Goethe - E.T.A. Hoffmann - Hesse

Faust - Der goldene Topf - Der Steppenwolf

Vorarbeiten zum Werkvergleich

Harry Haller

Harry Haller (HH) hat mit Faust gemeinsam, dass er sich in einer Lebenskrise befindet, dass er mit dem Gedanken an Selbstmord umgeht, dass sein Vorleben undurchsichtig und vielleicht auch moralisch anrüchig ist.

Diese Lebenskrise hat auch mit dem Lebensalter zu tun. Von Faust wissen wir zwar nicht so genau, wie alt er ist, wir wissen aber, dass er dringend der Verjüngung bedurfte, um seinen Obsessionen nachgehen zu können.

Harry Haller steht vor seinem 50. Geburtstag. Für manche Männer offenbar ein schwieriges Datum, Goethe selbst verfasste eine Novelle mit dem Titel "Der Mann von fünfzig Jahren", denken wir auch an Walter Faber (Max Frisch: Homo faber, 1957) oder an Gustav Aschenbach aus Thomas Manns Novelle "Tod in Venedig" (1911). Dieses Alter scheint dazu angetan, bei den Betroffenen Panikstimmungen auszulösen, ähnlich denen, wie sie Hermann Hesse in einem Gedicht über den ziemlich bedauernswerten „ Mann von fünfzig Jahren" ausdrückt:

Hermann Hesse 1927 Photo Gret Widmann

Von der Wiege bis zur Bahre
sind es fünfzig Jahre,
dann beginnt der Tod.
Man vertrottelt man versauert,
man verwahrlost, man verbauert
und zum Teufel gehn die Haare.
Auch die Zähne gehen flöten,
und statt daß wir mit Entzücken
junge Mädchen an uns drücken,
lesen wir ein Buch von Goethen.
[...]

Harry Hallers Problemlage ist komplexer und verzweifelter als in solcher Altherren-Panik durchscheint.

Wiederkehrende Zustände „ohne Lust und ohne Schmerz" machen ihn „weh und elend“, aber vor allem aggressiv:

„Es brennt in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, etwas kaputtzuschlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst [...], ein kleines Mädchen zu verführen oder einigen Vertretern der bürgerlichen Weltordnung das Gesicht ins Genick zu drehen.“ (S. 31)

Harry Haller ist ein heimatloser Intellektueller in den kritischen Jahren. Er ist ohne feste Heimstatt, ein durch die Welt Getriebener, der sein sentimentales Verhältnis zu bürgerlicher Heimeligkeit und einer sauberen Stube keineswegs leugnet (vgl. S. 19/20, "heimliche Sehnsucht", ebenso S. 32). Er definiert sich selbst jedoch als Bewohner einer "anderen Welt", und die ist zunächst räumlich zu verstehen: Der gegenwärtige Lebensraum ist ihm lediglich Durchgangsstation, keine Bleibe.

Hermann Hesse

Harry Haller liegt des Weiteren mit der Welt der Bürgerlichkeit im Streit, zu keiner Anpassung bereit oder in der Lage; er ist latent unversöhnt: "diese fette, gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen" (S. 31). So definiert er sich jedenfalls bzw. solchen "Stimmungen" gibt er sich zuweilen hin.

Im „Tractat vom Steppenwolf” wird das Bürgerliche als „das Streben nach einer ausgeglichenen Mitte zwischen den zahllosen Extremen und Gegensatzpaaren menschlichen Verhaltens” definiert. (S. 58), der Bürger versuche, sich „in einer gemäßigten und herkömmlichen Zone ohne heftige Stürme und Gewitter” anzusiedeln, dies jedoch „auf Kosten jener Lebens- und Gefühlsintensität, die ein aufs Unbedingte und Extreme gerichtetes Leben verleiht. Intensiv leben kann man nur auf Kosten des Ichs.” (S.59)

Lebensintensität durch Ich-Dissoziation, durch Wissen um die „Fiktion vom Ich” (67) und die Erfahrung einer „Seelenvielfalt”, das verbindet die Figuren Harry Haller und Faust und hier eröffnet der ”Tractat” eine bemerkenswerte Zusammenführung der beiden Werke:

„Wer etwa den Faust auf diese Art betrachtet, für den wird aus Faust, Mephisto, Wagner und allen anderen eine Einheit, eine Überperson, und erst in dieser höhern Einheit, nicht in den Einzelfiguren, ist etwas vom wahren Wesen der Seelen angedeutet. Wenn Faust den ... Spruch sagt: 'Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust', dann vergißt er den Mephisto und eine ganze Menge andrer Seelen, die er ebenfalls in seine Brust hat.” (S. 67)

Harry Hallers Leiden rühre - so führt der Tractat weiter aus - von dem Glauben her, dass er lediglich zwei Seelen in seiner Brust habe: Wolf und Mensch. Seine Befindlichkeit und sein Erleben sind ständig vom Konflikt zwischen Sentiment und Wut, zwischen Bleibenwollen und Fliehenmüssen geprägt, er erfährt seine Existenz als zerrissen und getrieben, aber diese Erfahrung will er nicht beenden, sondern intensivieren: Das ist seine Obsession und seine Krankheit, von der Pablo ihn heilen wollte:

„Ich glaubte, du habest das Spiel besser gelernt. Nun, es lässt sich korrigieren.” (236)

Haller hat den spielerischen Umgang mit "Lust" und "Schmerz" zwar weiterhin nicht erlernt, aber verstanden, dass die Er-Lösung darin bestehen muss, dieses Spiel des Lebens nicht allzu ernst zu nehmen und zu humoristischer Distanz fähig zu sein.

„Einmal würde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal würde ich das Lachen lernen.” (S. 237)
Man beachte die dreifache Unschärfe dieser Aussage: Der Konjunktiv, die unbestimmte Zeitangabe und der Komparativ. Ende offen, alles gut?

Ob dem Ich-Erzähler überhaupt zu trauen ist, ist fraglich: Denn eine auktoriale Erzählperspektive gibt es nicht, lediglich Stimmen und Stimmungen: Dazu gehören der Herausgeber, der Ich-Erzähler selbst, das anonyme Pamphlet vom ”Steppenwolf”, die Figuren Hermine, Pablo. Statt einer Erzähl-Autorität erhalten wir wechselnde Beleuchtungen des Charakters aus verschiedenen Perspektiven. Hier gibt es mehr als einen unzuverlässigen Erzähler. Oder, um ein zentrales Motiv des Romans aufzugreifen: Sowohl Harry Haller als auch der Leser/die Leserin befinden sich im „Spiegelkabinett”.

Wen wundert es dann, dass der Leser /die Leserin ein eigenes Verständnis des Romans pflegt!
Dahingehend sogar, dass der Autor Hesse, der diese Deutungsvielfalt eigentlich angerichtet hat, sich veranlasst fühlt, noch eine hilfreich gemeinte Verstehensanleitung liefern zu müssen. So geschehen in dem „Nachwort” zur Ausgabe des Romans 1942:
„Ich kann und mag natürlich den Lesern nicht vorschreiben, wie sie meine Erzählung zu verstehen haben. Möge jeder aus ihr machen, was ihm entspricht und dienlich ist! Aber es wäre mir doch lieb, wenn viele von ihnen merken würden, daß die Geschichte des Steppenwolfes zwar eine Krankheit und Krisis darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht einen Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung.” (Materialien zu Hermann Hesses „Der Steppenwolf”, herausgegeben von Volker Michels, 2016 S. 160)

 

  

Ohne etwas Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss