Stefan Zweig Schachnovelle

STEFAN ZWEIG (1881 Wien - 1942 Brasilien):

Schachnovelle (1941)

Auf dem großen Passagierdampfer, der von New York nach Argentinien fährt, reisen neben dem Ich-Erzähler, einem Journalisten aus Wien, auch einige Prominente, z.B. Mirko Czentovic, der gerade 21-jährige Schachweltmeister. Von seinem Freund erfährt der Erzähler mehr über diesen Menschen: Er ist der Sohn eines armen und früh gestorbenen südslawischen Donauschiffers, wuchs beim Dorfpfarrer auf, lernte aber nichts, weil unendlich begriffsstutzig, zeigte jedoch eines Tages sein monomanisches Schach-Talent, das ihn aus dem Dorf heraus in die große weite Welt führte. Nun ist er ein eitler und habgieriger Mensch, dessen Horizont über 64 schwarz-weiße Felder nicht hinausreicht.

In den ersten Tage der insgesamt 12-tägigen Reise versucht der Erzähler vergeblich, in die Nähe des Meisters zu gelangen. Dieser zieht sich zurück in seine Kabine und studiert Schachpartien. Als nächstes versucht ihn der Erzähler dadurch anzulocken, indem er im Smoking-Room Schach spielt, und zwar mit einem kämpferischen, aber unbegabten Amerikaner, McConnor. Der Meister wirft zwar einmal einen Blick auf das Brett, zieht dann aber gelangweilt ab. McConnor jedoch, als er erfährt, wer dieser Mann ist, setzt seinen ganzen Ehrgeiz darin, gegen Czentovic zu spielen und ist sogar bereit, pro Spiel $ 250 zu bezahlen.

Am folgenden Nachmittag kommt es dann zur Partie Czentovic gegen alle anderen und sie endet mit einer kläglichen Niederlage. Durch die Niederlage ebenso wie die herablassende Haltung des Meisters gereizt, fordert McConnor Revanche und die zweite Partie beginnt. Gerade als sie dem Meister in eine Falle zu laufen drohen, schaltet sich ein blasser Herr von etwa 45 Jahren ein und übernimmt das Spiel. Mit seiner Hilfe erreichen sie ein Remis, und der Meister beginnt sich für das Geschehen zu interessieren. Der blasse Retter aber ist zu keiner weiteren Partie bereit, er habe seit 25 Jahren vor keinem Schachbrett mehr gesessen, und verzieht sich auf sein Zimmer. Der Ich-Erzähler wird beauftragt, den Herrn ausfindig zu machen und zu einem weiteren Match, natürlich finanziert von McConnor, zu bitten.

Dieser Herr stellt sich als Dr. B. vor, ein Landsmann des Erzählers und von einer angesehenen Familie abstammend. Dieser Dr. B. ist nun wirklich an der Fortsetzung des Wettkampfes interessiert, gleichzeitig aber benutzt er diesen Anlass, um zu berichten, wie er dazu kam, im Schachspiel so außerordentlich bewandert zu sein, ohne praktizierender Spieler zu sein:

Mit seinem Vater zusammen führte er in Wien eine Anwaltskanzlei, deren Hauptaufgabe darin bestand, die Schätze und Güter der Kirche und der Kaiserfamilie zu verwalten. Gleich bei der Machtübernahme der Nazis in Österreich (März 1938) wird er von der Gestapo verhaftet und als 'Prominenter' im Hotel Metropole in Isolierhaft gebracht. Nach vier Monaten der absoluten Isolation und der ständigen Verhöre (27. Juli) ist er dem Geständnis nahe, da aber entdeckt er - wieder einmal in einem Vorzimmer auf das Verhör wartend -in der Tasche eines aufgehängten Mantels die Umrisse eines BUCHES. Er bringt es heimlich an sich, aber zu seiner großen Enttäuschung ist es ein Schachbuch, indem 150 Meisterpartien dokumentiert sind. Dennoch, er beschäftigt sich damit, formt sich aus Brotresten Figuren, faltet die karierte Bettdecke zu einem Schachfeld und beginnt die Partien nachzuspielen, bis er sie in und auswendig kennt. Das waren drei glückliche Monate. Dann aber beginnt er, mit sich selbst zu spielen und gerät zunehmend in eine pathologische Situation: "Schachvergiftung".

Er spaltet sich auf, liegt ständig mit sich selbst im Hader, kann nicht mehr abschalten, vergisst zu essen, wird von immerwährendem Durst geplagt (Schachfieber), greift schließlich seinen Wärter an und wacht in einem Lazarett wieder auf. Dort erholt er sich langsam, sein Arzt erwirkt seine Entlassung unter der Bedingung, dass er das Land innerhalb von 14 Tagen verlässt. Ein Jahr war er in Isolationshaft, jetzt fährt er nach Argentinien.

Dr. B. erklärt sich zu einer einzigen, letzten Partie bereit, gleichsam als Schlussstrich unter eine alte Rechnung. Diese findet am nächsten Nachmittag statt und tatsächlich zwingt er den Weltmeister zur Aufgabe. Sein Verhalten zeigt jedoch zusehends jene pathologischen Symptome, die ihn erst vor kurzem ins Lazarett gebracht haben. Vor allem die langen Bedenkzeiten seines Gegners machen ihn so nervös, dass er während der Revanche-Partie wieder anfängt, in seinem Kopf weitere Spiele durchzuspielen, die er dann mit dem gerade laufenden Match durcheinanderbringt. Der Erzähler bewirkt daraufhin den Abbruch derPartie, Dr. B. gewinnt schnell seine Fassung wieder, entschuldigt und verabschiedet sich, während der Schachmeister ihm großmütig eine für Dilettanten ungewöhnliche Begabung zugesteht.


Klaus Dautel, 1999-2009

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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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