My Teaching Philosophy IV. Portfolios und Lesetagebuch

Portfolio, Dokumentenmappe, Lesetagebuch -
Beiträge zu differenziertem Unterricht und individueller Leistungsmessung

1. Einführung:

Binnendifferenzierung, Umgang mit Heterogenität, individualisierte Leistungsmessung - das sind die Zauberworte (nicht erst) der aktuellen Schuldiskussion. Dafür gibt es viele Anlässe und auch gute Gründe.

Die gängigen Rezepte für Binnendifferenzierung erschöpfen sich jedoch oft in „differenzierten Aufgabenstellungen“ nach dem Muster: Einfache Aufgaben für die Schwächeren, komplexe Aufgabenstellungen für die Stärkeren, irgendetwas dazwischen für die anderen. Dem kommt dann das Konzept der Niveaustufen A - B - C entgegen.

Dieser Ansatz ist nur auf den ersten Blick plausibel. Am Ende des Tages (eine zur Zeit sehr beliebte Redewendung) könnte es aber so sein, dass die Schwächeren schwach bleiben und die Stärkeren stärker werden. Ein Von-einander-Lernen, ein gegenseitiges Geben und Nehmen findet nicht statt - der Schüler schmort mehr oder weniger im eigenen Saft, d.h. er richtet sich in seiner Leistungsstufe ein.

Konzepte, die Kooperation fördern und mit offeneren Aufgabenstellungen (Wahl und Pflicht) individuelle Stärken berücksichtigen, führen aus meiner Sicht weiter. Im Folgenden hierzu ein paar Gründe und einige Beispiele:

2. Was ist ein Portfolio?

Im Ausbildungsprozess ermöglicht das Portfolio die Verbindung von Elementen offenen Unterrichts mit neuen Bewertungskonzepten und Anlässen zur Selbstdiagnose und diagnostischen Begleitung des Lernprozesses.
Im Deutschunterricht ist da Portfolio zunächst eine Dokumentenmappe, die für den Besitzer wertvolle Schriftstücke enthält; wertvoll jedoch dadurch, dass sie von ihm selbst sind, weil er sich damit präsentieren, seine persönliche Entwicklung reflektieren und dokumentieren kann.
Idealerweise dokumentiert das Portfolio den Lernprozess des Schülers auf eine für den Schüler, die Eltern und die Lehrkraft sinnhafte Weise. (vgl. Eikenbusch S.224)

Das Portfolio im Unterricht verlangt schülerorientierte und aktivierende Unterrichtsformen. Das betrifft

Was gehört mindestens hinein?
Eine Portfolio wird vom Schüler über einen bestimmten Zeitraum hin weitgehend selbstständig geführt und sollte (mindestens) enthalten:
  1. eine Selbstdarstellung des Schülers als Schreibender
  2. eine Auswahl eigener Texte (Pflichttexte und Kür)
  3. eine Selbstbewertung dieser Texte (eventuell mit Hilfe eines Fragebogens)
  4. mindestens einen Lehrerkommentar bzw. Feedback.
Von einer herkömmlichen Schreib- oder Dokumentenmappe unterscheidet sich das Portfolio dadurch, dass der Schreibende darin zur Reflexion seines Schreibens (Prozess und Produkt) verpflichtet ist.
Mehrere Arten von Portfolio sind denkbar:

Produkt-Portfolio: Darin werden Endfassungen gesammelt, die beispielhaft die Entwicklung des Schreibenden über einen längeren Zeitraum dokumentieren.

Schreibprozess-Portfolio: Darin werden Vorarbeiten, Entwürfe und weitere Fassungen von Texten zusammengestellt, deren Veränderungen auch über Wege beim Schreiben Aufschluss geben können.

Das "Lesetagebuch", in dem Schüler ihren Lese- und Arbeitsprozess mit einem Buch dokumentieren, kann ebenfalls eine Form von Portfolio sein (Journal-Portfolio), wichtig ist die Möglichkeit, weitgehend selbstständig und persönlich sich mit der Lektüre auseinander zu setzen und diesen Prozess - schriftlich! - zu reflektieren.

Was ist die didaktische Zielsetzung?

  • Verbesserung der Metakognition, d.h. das Verständnis für eigenen Lernprozesse fördern
  • Bewusstsein für eigenen Lernstrategien schaffen
  • Freies und selbstverantwortetes Arbeiten, das ergebnisorientiert und prozessorientiert ist
  • Dem Lehrenden vermittelt das Portfolio ein Portrait des individuellen Lerners, seiner Schreibfertigkeiten, Vorlieben und Selbsteinschätzung.
  • Im Rahmen des Deutschunterrichts stellt das Portfolio eine Möglichkeit zu prozessorientierter Schreiberziehung dar.

  • Weiteres didaktisches Potenzial: Die Schülerinnen und Schüler Für den Lehrer/die Lehrerin

    3. Portfolio-Arbeit und Leseförderung

    Zur Förderung von Lesekompetenz können Portfolios auf vier Ebenen sehr effektiv beitragen:
    1. Das eigene Schreiben orientiert sich an Mustern, die auf Lektüre-Erfahrungen in und außerhalb des Unterrichts basieren (Textsorten). Wenn Schüler eine Fantasiegeschichte, ein Gedicht oder eine Wegbeschreibung verfassen, so verarbeiten sie Lese-Erfahrungen und werden beim Lesen von Fantasiegeschichten, Gedichten und Wegbeschreibungen vielleicht überlegen, ob sie das auch so schreiben könnten/würden.

    2. Die prozessorientierte Schreibdidaktik verpflichtet die Schüler ihre eigenen Produkte mit fremden Augen" zu lesen. Darum gilt es die Portfolio-Arbeit so anzulegen,
      • dass genug Zeit und Stimulation zum Über-Lesen und Über-Arbeiten eigener Texte gegeben ist (Portfolio-Stunden)
      • dass ausreichend Feedback und Hilfe von Seiten der Lehrkraft erfolgt (Portfolio-Gespräch)
      • dass für die Überarbeitung eigener Texte ein attraktives Ziel vorhanden ist (Mappe / Präsentation)

    3. Die Schüler lesen und kommentieren die Texte anderer!
      Dies ist - wenn es gelingt - ein sehr intensives, kommunikatives Lesen, sozusagen eine Meta-Lektüre, da nicht nur inhaltliches Textverständnis verlangt, sondern auch eine hilfreiche Reaktion erwartet/erhofft wird. Nützlich hierfür kann eine prägnante Beobachtungsliste sein, entlang der Schüler sich als Lektoren betätigen können.

    4. Die Bindung eigener Texte an Gelesenes.
      Dies kann zum einen durch die enge Verzahnung von Portfolio-Arbeit mit der behandelten Literatur im Unterricht erfolgen: Das Portfolio dient dann als Sammelmappe für die Texte, die durch Schreibaufträge im Unterricht entstehen.
      Zum anderen durch einen Katalog von Schreibaufträgen unabhängig vom Unterrichtsgeschehen angeregt werden. Das könnte so aussehen:

      Schreibe einen Text zu einem Zeitungsartikel (journalistisch):
      » Fasse den Inhalt eines Artikels, der dir interessant erscheint, zusammen (100 Wörter).
      » Leserbrief: Nimm Stellung zu einem Ereignis, indem du deine Meinung dazu äußerst.
      » Verfasse eine Zeitungsmeldung zu einem Ereignis an deinem Ort, in deinem Verein, in deiner Schule, über das deine Zeitung zu berichten vergessen hat. Halte dich an folgende Reihenfolge: Überschrift - Wann - Wo - Was - Wer - Wie - Folgen ( max. 100 Wörter).
      » Schreibe einen Zeitungsartikel in eine Geschichte um, indem du dich in eine Person hineinversetzt.

      zu einem Buch (Als Leser, Co-Autor, Held/in):
      Schreibe einen Empfehlungs-Artikel für eine Jugendzeitung.
      Schreibe dem Helden eines Buches einen Brief, in dem du ...
      Versetze dich in die Hauptperson deines Lieblingsromanes und blicke auf die Romanereignisse zurück. Vorschläge:
      => Mit Erleichterung: „Ich bin ja so froh, dass ich das hinter mir habe. ...“
      => Mit Zorn: „Das wird mir nicht noch einmal passieren. Das nächste Mal ...“
      => Mit Humor: „ ... “
      Schreibe dem Autor eines Buches einen Brief, in dem du ...
      Schreibe den Schluss eines Romanes neu oder vollende einen offenen Ausgang nach deinen Vorstellungen.

    Beispiel 1: Portfolio

    Beispiel 2: Dokumenten-Mappe

    Beispiel 3: Lesetagebuch

    Literatur

    © Klaus Dautel, 2011



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    Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte. Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss