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Ethik in Sachsen

Ich weiß, dass ich nichts weiß. (Sokrates)


Aristoteles: Einwände gegen Platons Ideenlehre

Nach: Helmut Seidel, Aristoteles und der Ausgang der antiken Philosophie (Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie), Dietz Verlag 1988

  1. Platons Bewies, dass wissenschaftliche Erkenntnis nur möglich ist, weil allgemeine Ideen als selbständig existierende vorausgesetzt sind, ist nicht zwingend. Aus den charakterisierten Prämissen folgt wohl die Realität des Allgemeinen, nicht aber seine selbständige Existenz.

  2. Würde das Platonische Beweisverfahren konsequent zu Ende gedacht, dann müssten die Platoniker auch Ideen von Kunstwerken, von Nichtsubstantiellem, von Attributen und von Relativem annehmen, wovor sie sich aber hüten.

  3. Die Ideenlehre ist für das wissenschaftliche Erkennen nutzlos, da die Ideen keinerlei anderen Inhalt haben als die sinnlichen Dinge. Die ewigen Idee des Menschen beinhaltet keinerlei andere Charakteristika als die, die auch dem sinnlich-gegenständlichen Menschen zukommen. Die Ideen sind daher nicht nur die "Zwillingsschwestern" der Dinge, sondern "verewigte" Sinnesdinge.

  4. So wie die Ideen keinen Nutzen für die Erkenntnis der Dinge haben, so sind sie auch belanglos für die Existenz der Dinge. Wenn angenommen wird, dass die Ideen völlig unabhängig von den Dingen existieren, dann muss auch zugegeben werden, dass die Dinge unabhängig von den Ideen existieren. Die von Platon aufgerissene Kluft zwischen dem Allgemeinen und Ewigen einerseits und dem Einzelnen und Zeitlichen andererseits ist nicht zu überbrücken. Platons These von der "Teilhabe der Ideen an den Dingen" ist deshalb eine "bloße Metapher", weil sie weder erklären kann, warum die Ideen an den Dingen teilhaben, noch wie sie teilhaben. "Teilhaben" könnten die Ideen an den Dingen nur dann, wenn sie das innere Wesen der Dinge wären. Platons Grundthesen aber widersprechen der Ansicht, dass das wesen nicht außerhalb des Dinges sein kann, dessen Wesen es ist.

  5. Bei näherer Analyse des Verhältnisses zwischen Idee und Sinnesding weist weitere Ungereimtheiten auf. Wenn Idee und Ding, Ideenwelt und wirkliche Welt getrennt voneinander existieren, dann sind beide für sich wiederum Einzelnes gegenüber einem allgemeinen. Diese Dritte müsste dann eine weitere allgemeine Ideenwelt sein, die das Gemeinsame von Ideenwelt und sinnlicher Welt ausdrückt. In bezug auf den Menschen müsste also ein "dritter" Mensch angenommen werden, der als das Allgemeine der Idee des Menschen und des realen Menschen auftritt: Da nun aber diese Vervielfachung der Welten weder für die Erkenntnis noch für die Existenz der wirklichen Welt von Bedeutung ist, erweist sie sich als sinnlos.

  6. Die von Aristoteles vorgenommene Analyse der logischen Verhältnisse, die die Platonischen Ideen zueinander eingehen, weist auf einen fundamentalen Widerspruch innerhalb der Ideenlehre. Platons Konzeption zufolge sind die Ideen substantielle Wesenheiten. Andererseits ist aber die Platonische Ideenwelt hierarchisch geordnet. Die Hierarchie aber basiert auf dem Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnem. Die allgemeinere Idee steht über der weniger allgemeinen. Die Idee des Lebewesens steht über der Idee des Säugetiers und diese wiederum über der Idee des Pferdes. Gegenüber der allgemeineren Idee des Lebewesens erscheinen die Ideen des  Pferdes, der Kuh, des Schafes usw. als einzelne. Die Ideen wurden aber von Platon als das schlechthin allgemeine gesetzt. Jetzt erweist sich aber, dass die gegenüber allgemeineren Ideen Einzelnes sind. Mehr noch: Platon hatte vorausgesetzt, dass das Einzelne sein Wesen vom Allgemeinen empfängt. Also muss auch die Idee des Pferdes ihr wesen von einer allgemeinen Idee empfangen, von der Idee des Lebewesens. Wenn sie ihr Wesen empfängt, ist sie nicht substantiell. Die als substantiell gesetzten Ideen erweisen sich also in bezug auf die allgemeinere Idee als nicht-substantiell. Diesen Widerspruch aber tragen alle "mit sich selbst identischen" Ideen, mit Ausnahme der höchsten Idee. wer soll diesen Wiederspruch aushalten, dass die Ideen als allgemeine und substantielle gesetzt werden, sich dann aber als allgemeine und einzelne, als substantielle und nicht-substantielle erweisen?

  7. Gegen Platons höchst Idee, das "Gute an sich" argumentiert Aristoteles in seiner "Nikomachischen Ethik" in folgender Weise:
    (1) Die Begründer dieser Lehre haben keine gemeinsamen "Ideen" solcher Dinge aufgestellt, bei denen sie von "früher" und "später" sprachen, weshalb sie auch keine die Zahlen umfassende Idee angesetzt haben. Nun wird jedoch "gut" ausgesagt in der Kategorie der Substanz, der Qualität und der Relation, das An-sich aber, die Substanz, ist von Natur früher als die Relation. Diese gleicht ja einem Seitenspross und Akzidens des Seienden. Folglich kann es über den genannten Erscheinungsformen von "gut" keine gemeinsame "Idee" geben.
    (2) Ferner: nachdem "gut" in ebensoviel Bedeutungen ausgesagt wird wie "ist" - es wird in der Kategorie der Substanz ausgesagt, z. B. von Gott und der Vernunft, in der Kategorie der Qualität, z. B. von ethischen Vorzügen, in der Kategorie der Quantität, z. B. vom richtigen Maß, in der Relation, z. B. vom Nützlichen, in der Zeit, z. B. vom richtigen Augenblick, in der Kategorie des Ortes, z. B. vom gesunden Aufenthalt usw. - kann "gut unmöglich etwas übergreifend-allgemeines und nur eins sein. Denn sonst könnte es nicht in allen Kategorien ausgesagt werden, sondern nur in einer.
    (3) Ferner: Nachdem es von den Kingen, die unter einer einzigen Idee begriffen werden, auch nur eine einzige Wissenschaft gibt, könnte es auch für alle Erscheinungsformen von "gut" nur eine einzige Wissenschaft geben. Nun gibt es aber in Wirklichkeit eine Vielzahl von Wissenschaften, sogar in dem Falle, wo die Aussage "gut" unter eine einzige Kategorie fällt. So ist beispielsweise die Wissenschaft des rechten Augenblickes: im Kriege die Feldherrnkunst, in der Krankheit die Heilkunst. Oder die des richtigen Maßes: bei der Diät die Heilkunst, beim Sport die Gymnastik.
    (4) Man kann sich auch fragen, was sie denn nur damit meinen, wenn sie dem einzelnen Begriff den Zusatz "an sich " beifügen, wo doch z. B. bei dem Begriff "Menschen an sich" und "Mensch" ein und dieselbe Wesensbezeichnung wiederkehrt, nämlich "Mensch". Sofern sie Menschen sind, kann ja keinerlei Unterschied zwischen beiden bestehen. Das gilt dann aber auch für "gut an sich" und "gut".
    (5) Und erst recht nicht ist "gut an sich" in höherem Grade "gut", weil es immerwährende ist. Es ist ja auch das Langwährende nicht intensivere weiß als das , was nur einen Tag besteht.

  8. Schließlich kritisiert Aristoteles Platons Ideenlehre deshalb, weil sie nichts zur Lösung des Bewegungsproblems beiträgt, das seit Heraklit und der Eleatik die Geister bewegt. Platons Ideen besitzen keine bewegende Kraft, die sie zu Ursachen der Dinge werden lassen könnten.

 

 


 

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© C. Busse 28.05.2005

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