Nach: Helmut Seidel, Aristoteles und der
Ausgang der antiken Philosophie (Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie),
Dietz Verlag 1988
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Platons Bewies, dass wissenschaftliche
Erkenntnis nur möglich ist, weil allgemeine Ideen als selbständig
existierende vorausgesetzt sind, ist nicht zwingend. Aus den
charakterisierten Prämissen folgt wohl die Realität des Allgemeinen, nicht
aber seine selbständige Existenz.
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Würde das Platonische Beweisverfahren
konsequent zu Ende gedacht, dann müssten die Platoniker auch Ideen
von Kunstwerken, von Nichtsubstantiellem, von Attributen und von Relativem
annehmen, wovor sie sich aber hüten.
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Die Ideenlehre ist für das
wissenschaftliche Erkennen nutzlos, da die Ideen keinerlei anderen
Inhalt haben als die sinnlichen Dinge. Die ewigen Idee des Menschen
beinhaltet keinerlei andere Charakteristika als die, die auch dem
sinnlich-gegenständlichen Menschen zukommen. Die Ideen sind daher nicht nur
die "Zwillingsschwestern" der Dinge, sondern "verewigte"
Sinnesdinge.
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So wie die Ideen keinen Nutzen für
die Erkenntnis der Dinge haben, so sind sie auch belanglos für die
Existenz der Dinge. Wenn angenommen wird, dass die Ideen völlig
unabhängig von den Dingen existieren, dann muss auch zugegeben werden, dass
die Dinge unabhängig von den Ideen existieren. Die von Platon aufgerissene
Kluft zwischen dem Allgemeinen und Ewigen einerseits und dem Einzelnen und
Zeitlichen andererseits ist nicht zu überbrücken. Platons These von der
"Teilhabe der Ideen an den Dingen" ist deshalb eine "bloße
Metapher", weil sie weder erklären kann, warum die Ideen an den Dingen
teilhaben, noch wie sie teilhaben. "Teilhaben" könnten die Ideen
an den Dingen nur dann, wenn sie das innere Wesen der Dinge wären. Platons
Grundthesen aber widersprechen der Ansicht, dass das wesen nicht außerhalb
des Dinges sein kann, dessen Wesen es ist.
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Bei näherer Analyse des
Verhältnisses zwischen Idee und Sinnesding weist weitere Ungereimtheiten
auf. Wenn Idee und Ding, Ideenwelt und wirkliche Welt getrennt voneinander
existieren, dann sind beide für sich wiederum Einzelnes gegenüber einem
allgemeinen. Diese Dritte müsste dann eine weitere allgemeine Ideenwelt
sein, die das Gemeinsame von Ideenwelt und sinnlicher Welt ausdrückt. In
bezug auf den Menschen müsste also ein "dritter" Mensch
angenommen werden, der als das Allgemeine der Idee des Menschen und des
realen Menschen auftritt: Da nun aber diese Vervielfachung der Welten weder
für die Erkenntnis noch für die Existenz der wirklichen Welt von Bedeutung
ist, erweist sie sich als sinnlos.
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Die von Aristoteles vorgenommene
Analyse der logischen Verhältnisse, die die Platonischen Ideen zueinander
eingehen, weist auf einen fundamentalen Widerspruch innerhalb der
Ideenlehre. Platons Konzeption zufolge sind die Ideen substantielle
Wesenheiten. Andererseits ist aber die Platonische Ideenwelt hierarchisch
geordnet. Die Hierarchie aber basiert auf dem Verhältnis von Allgemeinem
und Einzelnem. Die allgemeinere Idee steht über der weniger allgemeinen.
Die Idee des Lebewesens steht über der Idee des Säugetiers und diese
wiederum über der Idee des Pferdes. Gegenüber der allgemeineren Idee des
Lebewesens erscheinen die Ideen des Pferdes, der Kuh, des Schafes usw.
als einzelne. Die Ideen wurden aber von Platon als das schlechthin
allgemeine gesetzt. Jetzt erweist sich aber, dass die gegenüber
allgemeineren Ideen Einzelnes sind. Mehr noch: Platon hatte vorausgesetzt,
dass das Einzelne sein Wesen vom Allgemeinen empfängt. Also muss auch die
Idee des Pferdes ihr wesen von einer allgemeinen Idee empfangen, von der
Idee des Lebewesens. Wenn sie ihr Wesen empfängt, ist sie nicht
substantiell. Die als substantiell gesetzten Ideen erweisen sich also in
bezug auf die allgemeinere Idee als nicht-substantiell. Diesen Widerspruch
aber tragen alle "mit sich selbst identischen" Ideen, mit Ausnahme
der höchsten Idee. wer soll diesen Wiederspruch aushalten, dass die Ideen
als allgemeine und substantielle gesetzt werden, sich dann aber als
allgemeine und einzelne, als substantielle und nicht-substantielle erweisen?
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Gegen Platons höchst Idee, das
"Gute an sich" argumentiert Aristoteles in seiner "Nikomachischen
Ethik" in folgender Weise:
(1) Die Begründer dieser Lehre haben keine gemeinsamen
"Ideen" solcher Dinge aufgestellt, bei denen sie von
"früher" und "später" sprachen, weshalb sie auch keine
die Zahlen umfassende Idee angesetzt haben. Nun wird jedoch "gut"
ausgesagt in der Kategorie der Substanz, der Qualität und der Relation, das
An-sich aber, die Substanz, ist von Natur früher als die Relation. Diese
gleicht ja einem Seitenspross und Akzidens des Seienden. Folglich kann es
über den genannten Erscheinungsformen von "gut" keine gemeinsame
"Idee" geben.
(2) Ferner: nachdem "gut" in ebensoviel Bedeutungen
ausgesagt wird wie "ist" - es wird in der Kategorie der Substanz
ausgesagt, z. B. von Gott und der Vernunft, in der Kategorie der Qualität,
z. B. von ethischen Vorzügen, in der Kategorie der Quantität, z. B. vom
richtigen Maß, in der Relation, z. B. vom Nützlichen, in der Zeit, z. B.
vom richtigen Augenblick, in der Kategorie des Ortes, z. B. vom gesunden
Aufenthalt usw. - kann "gut unmöglich etwas übergreifend-allgemeines
und nur eins sein. Denn sonst könnte es nicht in allen Kategorien ausgesagt
werden, sondern nur in einer.
(3) Ferner: Nachdem es von den Kingen, die unter einer einzigen Idee
begriffen werden, auch nur eine einzige Wissenschaft gibt, könnte es auch
für alle Erscheinungsformen von "gut" nur eine einzige
Wissenschaft geben. Nun gibt es aber in Wirklichkeit eine Vielzahl von
Wissenschaften, sogar in dem Falle, wo die Aussage "gut" unter
eine einzige Kategorie fällt. So ist beispielsweise die Wissenschaft des
rechten Augenblickes: im Kriege die Feldherrnkunst, in der Krankheit die
Heilkunst. Oder die des richtigen Maßes: bei der Diät die Heilkunst, beim
Sport die Gymnastik.
(4) Man kann sich auch fragen, was sie denn nur damit meinen, wenn
sie dem einzelnen Begriff den Zusatz "an sich " beifügen, wo doch
z. B. bei dem Begriff "Menschen an sich" und "Mensch"
ein und dieselbe Wesensbezeichnung wiederkehrt, nämlich "Mensch".
Sofern sie Menschen sind, kann ja keinerlei Unterschied zwischen beiden
bestehen. Das gilt dann aber auch für "gut an sich" und
"gut".
(5) Und erst recht nicht ist "gut an sich" in höherem
Grade "gut", weil es immerwährende ist. Es ist ja auch das
Langwährende nicht intensivere weiß als das , was nur einen Tag besteht.
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Schließlich kritisiert Aristoteles
Platons Ideenlehre deshalb, weil sie nichts zur Lösung des
Bewegungsproblems beiträgt, das seit Heraklit und der Eleatik die
Geister bewegt. Platons Ideen besitzen keine bewegende Kraft, die sie zu
Ursachen der Dinge werden lassen könnten.
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