Zur Situation des Philosophieunterrichts und deren Veränderung am Ende des Jahrhunderts

Hans-Heinrich Fortmann

Warum Philosophieunterricht? Condition humaine

"Sytematisches Philosophieren [ist] nicht ohne gewisse Hilfsmittel möglich, und der Philosophieunterricht soll dazu dienen, sie -wenigstens in ersten Ansätzen- zu entwickeln. Wer einen Nagel in die Wand schlagen will, muß dazu nicht erst den Hammer erfinden". ... "So hat auch der Philosoph eine Art Gedankenwerkstatt, in der es mancherlei gibt, was beim Philosophieren hilfreich ist, z. B. die Arbeitsergebnisse anderer Philosophen." ... "Darüber ein wenig zu wissen, kann bei eigenen Denkbemühungen sehr hilfreich sein." ... "Im Philosophieunterricht läßt sich also lernen, was in exemplarischer Weise durch bedeutende Denker vorgedacht wurde: wie sie dachten und welche Fragen sie gestellt haben." Eventuell könnte es sogar ein Irrweg sein, und dann ist es gut, vom Scheitern anderer etwas zu erfahren. (nach Heller, B. - Einführung in die Philosophie)
Wohl unverzichtbar in einer Zeit, in der allen alles immer zu gelingen scheint.

Als Arbeitsgemeinschaft und als selbständiges Unterrichtsfach hat es Philosophie an den Schulen in Deutschland schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts gegeben. (Man vergleiche beispielsweise G. W. F. Hegels aus dem Unterricht als Direktor des Nürnberger Ägidiengymnasiums entstandenen Erwägungen zum Anfangsunterricht im Fach Philosophie.)
Philosophische Themen sind Gegenstand auch vieler der anderen Fächer, früher insbesondere der alten Sprachen, wenn sie in höheren Klassen unterrichtet wurden, heute als durchgängiges Prinzip z. B. auch des Projektunterrichtes und als Teilgebiet bei der Behandlung der theoretischen Grundlagen der Fächer in der Oberstufe.

Philosophie - ein Ersatzfach?

In der Bundesrepublik, also seit der Mitte des Jahrhunderts, hat die Philosophie es als Fach lange Zeit relativ leicht gehabt. Die Staats-Kirchen-Verträge und Konkordate schrieben konfessionellen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen fest. Religionsmündigen Schülern, die nicht daran teilnehmen wollten, oder auch den jüngeren, die auf Wunsch ihrer Eltern nicht daran teilnehmen sollten, mußte ein Ersatzfach geboten werden, das bestimmte Inhalte wie das Bedenken moralischer und ethischer, erkenntnistheoretischer und ontologischer Fragestellungen mit dem Fach Religion durchaus gemeinsam haben sollte, ohne jedoch die Zielrichtung konfessionell ausgerichteter Bildung und notwendigen biblischen Hintergrundes zu teilen. Unter dieser Voraussetzung war "Philosophie" in Schleswig-Holstein als Fach stets gesichert und unbezweifelter Bestandteil höherer Schulbildung, wenngleich das Fach vor allem außerhalb der Gymnasien und Oberstufen, also zum Beispiel an Realschulen, erst nach und nach eingerichtet wurde, zum Teil erst zu Beginn der achtziger Jahre.

Mit der zum Teil erst späten Einrichtung wollten die Schulverwaltungen und Ministerien einem Trend der zunehmenden Abwahl des Faches Religion aus "Gewissensgründen" bzw. aus Gründen der Religionsfreiheit begegnen: Die betreffenden Schüler sollten keinen unbilligen Vorteil größerer Freizeit und niedrigerer Anforderungen erlangen können.
Als Lehrkräfte wurden, da Fachkräfte oftmals fehlten, neben Lehrern mit vollem Fachstudium häufig Altphilologen eingesetzt, die bei einem Rückbau des Faches "Griechisch" anders zu verwenden waren und von ihren fachlichen Voraussetzungen her von Natur her mit bestimmten Aspekten des Faches "Philosophie" vertraut sein sollten. Fortgebildete Lehrkräfte, die dann die Lehrbefähigung für "Philosophische Propädeutik" erwarben, und oftmals auch die Schuldirektoren (Philosophie als Herrschaftswissen ?), die Stunden zur Verfügung hatten, ergänzten die früher geringe Zahl der Lehrkräfte mit voller universitärer Ausbildung.
In einigen Bundesländern wurde -in Rücksicht auf Lebensnähe, Fassungsvermögen der Schüler und aus Nützlichkeitserwägungen heraus- das Fach auch "Ethik" genannt, ohne daß sich an den Unterrichtsinhalten viel geändert hätte, außer vielleicht einer gewissen beschränkteren Zielausrichtung auf Ethik, Moral und Weltanschauung hin.

Gerecht ist, wenn keiner etwas bekommt?

Nun gab es unter diesen Bedingungen immer schon ein Dilemma: Sollten die Schüler, die am Unterricht im Fach Religion teilnahmen, nicht auch die Möglichkeit haben, Philosophieunterricht zu genießen?
Auf dieses Problem gab es unterschiedliche Antworten:
1. Religion und Philosophie wurden beide unterrichtet. Unterricht in Philosophie war verpflichtend und Religion konnte abgewählt werden. Diese beispielsweise in Nordrhein-Westfalen Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre übliche Lösung konnte das Fach "Philosophie" zwar innerlich aufwerten (es war so keineswegs "nur" "Ersatzfach"), das Problem des Vorteils der Schüler, die sich von "Religion" abmeldeten, war jedoch nicht bewältigt. Zudem wurden die Religionsstunden aus Gründen der Aufsichtspflicht für die abgemeldeten Schüler oft in die Randstunden (die erste oder sechste Stunde) verlegt, was die Tendenz zur Abwahl nur noch verstärkte und später als Prinzip auf Einspruch der Kirchen gerichtlich als nicht rechtmäßig beurteilt wurde.
2. Religionsunterricht fiel aus. Was ausfiel, vor allem in den Mittelstufenklassen, konnte auch nicht mehr abgewählt werden. Ersatzunterricht wie Philosophie durfte also auch ausfallen. Später wurde diese Taktik, die gut zum Ausgleich der schon damals desolaten Lehrerversorgung dienen konnte, verfeinert, indem man Religion für viele Altersstufen schon von vornherein aus den Stundentafeln nahm. Was gestrichen, oder gar nicht vorgesehen war, konnte auch nicht als ausfallend bemängelt werden. Heute sind wir zum Teil in der "dritten Stufe" - nicht die Länder, sondern die einzelnen Schulen selbst sollen für ihre "Stundentafeln", d. h. die Verteilung zur Verfügung stehender Arbeitszeit auf die Fächer verantwortlich sein.
3. Die dritte Antwort deutet sich in folgender Weise an: Entweder schrittweise, oder aber mit einem Schlag werden katholische und evangelische Religion und Philosophie zusammengelegt. Wenn -wie jüngst in Berlin durch Gerichtsbeschluß- weitere Religionen und Konfessionen das Recht auf staatlich bezahlten Religionsunterricht zugesprochen bekommen, verschärft sich der Druck zu einer solchen Lösung eher noch. Brandenburg hat den Weg gewählt, von vornherein ein Fach LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) einzurichten (Informationen im Netz: http://www.brandenburg.de/~mbjs/schule/31ler1.htm). Naturgemäß wenden sich die Konfessionen -zum Teil, wie in Brandenburg, auch mit juristischen Mitteln- gegen eine solche Praxis. Das Geistliche und Geistige verschwinde oder habe immer weniger Raum.
Sie sehen in dieser Regelung neben zurückgehendem oder verhindertem Einfluß auch eine Beliebigkeit der Inhalte, wenn nicht sogar eine Herabstufung religiöser Inhalte und rechtlich einen Verstoß gegen Artikel 7.3 des Grundgesetzes (der inhaltlich übrigens eine Nachfolgeregelung des Reichskonkordats zwischen dem deutschen Reich und dem Vatikan vom 20. Juli 1933 darstellt).
Allerdings hat eine solche "Lösung" auch viele Befürworter; z. B. sind Stundenpläne viel flexibler und damit leichter zu gestalten, wenn nicht zwei oder mehr Kollegen unbedingt für die gleiche Klassenstufe und die gleiche Zeit einzuplanen sind. Auch berechtigte ökumenische Hoffnungen werden wohl letztlich, wiewohl unbeabsichtigt, diese Tendenz fördern.
              
  • Vergleiche auch Hanna Renate Lauriens Bemerkungen zu Hartmut von Hentig (in: Die literarische Welt 6. 2. 99): "Zum fünften Kapitel 'Werte und Sinn - über den Religionsunterricht im säkularen Staat' frage ich nur, warum das seit langem in den meisten Bundesländern praktizierte Modell, 'ein Mischfach Philosophie/Ethik/Religionskunde und den Religionsunterricht je eigenen Ranges und getrennt voneinander zu erteilen', nur beim Vorliegen 'vieler Ressourcen' und bei nicht überlasteten Stundenplänen in Betracht kommen soll."

  • Wie diese Entwicklungen das Fach "Philosophie" an den Schulen beeinträchtigen können, seine Wahrnehmung in den Mittelstufen verhindern oder gar längerfristig zu seiner Abschaffung als reguläres Schulfach führen könnten, ist aber nur ein Aspekt der jüngeren Entwicklung.

    Organisatorische Erdrosselung

    Wichtiger als die genannten Entwicklungen und Verhältnisse sind organisatorische Veränderungen, die das Fach Philosophie (und zu einem Teil auch die musischen Fächer) auszehren.
    An erster Stelle ist hier ein Rückgang der dem Fach zur Verfügung stehenden Stundenzahlen zu nennen. Als Beispiel sei auf die Entwicklung in Schleswig-Holstein verwiesen.
    Zu Beginn der achtziger Jahre umfaßte ein regulärer Philosophiekurs in Schleswig-Holstein sowohl in der elften Jahrgangsstufe, als auch im zwölften und dreizehnten Jahrgang je drei Wochenstunden (wenn auch etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Schüler auf die Fortsetzung im 13. Jahrgang verzichtete, da hier Religion und Philosophie nicht mehr verpflichtend waren). Es standen also in einer Oberstufenlaufbahn eines Schülers neun Wochenstunden auf dem Plan.
    Heute stellt sich die Situation so dar, daß nur noch je zwei Stunden in dem elften Jahrgang und zwei Stunden im zwölften zur Verfügung stehen. Kurse im dreizehnten Jahrgang müssen nicht zustande kommen, es sei denn, eine größere Anzahl (über acht) Schüler besteht auf der zusätzlichen freiwilligen Wahl des Kurses. Zur Verfügung stehen also vier oder im Ausnahmefall sechs Stunden bezogen auf die Schülerlaufbahn.
    Für den Philosophielehrer bedeutet das, daß er statt zwei Kurse in der selben Zeit drei Kurse unterrichten muß. Jeder Kurs darf also auch nur noch zwei Drittel der früheren Arbeitskraft und Vorbereitung kosten.
    Hinzu kommt, daß diese Situation durch eine Organisationsänderung der Oberstufe verschärft wird.
    Während früher Kurswechsel im Laufe der Oberstufe nur in geringem Umfang erfolgten, und dies meist schon zu Beginn des 11. Jahrgangs, liegt durch die Führung des 11. Jahrgangs im Klassenverband und die volle Einrichtung des Kurssystems zu Beginn des 12. Jahrgangs zu diesem Zeitpunkt ein starker Wechsel nahe: oft nicht nur aus freiem Entschluß, sondern weil die Wahl der Leistungskurse das mit sich bringt.
    Die Schüler in den zwei Stunden des 11. Jahrgangs sind also zu einem großen Teil andere, als die im 12. Jahrgang zu unterrichtenden. Jeder wird einsehen, daß unter diesen Umständen aufbauende Arbeit und Vertiefung nur auf der Strecke bleiben können. Man wird bezogen auf die Wirkungsmöglichkeiten des Fachs von mindestens einer Halbierung ausgehen müssen. (Wenn auch das Fach Religion ähnlich betroffen ist, kann hier zumindest öfter auf einen Unterricht in Orientierungsstufe und Mittelstufe zurückgegriffen werden.)

    Verteilung des Kuchens?

    Statt lästgem Fordern, strengem Sollen,
    Sich aufzugeben ist Genuß.
    (Goethe - Eins und alles)


    In inhaltlicher Hinsicht nehmen in den neu eingerichten Fächern die philosophiebezogenen Themen zu. So ist in dem Lehrplan für den sogenannten "vertiefenden Unterricht" von philosophischer Durchdringung die Rede. Auch der neueingerichtete Unterricht im Fach "Wirtschaft/Politik" wird in Bezug der Gesellschafts- und Staatstheorie traditionelle Felder des Philosophieunterrichts abdecken oder berühren. Hinzu kommt, daß "fächerübergreifender Unterricht" in allen Fächern nach den Lehrplänen für die Mittelstufe durchgehende Unterrichtsmethode sein soll. Allein, die Frage, ob dieser "Übergriff" der Fächer zu einer Vertiefung oder zu neuer Oberflächlichkeit führen wird, ist damit nicht beantwortet. Kann es gelingen, wenn alle alles machen?
    Was im Sinne einer Interdisziplinarität in einem "Studium generale" an Universitäten fruchtbar sein kann und was aus der Persönlichkeit des einzelnen Lehrers und einzelner Schüler fruchtbare Ausblicke auf Konsequenzen, Bezüge und Bedingtheiten des einzelnen Faches und seiner Inhalte erlaubt, kann wohl kaum zur Voraussetzung und zum Prinzip allen Unterrichtes werden. Und wenn doch, - die Verluste an zeitlichem Umfang, Kontinuität und Fülle des Philosophieunterrichtes wird diese Entwicklung für einen Lehrer des Faches "Philosophie", der dieses mit Leib und Seele ist, niemals aufwiegen können.

    Hans-Heinrich Fortmann
    Fachschaft Philosophie am Internatsgymnasium Schloß Plön




    Nachbemerkungen zur Literatur:
    Nähere Informationen über die Lage des Unterrichts in Philosophie / Ethik / Praktische Philosophie / Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde in den einzelnen Bundesländern finden sich in sehr abstrakter, dürrer Form (je drei Antworten der Ministerien in je einem Satz) zusammen mit den Empfehlungen der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland e. V. und der Erklärung der Gesellschaft für analytische Philosophie in der Zeitschrift "Information Philosophie", Nr. 4, Oktober 1998, S. 64 - 68. Von der Darstellung des Kultusministeriums Schleswig-Holstein, wie sie dort auf S. 68 wiedergegeben ist, weicht meine Darstellung insofern ab, als dort gesagt wird, daß "Philosophie denjenigen Schülern und Schülerinnen unterrichtet" werde, "die nicht am Religionsunterricht teilnehmen."
    Das ist in der Realität nur manchmal der Fall, da eine genügend große Gruppe in einem Jahrgang zusammenkommen muß. Es wird meist nach Opportunität verfahren.

    Jürgen Hengelbrock hat in einem Aufsatz (Alternative Unterrichtsfächer zum Religionsunterricht in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland. In: Gauger, Jörg-Dieter (Hrsg.) - Sinnvermittlung, Orientierung, Werte-Erziehung, Sankt Augustin 1998, S. 61 - 120) die weltanschaulichen Prämissen und den erzieherischen Auftrag der Fächer LER und Ethik, bzw. "Werte und Normen" im Gegensatz zu dem Schulfach Philosophie herausgestellt und für eine Betonung des Wertes kognitiver Zugänge zur Entwicklung von Moral und Verständigung auch angesichts kultureller Differenzen plädiert.
    Hengelbrock bezieht sich exemplarisch auf die Richtlinien für den Ethikunterricht in Baden-Württemberg (ebda. S. 86). Aus der Tatsache des nicht mehr gegebenen gemeinsamen Wertehorizonts in der Bevölkerung bezüglich zentraler "Lebensfragen wie Sexualität, Ehe, Familie und Arbeit" (und man muß wohl bedauerlicherweise ergänzen: sogar des Rechts) ergäben sich bei allen Versuchen "direkter", d. h. nicht kognitiver, auf affektive Mittel gestützter und praktischer erzieherischer Einwirkung eine Berührung des Erziehungsrechts der Eltern. Da der Ethikunterricht die affektive Verankerung des moralischen Bewußtseins in gemeinsamen Riten und Festen oder Sitten und Gebräuchen etwa des Elternhauses nicht ersetzen und nur unter Banalisierung simulieren kann, der Lehrer im Ethikunterricht also hinter einem wichtigen Gesichtspunkt der diesem Unterricht eigenen Zielsetzungen schon aus prinzipiellen Erwägungen nicht besser gerecht werden kann als jeder andere Lehrer in jedem anderen Fach, kommt Hengelbrock zu dem Schluß:
    "Der erzieherische Wert des Ethikunterrichts ist somit durchaus fraglich." (ebda. S. 87)
    Hengelbrock äußert die Befürchtung, daß das "christlich-abendländische Denken in ein bis zwei Generationen dem Vergessen" (ebda. S. 88) anheimfallen könnte, wenn es nicht unter Betonung kognitiver Bereiche des jeweiligen Unterrichtsfachs als Wissen vermittelt werde. Dieses Fach kann sachgemäß nur "Philosophie" sein, nicht aber eines der anderen "Ersatzfächer". (Daß dabei z. B. auch dem Fach Ethik solche Bereiche zugehören, ist unbestritten, wissensvermittelnde Zugänge werden jedoch systematisch erzieherischen untergeordnet, oder zumindest eingegrenzt - sonst sollte das jeweilige Fach vielleicht auch besser unter anderem Namen firmieren.)
    Hengelbrock weist auch auf die unterschiedlichen Ansichten zur rechtlichen Problematik hin.
    Unter den Befürwortern der rechtlichen Zulässigkeit eines Ersatzunterrichts als Pflichtfach führt er Ruth Dölle-Oelmüller (Dölle-Oelmüller, Ruth - Ethik- und/oder Philosophieunterricht - Ersatz für den Religionsunterricht? In: Zeitschrift für die Didaktik der Philosophie und Ethik 3 / 1995, S. 205) und einen Beschluß des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. 5. 1973 an.
    Mit dem Augsburger Richter Gerhard Cermak (in: Praktische Theologie 3 / 1994, S. 236f) weist Hengelbrock darauf hin, daß ein grundgesetzlich zugesichertes Fehlen einer Pflicht zur Teilnahme am Religionsunterricht in keinem Fall eine Pflicht zur Teilnahme an einem "Ersatzunterricht" herleitbar macht.
    Philosophie - oder ein alternativ benanntes Fach mit kognitiver Schwerpunktsetzung - kann nach diesem Rechtsverständnis nur zusätzliches Pflichtfach im Rahmen des allgemeinen Bildungsauftrags der Schule sein, nicht jedoch über die Teilnahme oder Abmeldung vom Religionsunterricht definiert werden (Hengelbrock, ebda. S. 102).
    Übrigens würde ein striktes Verständnis des Faches Philosophie (oder Ethik usw.) als Ersatzfach auch bedingen, daß es bereits an Grundschulen unterrichtet werden müßte - wie es mit dem Fach "Ethik" in Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen und mit "Philosophieren mit Kindern" in Mecklenburg-Vorpommern in geringem Umfange bereits geschieht (Vergl. Hengelbrock ebda. S. 96).
    In Erinnerung meiner eigenen Schulzeit in NRW kann ich übrigens den Wert eines eigenständigen Faches Philosophie, nicht parallel, sondern je nach Wunsch auch zusätzlich zum Religionsunterricht nur hochschätzen.

    Bei Hengelbrock finden sich auch einige Zahlenangaben zur Teilnahme am Philosophieunterricht (Beispiel NRW / Oberstufe (Sekundarstufe II): als Wahlfach vor 1989: ca. 10 Prozent; nach Einführung der Belegpflicht als Ersatzfach: ca. 30 Prozent; - diese Quote entspricht meiner Kenntnis nach auch den Verhältnissen in Schleswig-Holstein).

    Beiträge und Zahlenangaben zur Situation des Religionsunterrichts beider christlicher Konfessionen und finden sich ebenfalls in Gauger, Jörg-Dieter (Hrsg.) - Sinnvermittlung, Orientierung, Werte-Erziehung, Sankt Augustin 1998.

    Zur Situation in anderen europäischen Ländern vergleiche: Hengelbrock, J. - Lenseignement de la philosophie en Europe: périmé ou indespensable, in: La philosophie en Europe, Paris 1993, S. 671-761. Außerdem, mittlerweile schon älteren Datums: Fey, E. - Beiträge zum Philosophieunterricht in europäischen Ländern, Münster 1978. Ab und an erschienen kürzere Beiträge zu einzelnen Ländern in der Zeitschrift "Information Philosophie", Lörrach.

    Nachtrag 5 / 2001
    In der Zeitschrift des Philologenverbandes "Profil" 7/8 2000, S. 9-13 findet sich eine Darlegung zur Situation des Ethikunterrichts durch Fritz Vomhof unter dem Titel "Konkurrenz der Konzepte".
    Vergleiche auch:
    Reinhard Schillmöller u. a. (Hg.), Ethik als Unterrichtsfach. Münster 2000.
    Im Netz werden meine Erörterungen aufgegriffen von Alfred Rühling (WWU Münster) unter www.kirstin-zeyer.de (Phil. in der Schule).


    Die obige Darlegung ist aus einem knapperen Beitrag zum Jubiläumsheft 150 unserer Schülerzeitschrift "Der Scheinwerfer" erwachsen, das zum fünfzigjährigen Bestehen der Schule (was die Bundesrepublik anbelangt) erschienen ist. Der Scheinwerfer ist damit nach unserer Kenntnis die älteste relativ regelmäßig erscheinende deutsche Schülerzeitung. (Der Scheinwerfer - Jubiläums-Doppelnummer 150, Wankendorf (Plön / Bonn) Dez. 1998 (1999), regulärer Teil S. 64 - 68)



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