Hälfte des Lebens

Hölderlin für Einsteiger

Diese Unterrichtssequenz möchte dazu anregen, in der Schule (mehr) Hölderlin zu lesen. Das ausgewälte Gedicht kann hierbei - über die Einzelbehandlung hinaus - auch als Einstieg in Leben und Werk Hölderlins recht dienlich sein. Sogar rezeptionstheoretische Fragestellungen und solche nach der jeweils herrschenden ästhetischen Norm (Schritt 6) sind ansprechbar. Der letzte Schritt ist dann eine fächerverbindende Zugabe.



Schritt 1: Das Motiv: Hälfte des Lebens - Lebensmitte - Wendepunkt - Höhepunkt

       => POSITIVES zur Lebensmitte                  
                             => WENIGER POSITIVES zum Thema
                 __________________               
 => WANN       /                   \   => SYMBOLIK der zwei Lebenshälften
     ist      |  HÄLFTE DES         |                 _
     das      |          LEBENS     |    graphisch: /   \
    denn      |                ???  |          so  /     \
    etwa?     \_    _______________/                 oder so -----/---- 
                \  |                                                 oder wie?
                 \ |                    metaphorisch:
                  \|                           Morgen - ... - Abend
                   \                         Frühling - ...  - Herbst
                WWWWWW        	               Licht - ... - Schatten
                | __ |  
               (  @@ .)          Hier kann zunächst in Arbeitsgruppen oder im 
                |  ] |           Unterrichtsgespräch darüber assoziiert
                |  v |           werden, was Jugendlichen und/oder Erwachsenen zu
        ___o00o__\__/__o00o___   diesem Thema - mit welchen Gefühlen! - einfällt.


Schritt 2: Begegnung mit dem Text
Friedrich Hölderlin, schwäbischer Dichter, Revolutionsbegeisterter, zeitweise Schützling Friedrich Schillers usw... veröffentlichte im "Taschenbuch für das Jahr 1805" ein Gedicht mit dem Titel "Hälfte des Lebens": Dessen (Fließ-)Text lautet so:

Mit gelben Birnen hänget und voll mit wilden Rosen das Land in den See, Ihr holden Schwäne, und trunken von Küssen tunkt ihr das Haupt ins heilig-nüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein, und Schatten der Erde? Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.

Arbeitsauftrag: Bringt diesen Text in Gedicht-Form und schreibt Euren Vorschlag säuberlich auf ein Din A2/3-Blatt! (Für Arbeitsgruppen)

Alternative: Hier sind drei Gestaltungsvarianten dieses Textes. Welche sagt Euch am besten zu? Begründet Eure Entscheidung.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen
hänget und voll mit
wilden Rosen
das Land in den See, ihr
holden Schwäne,
und trunken
von Küssen
tunkt ihr
das Haupt ins
heilignüchterne
Wasser.

Weh mir, wo nehm ich,
wenn es Winter ist,
die Blumen,
und wo den
Sonnenschein,
und Schatten
der Erde?
Die Mauern
stehn sprachlos
und kalt,
im Winde
klirren
die Fahnen.
Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See, Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen,
Und wo den Sonnenschein, und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn sprachlos und kalt,
Im Winde klirren die Fahnen.


Schritt 3: Das Gedicht in seiner Hölderlinschen Gestalt: Textarbeit

Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
Bilder, Motive, Bezüge, Kontraste
Stimmungsgehalte!

Vergleicht mit euren eigenen Gedanken und Gefühlen zum Thema!

Fußnote: Zu diesem Gedicht gibt es natürlich verdienstvolle und erschöpfende Interpretationen, zwei davon seien genannt:


Schritt 4: Schreibanlässe

Wieder drei Alternativen bzw. Schreib-Typen:

  1. Der analytische Ansatz (=Interpretation):
    Das Gedicht "...", verfasst von ..., besteht aus ...
    Es erweckt beim ersten Lesen den Eindruck von/als ob ... , weil ...
    Dieser Eindruck wird hervorgerufen durch ... usw. usf.
  2. Der subjektiv-spontane Ansatz:
    Das Gedicht "..." von ... ruft bei mir .... Gefühle/Gedanken/Erinnerungen hervor, welche ...
    Außerdem ...
    Besonders ...
  3. Der kreative Ansatz:
    Wenn ich ein Gedicht/einen Text zum Thema "..." schreiben würde, dann ...
    Denn im Gegensatz zu/genau so wie/ so ähnlich wie Friedrich Hölderlin habe ich ...



Schritt 5: Biographisches und Historisches für Spezialisten und Fortgeschrittene

Friedrich Hölderlin im Jahre 1800: Drei Aufgabenkomplexe zum Erforschen in Gruppen:

  1. Wo lebte er? Wovon lebte er? Wie ging es ihm?
  2. Welches waren die politischen Umstände dieser Jahrhundertwende?
  3. Was taten und wie lebten einige andere bekannte Dichter zu genau dieser Zeit?



Schritt 6: Rezeptionsdokumente: Das Gedicht und seine ratlosen Leser (als Textblatt einsetzbar):

Die ersten Reaktionen auf die Veröffentlichung der Gedichtsammlung >Nachtgesänge<, welche "Hälfte des Lebens" enthält, sind aus dem Jahre 1805 und klingen so:

Auch die Freunde und Verehrer Hölderlins können diese Gedichte nicht recht einordnen. Christoph Theodor Schwab, der 1846 die >Sämtlichen Werke< Hölderlins herausgibt, schiebt "Hälfte des Lebens" in das Kapitel mit der Überschrift "Aus der Zeit des Irrsinns" ab. Der Makel des Irrsinns verfolgt den Text nun für die nächsten 100 Jahre!

Kommentar: Bis weit ins 20. Jahrhundert prägt das biographische Faktum der Verrücktheit des Autors die Rezeption dieses Gedichtes. Immer stärker drängt sich die Kunde vom Wahnsinnigen im Turm zwischen Text und Leser und drückt der Lektüre ihren Stempel auf, funktioniert somit als Sinn-gebendes als Vor-Urteil.
Erst in den 20er Jahren stellt sich heraus, dass die Entstehungszeit des Gedichtes bisher falsch datiert war. Es entstand nicht nach 1800, sondern als "Nebenprodukt" einer größeren Hymne ("Wie wenn am Feiertage"), die auf das Jahr 1798 datiert werden kann. Zu diesem Zeitpunkt darf Hölderlins Geisteszustand noch als "normal" bezeichnet werden.
Warum haben diese gelehrten Ärzte und Wissenschaftler aber in diesem Gedicht so deutliche Spuren des Wahnsinns gesehen? Welchen ästhetischen Normen widersprach es, welche inhaltlichen Erwartungshaltungen der zeitgenössischen Lyrikleser wurden hier so herb enttäuscht?
Abschließend eine ganz andere Stimme, die von Marie Luise Kaschnitz, welche Hölderlins Gedicht vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung liest und darin sich selber immer neu wiederfindet:




Schritt 7: Drei Übersetzungen ins Englische: Zum Vergleichen und Bewerten!

The Middle of Life

With yellow pears the land
And full of wild roses
Hangs down into the lake,
You lovely swans,
And drunk with kisses
You dip your heads
Into the hallowed, the sober water.

But oh, where shall I find
When winter comes, the flowers, and where
The sunshine
And shade of the earth?
The walls loom
Speechless and cold, in the wind
weathercocks clatter.

Transl. by Michael Hamburger

Half of Life

With its yellow pears
And wild roses everywhere
The shore hangs in the lake,
O gracious swans,
And drunk with kisses
You dip your heads
In the sobering holy water.

Ah, where will I find
Flowers, come winter,
And where the sunshine
And shade of the earth?
Walls stand cold
And speechless, in the wind
The weathervanes creak.

Richard Sieburth

Half of Life

The land with yellow pears
And full of wild roses
Hangs into he lake
O gracious swans
And drunk with kisses
You plunge your heads
Into the holy, the sober water.

Alas, for where in winter
Shall I come by flowers and where
The sunlight and
The shade of the earth?
The walls stand
Speechless and cold, the wind
Clatters the weathervanes.

David Constantine



Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
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