Die Lesbiagedichte CatullsKurzdarstellung der Reihe und ausführliche Besprechung einer Stunde zum c. 72
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1 quondam |
einst |
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2 Iovem |
Akkusativ zu Iuppiter |
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3 diligere, diligo, dilexi, dilectum |
lieben ( seelisch ) |
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4 non tantum |
nicht so |
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5 vulgus, i m. |
das einfache Volk |
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6 gnatos |
= natos = filios |
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7 gener, generi m |
der Schwiegersohn |
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8 cognoscere, cognosco, cognovi, cognitum |
durchschauen |
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9 quare |
und daher |
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10 mi |
= mihi |
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11 qui potis est ? |
wie ist es möglich ? |
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12 amare |
lieben ( körperlich ) |
Vorlaufphase
Als Einstieg in die Stunde vergegenwärtigen sich die Schüler noch einmal die Entwicklung der Beziehung Catulls zu Lesbia.
Mit Hilfe der anschließenden semantisch-strukturellen Vorentlastung können die Schüler einen Erwartungshorizont bezüglich des Inhaltes von c.72 aufbauen, den sie in einer Folgevermutung formulieren werden.
Folgende Vorentlastung wird auf Folie den Schülern präsentiert:
| Dicebas ... solum te nosse Catullum solum nosse aliquem = solum novisse aliquem: |
jemanden einzig und allein lieben |
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... nec prae me velle tenere Iovem |
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etsi impensius uror |
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multo ... es vilior et levior |
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cogit amare magis, sed bene velle minus |
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Textaufnahmephase
Die Schüler lesen den neuen Text zunächst still und unterstreichen unbekannte Wörter. Eventuell zusätzliche Hilfen zu noch unbekannter Lexik gibt eine kurze ad hoc Entlastung.
Der nun folgende Lehrerlesevortrag ist sehr wichtig: die Schüler erhalten mit den Betonungen und Pausen akustische Hilfen, die sie die Struktur des Abschnittes durchschauen und den Beobachtungsauftrag leichter erfüllen lassen.
Als Beobachtungsauftrag sollen die Schüler herausfinden, ob dieses Gedicht die Entwicklung der Liebe Catulls zu Lesbia thematisiert. Anschließend sammeln wir mündlich alle gefundenen Aspekte
Haben die Schüler die zeitliche Gliederung verstanden und damit die Beschreibung der personalen Entwicklung Catulls erkannt, schreiben wir die dafür entscheidenden Kollokationen - bestehend aus den Temporaladverbien und den zugehörigen Prädikaten - so an die Tafel, daß die Schüler in den Temporaladverbien ein durchlaufendes syntaktisches Merkmal der Oberflächenstruktur erkennen.
In den meist zu Beginn eines Distichons stehenden Adverbien werden sie Textgliederungsmerkmale feststellen, deren Funktion, jeweils die verschiedenen Phasen der Entwicklung des Verhältnisses Lesbia - Catull einzuleiten, in der Texterarbeitungsphase bei der Untersuchung der Feinstruktur sehr wichtig sein wird.
Eine genaue zeitliche Gliederung erfolgt durch die Temporaladverbien quondam (V. 1), tum (V. 3) und nunc (V. 5), ebenso durch die Tempora der Prädikate: diese gehen von dem durativen Imperfekt dicebas (V. 1) über das resultative Perfekt cognovi (V. 5) zu den durativen Präsensformen uror (V. 5) und es (V. 6).
Diese Reihenfolge der Tempora weist auf die weitere Entwicklung und bestätigt somit die in der Vorlaufphase formulierten Hypothesen.
Durch die Überlegung, wer in den einzelnen Distichen die Handlung trägt, finden die Schüler durch die Personalendung ein weiteres Aufbauprinzip auf der morphologischen Ebene: Lesbia - Catull - Catull.
Mit Hilfe der rekurrenten Merkmale der semantischen Ebene werden die Schüler das Thema, das die durch die verschiedenen Zeitstufen gegliederten Abschnitte miteinander verbindet, erarbeiten. Hierfür untersuchen sie die Verben, inwieweit sie zu einem bestimmten Themenkreis zusammengefaßt werden können. Hinweise auf der semantischen Ebene geben folgende Wörter: nosse (V. 1 ), tenere (V. 2), dilexi (V. 3), diligit (V. 4), uror (V. 5), amantem (V. 7) und amare (V. 8)
Die Schüler arbeiten mit den Verben, die zum Thema "Liebe" gehören, die für die Thematik des Gedichtes bezeichnende Isotopieebene "Liebe" heraus.
Damit den Schülern die Betonung des Zwiespaltes zwischen Denken und Fühlen schon jetzt erahnen können, werden sie erarbeiten, daß amare magis und bene velle minus die Aussage etsi impensius uror/ ... tamen es vilior et levior V. 5f aus dem vorhergehenden Distichon aufgreift.
Den Grund für diese Entwicklung begründen die Schüler mit dem nicht näher zu spezifizierenden iniuria talis (V. 7).
Alle Ergebnisse der Vorerschließung halten wir an der Tafel fest. Anhand dieses Strukturbildes formulieren die Schüler ihr erstes Vorverständnis.
TAFELBILD
| quondam |
Lesbia |
dicebas |
nosse Catullum nec tenere Iovem |
Liebesbeteuerungen |
VERGANGENHEIT: echte Liebe glücklicheVergangenheit herzliches Liebesverhältnis |
| tum | Catull | dilexi, ... amicam sed ut... generos |
erwidert Liebesversprechen mit tiefer Gegenliebe | ||
| nunc |
Catull |
cognovi |
impensius uror multo es ... levior |
mehr begehren | GEGENWART: Begehren-Verachtung keine seelische Liebe innere Zerissenheit |
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"iniuria" | cogit | magis amare minus bene velle |
weniger achten |
Soweit es der zeitliche Rahmen der Stunde zuläßt, erfolgt jetzt eine Detaildekodierung. Nach einer Grobstrukturierung der Einzelsätze durch Trennung in Haupt- und Nebensätze erfassen die Schüler durch Ausgliederung von Unterganzen (Wortblöcke) und der Disambiguierung von Lexemen, Morphemen und Kasusbedeutungen die Satz- und Textbedeutung im Detail.
Texterarbeitungsphase
Haben die Schüler die manifesten Informationen des Gedichtes erkannt - Catull fühlt sich durch Lesbias Treulosigkeit betrogen, kann sich aber doch nicht von ihr trennen - und ihr Verständnis mit einer Paraphrase dokumentiert, werden sie nun die latenten Informationen klären. Nach ersten Hypothesen zur seelischen Situation Catulls wird eine Untersuchung der Feinstruktur die Schülerhypothesen verifizieren, falsifizieren oder modifizieren.
Erste Beobachtungen zur Textpragmatik werden angestellt und Elemente der Leserlenkung herausgesucht.
Die klare zeitliche Gliederung des Gedichtes fiel den Schülern schon durch dieAnordnung der Temporaladverbien im Strukturbild auf: Catull stellt die Vergangenheit der Gegenwart gegenüber. Somit wird der Schwerpunkt der Texterarbeitung in der Untersuchung liegen, wie das "Einst" sich vom "Jetzt" unterscheidet.
Dafür erarbeiten die Schüler zunächst, welche inhaltliche Beziehung zwischen den Aussagen der ersten zwei Distichen vorliegt. Hierbei greifen sie auf die schon in der Texterschließungsphase gefundenen Verben der Isotopieebene "Liebe" zurück.
Sie erkennen, daß die Vergangenheit von zwei Ereignissen geprägt ist: dicebas quondam . . . - dilexi tum V.1f. Die inhaltliche Verbindung läßt sich aus der Beobachtung folgern: Lesbias Versprechungen und Liebesbeteuerungen (solum... nosse Catullum und nec prae me velle tenere Iovem ) haben Catulls Gegenliebe zur Folge ( dilexi tum).
Aus dem Zusatz pater ut gnatos diligit et generos (V. 4) leiten die Schüler ab, welche entscheidende Bedeutung die verläßliche Bindung in einer von Zuneigung und Wohlwollen geprägten Lebensgemeinschaft mit Lesbia für Catull hatte.
Eine scharfe Trennung von Vergangenheit und Gegenwart erfolgt stilistisch durch das betont an den Anfang des fünften Verses gestellte nunc.
Die Fortsetzung des Isotopleebene "Liebe" verbindet dagegen beide Abschnitte: Liebe scheint auch das "Jetzt" zu bestimmen.
Betrachten die Schüler jedoch die Verben des fünften und sechsten Verses, werden sie einsehen, daß sich die Liebe der Gegenwart von der der Vergangenheit unterscheidet: das rein körperliche Begehren ist heftiger geworden (impensius uror), doch wird diese Entwicklung zugleich von einer schwindenden Achtung (es vilior et levior) vor der Geliebten begleitet.
Ebenso werden sie in amare magis und bene velle minus (V. 8) eine Bestätigung ihrer These erfahren: heftigere körperliche Leidenschaft geht mit einer schwindenden Achtung, die sich in der fehlenden geistig-seelischen Liebe manifestiert, einher.
Als Grund nennen die Schüler zunächst iniuria talis (V. 7), ohne dieses " Unrecht" näher bestimmen zu können. An der betonten Stellung am Schluß des Verses erkennen sie jedoch die zentrale Rolle, die die iniuria für Catull hat.
Die Entwicklung können die Schüler nur aus dem selbstlosen und herzlichen Liebesverhältnis erklären, das die Vergangenheit kennzeichnete. Als Beleg dafür nennen die Schüler das erste Distichon. Die sich darin ausdrückende Intensität des Verhältnisses läßt eine starke gedankliche Nähe Catulls zu. Dieser Nähe steht jedoch jetzt die Ferne - verursacht durch talis iniuria - entgegen, die innere Zerrissenheit Catulls ist die Folge.
Stilistisch spiegelt sich diese Polarität von Nähe und Ferne in dem parallelen Aufbau des letzten Verses wieder- cogit amare magis, sed bene velle minus.
Eine weitere Untersuchung des Textes auf Stilistika, die den Inhalt dieser Verse verdeutlichen, könnte jetzt erfolgen. Doch da die Zeit dafür kaum mehr zur Verfügung stehen wird, halte ich die Ergebnissicherung in Form einer mündlichen Zusammenfassung der latenten Informationen für methodisch richtiger: In dem Gedicht zeigt sich die innere Zerissenheit Catulls, die eine Zerstörung seiner Persönlichkeit aufgrund der quälenden Spannung von Begehren und Verachtung zur Folge haben könnte.
Sollte auch eine weitere kritische Wertung dieser Aussagen aus Zeitgründen nicht mehr möglich sein, werden die Schüler als Hausaufgabe - neben einer Nachübersetzung bzw. Detaildekodierung mit abschließender Arbeitsübersetzung - die Frage untersuchen, ob Catulls innere Zerissenheit angesichts der iniuria in den Augen der Schüler zu verstehen ist. Diesen Überlegungen schließen sich Gedanken zur existentiellen Bedeutung an, z.B., ob sich die Schüler ähnliche Reaktionen und Empfindungen vorstellen können und ob und wie ein derartiger Konflikt zu lösen ist.
Zugleich impliziert dieser Gedankenaustausch eine Würdigung und Bewertung Catulls durch die Schüler.
Diese Überlegungen werden in ihrem aktuellen Bezug das Interesse und damit die Motivation der Schüler, die folgenden Gedichte zu lesen, wachhalten und stärken.
Ebenfalls kann den Schülern als Hausaufgabe gestellt werden, eine Übersetzung zu finden, die die Empfindungen Catulls in diesem Gedicht widerspiegelt, aber sich von den sprachlichen Strukturen des Originaltextes relativ stark löst.
Als Beispiel soll eine Übersetzung dienen, die eine Schülerin eines Latinumskurses in der 11. Jahrgangsstufe angefertigt hat.
Hier hat sich die Schülerin zwar in einzelnen Passagen sehr weit vom Original entfernt, jedoch zeigt die Übersetzungen eigene Empfindungen, zumal sie Passagen aus Texten aktueller Lieblingssongs in ihre Übersetzung eingebaut hat.
Am Anfang war´s lieblich, Du sagtest, Du liebst mich
Deine Liebe zu mir war fast göttlich und ich hatte Dich mehr als nur gern.
Du warst für mich der Stern, der die Nacht erhellt,
der Inhalt meiner Welt.
Du hast mich von hinten überrascht, fast schon böse über Nacht,
wie ein Feuer, das entfacht, hast Du es über mich gebracht.
Ich hab´ Dich geliebt, als ob es kein Magen gibt, bis der Morgen kam:
Den Himmel, den Du mir versprochen hast, hast Du mir nie gegeben,
und Deine wundervolle Welt blieb einzig und allein an Dir kleben.
Ich mach´ Dir keinen Vorwurf daraus, daß Gefühle vergehn,
ich weiß, wir konnten den Test der Zeit nicht bestehn.
Hast mir gesagt, daß unsere Liebe ewig wär´,
Du hast mein Herz ausgeraubt, jetzt ist es leer,
es zerbrach ... .
Und jetzt lieg ich da und alles tut weh.
Dafür hasse ich Dich jetzt, weil ich Dich liebe.
Nina Brosche, Stufe 11
Diese Übersetzung kann auch als Diskussionsgrundlage für weitere Übersetzungen den Schülern an die Hand gegeben werden.
LITERATURVERZEICHNIS:
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Schulausgabe |
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Catull - Gedichte Mit Erläuterungen, Arbeitsaufträgen und Begleittexten EXEMPLA - Lateinische Texte, Heft 1 Göttingen 1986 |
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Sekundärliteratur |
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K.-H. Eller |
Catull, in: Handbuch für den Lateinunterricht, Sekundarstufe 1 Frankfurt 1987 |
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H.-J. Glücklich |
Catulls Gedichte im Unterricht CONSILIA Lehrerkommentare, Heft 1 Göttingen 1990 |
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H. Munding
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Antike Texte, aktuelle Probleme Existentieller Transfer im AU Auxilia, Band 12, Bamberg 1985 |
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Richtlinien |
für die gymnasiale Oberstufe, NRW, Lateinisch, Köln 1981 |
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C.V. Catullus - Mensch-Leben-Dichtung Meisenheim 1977 |
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H. Storch |
Nähe und Ferne, Hinweise zu einer Lektüre der Liebesgedichte Catulls in: Der Altsprachliche Unterricht, Reihe XXXV, Heft 2, Stuttgart 1992 |
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H.P. Syndikus |
Catull Darmstadt 1987 |
Hinzweisen ist noch auf ein Projekt des Gymnasiums Altenforst in Troisdorf. Die Klasse einer 10. Jahrgangsstufe hat auf der Lateinseite Hintergrundinformationen und Übersetzungen zu Gedichten Catulls zusammengetragen.