KABALE UND LIEBE

Bürgerliches Trauerspiel (Def.)

Entstehung

Der Flucht- und Weggefährte Schillers, Andreas Streicher, berichtet in seinen "Erinnerungen":

"Die Freunde, die unterdessen alles aufgezehrt hatten, was sie besaßen, und deren Not schon so groß war, daß der Dichter seine Uhr verkaufen mußte, hatten die letzten vierzehn Tage im "Viehhof" zu Oggersheim ganz auf Borg gelebt (=Pump), wo man denn auf der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen konnte, was die beiden Herren täglich verbraucht hatten. - Schiller erhielt für den "Fiesko" gerade so viel, um besagte Kreidestriche löschen zu lassen und die Reise bis Bauerbach bestreiten zu können. - Am letzten Novembertag brach er von Oggersheim, begleitet von Freunden, die dem allen wert gew3ordenen Dichter Lebewohl sagen wollten, bei starker Kälte nach Worms auf. Hier verabschiedete sich, nach einem Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, munter die Mannheimer Runde."

Hier trennen sich auch die Wege von Streicher und Schiller, die zusammen am 22. September 1782 in der Nacht die Flucht von Stuttgart nach Mannheim angetreten hatten. Henriette Frau von Wolzogen, die selbst Söhne in der Akademie Karl Eugens hatte, nimmt Schiller bei sich im abgelegenen Gut Bauerbach bei Meiningen (Thüringen) auf, von wo er im Dezember dann an Streicher schreibt:

"Endlich bin ich hier in Bauerbach, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich soll meine dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören.
Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung und alle diese Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und willigste besorgt.
Ich kam abends hierher - zeigte meine Briefe vor und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt, wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten herbeigeschafft hatte." (Schiller an Streicher , 8.12.1782)
In den nächsten Monaten arbeitet Schiller hier an seiner "Luise Millerin". Dies teilt er im Februar 1783 dem Intendanten des Mannheimer Theaters, Reichsfreiherr von Dalberg, folgendermaßen mit:
"Euer Exzellenz scheinen ... noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, nehme ich mir die Freiheit, einiges von der "Luise Millerin" vorauszusagen.
Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der Verwicklung der Handlung hat dieses Trauerspiel auch den Mangel, daß Komisches mit Tragischem, Launen mit Schrecken wechselt ... Wenn diese Fehler, die ich eurer Exzellenz mit Absicht vorhersage, für die bühen nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit dem Übrigen zufrieden sein werden." (Schiller an Dalberg, 3.4.1783)
Dalberg hatte zuvor das Manuskript des "Fiesko" zur weiteren Überarbeitung zurückgegeben, Schiller konnte aber das Manuskriptes an den Mannheimer Buchhändler Schwan für 50 Gulden verkaufen - siehe oben; die Nachricht von dem "Bürgerlichen Trauerspiel", das Schiller gerade verfasst, weckt jedoch Dalbergs Interesse und er bietet ihm im Sommer 1783 die Stelle eines Theaterdichters an mit der Verpflichtung, drei bühnenreife Stücke pro Jahr zu liefern und dem Intendanten als Dramaturg zur Verfügung zu stehen. Honorar: 300 Gulden pro Jahr.

Andreas Streicher besucht mit Schiller zusammen im April 1784 die Aufführung von "Kabale und Liebe" in Mannheim. Er berichtet:

"Um der Aufführung ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller auf einer Loge bestanden und mich dahin eingeladen.
Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd, erwartete er das Aufrauschen des Vorhangs. Aber als nun die Handlung begann - wer vermöchte den tiefen, erwartenden blick, das Spiel der untern gegendie Oberlippe, das Runzeln der Augenbrauen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde, den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete Stellen, diese auch hervorbrachten - wer könnte dies beschreiben? - Während dem ganzen ersten Akt entschlüpfte ihm kein Wort und nur zum Schluß wurdeein "es geht gut" gehört.-
Der zweite Akt wurde sehr lebhaft, und vorzüglich der Schluß desselben mit so vielem feuer dargestellt, daß, nachdem der vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer, auf ganz ungewöhnliche Weise, sich erhoben und in stürmisches, einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand ud sich gegen das Publikum verbeugte." (Friedrich Schiller, Werke und Briefe in zwölf Bänden, hrsg. von Gerhard Kluge, Frankfurt 1988 S.1360)
In der "Gothaischen Gelehrten Zeitung" vom 29.5.1784 schreibt der Rezensent:
"Dieses ist das dritte Trauerspiel, womit Hr. Schiller, der sich jetzt als Thaterdichter bei der Mannheimer Schauspielgesellschasft aufhält, die deutsche Bühne bereichert. Aus seinen zwei ersten Stücken, Die Räuber und Die Verschwörung des Fiesko zu Genua, kennt man bereits seine Manier, kennt ihn als Maler schrecklicher Szenen, und Schöpfer Shakespearscher Gedanken, und so findet man ihn auch hier. Zwar möchte vielleicht die Prädilection (=Vorliebe) einiger Leser für seine vorigen Stücke ... dieses jenen etwas nachsetzen. Aber es hat wirklich herrliche Szenen, und die Charaktere sind vortrefflich durchgeführt. Sollte der Präsident und der Hofmarschall, jener zu abscheulich, und letzterer für ein Trauerspiel zu komisch erscheinen, so erwäge man, daß die Charaktere auf der Schaubühne etwas übertrieben sein müssen, und daß man, wie Lessing einmal sagte, auch im Trauerspiel lachen dürfe. Glücklicher Weise werden durch unsere neuen Original-Trauerspiele die sogenannten hohen Tragödien, worin die Helden auf Stelzen gehen, und in Sentenzen sprechen, bald ganz von unseren Bühnen verdrängt werden."
Trotz Erfolg beim Publikum wird der Vertrag jedoch nicht erneuert, da am Theater gegen ihn intrigiert wird, der Intendant von Dalberg lässt ihn fallen lässt. Schiller steht wieder ohne Amt und Mittel da und muss Mannheim verlassen. Er zieht nach Leipzig, wo sich Gönner und Gönnerinnen seiner annehmen.

(Quellen: Walter Schafarschik (Hr.), Erläuterungen und Dokumente zu F. Schillers Kabale und Liebe, Reclam Ditzingen 1980
und Friedrich Schiller, Werke und Briefe in zwölf Bänden, hrsg. von Gerhard Kluge, Frankfurt 1988 S.1350 ff)

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