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Ethik in Sachsen

Ich weiß, dass ich nichts weiß. (Sokrates)


Philosophische Textinterpretation

(nach Wolfgang Deppert)

Die Methodik einer Interpretation wird sich stets nach ihrem Ziel zu richten haben. Philosophische Interpretationen werden gewiss zum Mitdenken anregen und zum eigenen Denken anstiften wollen. Dieses Denken soll nicht irgendwelche schönen Phantasien zum Inhalt haben, sondern erkennendes Denken sein. Wenn die Philosophie sich nicht weiterhin dem Verdacht aussetzen will, sich ihre Probleme immer nur selbst zu machen, ohne auf die Lebensprobleme der jetzt lebenden Menschen einzugehen, dann sollte auch eine Textinterpretation einen Bezug zu den heutigen Lebensauffassungen und den daraus entstehenden Fragestellungen aufzeigen.

Der methodische Gang der Interpretation hat sich dann danach zu richten, in welcher Weise der ausgewählte Text an eine Problemlage unserer Zeit angeknüpft werden kann. Bei neuzeitlichen Texten wird dies oft einfach sein, wenn sich die Texte direkt auf die entsprechende Problemlage beziehen, einfacher als bei klassischen Texten mit denen wir uns hier zu beschäftigen haben, für diese sehe ich vor Möglichkeiten:

1. Der Text beschäftigt sich mit dem gleichen Problem in früherer Zeit.

2. Der Text bearbeitet ein analoges Problem aus früherer Zeit.

3. Der Text ist direkt mit der Entstehung des gewählten Problems unserer Zeit verbunden.

4. Der Text hatte einen indirekten Einfluss auf die Genesis jenes heutigen Problems.

Einerlei welche dieser vier Möglichkeiten sich zur gedanklichen Anknüpfung an den Text anbietet, auf jeden Fall muss auf die historische Lage eingegangen werden, auf die sich die Fragestellung des Textes bezieht, und zwar gilt dies für die allgemeine geistesgeschichtliche Situation sowie für die besondere Lage, in der sich der Verfasser des Textes hinsichtlich der Bearbeitung seiner eigenen Problemstellungen befand.

Die eigentliche Textbesprechung kann sich dann etwa in vier Phasen vollziehen, die sich oft allerdings gegenseitig durchdringen werden:

1. Beschreibung des Problems oder der Probleme, die im Text besprochen werden.

2. Darstellung des Problemlösungsverfahrens und der benutzten Mittel, wie etwa besondere Begriffsprägungen

3. Die inhaltliche Darstellung des wichtigsten Textstellen für die Problemlösung.

4. Zusammenfassung der Ergebnisse. Das weiter Vorgehen sollte dadurch bestimmt sein, dass nur der Weg bis zur Problemstellung aus unserer Zeit wieder rückwärts gegangen wird. Dies beinhaltet die Fragen, welche Bedeutung der Text für den Verfasser selbst und die allgemeine geistesgeschichtliche Situation der Zeit hatte, was der Text zur Erhebung des ausgewählten Problems zu leisten vermag und schließlich welche Gedanken durch die Interpretation zur Problemlösung angeregt wurden, wobei die letzten beiden Fragen auf die gefundenen Möglichkeiten der Textanbringung anzugehen haben.

Gewiss wird es nicht immer möglich sein, den hier vorgeschlagenen Interpretationsweg einzuhalten, schon weil manchmal die dazu nötigen Informationen über die historische Situation nicht oder nur ungenügend vorliegen. Dennoch so meine ich, lässt sich jedenfalls die Grobstruktur anstreben und dafür seien hier noch einmal zusammenfassend alle einzelnen Schritte der Textinterpretation genannt:

1. Aufsuchen eines Problems unserer Zeit und eines Textes der sich wenigstens in einer Weise der vier genannten Möglichkeiten auf dieses Problem beziehen lässt.

2. Beschreibung der allgemeinen geistesgeschichtlichen Situation, auf die der Text eingeht.

3. Darstellung der besonderen Lage, in der sich der Verfasser hinsichtlich seiner eigenen Problemstellung befand.

4. Textbesprechung in den genannten vier Hinsichten.

5. Bedeutung des Textes für den Verfasser.

6. Bedeutung des Textes für die damalige geistesgeschichtliche Situation.

7. Bedeutung des Textes für das gewählte Problem unserer Zeit.

8. Diskussion von Problemlösungsbeiträgen, die durch die Bearbeitung des Textes angeregt wurden.

9. Persönliche Kritik. 


Vielleicht möchten Sie sich gleich einmal an einem Text versuchen?

Lichtenberg

Ich habe sehr oft schon darüber nachgedacht, worin sich das große Genie von dem gemeinen Haufen unterscheidet. Hier sind einige Bemerkungen, die ich gemacht habe. Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode konform, der hält den Zustand, in dem sich alles jetzt befindet, für den einzig möglichen und verhält sich leidend bei allem. Ihm fällt nicht ein, dass alles von der Form der Meublen bis zur feinsten Hypothese hinauf in dem großen Rat der Menschen beschlossen werde, dessen Mitglied er ist. Er trägt dünne Sohlen an seinen Schuhen, wenn ihm gleich die spitzen Steine die Füße wund drücken, er lässt die Schuh-Schnallen sich durch die Mode bis an die Zehen rücken, wenn ihm gleich der Schuh öfters stecken bleibt. Er denkt nicht daran, dass die Form des Schuhs so gut von ihm abhängt, als von dem Narren, der sie auf elendem Pflaster zuerst dünne trug. Dem großen Genie fällt überall ein: könnte dies nicht falsch sein? Er gibt seine Stimme nie ohne Überlegung. Ich habe einen Mann von großen Talenten gekannt, dessen ganzes Meinungs-System, so wie sein Meublen-Vorrat, sich durch eine besondere Ordnung und Brauchbarkeit unterschied, er nahm nichts in sein Haus auf, wovon er nicht den Nutzen deutlich sah, etwas anzuschaffen, bloß weil es andere Leute hatten, war ihm unmöglich. Er dachte, so hat man ohne mich beschossen, dass es sein soll, vielleicht hätte man anders beschlossen, wenn ich mit dateigewesen wäre. Dank sei diesen Männern, dass sie zuweilen wenigstens wieder einmal schütteln, wenn es sich setzen will, wozu unsere Welt noch zu jung ist. Chinesen dürfen wir noch nicht werden. Wären die Nationen ganz von einander getrennt, so würden vielleicht alle obgleich auf verschiednen Stufen der Vollkommenheit zu dem chinesischen Stillstand gelangt sein.


 

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© C. Busse 28.05.2005

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