zentralen Motives
- ...


3. Mann MultiMedial :
Suchen Sie zu einer kürzeren Textstelle ein Bild, ein Porträt oder eine Fotografie und montieren Sie Text und Bild (am besten mit einem Grafik- oder Textprogramm) zusammen.
Solche Bilder können zum Inhalt haben:
Venedig, Friedhöfe, Gondeln, Hotel-Räume, Strand und Meer, junge oder ältere Männer, üppig wuchernde Dschungellandschaften ...

Tragen Sie Ihre Kompositionen zusammen und arrangieren Sie diese zu einer Dia-Schau (z.B. Powerpoint) mit Titelblatt und Musik.


Klaus Dautel, 1999-2009

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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss