Zu den Abbildungen

Die Bilder sind übermalt und umgestaltet unter Verwendung von Abbildungen folgender Vorlagen:

waecht.gif: Alexej von Jawlensky - Der Wächter, Kunsthalle Mannheim.

jawlensk.jpg: Alexej von Jawlensky - Schräge Augen, 1930.
Das Original (Öl auf Leinwand, 37,7x27,1 cm) ist 1988 für 418.000 DM verkauft worden.

Die großartigen meditativen Bilder Jawlenskys sind in der Wiedergabe des menschlichen Antlitzes Ikonen vergleichbar. Eine Veränderung der Struktur und der Farbgebung beeinflußt die gesamte Wirkung und läßt etwas Neues entstehen.
Bei dem Bearbeiten selbst kommt es zu einem Nachvollzug und Anverwandeln der meditativen Grundlage. Im Gegensatz zur bloßen Betrachtung stellen sich Faktoren der Gegenwart und der Subjektivität des Rezipienten ein.

Neben anderen Veränderungen ist die grundlegende Operation die des Invertierens der Bildvorlage gewesen. So ist das Verhältnis der Farbtöne zueinander zum Teil analog.


circle.jpg: Das Bild ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Albrecht Dürer - Christus unter den Schriftgelehrten. (Disputation). (1506)

Die biblische Vorlage findet sich im Lukasevangelium 2.41 - 2.52.

Die von den zwanzig Fingern gebildete Kadenz erinnert in ihrer Verschlungenheit und gegenseitigen Verweisung an gotisches Maßwerk.
In der Vorlage wollte man oftmals eine Beziehungslosigkeit der dargestellten Menschen beobachten, die alle in unterschiedliche Richtungen sehen.
Dabei ist aber die Struktur des Bildaufbaus übersehen worden: Die Köpfe bilden mit den Büchern und dem Betrachter einen umringenden zweiten Kreis !
Diese vorgebliche, nur auf den ersten Blick sich aufdrängende Beziehungslosigkeit im ganzen findet sich auch in den Händen keineswegs:
Neben dem emblematischen Charakter - man könnte in den Händen eine Art "Rad der Lehre" sehen, also ein dauerndes Geschehen - ist gleichzeitig symbolisch wie real der "Einbruch der Zeit ins Spiel" dargestellt: Der (häßliche) Alte fällt dem zwölfjährigen Jesus ins Wort. Die mit gleichgerichteten Händen als dringlich dargestellte Geste des Einwendens (beide Handflächen nach unten gerichtet) und die Geste des Lehrens (hier übrigens beide Handflächen nach oben gerichtet) mit ihrer gegenläufigen Ausgewogenheit (in sich selbst und im Verhältnis zu dem Einwand) bleiben in geradezu archetypischer Eindringlichkeit im Bewußtsein:

"Wie die zwanzig Finger Christi und des bösen Schriftgelehrten den Eindruck verwickelter Wurzeln oder Ranken statt artikulierter menschlicher Hände hervorrufen, so ist die ganze Komposition aus fragmentarischen Formen aufgebaut, die im Raum schwanken, einander bedrängen, und sich doch zu einer Art von ornamentalem Muster ordnen: ein magischer Ring mit vier Händen im Zentrum."
Erwin Panofsky - Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers, München 1977, S. 155 (zuerst 1943).

"Indem sie dann mit den gleichartig behandelten Händen des antippenden Alten, der Christus in die Rede fällt, zusammenkommen, entsteht in der Mitte des Bildes ein merkwürdiger Komplex von zwanzig Fingern, die man etwa nach Analogie einer spätgotischen Astverschlingung an Becherfüßen oder an Kirchenportalen beurteilen muß."
Heinrich Wölfflin - Die Kunst Albrecht Dürers, München 5. Auflage 1926, S. 183f (zuerst 1905).

Wölfflin beurteilt diese Komposition übrigens als heiter (oder wenigstens als nicht sehr ernst), wie aus seinem folgenden Satz hervorgeht.

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