Spießer und Literaten Auch eine Literaturgeschichte

    Der Kleinbürger im 20. Jh.

H.M.Enzensberger: „Wir Kleinbürger”

"Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums" heißt ein Beitrag Hans Magnus Enzensbergers zum "Kursbuch 45", das 1976 erschien und insgesamt das Thema „Wir Kleinbürger" behandelt. Enzensberger beschreibt im Tonfall ironischer Bewunderung das Kleinbürgertum, „wozu ich mich zähle" als „die experimentelle Klasse par excellence" wider alle Vorhersagen, namentlich die marxistischen, „voller Überlebenskraft", zwar ohne reale Macht, aber kulturell und zivilisatorisch ein Welterfolg.

Auszüge daraus wurden im [http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41146951.html SPIEGEL 38/1976] veröffentlicht unter dem Titel: "Was ist so verführerisch am Freizeithemd?"
"Das Kleinbürgertum verfügt in allen hochindustrialisierten Gesellschaften heute über die kulturelle Hegemonie. Es ist zur vorbildlichen Klasse geworden, der einzigen, die im maßenhaften Maßstab die Lebensformen des Alltags produziert und für alle andern verbindlich macht. Sie besorgt die Innovation. Sie legt fest, was für schön und erstrebenswert gilt. Sie bestimmt, was gedacht wird. (Die herrschenden Gedanken sind nicht mehr die der Herrschenden, sondern die des Kleinbürgertums.) Sie erfindet Ideologien, Wissenschaften, Technologien. Sie diktiert, was Moral und Psychologie bedeuten. Sie entscheidet darüber, was im sogenannten Privatleben "läuft". Sie ist die einzige Klasse, die Kunst und Mode, Philosophie und Architektur, Kritik und Design erzeugt. [...]
Jede alternative Regung innerhalb unserer Kultur hat das Kleinbürgertum unverzüglich enteignet und absorbiert -- es genügt, an das Beispiel der Rock-Musik zu erinnern, die ursprünglich eine autonome Äußerung von jungen Proletariern war, ebenso wie fünfzig Jahre zuvor der Jazz. Selbst ursprünglich ganz subversive Ideologien wie die des Anarchismus oder des Marxismus sind heute großenteils von der kleinen Bourgeoisie in Beschlag gelegt.
Die Frage also bleibt: was ist so einzigartig, so verführerisch am Tischfeuerzeug, am Pepsodent-Geschmack, [...] am Hobby-Raum, an Sesame Street, an der Plastik-Zitrone, an der Verhaltensforschung, an Emanuela, an Deodorants, am Sensivity Training, an der Polaroid-Kamera, an der Auslegeware, an der Para-Psychologie, an Peanuts. an der Metallic-Legierung, am Freizeithemd [...]?
Ist gegen das, was unserer Klasse einfällt, wirklich kein Kraut gewachsen? Wird es niemandem erspart bleiben, auch den Kongolesen nicht, sich mit Unterhosen auszurüsten, die ein französischer Designer entworfen hat? Müssen auch die Vietnamesen Valium schlucken? Führt kein Weg vorbei an der Verhaltenstherapie, an der Concorde, an Masters & Johnson, an der Curriculum-Forschung?
Und die Polstergarnitur in lederähnlichem, atmungsaktivem, schmutzunempfindlichem Material, mit Sitz- und Rückenkissen aus Polyätherschaum, fahr- und drehbar durch Chromrollen. Dieses traumhaft schöne, günstige Einzelstück, das mich rücksichtslos verfolgt, das, wie der Igel im Märchen, immer schon da ist, auf dem Geburtstagsfest, im Fernsehen ..."
Vollständig zu lesen unter dieser Adresse: SPIEGEL 38/1976

 

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(cc) Klaus Dautel, 2015

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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