Wilhelm Dilthey

(1833-1911)

Ein Traum

Entwurf seiner Rede zu seinem 70. Geburtstag
Auch in: Gesammelte Schriften Bd. 8, Weltanschauungslehre, Leipzig 1931, S. 218 - 224

Es ist länger als ein Jahrzehnt her. An einem heiteren Sommerabend war ich auf dem Schloß meines Freundes in Klein-Oels angekommen. Und, wie es immer zwischen ihm und mir war, währte unser philosophisches Gespräch bis tief in die Nacht. Es klang noch in mir nach, als ich in dem altvertrauten Schlafgemach mich auskleidete. Lange stand ich dabei noch, wie so manches Mal schon, vor dem schönen Stich der Schule von Athen von Volpato über meinem Bette. Ich genoß an diesem Abend ganz besonders, wie der harmonische Geist des göttlichen Raphael den Streit der auf Tod und Leben sich bekämpfenden Systeme gesänftigt hat zu einem friedlichen Gespräch. Über diese leise aufeinander bezogenen Gestalten ist die Friedensstimmung ausgebreitet, welche zuerst in der Abenddämmerung der alten Kultur die starken Gegensätze der Systeme auszugleichen strebte und die dann auch in der Renaissance in den edelsten Geistern wirksam war. Schlafmüde, wie ich war, legte ich mich nieder. Auch schlief ich sogleich ein. Und alsbald bemächtigte sich ein geschäftiges Traumleben des Raphaelschen Bildes und der Gespräche, die wir geführt hatten. In ihm wurden die Gestalten der Philosophen zu Wirklichkeiten. Und aus weiter, weiter Ferne sah ich von links dem Tempel der Philosophen eine lange Reihe von Männern in den mannigfaltigen Trachten der folgenden Jahrhunderte sich nähern. Sooft einer bei mir vorüberging und sein Gesicht mir zuwandte, mühte ich mich, ihn zu erkennen. Das war Bruno, das Descartes, das Leibniz, so viele andere, wie ich sie mir nach ihren Bildern vorgestellt hatte. Sie schritten die Treppen aufwärts. Wie sie herandrängten, fielen die Schranken des Tempels. In einem weiten Felde mischten sie sich unter die Gestalten der griechischen Philosophen. Und nun geschah etwas, das selbst in meinem Traum mich verwunderte. Wie von einem inneren Zwang vorwärtsgetrieben, strebten sie einander entgegen, um sich zu einer Gruppe zu vereinigen. Zunächst drängte die Bewegung nach der rechten Seite, wo der Mathematiker Archimedes seine Kreise zieht und der Astronom Ptolemäus erkennbar ist an der Weltkugel, die er trägt. Nun sammeln sich die Denker, welche ihre Welterklärung auf die feste, allumfassende physische Natur gründen, die so von unten nach oben fortschreiten, die aus dem Zusammenhang voneinander abhängiger Naturgesetze eine einheitliche Kausalerklärung des Universums finden wollen und so den Geist der Natur unterordnen oder auch resigniert unser Wissen auf das nach naturwissenschaftlicher Methode Erkennbare einschränken. In der Schar dieser Materialisten und Positivisten erkannte ich auch d'Alembert an seinen feinen Zügen und dem ironischen Lächeln seines Mundes, das über die Träume der Metaphysiker zu spotten schien. Und ich sah da auch Comte, den Systematiker dieser positiven Philosophie, dem ehrfürchtig ein Kreis von Denkern aus allen Nationen lauschte.

Und nun drängte ein neuer Zug nach der Mitte, wo Sokrates und die erhabene Greisengestalt des göttlichen Plato sich befanden: die beiden, die auf das Bewußtsein des Gottes im Menschen das Wissen von einer übersinnlichen Weltordnung zu gründen unternommen haben. Da sah ich auch Augustinus mit denn leidenschaftlichen gottsuchenden Herzen, um den viele philosophierende Theologen sich gesammelt hatten. Ich vernahm ihr Gespräch, in welchem sie den Idealismus der Persönlichkeit, der die Seele des Christentums ist, mit den Lehren jener ehrwürdigen Alten zu verknüpfen strebten. Und nun löste sich aus der Gruppe der mathematischen Naturforscher Descartes los, eine zarte, schmächtige, von der Macht des Denkens wie aufgeriebene Gestalt, und wurde wie durch eine innere Gewalt zu diesen Idealisten der Freiheit und der Persönlichkeit hingezogen. Dann aber öffnete sich der ganze Kreis, als die leichtgebückte feingliedrige Gestalt Kants sich näherte, mit Dreispitz und Krückstock, die Züge wie in der Anspannung des Denkens erstarrt der Große, der den Idealismus der Freiheit zu kritischem Bewußtsein erhoben und so mit den Erfahrungswissenschaften versöhnt hat. Und dem Meister Kant entgegen schritt mit noch jugendlichem Gange die Treppen aufwärts eine überstrahlende Gestalt mit sinnend gebeugtem edlen Haupt, in dessen schwermütigen Zügen tiefes Denken und dichterisch idealisierendes Schauen mit der Ahnung eines auf ihn herabkommenden Schicksals sich mischen - der Dichter des Idealismus der Freiheit, unser Schiller. Schon nahten sich Fichte und Carlyle, Ranke, Guizot und andere große Geschichtsschreiber schienen mir diesen beiden zu lauschen. Es überlief mich aber mit einem seltsamen Schauder, als ich ihnen zur Seite einen Freund meiner Jugendjahre, Heinrich von Treitschke, erblickte.

Kaum hatten diese sich zusammengefunden, als nun auch links um den Pythagoras und Herakleitos, welche zuerst die göttliche Harmonie des Universums geschaut haben, Denker aller Nationen sich sammelten. Giordano Bruno, Spinoza, Leibniz. Sonderbar zu sehen - Hand in Hand wie in ihren Jugendzeiten und jugendstark - die beiden großen schwäbischen Denker unserer Nation Schelling und Hegel. Sie alle, die Verkünder einer allverbreiteten geistigen göttlichen Kraft im Universum: die jedem Ding und jeder Person einwohnend, in allem nach Naturgesetzen wirkt: so daß es außer ihr keine transzendente Ordnung gibt und keinen Bezirk von Freiheit der Wahl. Alle diese Denker schienen mir unter den arbeitsschweren Gesichtern dichterische Seelen zu verbergen. Auch entstand unter ihnen eine ungestüm vordringende Bewegung, als zuletzt mit gemessenem Schritt eine majestätische Gestalt in straffer, beinahe steifer Haltung herankam: ich erschrak vor Ehrfurcht, als ich die großen, wie Sonnen leuchtenden Augen und das apollinische Haupt Goethes erblickte: er war in mittleren Jahren, und alle Gestalten, der Faust und Wilhelm Meister, die Iphigenie und der Tasso, schienen ihn zu umschweben: alle seine großen Gedanken über die Bildungsgesetze, die von der Natur hinüberreichen zu dem Schaffen des Menschen.

Aber vergebens liefen geschäftig die Vermittler zwischen diesen Gruppen hin und her - die Ferne, die diese Gruppen trennte, wuchs mit jeder Sekunde - nun verschwand der Boden selbst zwischen ihnen - eine furchtbare feindliche Entfremdung schien sie zu trennen - mich überfiel eine seltsame Angst, daß die Philosophie dreimal oder vielleicht noch mehrere Male da zu sein schien - die Einheit meines eigenen Wesens schien zu zerreißen, da ich sehnsüchtig bald zu dieser, bald zu jener Gruppe hingezogen ward, und ich strebte an, sie zu behaupten. Und unter diesem Aufstreben meiner Gedanken wurde die Decke des Schlafes dünner, leichter, die Gestalten des Traumes verblaßten, und ich erwachte.

Die Sterne schimmerten durch die großen Fenster des Gemaches. Die Unermeßlichkeit und Unergründlichkeit des Universums umfing mich. Wie befreit gedachte ich der tröstlichen Gedanken, die ich dem Freunde in dem nächtlichen Gespräch vorgelegt hatte.

Dieses unermeßliche, unfaßliche, unergründliche Universum spiegelt sich mannigfach in religiösen Sehern, in Dichtern und in Philosophen. Sie stehen alle unter der Macht des Ortes und der Stunde. Jede Weltanschauung ist historisch bedingt, sonach begrenzt, relativ. Eine furchtbare Anarchie des Denkens scheint hieraus hervorzugehen. Aber eben das geschichtliche Bewußtsein, das diesen absoluten Zweifel hervorgebracht hat, vermag auch ihm seine Grenzen zu bestimmen. Zuerst: nach einem inneren Gesetz haben die Weltanschauungen sich gesondert. Hier gingen meine Gedanken zurück auf die großen Grundformen derselben, wie sie dem Träumenden eben in dem Bilde von drei Gruppen der Philosophen sich dargestellt hatten. Diese Typen der Weltanschauung behaupten sich nebeneinander im Laufe der Jahrhunderte. Und nun das andere, Befreiende: die Weltanschauungen sind gegründet in der Natur des Universums und dem Verhältnis des endlichen auffassenden Geistes zu denselben. So drückt jede derselben in unseren Denkgrenzen eine Seite des Universums aus. Jede ist hierin wahr. Jede aber ist einseitig. Es ist uns versagt, diese Seiten zusammenzuschauen. Das reine Licht der Wahrheit ist nur in verschieden gebrochenem Strahl für uns zu erblicken.

Es ist eine alte unheilvolle Verbindung. Der Philosoph sucht allgemeingültiges Wissen und durch dasselbe eine Entscheidung über die Rätsel des Lebens. Diese muß gelöst werden.*

Die Philosophie zeigt ein Doppelantlitz. Der unauslöschliche metaphysische Trieb geht auf die Lösung des Welt- und Lebensrätsels, hierin sind die Philosophen den Religiösen und den Dichtern verwandt. Aber der Philosoph unterscheidet sich von ihnen, indem er durch allgemeingültiges Wissen dies Rätsel lösen will. Diese alte Verbindung muß sich uns heute lösen. Anfang und höchste Aufgabe der Philosophie ist: sie erhebt das gegenständliche Denken der Erfahrungswissenschaften, das aus den Erscheinungen eine Ordnung nach Gesetzen auslöst, zum Bewußtsein seiner selbst - rechtfertigt es vor sich selbst. Es gibt in den Erscheinungen zugängliche Realität: die Ordnung nach Gesetzen; diese ist die einzige Wahrheit, die uns allgemeingültig gegeben ist, auch sie in der Zeichensprache unserer Sinne und unseres Auffassungsvermögens. Dies ist der Gegenstand der philosophischen Grundwissenschaft. Diese Begründung unseres Wissens ist die große Funktion der philosophischen Grundwissenschaft, an deren Aufbau alle wahren Philosophen seit Sokrates arbeiten. Eine andere Leistung der Philosophie ist die Organisation der Erfahrungswissenschaften. Philosophischer Geist ist überall gegenwärtig, wo Grundlagen einer Wissenschaft vereinfacht werden oder wo Wissenschaften verknüpft werden oder wo ihr Verhältnis zur Idee des Wissens festgestellt oder Methoden auf ihren Erkenntniswert geprüft werden. Aber die Zeit scheint mir zu Ende zu gehen, wo es noch eine abgesonderte Philosophie der Kunst und der Religion, des Rechtes oder des Staates gab. Das also ist die höchste Funktion der Philosophie: Begründung, Rechtfertigung, kritisches Bewußtsein, organisierende Kraft, die alles gegenständliche Denken, alle Wertbestimmungen und Zwecksetzungen ergreift. Der so entstehende gewaltige Zusammenhang ist bestimmt, das menschliche Geschlecht zu leiten. Die Erfahrungswissenschaften der Natur haben die äußere Welt umgestaltet, und nun ist die Weltepoche angebrochen, in welcher die Wissenschaften der Gesellschaft auf diese selber steigenden Einfluß gewinnen.

Jenseits dieses allgemeingültigen Wissens liegen die Fragen, um die es sich für die Person handelt, die doch schließlich dem Leben und dem Tode gegenüber für sich allein ist. Die Antwort auf diese Fragen ist nur da in der Ordnung der Weltanschauungen, welche die Mehrseitigkeit der Wirklichkeit für unseren Verstand in verschiedenen Formen aussprechen, die auf eine Wahrheit hinweisen. Diese ist unerkennbar, jedes System verstrickt sich in Antinomien. Das historische Bewußtsein zerbricht die letzten Ketten, die Philosophie und Naturforschung nicht zerreißen konnten. Der Mensch steht nun ganz frei da. Aber es rettet zugleich dem Menschen die Einheit seiner Seele, den Blick in einen obzwar unergründlichen, doch der Lebendigkeit unseres Wesens offenbaren Zusammenhang der Dinge. Getrost mögen wir in jeder dieser Weltanschauungen einen Teil der Wahrheit verehren. Und wenn der Lauf unseres Lebens uns nur einzelne Seiten des unergründlichen Zusammenhangs nahebringt - wenn die Wahrheit der Weltanschauung, die diese Seite ausspricht, uns lebendig ergreift, dann mögen wir uns dem ruhig überlassen: die Wahrheit ist in ihnen allen gegenwärtig.

Dies ungefähr, nur freilich wie einem, der zwischen Traum und Traum wachend liegt, die Gedanken sich kreuzen -das waren die Ideen, denen ich lange nachsann, den Blick auf die sommerliche Pracht der Gestirne gerichtet. Endlich kam ein leichter Morgenschlummer über mich und die Träume, die ihn zu begleiten pflegen. Das Sternengewölbe schien mir heller und heller zu erglänzen, wie das Morgenlicht hereinflutete. Leichte, selige Gestalten zogen am Himmel entlang. Vergebens strebte ich, als ich erwachte, mich dieser glückseligen Traumgebilde zu erinnern. Ich empfand nur, daß die Seligkeit einer höchsten Freiheit und Beweglichkeit der Seele in ihnen sich ausdrückte. So habe ich denn diesen Traum für meine Freunde aufgeschrieben, ob etwas von dem Lebensgefühl, in welchem er ausklingt, sich denselben mitteilen möchte. Angestrengter als je sucht unser Geschlecht zu lesen in dem geheimnisvoll unergründlichen Antlitz des Lebens mit dem lachenden Mund und den schwermütig blickenden Augen. Ja, meine Freunde, lasset uns dem Licht zustreben, der Freiheit und der Schönheit des Daseins. Aber nicht in einem neuen Anfang, abschüttelnd die Vergangenheit. Die alten Götter müssen wir mitnehmen in jede neue Heimat. Nur der lebt sich aus, der sich dahingibt. -Umsonst suchte Nietzsche in einsamer Selbstbetrachtung die ursprüngliche Natur, sein geschichtsloses Wesen. Eine Haut nach der anderen zog er ab. Und was blieb übrig? Doch nur ein geschichtlich Bedingtes: die Züge des Machtmenschen der Renaissance. Was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte. Umsonst werfen andere die ganze Vergangenheit hinter sich, um gleichsam neu anzufangen vorurteilslos mit dem Leben. Sie vermögen nicht abzuschütteln, was gewesen, und die Götter der Vergangenheit werden ihnen zu Gespenstern. Die Melodie unseres Lebens ist bedingt durch die begleitenden Stimmen der Vergangenheit. Von der Qual des Augenblicks und von der Flüchtigkeit jeder Freude befreit sich der Mensch nur durch die Hingabe an die großen objektiven Gewalten, welche die Geschichte erzeugt hat. Hingabe an sie, nicht die Subjektivität der Willkür und des Genusses ist die Versöhnung der souveränen Persönlichkeit mit dem Weltlauf.


Anmerkung

Wilhelm Dilthey wurde am 19. 11. 1833 in Biebrich bei Wiesbaden geboren. Nach einem Studium der Theologie und Philosophie in Heidelberg und Berlin lehrte Dilthey als Professor für Philosophie in Basel (1867-1868), Kiel (1868-1871), Breslau (1871-1882) und Berlin (nach 1882). Gestorben ist Dilthey am 1. Oktober 1911 in Seis bei Bozen.

Im Jahre 1883 hat Wilhelm Dilthey seine programmatische "Einleitung in die Geisteswissenschaften" veröffentlicht, mit der er in einer von positivistischen, vitalistischen und voluntaristischen Ansätzen geprägten Zeitstimmung die Methodik der Geisteswissenschaften abgesichert. Mit psychologischer Einfühlung, dem nachfühlenden und nachempfindenden "Erleben" ist den unterschiedlichen Formen der Verwirklichungen des Menschseins nachzugehen. Die Aufgabe, die geistig-seelischen Strukturen der Individuen und ihrer Schöpfungen, der Kulturgebilde und Objektivierungen der verschiedenen Epochen zu erforschen und diese zu interpretieren, führt Dilthey zur Annahme einer Typologie der Weltanschauungen.
In der Hauptsache ordnet er die Weltanschauungen drei Grundtypen zu, die sich immer wieder zeigen: Es sind dies einmal die Objektivationen des philosophischen Naturalismus, worunter auch der Positivismus und der Materialismus fallen, sodann die Schöpfungen des objektiven Idealismus und schließlich die des Idealismus der Freiheit, bzw. des subjektiven Idealismus. Alle Richtungen ergänzen sich, an sich selbst einseitig, wenn auch aufrichtig und in ihrer Art auf Wahrhaftigkeit aus, zu einem Gesamtbild des menschlichen Wesens. Erst auf diesem Hintergrund ist dem Menschen, dem einzelnen Individuum wie der menschlichen Gesellschaft einer Zeit, die Selbstdeutung und ein begründetes Selbstverständnis möglich.
So weitet sich die vornehmlich in kulturhistorischem Interesse und methodischer Hermeneutik aufgehende Forschung Diltheys bei den von ihm Angeregten zu vielfältigen Formen der Gegenwartsdiagnose und der Anthropologie.

Auch Diltheys Denken müßte sich mit seinen eigenen Ansätzen erfassen lassen. Jedoch ist dies durch die Vielschichtigkeit und teilweise auch die Unabgeschlossenheit seines Werks schwierig.
Nach wie vor werden Aussagen Diltheys daher in unterschiedlichster Weise in Anspruch genommen:
Für Max Scheler gehören Gedanken Diltheys zum Bereich der Lebensphilosophie wie jene Nietzsches und Bergsons. Für Phänomenologen ist Diltheys Werk in ihrer Weise anregend gewesen. Zu verweisen ist zum Beispiel auf Husserls phänomenologische Psychologie. Heidegger und die Existentialisten finden in Dilthey Anregungen zu ihren Konzeptionen der Geschichtlichkeit. Die Hermeneutik Gadamers verdankt Dilthey ebenso Anstöße, wie Vorstellungen Habermas' von der grundlegenden Interessengebundenheit menschlichen Denkens in Erkenntnis und Interesse. Auch Eduard Sprangers Lebensformen, die Soziologie Max Webers, Hans Leisegangs Denkformen, und die typisierende Philosophiegeschichte, wie sie sich zum Beispiel im Werk Alois Dempfs (z. B. Selbstkritik der Philosophie, Metaphysik des Mittelalters) darstellt, wären ohne Diltheys Anstöße kaum denkbar.

Konträre Urteile zu Wilhelm Dilthey:
"Er hatte keine Augen [...] Diltheys Auge hatte den kahlen Blick eines solchen Frettchens, den kahlen Blick dessen, der eindringen, einschlüpfen und drinnen auch etwas wüsten will [...]. Wie riß er [...] nicht [...] das Richtige vom Unrichtigen weg oder von dem was ihm so schien."
Rudolf Kassner - Buch der Erinnerung. Zürich 1954, S. 111f

..."kluges Aufblitzen altersloser Augen [...]. Der Mann hatte ein Auge, das sah im Innern der Erde die Erze gehen in ihren Gängen und übersah nicht das kleinste Fischerboot [...]. Wie lebte nicht in diesen Augen eine geistige Welt und Welten über Welten [...]. Das war Universalität des Geistes."
Hugo von Hofmannsthal, Prosa III, Frankfurt 1952, Wilhelm Dilthey, S. 53 - 56

Gedanken zur Stellungnahme:
Zum Problem muß die Frage des Relativismus werden. Lassen die Unterschiede der Systeme eine vermittelnde Zusammenschau wirklich zu ? Ist nicht der ordnende Blick auf das jeweils Fremde schon dessen illegitime Aneignung (Zerstörung, Entzauberung, Entweihung, Umdeutung) ?
Ergibt sich nicht ein anarchischer Kampf der Werte, wenn ihnen gleichrangiger Wahrheitsbezug zugebilligt wird ?
Wenn der Philosoph von dem Bestreben, "durch allgemeingültiges Wissen dies Rätsel lösen" (s. o.) zu wollen, Abstand nehmen soll, was bleibt als Kriterium ?
Schleichen sich nicht weltanschauliche, diesmal hermeneutische "Metakriterien" notgedrungen wieder ein ?
Ist die Verwirklichung des "Traums" möglich ? Spricht dagegen nicht auch die Geschichte unseres Jahrhunderts ?

Weitere Aufgaben: Kurzreferate jeweils zu einem der von Dilthey erwähnten Philosophen.

Beispiele der Werke Diltheys (Ersterscheinung):
Leben Schleiermachers, Bd. I, 1870
Einleitung in die Geisteswissenschaften, Bd. I, 1883
Bausteine zu einer Poetik (unter d. Titel: Die Einbildungskraft des Dichters, in der Zeller-Festschrift), 1887
Über die Möglichkeit einer allgemein gültigen Pädagogik, 1888
Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, 1894
Beiträge zu Studien der Individualität, 1896
Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften, 1905
Die Jugendgeschichte Hegels, 1905
Das Erlebnis und die Dichtung, 1905 (Ges. Aufsätze über Lessing 1867, Goethe 1877 Novalis 1865 und Hölderlin 1867)
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1910
Die Typen der Weltanschauung, 1911


Werkausgabe:
Dilthey, Wilhelm: Gesammelte Schriften
- , Bd. 1
Einleitung in die Geisteswissenschaften
Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte
Hrsg. v. Groethuysen, Bernhard
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 9. unveränd. Aufl. 1990
ISBN 3-525-30301-7
- , Bd. 2
Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation
Hrsg. v. Misch, Georg
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 11. unveränd. Aufl. 1991
ISBN 3-525-30302-5
- , Bd. 3
Studien zur Geschichte des deutschen Geistes
Leibniz und sein Zeitalter. Friedrich der Grosse und die deutsche Aufklärung. Das achtzehnte Jahrhundert und die geschichtliche Welt
Hrsg. v. Ritter, Paul
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 6. Aufl. 1992
ISBN 3-525-30303-3
- , Bd. 4
Die Jugendgeschichte Hegels und andere Abhandlungen zur Geschichte des Deutschen Idealismus
Hrsg. v. Nohl, Herman
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 6. unveränd. Aufl. 1990
ISBN 3-525-30304-1
- , Bd. 5
Die geistige Welt
Abhandlungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften
Hrsg. v. Misch, Georg
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 8. unveränd. Aufl. 1990
ISBN 3-525-30306-8
- , Bd. 6
Die geistige Welt
Einleitung in die Philosophie des Lebens. Abhandlungen zur Poetik, Ethik und Pädagogik
Hrsg. v. Misch, Georg
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 7. unveränd. Aufl. 1994
ISBN 3-525-30307-6
- , Bd. 7
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften
Hrsg. v. Groethuysen, Bernhard
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 8. Aufl. 1992
ISBN 3-525-30308-4
- , Bd. 8
Weltanschauungslehre
Abhandlungen zur Philosophie der Philosophie
Hrsg. v. Groethuysen, Bernhard
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 6. unveränd. Aufl. 1991
ISBN 3-525-30309-2
- , Bd. 9
Pädagogik
Geschichte und Grundlinien des Systems
Hrsg. v. Bollnow, Otto F
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (Neudr. d. 4. unveränd. Aufl. 1974) 1986
ISBN 3-525-30310-6
- , Bd. 10
System der Ethik
Hrsg. v. Nohl, Herman
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 4. Aufl. 1981
ISBN 3-525-30311-4
- , Bd. 11
Vom Aufgang des geschichtlichen Bewusstseins
Jugendaufsätze und Erinnerungen
Hrsg. v. Weniger, Erich
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 5. unveränd. Aufl. 1988
ISBN 3-525-30312-2
- , Bd. 12
Zur preussischen Geschichte
Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit. Die Reorganisatoren des preussischen Staates. Das allgemeine Landrecht
Hrsg. v. Weniger, Erich
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 5. unveränd. Aufl. 1985
ISBN 3-525-30313-0
- , Bd. 13
Leben Schleiermachers
Erster Band.
1. Halbband: 1768-1802
2. Halbband: 1803-1807
Aufgrund d. Textes d. 1. Aufl. von 1870 u. d. Zusätze aus d. Nachl. hrsg. u. bearb. v. Redeker, Martin
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (Unveränd. Nachdr. d. 3. Aufl. 1979) 1991
ISBN 3-525-30321-1
- , Bd. 14
Leben Schleiermachers
Zweiter Band: Schleiermachers System als Philosophie und Theologie.
1. Halbband: Schleiermachers System als Philosophie
2. Halbband: Schleiermachers System als Theologie
Aus d. Nachl. hrsg. u. Einf. v. Redeker, Martin
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Unveränd. Nachdr. 1985
ISBN 3-525-30316-5
- , Bd. 15
Zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts
Portraits und biographische Skizzen. Quellenstudien und Literaturberichte zur Theologie und Philosophie im 19. Jahrhundert
Hrsg. v. Herrmann, Ulrich
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 3. unveränd. Aufl. 1991
ISBN 3-525-30317-3
- , Bd. 16
Zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts
Aufsätze und Rezensionen aus Zeitungen und Zeitschriften 1859-1874
Hrsg. v. Herrmann, Ulrich
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2. unveränd. Aufl. 1985
ISBN 3-525-30318-1
- , Bd. 17
Zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts
Aus "Westermanns Monatsheften": Literaturbriefe, Berichte zur Kunstgeschichte, Verstreute Rezensionen 1867-1884
Hrsg. v. Herrmann, Ulrich
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2. unveränd. Aufl. 1988
ISBN 3-525-30320-3
- , Bd. 18
Die Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und der Geschichte
Vorarbeiten zur Einleitung in die Geisteswissenschaften (1865-1880)
Hrsg. v. Johach, Helmut;Rodi, Frithjof
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977
ISBN 3-525-30323-8
- , Bd. 19
Grundlegung der Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und der Geschichte
Ausarbeitungen und Entwürfe zum zweiten Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften (ca. 1870-1895)
Hrsg. v. Johach, Helmut;Rodi, Frithjof
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2. durchges. Aufl. 1997
ISBN 3-525-30324-6
- , Bd. 20
Logik und System der philosophischen Wissenschaften
Vorlesungen zur erkenntnistheoretischen Logik und Methodologie (1864-1903)
Hrsg. v. Lessing, Hans U;Rodi, Frithjof
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990
ISBN 3-525-30325-4
- , Bd. 21
Psychologie als Erfahrungswissenschaft
Erster Teil: Vorlesungen zur Psychologie und Anthropologie (ca. 1875-1894)
Hrsg. v. Kerckhoven, Guy von;Lessing, Hans U
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997
ISBN 3-525-30305-X

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