Die Methodik einer Interpretation wird sich stets nach ihrem Ziel zu richten haben.
Philosophische Interpretationen werden gewiss zum Mitdenken anregen und zum eigenen Denken
anstiften wollen. Dieses Denken soll nicht irgendwelche schönen Phantasien zum Inhalt
haben, sondern erkennendes Denken sein. Wenn die Philosophie sich nicht weiterhin dem
Verdacht aussetzen will, sich ihre Probleme immer nur selbst zu machen, ohne auf die
Lebensprobleme der jetzt lebenden Menschen einzugehen, dann sollte auch eine
Textinterpretation einen Bezug zu den heutigen Lebensauffassungen und den daraus
entstehenden Fragestellungen aufzeigen.
Der methodische Gang der Interpretation hat sich dann danach zu richten, in welcher
Weise der ausgewählte Text an eine Problemlage unserer Zeit angeknüpft werden kann. Bei
neuzeitlichen Texten wird dies oft einfach sein, wenn sich die Texte direkt auf die
entsprechende Problemlage beziehen, einfacher als bei klassischen Texten mit denen wir uns
hier zu beschäftigen haben, für diese sehe ich vor Möglichkeiten:
1. Der Text beschäftigt sich mit dem gleichen Problem in früherer Zeit.
2. Der Text bearbeitet ein analoges Problem aus früherer Zeit.
3. Der Text ist direkt mit der Entstehung des gewählten Problems unserer Zeit
verbunden.
4. Der Text hatte einen indirekten Einfluss auf die Genesis jenes heutigen Problems.
Einerlei welche dieser vier Möglichkeiten sich zur gedanklichen Anknüpfung an den
Text anbietet, auf jeden Fall muss auf die historische Lage eingegangen werden, auf die
sich die Fragestellung des Textes bezieht, und zwar gilt dies für die allgemeine
geistesgeschichtliche Situation sowie für die besondere Lage, in der sich der Verfasser
des Textes hinsichtlich der Bearbeitung seiner eigenen Problemstellungen befand.
Die eigentliche Textbesprechung kann sich dann etwa in vier Phasen vollziehen, die sich
oft allerdings gegenseitig durchdringen werden:
1. Beschreibung des Problems oder der Probleme, die im Text besprochen werden.
2. Darstellung des Problemlösungsverfahrens und der benutzten Mittel, wie etwa
besondere Begriffsprägungen
3. Die inhaltliche Darstellung des wichtigsten Textstellen für die Problemlösung.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse. Das weiter Vorgehen sollte dadurch bestimmt sein,
dass nur der Weg bis zur Problemstellung aus unserer Zeit wieder rückwärts gegangen
wird. Dies beinhaltet die Fragen, welche Bedeutung der Text für den Verfasser selbst und
die allgemeine geistesgeschichtliche Situation der Zeit hatte, was der Text zur Erhebung
des ausgewählten Problems zu leisten vermag und schließlich welche Gedanken durch die
Interpretation zur Problemlösung angeregt wurden, wobei die letzten beiden Fragen auf die
gefundenen Möglichkeiten der Textanbringung anzugehen haben.
Gewiss wird es nicht immer möglich sein, den hier vorgeschlagenen Interpretationsweg
einzuhalten, schon weil manchmal die dazu nötigen Informationen über die historische
Situation nicht oder nur ungenügend vorliegen. Dennoch so meine ich, lässt sich
jedenfalls die Grobstruktur anstreben und dafür seien hier noch einmal zusammenfassend
alle einzelnen Schritte der Textinterpretation genannt:
1. Aufsuchen eines Problems unserer Zeit und eines Textes der sich
wenigstens in einer Weise der vier genannten Möglichkeiten auf dieses Problem beziehen
lässt.
2. Beschreibung der allgemeinen geistesgeschichtlichen Situation, auf die
der Text eingeht.
3. Darstellung der besonderen Lage, in der sich der Verfasser hinsichtlich
seiner eigenen Problemstellung befand.
4. Textbesprechung in den genannten vier Hinsichten.
5. Bedeutung des Textes für den Verfasser.
6. Bedeutung des Textes für die damalige geistesgeschichtliche Situation.
7. Bedeutung des Textes für das gewählte Problem unserer Zeit.
8. Diskussion von Problemlösungsbeiträgen, die durch die Bearbeitung des
Textes angeregt wurden.
9. Persönliche Kritik.
Vielleicht möchten Sie sich gleich einmal an einem Text versuchen?
Lichtenberg
Ich habe sehr oft schon darüber nachgedacht, worin sich das große Genie
von dem gemeinen Haufen unterscheidet. Hier sind einige Bemerkungen, die ich gemacht habe.
Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode
konform, der hält den Zustand, in dem sich alles jetzt befindet, für den einzig
möglichen und verhält sich leidend bei allem. Ihm fällt nicht ein, dass alles von der
Form der Meublen bis zur feinsten Hypothese hinauf in dem großen Rat der Menschen
beschlossen werde, dessen Mitglied er ist. Er trägt dünne Sohlen an seinen Schuhen, wenn
ihm gleich die spitzen Steine die Füße wund drücken, er lässt die Schuh-Schnallen sich
durch die Mode bis an die Zehen rücken, wenn ihm gleich der Schuh öfters stecken bleibt.
Er denkt nicht daran, dass die Form des Schuhs so gut von ihm abhängt, als von dem
Narren, der sie auf elendem Pflaster zuerst dünne trug. Dem großen Genie fällt überall
ein: könnte dies nicht falsch sein? Er gibt seine Stimme nie ohne Überlegung. Ich habe
einen Mann von großen Talenten gekannt, dessen ganzes Meinungs-System, so wie sein
Meublen-Vorrat, sich durch eine besondere Ordnung und Brauchbarkeit unterschied, er nahm
nichts in sein Haus auf, wovon er nicht den Nutzen deutlich sah, etwas anzuschaffen, bloß
weil es andere Leute hatten, war ihm unmöglich. Er dachte, so hat man ohne mich
beschossen, dass es sein soll, vielleicht hätte man anders beschlossen, wenn ich mit
dateigewesen wäre. Dank sei diesen Männern, dass sie zuweilen wenigstens wieder einmal
schütteln, wenn es sich setzen will, wozu unsere Welt noch zu jung ist. Chinesen dürfen
wir noch nicht werden. Wären die Nationen ganz von einander getrennt, so würden
vielleicht alle obgleich auf verschiednen Stufen der Vollkommenheit zu dem chinesischen
Stillstand gelangt sein.