Über diese Zeitung: Autoren, Anlass, Absicht

GAZETTA DELLO

PORTOCLEMENTE

9.Jahrgang - Nr.152 - Montag, 15. Juli 1926 - 100 lira
- Extrablatt -
Inhalt:

Impressum
Zauberei hautnah
Mord im Paradies
Meinungen
Polizeiberichtsbogen
Zauberei heute

IMPRESSUM:
Gazetta dello Portoclemente
Via Prada # 21
AH 2760 Portoclemente
Mitarbeiter (Texte): Marcus Deimert
Gunnar Gaitzsch
Roy Kaubisch
Martin Körner
Andreas Kuske
Überarbeitung der Texte: Steffen Bennemann
Gestaltung und Internet-Layout: Steffen Bennemann
Um Ihnen, den Lesern dieser aktuellen Sonderausgabe, einen Einstieg in die Thematik dieses Extrablattes zu ermöglichen, möchten wir an dieser Stelle nochmals die Vorankündigung für die skandalträchtige Zaubervorstellung des Signore Cipolla, die am Sonnabend in Torre di Venere stattfand, abdrucken.

Zauberei hautnah

Ein Gastspiel des Forzatore Cipolla in Torre di Venere

Torre di Venere. Eine große Darbietung der magischen Künste erwartet die Einwohner und verbliebenen Gäste von Torre di Venere: Magier Cipolla gibt seine Künste zum Besten. Er beweist wieder einmal, dass er zu den größten Zauberkünstlern Italiens gezählt werden kann. Die Darbietung seiner Künste findet am 13. Juli im großen Saal in der Via Roma statt. Beginn soll gegen 21 Uhr sein. Diese Zauberschau soll den krönenden Abschluss der diesjährigen Badesaison bilden. Die noch hier gastierenden Besucher erwartet ein unvergesslicher Abend voller Magie ein sicherlich gelungenes Ende ihres Urlaubes hier in Süditalien. Die Veranstalter hoffen auf zahlreiches Erscheinen und sind sich sicher, dass die Zuschauer großen Gefallen an Cipollas Kunst finden werden.
Andreas Kuske



Torre di Venere wurde Schauplatz eines grausamen Verbrechens

Mord im Paradies
- Von Martin Körner -

Torre di Venere. In dem Urlaubsort Torre di Venere in Süditalien wurde vorgestern Nacht ein Künstler vor den Augen seines gesamten Publikums ermordet. Wie aus zuverlässigen Quellen zu erfahren war, wurde der ca. 50 bis 60 Jahre alte Signore Cipolla gegen Ende seiner Zaubervorstellung von einem Zuschauer mit einer Pistole niedergeschossen. Der Magier überlebte diese für ihn völlig überraschende Attacke nicht. Offensichtlich hatte der Zauberer den 20 Jahre alten Täter Mario M. vorher für einen seiner entblößden Tricks missbraucht.

An dem genauen Tatmotiv scheiden sich jedoch die Geister. Der Täter soll gegen 23.30 Uhr auf die Bühne geholt worden sein und nachdem er im hypnotisierten Zustand seine innersten Gefühle vor dem Publikum entblößt hatte, zog er plötzlich seine Waffe und schoss. Es gibt aber auch eine Minderheit in Torre di Venere, die Ansicht ist, Cipolla sei vorsätzlich ermordet worden. Doch die Polizei schenkt dieser Version wenig Glauben, da die Vernehmung gezeigt habe, dass besagter Mario M. ein durchaus rechtschaffener Bürger sei.

Trotz der Tragik dieses Unglückes, so der Bürgermeister des Urlaubsortes, sei er froh, dass sich dieser gräßliche Vorfall erst in der Nachsaison ereignet habe, da sich zu diesem Zeitpunkt fast keine Urlauber mehr in der Stadt aufhielten. Darüber hinaus hoffe er, dass das Ansehen des Ortes keine Schaden genommen habe.

Zu diesem aktuellen Thema haben wir nun einige Bürger, die der Vorstellung beigewohnt haben, befragt:

Magdalena Z. aus Antonietti:
"Ich war erschüttert! Als sich der Schuss löste, dachte ich schon, alles wäre zu Ende. Ich war geschockt! Und die Kinder, was ist mit den Kindern? Sie haben doch eine grausige Erinnerung das ganze Leben lang. Ich selbst kann vor Angst nie wieder mit ruhigem Gewissen in eine solche Vorstellung gehen."
Ein junger Herr aus Mailand, der hier nicht mit Namen genannt werden möchte:
"Geschieht ihm recht, diesem Hochstapler! Hätte er wie angekündigt doch lieber eine Zaubervorstellung gemacht. Hypnose, so ein Schwachsinn. Nur das Ende war sein Geld wert."
Oskar J. aus Torre di Venere:
"Nach dem, was dieser Cipolla mit Mario gemacht hat, hätte ich ihn auch umbringen wollen. Ich hätte nur nicht den Mut dazu gehabt. Was nimmt sich so ein heruntergekommener Krüppel heraus, dass er andere Leute so gnadenlos bloßstellt? Ich bin der Ansicht, dass er das bekommen hat, was er verdiente. Meine Anerkennung für Mario..."
Giovanni L., Polizeibeamte in Torre di Venere:
"Ich habe während meiner gesamten Laufbahn noch nie so etwas gesehen. Der hat den Cipolla einfach so erschossen... Mitten in die Stirn hat er ihn getroffen... Es war ein schrecklicher Anblick! Wie kann ein Mensch nur so etwas fertigbringen?

Die Interviews führte Marcus Deimert

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Obwohl die Ermittlungen der Polizei noch nicht vollständig abgeschlossen sind, liegt uns jetzt schon das Vernehmungsprotokoll von dem gestrigen Verhör des Täters, der zur Zeit in der Untersuchungshaftanstalt von Portoclemente inhaftiert ist, vor. Aufgrund des allgemeinen Interesses wird dieses hier veröffentlicht (Name des Täter geändert).

Polizeiberichtsbogen

(beinhaltet Vernehmungsprotokoll des mutmaßlichen Täters)
  • Tatort: Torre di Venere, Saal einer Baracke in der Via Roma
  • Datum: Sonnabend, den 13. 07. 1926
  • Tatzeit: zwischen 23.30 Uhr und 0.00 Uhr, während der Zaubervorstellung des Cavaliere Cipolla
  • Tatwaffe: Minikanone BKK, Kaliber 28, Baujahr 1920
  • Opfer: Signore Cipolla, Alter: 55 Jahre, Größe: 166 cm
  • Mutmaßl. Täter: Luigi Casagrande, Alter: 20 Jahre, Größe: 170 cm
  • Vernehmungsbeamter: Enrico Masteroni
  • Protokollführer: Gunnar Gaitzsch
Vernehmungsprotokoll:

Vernehmungsbeamte (VB): Kannten Sie das Opfer vor der Veranstaltung?
Tatverdächtiger (TV): Außer auf den Plakaten hatte ich diese Person noch nie zuvor gesehen. Sie war mir bis dahin vollkommen unbekannt.
VB: Schildern Sie bitte ihre Version des Tatherganges.
TV: Ich las zufällig auf einem der Plakate von der Vorstellung und entschied mich, diese Zaubershow zu besuchen.
VB: Entschuldigen Sie kam Ihnen der Name des Zauberkünstlers bei der Vorankündigung bekannt vor?
TV: Nein.
VB: Bitte fahren Sie fort.
TV: Von Anfang an, also beginnend mit dem Erscheinen Cipollas, bemerkte ich, dass dieser mich immer wieder beobachtete und von Kopf bis Fuß musterte.
VB: Wenn ich kurz fragen darf: Wie äußerte sich diese "Beobachtung"?
TV: Er blickte oftmals aufmerksam in meine Richtung und versuchte immer wieder, mir in die Augen zu sehen. Ich dagegen versuchte, wegzuschauen, um nicht eines seiner "Werkzeuge" zu werden.
VB: Wann wurden Sie auf die Bühne gerufen und wie fühlten Sie sich in diesem Moment?
TV: Nach etwa zwei Stunden holte er mich auf die Bühne. Ich war sehr nervös, wusste ich doch, was er mit meinen Vorgängern angestellt hatte.
VB: Was passierte dann?
TV: Von dem Moment an, als ich auf der Bühne stand und Cipolla in die Augen sah, weiß ich nicht mehr, was geschehen ist. Er schien mich mit bloßem Auge zu hypnotisieren. Ich kann mich lediglich erinnern, dass ich rot anlief und fürchterlich zu schwitzen begann. Sonst weiß ich nichts mehr.
(er beginnt zu schluchzen und unterdrückt die Tränen)
Ich wollte es doch nicht! Hören Sie, ich wollte mich ihm nicht einfach so hingeben! Ich konnte doch nicht anders!
VB: So beruhigen Sie sich doch!
TV: (weinend, er stammelt, wird laut)
Was hätte ich denn tun sollen? Sagen Sie mir... Was denn? Um Himmels was?
VB: Ruhig, ruhig. Protokollführer, wir machen eine kurze Pause.
VB: Fühlen Sie sich in der Lage, weitere Fragen zu beantworten?
TV: Ja.
VB: Gut. Was geschah nach der Hypnose?
TV: Ich erwachte erst aus meinem Trance-Zustand, als Cipolla seine gräßliche Reitpeitsche benutzte. Ich dachte erst nur daran, die Bühne sofort zu verlassen, da mir das Ganze einfach unheimlich war. Auf einmal erinnerte ich mich seltsamerweise, was der Zauberer mit mir angestellt hatte. Als ich mich einige Meter entfernt hatte, zog ich meine Pistole, drehte mich um und schoss, ohne überhaupt zu überlegen, auf den Magier.
VB: Führen Sie stets eine Pistole mit sich?
TV: Ich trage sie zu meinem Schutze. Ich habe sie vorher noch nie genutzt.
VB: Sie wollten den Cavaliere also gar nicht umbringen?
TV: Dass ich ihn damit töten könnte, wurde mir erst klar, als ich die Schüsse schon abgegeben hatte. Wie im Reflex hatte ich einen Ausweg aus meiner verblendeten Situation gesucht. Ich war total verwirrt. Außerdem hatte ich das Gefühl, etwas gegen Cipolla unternehmen zu müssen, da ich diese Demütigung nicht auf mir sitzen lassen wollte. Ich habe ihn dafür so unendlich gehasst ... und Wut macht bekanntlich blind. Dies soll nicht als Entschuldigung dienen ich bereue den Tod von Cipolla keinesfalls, ebensowenig wie die mögliche Verurteilung meinerseits. Es mag verrückt klingen, aber ich glaube, den Menschen im Saal und wer weiß wem noch einen großen Dienst erwiesen zu haben.

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Möglichkeiten und Gefahren der Kunst der Magie

Zauberei heute

Vor 200 Jahren wäre ein Fernsehgerät den Menschen wie Zauberei erschienen, weil niemand hätte sagen können, wie es funktioniert. Auch heute sehen manche Zauberei in Dingen, die durch Wissenschaft und Logik nicht erklärt werden können. Zauberei, auch Magie genannt, bedeutet jedoch weitaus mehr: man bezeichnet damit außerdem besondere Kräfte, die nur wenigen Menschen zugeschrieben werden können. Wo der Glaube an die Kräfte der Magie noch stark ist, wie beispielsweise auf Haiti, ist der Stammespriester eine bedeutende Persönlichkeit. Wer Rat und Hilfe in Angelegenheiten seines Lebens braucht, befragt diesen "Schamanen", der über besagte magische Kräfte verfügen soll. Man glaubt, dass der Schamane mit der Welt der Geister in Kontakt steht und daher Zeichen deuten und in die Zukunft sehen kann. Häufig werden in diesen Stammesgruppen auch Talismane getragen oder rituelle Handlungen vollzogen, um sich vor bösem Zauber und Dämonen zu schützen.

Eine andere Form der Magie ist das Wahrsagen. Manche Menschen glauben, dass man aus den von Spiegeln, Glas oder Wasser reflektierten Bildern die Zukunft lesen kann. Mit solchen Fällen beschäftigen sich die Wahrsager, zu ihrem Handwerkszeug gehören u.a. Krisallkugel und Tarot-Karten.

Auch Hypnose gilt als eine Form der Zauberei. Sie wird heutzutage jedoch auch in der Medizin, vor allem in der Heilkunde, verwendet. Durch sie können die Vergangenheit aufgearbeitet und das Unterbewußtsein aufgedeckt werden. So kann man mit ihrer Hilfe traumatische Erlebnisse besser analysieren und die betroffene Person dadurch heilen. Doch wie fast jede Form der Zauberei kann auch die Hypnose für gute wie für weniger gute Zwecke gebraucht werden. Der persönliche Wille des "Opfers" kann völlig unterdrückt werden, der Betroffene ist seinem Hypnotiseur vollkommen ausgeliefert. Dadurch wird ein vollkommene Manipulation von Körper und Geist des Patienten bzw. des Opfers möglich eine Gefahr, der sich sowohl Hypnotiseur als auch der Betroffene bewußt sein sollten.

Harmlos dagegen die Tricks der derzeit angesagten Zauberkünstler, wie etwa David Copperfield oder Siegfried & Roy. Sie sind pure Illusionisten, ihre auf atemberaubenden Kunststücke sind nichts weiter als raffinierte Tricks, die dem Zuschauer scheinbar unerklärliche Wunderdinge vorgaukeln.
Roy Kaubisch


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© Klasse 10a des Thomas-Mann-Gymnasiums Oschatz, Juli 1999
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