Naturlyrik Überlegungen und Arbeitsvorschläge


Exemplarische Textarbeit am Beispiel von Fr. Hölderlin: Die Eichbäume

Vorarbeiten:

  Was wissen wir über den Autor?
* Lauffen, Nürtingen, Theologie-Student, Hauslehrer, unglückliche Liebesaffaire mit Hausherrin in Frankfurt, über 30 Jahre „Umnachtung“ im Tübinger Turm

  Assoziationen zum Titel, Erwartungen
- mächtig, standhaft, majestätisch, beruhigend, groß, alt, dick, zeitlos, andere Zeitdimension, geheimnissvoll, unfassbar, stark
- Hüter der Früchte, Nahrung für Eichhörnchen
- Behausung, Lebensraum, Schatten- und Lebensspender (Fotosynthese), Wirtschaftsfaktor
- raschelnde Blätter, lauschiger Ort

Annäherung an den Text, erste Eindrücke und Interpretationshypothese
  intensiv, ehrfürchtig, wehmütig, Sehnsucht nach dem Unerfüllbaren, Haltung des lyrischen Ich respektvoll, andächtig, elegisch, melancholisch.
  eine erste Lektüre legt den Schluss nahe, dass sich das Gedicht mit dem Unterschied zwischen der geordneten Lebenswelt der Menschen und der freien‘ Natur in Gestalt der Eichen beschäftigt.

Vertiefung durch detaillierte Lektüre mit Gliederungsansätzen
  Formbeschreibung:
Keine Strophenstruktur, innere Ordnung statt äußerer Form
Hexameter: klassisches Versmaß, sechs Hebungen, frei in der Anzahl der Senkungen, kein Reim, ermöglicht größere Satzstrukturen über mehrere Zeilen (Enjambements) und erzwingt einen längeren Atem,
es erlegt andererseits dem Sprecher keine rhythmischen Zwänge auf

  Wer spricht, zu wem, in welcher Situation?
Das lyrische Ich wandert aus dem Bereich der von Menschen kultivierten Natur („Gärten“) in die aus seiner Sicht freie, sich selbst überlassene Natur. Die Betrachtung der Eichen - nicht als Wald, sondern als eine Gruppe von Individuen - löst in ihm eine Reflexion seiner eigenen Lebenssituation aus

  Sinn-Abschnitte:
Zeile 1 - 3: Situationsbeschreibung, Andeutung der Gegenüberstellung von gezähmter Natur und „freier‘ Natur, Charakterisierung der Gärten vornehmlich durch Adjektive („gepflegt“, „geduldig“, „häuslich“, „mit dem Menschen zusammen“)
Zeile 4 - 13: Betrachtung und Lob der freien Existenz, eingeleitet durch eine doppelte Anrufung (Invokation), im weiteren Gedankengang wird die Stellung der Eichen zwischen Erde (Wurzeln) und Himmel hervorgehoben, unterstrichen durch eine Reihe von Vergleichen und Metaphern, die vorherrschende Wortart ist auch hier das Adjektiv. Der Gedankengang mündet in die Schlüsselbegriffe „eine Welt“ „jeder ein Gott“ und„ freier Bund“ (Z. 23,13), die Utopie eines Lebens in vollkommener Autonomie und Harmonie.

Zeile 14 - Schluss: Reflexion der eigenen Existenzform im Vergleich zu der Existenzform der Eichbäume: keine Autonomie, stattdessen Gebundenheit an die Gesellschaft, aber Bindung durch Liebe. Dieser ABschnitt ist durch die Verwendung des Konjunktiv gekennzeichnet, (könnt“, würd“) der die Unvereinbarkeit der beiden Welten ausdrückt.

  Zusammenfassung/Abstraktion: Was ist Natur, wofür steht sie?
Natur ... unerreichbares Ideal, eine gelungene Gegenwelt
Autonomie als beneidenswerte, unerreichbare Existenzform
Erinnerung an die eigene Unvollkommenheit und den Antagonismus von Natur und Kultur (Eichbaum vs. Garten)
Dies erklärt den elegischen Grundton: Das lyrische Ich weiß, dass das Ideal einer gelungenen Existenz nie Wirklichkeit werden kann. Dennoch darf er es nie aus den Augen verlieren.

  Versuch einer Einordnung:
Ein biografischer Bezug ist nicht von der Hand zu weisen, die Entstehungszeit des Gedichtes legt nahe, dass Hölderlin unter der „Gesellschaft“ und ihren Konventionen, denen er sich als Hauslehrer unterzuordnen hatte, litt („Knechtschaft“).
Dennoch geht die Aussage des Gedichtes weit über die individuelle Lebensproblematik des Autors hinaus. Sie thematisiert den allen Menschen eigenen Widerspruch von Gebundenheit und dem Verlangen nach Unabhängigkeit.

Abschließende Überlegungen:
Es handelt sich nicht nur um ein Naturgedicht, sondern auch um ein Weltanschauungsgedicht. Der Autor beschäftigt sich mit der dem Zwiespalt in der menschlichen Existenz: die Ambivalenz von Gebundenheit („geselliges Leben“, Knechtschaft“) und Freiheit. Dabei wird auch „Liebe“ als ein Element der Unfreiheit angesehen. Allerdings könnte Liebe auch dabei helfen, mit und in der„ Knechtschaft“ zu leben.
Die Frage stellt sich, ob es überhaupt Naturgedichte geben kann, die nichts anderes aussagen, als das, was Natur darstellt: reine Naturbeschreibungen? Ist die literarisch gestaltete NATUR nicht immer eine Konstruktion, in der sich die Bedürfnislage des Dichters ausdrückt: sein Glück, seine Sehnsucht, seine Befürchtungen?

(cc) Klaus Dautel, 2015

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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