Rezensionen


Heiko P. Wacker,
Das Heidelberger Schloss. Burg - Residenz - Denkmal.
Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur 2012
ISBN 978-3-89735-721-1, € 24,90

Das vorliegende Werk ist entstanden aus einer Dissertation mit dem Titel „Das Heidelberger Schloss als befestigte Residenz“, die für die Veröffentlichung als Publikumswerk gekürzt und an manchen Stellen wohl auch sprachlich angepasst wurde. Es hat das Heidelberger Schloss in seiner baulichen Entwicklung vom 13. bis ins 21. Jahrhundert zum Gegenstand, also die Residenz der Pfalzgrafen und Kurfürsten bei Rhein aus dem Haus Wittelsbach von der Gründung des Schlosses über seine Zerstörung bis zu den Rekonstruktionsversuchen des späten 19. Jahrhunderts. An älterer Literatur gibt es bisher nur das „Standardwerk“ aus der Feder Adolf Oechelhäusers, erstmals aufgelegt 1891, in siebter Auflage teilweise neu bearbeitet 1953, in achter Auflage mit Anmerkungen auf einen zeitgemäßen Stand gebracht 1985 und immer wieder nachgedruckt. Die dem vorliegenden Band überreich erteilten Vorschusslorbeeren feiern ihn bereits als neues grundlegendes Werk.

Das ist der Rahmen, in dem Wackers Buch, jetzt mit dem auf Grundsätzliches hinweisenden Titel „Das Heidelberger Schloss. Burg, Residenz, Denkmal“ versehen, seine Stellung behaupten will. Man erwartet ein Buch über das Schloss, eine – so legt es die Dissertation als Quelle der Arbeit nahe – grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von Bauten, wenn nicht gar Palästen, Herrschaftsverständnis und Zeitgeschmack.

Dieses Spannungsverhältnis darzustellen, ja, es wenigstens erkennbar zur Grundlage seiner Arbeit zu machen, gelingt dem Autor an keiner Stelle. Die Bauten des Schlosses, zeitlich gesehen vom Ruprechtsbau bis zum Englischen Bau, werden mit knapper Not wenigstens als existent erwähnt, aber nicht – wie der Autor selbst ankündigt – „vor ihrem historischen Kontext beleuchtet“ oder gar diskutiert.

Der Ruprechtsbau muss sich mit sieben Zeilen begnügen, von den vier ein (unbelegtes, vermutlich von Oechelhäuser übernommenes) Zitat sind. Der hier stehende Renaissancekamin Friedrichs II. muss sich gar mit der lapidaren Notiz „ein Kamin“ begnügen. Nicht anders ergeht es dem Frauenzimmerbau, der, wieder ohne auch nur den geringsten Ansatz zur Diskussion und ohne auch nur ein einziges Detail zu erwähnen mit vierzehn Zeilen begnügen muss. Herrentafelstubenbau (= Bibliotheks-bau) und Ludwigsbau werden gar nicht erwähnt. Damit geht auch die Ambivalenz des fürstlichen Speisesaals und seine Stellung zwischen Spätgotik und Renaissance verloren. Sie passt aber auch nicht in die Darstellung Wackers, der Ludwig V. als durch und durch gotischen Fürsten sieht.

Hier schlägt die Anlage der Dissertation durch, die Anlage als Untersuchung der Befestigungen. Nur- für ein Standardwerk über das ganze Schloss ist das zu wenig.

Der Mangel zieht sich durch das ganze Buch. Vom Gläsernen Saalbau wäre die erdverbundene und konservative Form der Arkaden zu diskutieren gewesen, und der Anspruch Friedrichs II. auf das nordische Erbe seiner jungen Gemahlin war unzweifelhaft maßgeblich für die überdimensionierten Wappen sowohl am Palast wie auch an „seinem“ Kamin.

Ottheinrich gesteht der Autor immerhin zu, sein Regierungsprogramm in den Fassadenfiguren dargestellt zu haben. Neuere Forschungen über den theologischen Anspruch des Fürsten nimmt Wacker nicht zur Kenntnis. Beim Fassbau werden wort- und diskussionsarm die gotischen Fenster nur konstatiert. Friedrichs IV. Kapellen- und Wohnbau ist gewohnt knapp, immerhin wird wenigstens erwähnt, dass 16 Statuen an der Fassade sind. Unter uns: jeder Schlossführer, der seine Gäste mit einem derart lapidaren Hinweise „da sind Figuren“ abspeiste, würde von diesen sofort und unmittelbar gesteinigt.

Der „starke Hang zum Alkohol“, den der Autor dem Kurfürsten zuschreibt, hätte allerdings aus den Quellen, nicht aus der populären Literatur zitiert werden sollen. Dann wäre allerdings auch klar geworden, dass der junge Kurfürst keineswegs der Alkoholiker war, als der er – von der katholischen Propaganda vielleicht? – dargestellt wird. Sich abends beim Festmahl einen gepflegten Rausch anzutrinken war jedenfalls eine Mode der Zeit und ist von vielen Fürsten überliefert. Was aber Friedrichs IV. Gründung von Mannheim angeht, wäre die Diskussion um die veränderte Kriegsführung im Zeitalter der Festungsbauten hilfreicher gewesen als der doch etwas seltsam anmutende Hinweis, die Gründung der Festung Mannheim sei notwendig gewesen, um im Heidelberger Schloss selbst bauen zu können.

Betrachtet man sich allerdings gerade beim Friedrichsbau das Missverhältnis der einzelnen Textabschnitte - halbe Seite Allgemeinplätze über den Bauherrn, eine Seite nicht weniger Undifferenziertes über Mannheim und den Calvinismus, eineinhalb Seiten Erzähltes über den Friedrichsbau, sechs Seiten über die unter seiner Herrschaft errichteten Befestigungen - , dann wird der grundsätzliche Mangel des Buches offenbar: es ist ein – in seinen Teilen über die Befestigungen – sicher verdienstvolles Werk, dem der Mantel einer Allgemeingültigkeit doch entschieden zu kurz geraten ist. Kein Wort über Johannes Schoch und das Schloss Gottesaue, keines über das Blutgericht von Amberg, kein Wort über die Amberger Residenz des Kurfürsten, in der Schoch immerhin die erste „moderne“ Treppe der Kurpfalz verwirklichte.

Vor allem: keine Diskussion über den Bau selbst, der gerade nicht vom Himmel fiel, sondern einen politischen und konfessionellen Anspruch dokumentiert.

Das hier am Beispiel Friedrichs IV. Gesagte setzt sich durch das ganze Buch hin fort. Die den Touristen nun einmal in vorderster Linie interessierenden Wohn- und Palastbauten erscheinen nur als notwendige, fast lästige Anhängsel der Befestigungsbauten, der Einbau einer Schartennische an Stelle einer Schlüsselscharte unter Karl Ludwig ist wichtiger als der Umbau des Gläsernen Saalbaus. Auch die Kurfürsten aus dem Haus Neuburg kommen in dem Buch nicht besser weg, die 1685 das Erbe der Simmerschen Linie antraten.

Insgesamt bleibt festzustellen, dass das Buch den Ansprüchen, die man an ein Werk über „das Schloss“ stellt, bei weitem nicht nachkommt. Die Vorschusslorbeeren entpuppen sich als Marketing, der Verlag hat sich und dem Schloss keinen Dienst erwiesen.

Christoph Bühler

Nachrichten & Notizen 2-3/2012
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