Lernforum Deutsch Neue Texte für den interkulturellen Sprach- und Literaturunterricht - Elektronische Welt -

          Keine Tamagotschis mit in den Ballettsaal nehmen! 

          Das kleine elektronische Küken aus Japan, das danach verlangt, per Knöpfchendruck versorgt zu werden, heißt eigentlich Tamagotchi, wobei das "ch" wie "sch" gesprochen wird. 

          Als ich neulich meine Tochter aus der Ballettschule abholte, las ich dort zum ersten Mal die eingedeutschte Version an einer Tür: "Keine Tamagotschis mit in den Ballettsaal nehmen!" (Zur Frage der Rechtschreibung: Tamagotchi oder Tamagotschi?)
           

          Man weiß ja, daß jedes Verbot auch ein Beleg dafür ist, was im wirklichen Leben vorkommt. Also: sechs- bis dreizehnjährige Ballettschülerinnen nehmen offenbar Tamagotchis mit in den Ballettsaal. Man kann sich gut vorstellen, was dann los ist: Mitten hinein in die Tanzübungen zur klassischen Musik piepst so ein Ding. Es muß "gefüttert", "gereinigt" und "unterhalten" werden - alles per Knöpfchendruck. Und wenn das nicht geschieht, dann wird es "krank" und "stirbt", und schon ist eine kindliche Tragödie da.

          In der wirklichen Welt lebendiger Wesen entsteht nach gewohnheits- mäßigem Umgang, nach freundlicher Zuwendung und nach beständiger und oft mühsamer Pflege eine emotionale Bindung. Es wachsen Zuneigung und sogar Liebe. Seltsamerweise kommt es zu einer solchen Verbindung auch zwischen Kindern und diesem kleinen japanischen Modespielzeug. 

          "Papa, kaufst Du uns auch ein Tamagotchi?" fragenCarolin (8) und Anna (4). "Fast jeder hat schon eins, nur wir nicht." - Ich antworte: "Mal sehen, wir wollen noch etwas warten. Das ist doch nur eine Mode." Dabei denke ich im Stillen, daß es bald im Discount-Laden ein Imitat als Sonderangebot geben wird. Wer möchte denn den Kultpreis von 45,-DM für solch einen Quatsch ausgeben! - "Papa, wir wollen aber ein echtes Tamagotchi, nicht so ein nachgemachtes!" - Mit der Idee vom Billigeinkauf wird es wohl nichts werden.

          Auf dem Weg zur Arbeit schalte ich das Autoradio ein. Im dritten Programm wird gerade über die Tamagotchi-Welle diskutiert. 
          Ein Psychologe meint: "Es ist gefährlich, daß die Kinder anstelle des echten Haustieres mit allen dazugehörenden Erfahrungen nur noch das virtuelle Erlebnis bekommen, nämlich eine Haustierpflege, die keine Pflege mehr ist, ein Tier, das gar kein Tier ist, etwas Sterbendes, das gar nicht stirbt." 
          Ein Standesbeamter berichtet von Eltern, die ihren Kindern den Namen "Tamagotchi" geben wollen. Aus seiner Sicht sei über den Geschmack der Eltern bei der Namensgebung nicht zu streiten. Aber der Name müsse wenigstens erkennen lassen, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Da dies bei "Tamagotchi" nicht der Fall sei, müsse er diesem Namenswunsch seine Zustimmung versagen. Vorstellbar seien höchstens Namen wie "Tama" für ein Mädchen "und "Gotchi" für einen Jungen. Einmal hätten Eltern ihrem Zwillingspaar diese Namen gegeben wollen, aber zum Glück seien sie dabei an das Wort "Maskottchen" erinnert worden und hätten sich dann eines Besseren besonnen.

          Auch eine große Frankfurter Zeitung beschäftigt sich dieser Tage unter der Überschrift "Stirbt es oder stirbt es nicht?" mit der Tamagotchi- Seuche. Unterschiedliche Antworten kann man dort lesen. Die einen
          glauben, daß es stirbt, einmal und für immer. Dann bleibe nur noch die Anmeldung auf einem Tamagotchi-Friedhof im Internet, den es tatsächlich gibt. - Eine billige Masche übrigens, um ein Spielzeug zu vermarkten.Ein Hyperlink nach dort ist überflüssig.

          Andere verweisen auf den Reset-Schalter auf der Rückseite des Piepsers, mit dem man das "Tierchen" wieder zum Leben erweckt, zum ewigen Leben geradezu, wenn da nicht die Notwendigkeit der Batterie wäre. Allerdings herrscht Ungewißheit darüber, wie oft eine Wiederbelebung möglich ist.

          Da denke ich: "Jetzt fehlt nur noch, daß demnächst in der Kirche nach dem Sinn des Tamagotchi- Lebens gefragt wird!" Und damit soll das Thema für mich erledigt sein, denn es gibt schließlich Wichtigeres. 

          Als ich am Abend nach Hause komme, ist das erste, was ich höre: "Papa, hast du uns ein Tamagotchi mitgebracht?" 


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