Kurpfälzisches Museum Heidelberg:

Das Kunstwerk des Monats

Juli 2003

Friedrich Rottmann: Blutgericht über den Hölzerlips

Der edle Räuber ist Fiktion. Die historische Realität sah die meisten Räuber und Räuberbanden, die im 18. und 19. Jahrhundert ihr Unwesen trieben, weder als Sozialrevolutionäre noch als "Verbrecher aus verlorener Ehre". Es waren schlicht arme Teufel. Sie vegetierten als Nichtsesshafte am äußeren Rand der Gesellschaft und versuchten, sich mit Hausieren, mit Bettelei, Diebstählen oder Raubzügen über Wasser zu halten.
 

Der Siebenjährige Krieg hatte die Menschen zermürbt, die Revolutionskriege mit Frankreich und vor allem die napoleonischen Kriege brachten nicht nur Armut und Not, sondern sie stellten die geltende staatliche Ordnung in Frage. Wer in sie nicht eingebunden war, wer nach einem schweren Unfall oder wegen Schulden ausgestoßen war, der verlor mit seiner Arbeit auch sein Wohnrecht und seinen Pass. Dies machte den Obdachlosen zum "Vaganten und Bettler, Landstreicher und Deserteur, Sack-Pfeiffer und Haussierer", für welche es keinen Platz auf der hierarchischen Stufenleiter gab.

"Kochemer" nannten sie sich in ihrer eigenen Sprache, dem "Rotwelsch", das eine Mischung aus Deutsch, Jiddisch, Zigeunersprache und verschiedenen Dialekten ist und von dem einige Ausdrücke noch heute gebräuchlich sind, wie z. B. "Penne" für Schule, "Kaff" für Dorf oder "Maloche" für Arbeit.

In dem nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 aus der ehemaligen Kurpfalz entstandenen Dreiländereck Baden, Hessen und Württemberg agierte Georg Philipp Lang, der mit Holz handelte und auf Jahrmärkten hölzernes Spielzeug verkaufte. Deswegen nannte man ihn den "Hölzerlips". Ende 1770 im Nassauischen geboren, die Eltern waren Vaganten, heiratete er eine Frau, die mit einem anderen "Jauner" durchbrach, als er das erste Mal im Gefängnis saß. Mit seinen beiden Kindern allein, andere Frauen ließen ihn ebenfalls sitzen, wurde er nun zum Räuber, den man wegen seiner Grausamkeit fürchtete. Bis zum Jahre 1811 verübte er 15 nachgewiesene oder eingestandene Fälle von Straßenraub sowie 21 Einbruch- und Diebstahldelikte.

Nach einem Postkutschenüberfall auf der Bergstraße bei Hemsbach in der Nacht zum 1. Mai 1811, bei dem ein Schweizer Kaufmann ums Leben kam, wurde Hölzerlips mit drei anderen Räubern gefangengenommen und an verschiedenen Plätzen Heidelbergs, u.a. im Rathauskeller, dem Brückentor und im MannheimerTor, gefangen gesetzt. Nach einem mehrere Wochen dauernden peinlichen Verhör durch den Stadtdirektor Pfis-ter, der an den Hölzerlipsmannen ein Exempel statuieren wollte, wurde mit großem Aufwand ein Schauprozess inszeniert und die Räuber - Hölzerlips, Manne Friedrich, Veit Krämer und Kremer Mathes - am 31. Juli 1812 auf dem Marktplatz öffentlich schuldig gesprochen, danach auf dem Schandkarren durch die Hauptstraße geführt und zum Richtplatz vor die Tore der Stadt gebracht.

Der Zeichenlehrer Friedrich Rottmann (1768-1816), der außer am Gymnasium und an der Universität als Zeichenlehrer noch an der Erziehungsanstalt für Knaben des Oberkirchenrats und Theologieprofessors Friedrich Heinrich Schwarz und an Caroline RudolfisTöchterinstitut unterrichtete, hat den öffentlichen Schuldspruch auf dem Heidelberger Marktplatz in einer Radierung und einem Aquarell (KMH Inv. Nr. Z 2980), das wohl als Vorlage diente, festgehalten. Zu sehen ist die große Zahl an Menschen, die auf dem Marktplatz und aus den Fenstern der anliegenden Häuser der "öffentlichen Verkündigung des Todesurteils und dem Brechen der Stäbe beiwohnen. Die Urteile waren den weißgekleideten Delinquenten bereits vorher bekannt gegeben worden. Wie die folgende Hinrichtung führte dieses aufwendige "Theater des Schreckens" den Untertanen die Staatsgewalt in ihrer gesamten Machtfülle vor Augen. Neben den Räubern nahmen an dem Blutgericht vor dem mit den badischen Fahnen geschmückten Heidelberger Rathaus der großherzoglich badische Richter, der Heidelberger Stadtdirektor Ludwig Pfister und der gesamte Heidelberger Stadtrat teil. Als zur allgemeinen Überraschung die beiden Räuber Andreas Petry und Sebastian Lutz durch ein feierlich verlesenes Schreiben des Großherzogs Karl begnadigt wurden, bekamen die Untertanen durch diesen Gnadenakt noch einmal sehr einprägsam die Gewalt des Souveräns über Leben und Tod vor Augen geführt. Petry und Lutz wurden später nach Mannheim in das dortige Zuchthaus verbracht, die anderen Verurteilten starben am 31. Juli kurz nach 12 Uhr auf dem etwa in Höhe der heutigen Franz-Knauff-Straße aufgebauten Schafott unter dem Schwert des Scharfrichters. Die Skelette gelangten in das Anatomische Institut der Heidelberger Universität.

Während ihrer Haft und besonders unmittelbar vor ihrer Hinrichtung waren der Hölzerlips und seine Mitgefangenen von dem Heidelberger Stadtpfarrer Theodor Dittenberger betreut worden. Er hatte ihre Gespräche protokolliert und ihr Verhalten beschrieben. Äußerungen wie die folgenden machten den Hölzerlips bald zu einer Art Robin Hood des Odenwaldes:

"Die Armut, die war freilich schuld. Weil man sie nicht mehr hat geduld't. Die großen Herrn sind schuld daran, Daß mancher tut, was er sonst nicht getan!"

Frieder Hepp

 

Literatur:

Boehnke, Heiner; Sarkowicz, Hans, Die deutschen Räuberbanden, 3 Bde. Erlangen 1991.

Krausnick, Michail, Beruf: Räuber. Das abenteuerliche Leben des Mannefriederich. Ein dokumentarischer Roman. Reinbeck RowohltTaschenbuch 1978. (rororo rotfuchs 172). Vgl. hierzu: Baro, Günter; Freund, Werner, Didaktisches Papier zu Michail Krausnick "Beruf Räuber". Reinbek Rowohlt Taschenbuch (rotfuchs Lehrerheft 2).

Pfister, Ludwig, Nachtrag zu der aktenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an beiden Ufern des Mains, im Spessart und im Odenwalde. Enthaltend vorzüglich auch die Geschichte der weitern Verhaftung, Verurtheilung und Hinrichtung der Mörder des Handelsmanns Jacob Rieder von Winterthur, Heidelberg 1812.

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siehe auch: Sammlungsblatt

Blutgericht über den Hölzerlips und seien Gesellen auf dem Heidelberger Marktplatz, am 31. Juli 1812
Radierung, 18 x 25,8 cm
Inv. Nr. KMH S 3002

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