Wilhelm Raabe: Zum wilden Mann

Wilhelm Raabe (1831-1910):

Zum wilden Mann (1873)

1. Es ist Herbst und ein garstiger, stürmischer Regen treibt den Erzähler und den Leser hinein in die Behaglichkeit der Dorfapotheke "Zum Wilden Mann", worin seit 30 Jahren Philipp Kristeller zusammen mit seiner etwas buckligen Schwester Dorothea erfolgreich und gewissenhaft seine Geschäfte betreibt. Die Örtlichkeit und deren Ausstattung, insbesondere die gute Stube des Hauses, werden ausführlich geschildert ("Katalogisierung"). Der Erzähler und sein Leser bilden zusammen so etwas wie unsichtbar anwesende Beobachter der jetzt beginnenden Ereignisse:
Herr Kristeller bemerkt in diesem Augenblick, dass heute ein besonderes Datum sei, denn vor genau 30 Jahren habe er sein erstes Medikament verkauft. Schwester Dorothea ist von diesem Umstand eher beunruhigt, denn nun versinkt Philipp Kristeller, wie schön öfters zuvor, in eine melancholische Rückschau, in deren Mittelpunkt seine früh verstorbene heimliche Verlobte Johanne steht.

3. Zwei Herren, von Fräulein Dorothea fürsorglich herbeigerufen, um dieser Melancholie entgegen zu wirken, treten ein: Pastor Schönlank und Förster Ulebeule. Sie werden mit einem vortrefflichen Punsch bedient und preisen das Glück, das dem tüchtigen Apotheker in den letzten 30 Jahren so hold war. Der Apotheker seinerseits schickt sich an, seine Geschichte, wie sie sich für über 30 Jahren zugetragen hat, zu erzählen.

4. Damals war er mittelloser Apothekergehilfe - sein väterliches Vermögen hatte der Vormund durchgebracht -und hatte seine Johanne schon kennen- und lieben gelernt. Da er aber nicht wusste, wie er zu bürgerlichen Verhältnissen kommen sollte, wurde sein Gemüt immer bedrückter. Da lernte er auf seinen botanischen Suchgängen den jungen Herrn August kennen, der ebenfalls ein guter Botaniker war und mit dem er sich nun regelmäßig in der Landschaft traf. Dieser Herr August war ein einsamer und melancholischer Mensch, der nichts von sich preisgab, aber Philipp K. gern zu helfen bereit war.

5. Einige Wochen später, Mitte Oktober, treffen die beiden noch einmal auf einem unwirtlichen Felsen, dem Blutstuhl, unter besonderen Umständen zusammen: Philipp war gerade aufgefordert worden, seiner Johanne den Abschiedsbrief zu schreiben, der junge Herr August seinerseits war von Krämpfen, Schreckbildern und Zornesausbrüchen geschüttelt, den Grund dafür teilte er nicht mit. Dafür nimmt er förmlich von Philipp Abschied und deutet an, ihm noch ein letztes Lebenszeichen senden zu wollen

6. Tatsächlich erhält er wenig später ein mehrfach versiegeltes Kouvert, das neuntausendfünfhundert Taler in Staatspapieren und einen kurzen Abschiedsbrief an Philipp und Johanne mit der Aufforderung, einen eigenen Haushalt zu gründen. Leider verstarb Johanne noch vor der Hochzeit, mit dem Geld aber erwarb sich Philipp die Apotheke Zum Wilden Mann, in welcher er zusammen mit seiner Schwester in Frieden ergraute. Seit 30 Jahren aber wird ein Ehrenstuhl in der Stube freigehalten.

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7. Ein dritter Gast kommt mit seinem Gespann angefahren, es ist der joviale und immer gut gelaunte Landarzt Dr. Hanff. Er bringt noch einen Fremden mit, einen stattlichen älteren Herrn mit schneeweißem Haar, brauner Haut und schwarzen Augen, den brasilianischen Oberst Dom Agostin Agonista, den er in einer Kneipe getroffen und zum Mitfahren überredet hat. Dieser wird nun in der Runde willkommen geheißen und auch er hat ein Jubiläum zu vermelden: Vor genau dreißig Jahren stand er zum ersten Mal als Soldat "im Feuer" und wurde verwundet. Aus seinen Schilderungen wird klar, dass der Gast ein wild bewegtes Leben geführt haben muss. Und plötzlich erhebt sich dieser und gibt sich als jener August zu erkennen, dem Philipp Kristeller sein Glück zu verdanken hat.

8. Jetzt erzählt der Gast seinen Teil der Geschichte von damals: Er stammt aus einer Familie, die von alters her das Amt des Scharfrichters ausübte, wobei allerdings sein Vater schon keine Hinrichtung mehr durchzuführen hatte, sondern außerhalb der Stadtmauern ein bürgerliches Dasein führte und ein kenntnisreicher und gebildeter Mann war. Der Sohn aber bekam völlig überraschend noch einmal den Auftrag, eine öffentliche Hinrichtung zu organisieren, was er auch pflichtgemäß tat. Dieses Ereignis jedoch löste in ihm jene Zustände aus, in welchen er dem Philip K. damals begegnet war.

9. Im weiteren berichtet er der atemlos zuhörenden und gehörig Punsch trinkenden Gesellschaft von seiner Auswanderung nach Südamerika und den verschiedenen abenteuerlichen und blutigen Geschäften, die er betrieben hat und ihn schließlich zum Polizeichef seiner Majestät Dom Pedro von Brasilien machten.

10. Nachdem der Fremde zu Bette gegangen war, unterhalten sich die Gäste auf dem Heimweg über den alten Sodaten und seine Geschichte, man reagiert dabei auf recht unterschiedliche Weise, jeder aber möchte sich die Anwesenheit des Gastes zur Ehre gereichen lassen.

11. Im Hause schwelgt Philipp Kristeller noch eine Weile in Seligkeit, denn seine Dankbarkeit und Zuneigung kennt keine Grenzen. Schwester Dorothea jedoch macht sich Sorgen: Was ist, wenn er bliebe? Und umgekehrt: Wenn er morgen wieder abfährt und ... ? - Der Gast aber schläft ausnehmend gut und lässt sich am nächsten Morgen das Frühstück wohl schmecken.

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12. Es folgt die Besichtigung von Haus, Hof, Garten und Scheune, wobei sich der Gast genaue Notizen macht und erste Pläne andeutet: Zum einen hat er vor zu heiraten und einen Hausstand zu gründen, zum anderen möchte er ein modernes Geschäft aufziehen mit Fleischextrakten und womöglich auch mit dem sog. "Kristeller", einem von Philipp erfolgreich entwickelten und vertriebenen Magenbitter.

13. Am Nachmittag führt er hinter verschlossenen Türen mit Schwester Dorothea ein halbstündiges Gespräch, welches die gute Frau sehr in Verwirrung bringt und ihr mehrfach den Stoßseufzer "..mein armer Bruder" entfahren lässt.

14. Das war am Samstag, am Tag darauf führt Dom Agostino in seiner Gala-Uniform das Fräulein Dorothea zur Kirche, wonach sich das Fräulein unwohl zu Bette legt. - Am folgenden Tag im Hause des Försters werden Pläne für eine gemeinsame Zukunft in Brasilien geschmiedet, am Abend geben sich Agostino und "Filippo" das Versprechen, ihr Schicksal und ihr Glück zu teilen. Dann zieht sich Agostino mit dem trefflichen Kristeller-Likör ins Schlafzimmer zurück. Nach Mitternacht kommt es zu einer Unterredung zwischen Bruder und Schwester. Sie spricht es klar aus: Er will sein Geld zurück, womöglich mit Zinsen für 30 Jahre. Die Apotheke gibt das aber nicht her, das weiß sie, weil sie die Bilanzen macht. Philipp dagegen reagiert ganz beglückt, endlich kann er dem geliebten Gönner die Wohltat zurückzahlen. Am nächsten Morgen erklärt Philipp seinem Gast, dass er nicht mitreisen werde, dass er ihm aber sein geheimes Erfolgsrezept für den "Kristeller" mitgebe, ebenso auch sein Geld.

15. Die nächsten Wochen lässt sich Dom Agostino von der besseren Gesellschaft des Ortes gehörig einladen und bewirten, währenddessen Dorothea und Philipp mager und blass werden. Bankgeschäfte werden abgewickelt, Post aus Übersee kommt an, Dom Agostino plant seine Hochzeit und plant in einem Jahr mit seiner Neuvermählten Honigwochen in Paris zu verleben.

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16. Am 23. Dezember in der Frühe reist Dom Agostino so früh ab, dass niemand mehr sich von ihm verabschieden kann. Das Weihnachtsfest Im Wilden Mann gestaltet sich sehr traurig: Auf einen Weihnachtsbaum wurde verzichtet, der Verkauf der geliebten Kühe und der Landwirtschaft steht an, am 15. Januar soll das Mobiliar versteigert werden. Dorothea beklagt die bevorstehende Verelendung, Philipp tröstet sich damit, dass dieses Geld "zum zweiten Male einem Menschen für eine Stunde Behagen gegeben" habe, es waren jetzt zwölftausend Taler, für die auf Haus und Garten eine Hypothek aufgenommen wurde. Bei der Auktion ersteigern Doktor, Förster und Pastor das wertvolle Mobiliar, welches der Erzähler im Ersten Kapitel so gewissenhaft "katalogisiert" hatte.
Der Schluss:
"Ein kahleres Haus gab es nachher nicht am Orte ... die Freunde und Bekannten aber überlegten und mutmaßten nach allen Richtungen hin und kamen zuletzt sämtlich auf die nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung, daß ihr Freund, Philipp Kristeller, in schlechten Papieren ganz heimlich spekuliert und sich verspekuliert habe. Natürlich rieten sie ihm dringend, sich doch umgehend an seinen Freund, den brasilianischen Obersten, zu wenden, und begriffen nicht, aus welchem Grunde er das so sehr hartnäckig ablehnte."


Klaus Dautel, 1999-2009

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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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