Produktive Schreibanlässe im Literaturunterricht
Eine erweiterbare Ideen-Sammlung

Vermischtes

Schreibanlässe © Klaus Dautel
  • Thomas Mann: Tod in Venedig

    In seiner 1911 verfassten Novelle bedient sich Thomas Mann einer ausgefeilten Sprech- und Erzählweise, welche in langen, mehrfach untergliederten und streng kontrollierten Sätzen eine Fülle von äußeren und inneren Eindrücken wiedergibt und darin wiederum Gustav von Aschenbachs Wille zu disziplinierter Form und sprachlicher Zucht wiederspiegelt.
    Die letzten drei Sätze der Erzählung aber sind von erstaunlicher Kürze und Nüchternheit und berichten von Aschenbachs Ableben:

    "Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hingesunkenen zu Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch denselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode."

      Arbeitsauftrag:

    1. Weniger knapp und nüchtern dürfte die "respektvoll erschütterte Welt" auf die Todesnachricht reagiert haben. Die Stunde der Nekrologen hat geschlagen, salbungsvolle Nachrufe werden verfasst, Aschenbach erhält in den monarchistischen Blättern seine letzten Weihen.

    2. Aber auch sozialdemokratische Zeitungen können nicht schweigen. Natürlich stellt sich Aschenbachs Haltung und Leistung aus ihrer Sicht etwas anders dar.

    3. Einer aber wird von diesem traurigen Tod nie etwas erfahren: Der schöne Tadzio. Nur eines Abends, im Kreise seiner Gouvernante und Geschwister, wird er sich daran erinnern, dass dasletzten Sommer in Venedig dieser deutsche Herr war, dessen Wege sich so oft mit den ihrigen gekreuzt haben. Ein Gespräch entspinnt sich zwischen den Kindern, man versucht sich zu erinnern, wie der Herr aussah, was er den ganzen Tag machte, wo man ihm überall begegnet ist, was man über ihn in Erfahrung gebracht hat und was aus ihm wohl geworden sein mag.

  • F. Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker

    ABSCHIEDSBRIEFE

    • Ehe Tschanz beschließt seinem Leben ein Ende zu bereiten, setzt er sich hin und schreibt einen Abschiedsbrief
      a) an Anna oder
      b) an Bärlach,
      in dem er aus seiner Sicht die Gründe für sein Handeln darlegt und den letzten Schritt aus seiner - ihm ausweglos erscheinenden - Situation zu erklären versucht.

    • In der Nacht vor seiner Magenoperation schreibt Bärlach seinem Arzt und langjährigen Freund Dr. Samuel Hungertobel einen Brief. Er rechnet darin mit sich selbst ab, beurteilt sein Handeln und erklärt, wie er sich nach den Geschehnissen fühlt.

    • BEACHTE , dass der Brief sowohl eine Einleitung (Anrede, Situationsbeschreibung, Stimmungslage usw. ) als auch einen Schluss (Zusammenfassung, Abschiedsworte) enthält. (Textsorte)
      Gehe in den Erklärungen der Verfasser insbesondere auf den Handlungsverlauf des Romanes ein.
      Berücksichtige schließlich den Charakter des Briefeschreibers und auch dessen Selbsteinschätzung (z.B. hinsichtlich seiner Schuld oder Schuldlosigkeit, seines Handlungsspielraumes, der Notwendigkeit seines Scheiterns ...)

      © Konzipiert als Klassenarbeit für Klasse 9 von Peter Haselberger (Nürtingen) 1998


  • Kurzprosa

    Paul Watzlawick: Die Geschichte mit dem Hammer

    "Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Da kommt ihm ein Zweifel:
    Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und ws? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgenwollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. -
    Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!"

      Schreibe eine Geschichte nach demselben Muster (dreiteilig) und mit ähnlicher Pointe. Benutze hierzu eine der folgenden Situationsvorgaben:

    • Ein Frau will sich eine Hose kaufen.
    • Ein junger Mann möchte eine junge Frau ansprechen.
    • Ein Schüler möchte wissen, was in Mathematik auf war.
    • Eine junge Frau köchte ins Kino gehen.
    • Ein Bankräuber möchte eine Sparkasse ausrauben.
    • Der Nachbar will gerade den Mann zum Kaffee einladen.

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