Naturlyrik Überlegungen und Arbeitsvorschläge

Interpretationen zur freien und kritischen Verwendung


Das vorliegende Gedicht entstammt J. W. von Goethes Zyklus mit dem nüchtern und zugleich exotisch klingenden Titel „Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten“ aus dem Jahre 1827. Die Jahreszahl lässt das Gedicht in das Alterswerk des Dichters einordnen, der Titel des Zyklus’ sowie die titelgebende erste Zeile "Dämmerung ..." weisen auf das Genre Naturlyrik im weiteren Sinne hin.

Die ersten Leseeindrücke erwecken das Gefühl einer fast magischen nächtlichen Ruhe, in der jedoch etwas geschieht, was auf das lyrische Ich be-„sänftigend“ (Z.16) wirkt. Dies überrascht zunächst, erscheint doch die Szenerie geisterhaft und nebulös. Das Gedicht fokusiert ja einen Zeitraum, in dem das Tageslicht abwesend ist und andere Lichtquellen andere Wahrnehmungen ermöglichen: das abendliche Zwielicht, die mondbeglänzte Nacht und die Kühle. Assoziationen von Geistern über den Wassern, auch von mitternächtlichem Schaudern sind naheliegend. Vieles deutet auf ein romantisch-gruseliges Nachtgedicht hin. Was daran besänftigend sein kann, wird also herauszufinden sein.

Das Gedicht ist sehr regelmäßig gebaut: Es besteht aus zwei achtzeiligen Strophen, die jeweils noch in zwei Vierzeiler untergliedert werden. Jeder Vierzeiler bildet zugleich auch eine syntaktische Einheit, einen Satz. So entsteht eine Struktur von vier Sinneinheiten. Das Metrum ist ein vierhebiger Trochäus, der konsequent durchgehalten wird und an keiner Stelle gegenrhythmisch unterbrochen werden kann. Der Kreuzreim ist ebenfalls durchgehend, jede zweite Zeile endet mit einer Hebung, wodurch beim Zeilensprung regelmäßig zwei Hebungen aneinanderstoßen und zu einer Pause zwischen der zweiten und dritten Zeile zwingen oder auch nur anregen. Mit diesen wechselnden Kadenzen korrespondieren die Enjambements in den übrigen Zeilen, die einen natürlicheren Sprachfluss ermöglichen.

Auffällig sind die Verben, welche - mit der Ausnahme: ruhen (Z. 7) - alle Bewegung und Unruhe ausdrücken: senken, schleichen, schwanken, scherzen, zittern. Diese Bewegungen sind jedoch von verhaltener, zurückgenommener Dynamik, sie unterstützen dadurch den Gesamteindruck eines eher langsamen, allmählichen Geschehens: Die Nacht fällt nicht über die Welt herein, sie „schleicht“ sich ein, sie legt sich über die Welt. Möglicherweise ist dies eine der Ursachen für die besänftigende Wirkung auf das lyrische Ich. Auffällig schließlich ist die Abwesenheit von ausgewählten Metaphern und Vergleichen, aber fast alle Naturphänomene werden durch die zitierten Verben lebendig gemacht - mit anderen Worten: personifiziert oder animiert.

Die ersten beiden Quartette sind dem Zwielicht, dem Zustand zwischen Dämmerung und Mondaufgang, gewidmet. Das Präteritum „senkte“ in der ersten Zeile positioniert das lyrische Ich in dieses Zwielicht, die üblichen Orientierungsmöglichkeiten, Nähe und Ferne, sind „schon“ (Z. 2) verschwunden, „doch“ als Vorbote eines helleren Sternenhimmels erscheint der Abendstern. Aber noch scheint die Dunkelheit undurchdringlich, die Orientierung ist verloren gegangen, die Ordnung der Dinge („alles“, Z.5) durcheinandergeraten. Die Farbe ist aus der Welt gewichen, im See spiegeln sich nicht Himmel und Wolken sondern tiefschwarze Nacht. Die Adjektiv-Fügung „schwarzvertieft“ intensiviert diesen Eindruck ebenso wie der Plural im Wort „Finsternisse“ (Z. 7). Es herrscht Ruhe, im und auf dem Wasser, vielleicht kann von einer angespannten Ruhe gesprochen werden, in der die Dinge noch unentschieden der weiteren Ereignisse harren.

Die zweite Strophe setzt ein mit dem Wörtchen „Nun“! Damit tritt das lyrische Ich als Beobachter und Teilhaber dieses Geschehens deutlicher in das Gedicht ein. „Nun“, mit dieser Zeitangabe, kommt auch Dynamik in das nächtliche Ereignis, zwar zuerst noch als Ahnung (Z.10), dann aber als Wahrnehmung, die immer deutlichere Konturen gewinnt: Im Wasser bewegen sich feingliedrige Pflanzengeflechte („Haargezweige“, Z. 11), die Natur belebt sich, sie treibt in einem nun anderen Licht („Mondenglanz und Glut“, Z. 10) ihr eigenes Spiel. In „Lunas Zauberschein“ (Z.14) ereignen sich geisterhaft anmutende Licht- und Schatten-Spiele. Dieses Naturschauspiel ist magisch und unwirklich, aber es löst beim lyrischen Ich ein synästhetisches Erlebnis aus, das „Auge“ spürt die „Kühle“ (Z. 15), die Kühle wirkt sich auf dessen Gemüt, hier mit der Synekdoche „Herz“ (Z. 16) bezeichnet, „sänftigend“ aus.

Dieser Schluss scheint überraschend zu kommen, denn Dunkelheit und Kühle können auch Schaudern und Verlorenheitsgefühle auslösen. Man denke hier z.B. an das Motiv der „Nacht“ in romantischen Eichendorff-Gedichten, in denen immer auch ein geheimnisvolles „Grauen“ mitschwingt (vgl. „Zwielicht“). Nicht so bei Goethe: Die Naturerfahrung erweist sich als positiv, weil die Natur selbst Positives bewirkt. Ihr Prinzip ist Harmonie, Ausgleich der Gegensätze, und die besänftigende, beruhigende Wirkung der Natur wird besonders nachts spürbar, wenn der Mensch ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist. Dann kann er entweder schlafend, träumend sich und die Sinne verschließen, er kann sie aber auch öffnen und zu gesteigerten Wahrnehmungen gelangen. Diese intensiv wahrgenommene nächtliche Natur ängstigt dann nicht, sondern bringt das vom Tag erhitzte Gemüt ins Gleichgewicht. Vielleicht lässt sich auch die kunstvolle Wohlgeformtheit des Gedichtes unter diesem Vorzeichen lesen: Die Kunst eifert der Natur nach, indem sie in ihren Werken Ordnung und Maß wiederfinden lässt.

(cc) Klaus Dautel, 2015

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