Untersuchen Sie den Dialog in der 6. Szene des II. Aktes

"Kabale und Liebe" II,6.

  1. Fassen Sie die vorausgegangenen Ereignisse, soweit sie für das Verständnis der zu untersuchenden Szene wichtig sind, knapp zusammen.
  2. Beschreiben Sie den Verlauf des Gesprächs, und arbeiten Sie dabei die Absichten der Beteiligten und die Resultate der Auseinandersetzung heraus
  3. Welche Bedeutung hat diese Szene für den Fortgang der Handlung?

Schiller hat sein Drama "Kabale und Liebe" im Untertitel "Ein bürgerliches Trauerspiel" genannt. Er signalisiert damit Lesern und Zuschauern, dass Figuren aus der bürgerlichen Gesellschaft und ihr Schicksal im Zentrum der Handlung stehen. In Schillers Drama prallen aber nicht nur Vertreter verschiedener sozialer Schichten aufeinander, sondern die Konfrontation von höfischer und bürgerlicher Welt vermittelt zusätzlich massive Kritik an den politischen Missständen in einem deutschen Herzogtum im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts.

Ferdinand von Walter, der Sohn des Präsidenten "am Hof eines deutschen Fürsten" (S.2), hat sich in Luise, die Tochter eines Stadtmusikanten verliebt und ist gewillt, sie ungeachtet der Standesschranken zu heiraten. Sein Vater will ihn aus politischem Kalkül mit der Mätresse des Herzogs, Lady Milford, verheiraten. Sekretär Wurm, der in Ferdinand seinen Nebenbuhler bei Luise sieht, hat den Präsidenten über die Ernsthaftigkeit der Beziehung zwischen dessen Sohn und Luise Miller informiert. Deshalb will der Präsident diese Liaison beenden. Zu diesem Zweck sucht er die Familie Miller in deren Haus auf, wo er in der Tür  mit Ferdinand zusammenstößt, der gerade zu seinem Vater eilen und ihm seine Entschlossenheit mitteilen will, gegen alle Widerstände auf einer Ehe mit Luise zu bestehen.

Diese 6. Szene des II. Aktes lässt sich in zwei große Abschnitte gliedern: Nach einem kurzen Wortwechsel mit seinem Sohn vergewissert sich der Präsident, wer die Eltern der Geliebten seines Sohnes sind. Er lässt nicht zu, dass Vater Miller auf Ferdinands Bitte die einer Ohnmacht nahe Luise aus dem Zimmer bringt, denn er will sie verhören. Anscheinend überhört der Präsident, dass sein Sohn den alten Miller mit "Vater" anredet, womit Ferdinand wohl demonstrieren will, dass er den Stadtmusikanten als seinen Schwiegervater betrachtet.

Von Walter fragt Luise nach der Dauer ihrer Bekanntschaft und nach "Versprechungen" seitens Ferdinands. Luise betont, dass sie sich nicht in den "Sohn des Präsidenten", sondern in "Ferdinand von Walter" verliebt habe, dass also der soziale Rang kein Grund für ihre Beziehung zu Ferdinand sei. Dieser habe ihr Liebe geschworen, und sie haben seinen Schwur erwidert.

In dieses Verhör mischt sich Ferdinand laufend ein und beteuert ausführlich und leidenschaftlich seine Liebe und Treue zu Luise. Damit erregt er den Zorn seines Vaters, der ihm zuerst mit dem Ferdinand noch bevorstehenden Verhör droht, dann ihm befiehlt zu schweigen und schließlich droht, "das Echo [damit meint er den Sohn - V.J.] hinauswerfen [zu] lassen" (S.35).
Ungeachtet des eindeutigen Bekenntnisses beider, einander zu lieben und sich treu bleiben zu wollen, unterstellt der Präsident mit seiner Frage: "Aber er bezahlte Sie doch jederzeit bar?" (S.35) dass Luise für ihre Liebesdienste von Ferdinand Geld erhalten habe, also eine Hure sei. Solch ein Gedanke ist für das Mädchen so ungeheuerlich, dass es glaubt - vielleicht auch hofft - den Präsidenten "nicht ganz" (S.35) verstanden zu haben. Ferdinand mischt sich erstmals nicht in das Verhör ein. Hat ihm die Frage des Vaters die Sprache verschlagen?

Der Präsident wird nach Luises Aussage mit dem fragenden Unterton noch deutlicher, spricht vom "goldenen Boden" eines jeden Handwerks und äußert zynisch die Hoffnung, dass "Sie [...] Ihre Gunst nicht verschenkt haben" werde (S.35). Ohne materiellen Gewinn für das Mädchen ist für ihn eine Beziehung zwischen einer Bürgerlichen und einem Adeligen nur verständlich, wenn die Bürgerliche sich um der Lust willen hingibt. Dies deutet er mit der Frage an: "[...] oder war's ihr vielleicht mit dem bloßen Verschluss gedient? Wie?" (S.35) Nach den damaligen bürgerlichen Moralvorstellungen wäre aber auch dies höchst unsittlich gewesen.

Dieser Versuch des Präsidenten, Luise die Ehre zu nehmen, weckt Ferdinand aus seiner Erstarrung, aber noch ist er nur fähig, "rasend" zu fragen: "Hölle! was war das?" (S.35) Er hat seine Gedanken für eine Entgegnung anscheinend noch nicht gesammelt.

Luise beweist in dieser Situation Fassung und moralische Stärke. Sie verteidigt sich nicht gegen die bösartigen Unterstellungen des Präsidenten, sondern verzichtet mit den Worten: "Herr von Walter, jetzt sind Sie frei." (Ss.35) auf die Ehe mit dem Sohn eines solchen Vaters. Damit scheint der Präsident das Ziel seines Besuches erreicht zu haben: die Zerstörung der unstandesgemäßen Liaison seines Sohnes, die der von ihm aus politischen Motiven eingefädelten Heirat Ferdinands mit der Lady Milford im Wege steht.

Jetzt hat aber Ferdinand seine Sprache wiedergefunden, und er fordert vom Vater "Ehrfurcht" auch vor der "Tugend [...] im Bettlerkleid" (S.35). Der Präsident solle also die Tugend der bürgerlichen und damit wesentlich ärmeren Luise respektieren. Als der diese Forderung zurückweist und seine Beleidigung noch mit dem lachend vorgebrachten Ausruf verschärft: "Eine lustige Zumutung! Der Vater soll die Hure des Sohnes respektieren." (S.35) erhebt Ferdinand sogar für einen kurzen Moment seinen Degen gegen den Vater.

Hätte ein anderer seine Geliebte derart beleidigt, so hätte ihn Ferdinand sicherlich zum Duell gefordert, vielleicht sogar gleich im Affekt zugestoßen. Vermutlich wird ihm aber in dieser Situation sofort bewusst, dass er als Sohn unter keinen Umständen gegen den Vater Gewalt anwenden darf. Deshalb lässt er zwar die Waffe sinken, sagt dem Vater aber, dass er ihm nun keinen Dank für sein Leben und keinen Gehorsam als Sohn mehr schuldig sei (vgl. S.35 unten). In der vorangehenden Szene hatte Ferdinand beteuert: "Vaterrecht ist ein weites Wort - [...] Doch aufs äußerste treibt's nur die Liebe - " (S.34) - nun entscheidet er sich gegen die Ansprüche, auf die der Vater dem Sohn gegenüber ein Recht hat, für die beleidigte Geliebte.

Jetzt greift auch Vater Miller ein, dessen Wut mit den Andeutungen des Präsidenten so gewachsen ist, dass sie ihn seine Angst vor dem Mächtigen überwinden oder vergessen lässt. In diesem zweiten Teil der Szene wagt es der beleidigte Bürger, dem adligen Beleidiger entgegenzutreten und ihm sogar Ohrfeigen anzudrohen. Als der Präsident ihn daraufhin "Kuppler" schimpft, betont Miller, dass die bürgerliche Moral strenger als die des Hofes sei: "Solang der Hof da [d.h. mit Liebesverhältnissen - V.J.] noch Vorrat hat, kommt die Lieferung nicht an uns Bürgersleut’." (S.36) kontert er die Beleidigung der Präsidenten. Und ohne die zweimalige Warnung seiner Frau beachten, die die Strafe für derartige Offenheit zu recht fürchtet, droht er sogar, "den ungehobelten Gast [also den Präsidenten! - V.J.] [...] zur Tür hinaus" zu werfen (S.36).

Miller ist kein mutiger Mann, erst recht kein Revolutionär. Aber schon in den vorangehenden Szenen ist deutlich geworden, dass Erregung ihn wenigstens kurzfristig die angelernte Untertänigkeit vergessen lässt, in die er zurückf„llt, sobald er seinem Ärger etwas Luft gemacht hat. Jede seiner vier Warnungen an den Präsidenten beendet er mit den Worten: "Halten zu Gnaden." (S.36) und zweimal verweist er auf seine Bereitschaft, als Musiker zu Diensten zu stehen; aber alles will er sich auch von einem Präsidenten nicht gefallen lassen.

Dieser Mut - für den Präsidenten handelt es sich natürlich um eine "vermessene Meinung" (S.36) - eines in der sozialen Hierarchie so viel Geringeren lässt Ferdinands Vater die Beherrschung verlieren. Wenn er sagt: "Die Gerechtigkeit soll meiner Wut die Arme borgen." (S.36) heißt das, dass er seinen Einfluss auf die Justiz nutzen (im Klartext: missbrauchen) will, um sich an der Familie Miller zu rächen. Sie macht er dafür verantwortlich, dass Ferdinand die Ehe mit der Lady Milford abgelehnt und sich nun sogar offen gegen den Vater gestellt hat. Zuchthaus für den Vater und Pranger für Mutter und Tochter erscheinen ihm angemessen.
Dass er sich gar nicht beruhigen kann, beweist auch seine höchst emotionale Redeweise noch am Ende dieses zehn Zeilen umfassenden Ausbruchs: "Ha, Verfluchte! Ich will meinen Hass an eurem Untergang sättigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will ich meiner brennenden Rache opfern." (S.36) Das ist nicht mehr der kühle, überlegene Präsident, der Luise, kalt die Wirkung seiner Worte berechnend, gezielt gedemütigt hat. Im Unterschied zu den Millers hat er kein reines Gewissen, aber als Vertreter der fürstlichen Macht ist er weder an moralische noch an weltliche Gesetze gebunden, und Anstand und Menschlichkeit sind für einen Machtmenschen wie ihn Fremdworte. Deshalb genießt er es am Ende der Szene, den Vater Miller zu verhöhnen, der hofft, über seinen Flötenschüler, den Leibschneider des Herzogs, sich an den Landesherrn wenden zu können, damit der ihn vor dem Präsidenten schütze. Schiller nutzt diese Auseinandersetzung also, um neben der berühmten Kammerdienerszene und der 9.Szene im IV. Akt, in der Lady Milford das Leben am Hofe aufgibt, en passant weitere Pfeile gegen einen menschenverachtenden Absolutismus abzuschießen.
In die Auseinandersetzung zwischen Miller und dem Päsidenten mischt sich Ferdinand einmal mit dem Hinweis ein, sein Vater hätte zu diesem unwürdigen Auftritt wenigstens keine Zeugen - die Bedienten - mitbringen sollen. Darauf reagiert der Präsident nicht. Nach dem Wutausbruch des Vaters, in dem dieser auch befohlen hat, die Gerichtsdiener zu holen, um die Millers verhaften zu lassen, betont Ferdinand noch einmal seine Bereitschaft, für die Geliebte und deren Eltern einzutreten. Er beruhigt die Millers und fordert seinen Vater auf, im eigenen Interesse - "Wenn Sie sich selbst lieben [...]" (S.36) - auf Gewalt zu verzichten. Der Vater solle in ihm keine Gefühle wecken, über die selbst die Blutsbande keine Gewalt hätten (vgl. S.36 unten).

Ferdinand bringt diesen Appell "mit Unterwürfigkeit" (S.36) vor. Vielleicht ist er erschrocken über den Gefühlsausbruch und die Drohungen des Vaters, sicher will er ihn auf keinen Fall noch mehr reizen. Der Präsident ist aber viel zu erregt, um die Andeutungen seines Sohnes wahrzunehmen oder gar zu entschlüsseln, zumal er von Millers Ankündigung, dass der sich an den Herzog wenden wolle abgelenkt wird.

Es ist ungewöhnlich, dass eine so hochgestellte Person wie der Präsident die Millers in ihrem Haus aufsucht, statt sie zu sich zu befehlen. Vielleicht wollte Ferdinands Vater aber auch der Beziehung seines Sohnes zu Luise nicht noch mehr Bedeutung verleihen, indem er die Familie zu sich kommen lässt. Auf jeden Fall will er diesem nicht standesgemäßen Verhältnis ein rasches Ende bereiten, um so seine Kabale - die Heirat Ferdinands mit der Lady Milford - zu verwirklichen.

Fast wäre ihm das mit der gezielten Beleidigung Luisens gelungen, die er "Hure des Sohnes" nennt. Luise ist bereit, nach dieser Schmach auf die Ehe mit Ferdinand zu verzichten, aber der Präsident hat die Entschlossenheit des Sohnes und den bürgerlichen Stolz des Vater Miller unterschätzt so das er schließlich zur nackten Gewalt greifen will, um Ferdinand von Luise zu trennen. Wenn erst der Vater im Gefängnis sitze und Mutter und Tochter am Pranger stehen, werde - so das Kalkül des Präsidenten - der Widerstand beider Seiten gebrochen: Ferdinand werde nicht in eine so entehrte Familie einheiraten wollen, und die Millers würden ihrer Tochter die Liebe zu Ferdinand aus Angst vor weiterer Verfolgung schon austreiben.
Ob die Rechnung des Präsidenten aufgeht, ist am Ende der 7.Szene des II. Aktes offen. Dass er seine Macht gegen die Millers hemmungslos einsetzen will, hat er angekündigt, und in der folgenden Szene erscheinen auch schon die Gerichtsdiener, um seinen Befehl auszuführen. Erst mit der Drohung "der Residenz eine Geschichte [zu erzählen], wie man Präsident wird" (S.38) - also ein Verbrechen des Vaters aufzudecken - kann Ferdinand die Millers vorläufig vor Verhaftung und Prangerstehen bewahren.
Wenig später aber lässt Wurm mit Billigung des Präsidenten in Abwesenheit Ferdinands Vater Miller ins Gefängnis und die Mutter ins Spinnhaus einsperren, um gegen die Freilassung der Eltern von Luise den sie kompromittierenden Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb erpressen zu können. Nachdem also der Versuch gescheitert ist, durch die Entehrung der Braut und ihrer Eltern Ferdinand von Luise zu trennen, soll sein Glauben an Luises Treue zerstört werden. Diese Intrige gelingt, denn Ferdinand lässt sich täuschen.

Aber der Präsident erreicht sein Ziel dennoch nicht, denn aus Verzweiflung bringt Ferdinand sich und die vermeintlich untreue Geliebte um. Am Ende des Dramas haben also alle Beteiligten ihre Ziele teilweise erreicht, in der Hauptsache aber verfehlt: Der Präsident hat die Ehe seines Sohnes mit Luise verhindert, dabei aber den Sohn und seine Stellung am Hofe eingebüßt, die Ferdinand mit der Zwangsehe festigen sollte.

Ferdinand hat sich dem Druck des Vaters nicht gebeugt, ist durch die Briefintrige aber um die Erfüllung seiner Liebe und um sein Leben gebracht worden. Luise hat sich im Zwiespalt zwischen ihrer Liebe zu Ferdinand und zu den Eltern für letztere entschieden. Sie stirbt im Bewusstsein ihrer Unschuld und - vielleicht - in der Hoffnung auf Erfüllung ihre Liebe zu Ferdinand im Jenseits (vgl. S.10 oben).

Luises Eltern werden zwar befreit, verlieren aber wenig später ihr einziges Kind. Ihre bürgerliche Ehre ist wiederhergestellt, aber um welchen Preis! - Bleibt schließlich der Sekretär Wurm: Seinen Nebenbuhler hat er mit der von ihm ersonnenen Briefintrige zu Mord und Selbstmord treiben können. Damit verliert Wurm nicht nur "Das schönste Exemplar einer Blondine [...]" (S.12), sondern er wird obendrein vom Präsidenten angeklagt, an Luises und Ferdinands Tod schuld zu sein.

Auch Lady Milford gelingt es nicht, den geliebten Ferdinand zu heiraten, aber sie geht aus den Intrigen als einzige mit Würde und relativ unbeschadet hervor. Nach dem Gespräch mit Luise hat sie auf Ferdinand, aber auch auf ihr Rolle als Mätresse des Herzogs verzichtet und das Land verlassen. Hat sie damit einen tiefen sozialen Fall in Kauf genommen? Ist ihre Entscheidung als ein Hinweis des Autors zu interpretieren, dass ein nach den Maßstäben der bürgerlichen Moral anständiges Leben bei Hofe nicht möglich ist?

Zitiert wird nach der älteren Ausgabe der Hamb. Lesehefte, deren Seitenzahlen leicht von der aktuellen Ausgabe abweichen.

© Volker Jansen 2003

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