Ovid

Ars amatoria

Autorin: S. Städing

 

 


Ovids Ars Amatoria

Kurzdarstellung der Reihe und ausführliche Besprechung einer Stunde zu den Versen 2, 657 - 662




Einführung

 

Die Autorenwahl für den lateinischen Lektüreunterricht soll die Sprach- und Übersetzungsfähigkeit der Schüler und ihre literaturhistorischen Kenntnisse vervollkommnen und zudem die Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsbildung fördern. Die speziellen Kriterien der Autorenwahl implizieren methodisch-didaktische Überlegungen, die sich in der Entwicklungsphase und dem Leistungsstand der Schüler gründen. Um diesen Prämissen zu genügen, wählte ich für ein 10. Schuljahr die Ars amatoria als Unterrichtslektüre.

Schon der Titel dürfte für Schüler dieses Alters ein motivationspsychologischer Impuls sein. Als besondere intrinsische Motivation sehe ich die auch heute noch aktuellen Gedanken und psychologischen Erkenntnisse Ovids, die die Schüler zu einer kritischen Reflexion ihrer eigenen Ansichten anregen können. Sie werden im "Vor-Bild" der Antike ( Munding ) genügend Parallelen und Kontraste finden.
Der Schwerpunkt der Reihe liegt daher im inhaltlichen Bereich, die ausgewählten Texte werden unter einem gegenwartsbezogen-anthropologischen Interpretationsaspekt gelesen.
So sollen die Schüler Ovids Vorstellungen von der Liebe als die eines verspielten Amüsements, als "Gesellschaftsspiel" begreifen, seine satirischen und ironischen Spitzen in ihrem Gehalt erfassen und bewerten.

Als Textausgabe für die Schüler wähle ich aus der Reihe Exempla Band 5, Ovid - Ars amatoria ( von G.Fink und K.H.Niemann, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 31991). Sämtliche Zitate beziehen sich auf diese Textausgabe.

Wegen des umfangreichen Werkes ist eine exemplarische Textauswahl nötig. Sie sollte den Aufbau des Lehrgedichtes, den Ovid dem "Entstehen einer Beziehung" angeglichen hat, deutlich machen: das Auffinden ( invenire ), das Erobern ( capere ) und das Halten ( tenere ) des Partners.
Als Einführung sollte das Prooem (1,1-30) und der "Aufbau des Lehrprogramms"(1,35-38) gelesen werden. Schülerreferate zu "Leben und Werk Ovids" oder auch die Einleitung in der Textausgabe (S.3-6) erleichtern den Einstieg.

Aus dem Bereich des invenire können die Texte "Vorkenntnisse" (1,41-66), "Gelegenheiten" (1,89-100), "Annäherungsversuche" (1,135-170) und "Chancen und Gefahren am Abend" (1,229-252) gelesen werden. Im Falle von  Zeitmangel können die Texte z.T. gekürzt werden und die übersprungenen Verse den Schülern in deutscher Übersetzung vorgelegt werden. So wird der inhaltliche Zusammenhang gewahrt und die Schüler bekommen dennoch ein breites Spektrum der Ratschläge Ovids geboten.
Aus dem Bereich des capere können nach der "Überleitung" (1,263-268) die Kapitel "Warten auf Werbung" (1,269-346), "Der Liebesbrief" (1,437-486), und "Rollenspiel (1,707-722) gelesen werden.
Aus dem letzten Bereich, dem tenere kann "Reiz geistiger Gaben" (2,111-126), "Aktive Liebesbeweise"(2,173-202) und den Text "Schönheitsoperationen" (2,641-662) behandelt werden, dessen unterrichtliche Behandlung hier exemplarisch vorgestellt werden soll.

Die kritische Reflexion dieser Verse kann den Schülern helfen, den verantwortungsbewußten Umgang miteinander zu lernen und eigene altersbedingte Probleme, die sich u. a. häufig mit dem eigenen angeblich weniger schönen Äußeren befassen, zu bewältigen.
Die Frage, wie man mit körperlichen Unvollkommenheiten eines Freundes oder Bekannten umgeht, steht im Mittelpunkt der Interpretation. Einem Fremden körperliche Unzulänglichkeiten vorzuhalten, wäre eine grobe Unhöflichkeit, doch wie behandelt man die "Schönheitsfehler" seines Partners?

Ovid rät seinen Lesern, diese Fehler nicht zu verleugnen, sondern sie durch die Wortwahl positiv zu interpretieren.


Darstellung der Unterrichtsstunde zum Thema:
Ovid, Ars amatoria, 2, Verse 657 - 662 , Übersetzung mit interpretativem Ansatz

Ovid, Ars amatoria 2, 657 - 662

                                                    657     Nominibus mollire licet mala: "Fusca" vocetur,
                                                                   nigrior Illyrica cui pice sanguis erit;
                                                               si paeta est, "Veneri similis"; si rava, "Minervae";
                                                    660         sit "gracilis", macie quae mala viva sua est.
                                                               Dic "habilem", quaecumque brevis; quae turgida, "plenam";                                                                     et lateat vitium proximitate boni.
                                                   

Angaben:

(657)

malum Nachteil, Fehler.

  

mollire mildern 

     

fuscus dunkel

(658)

pix, picis f Pech

        

Illyricus aus Illyrien, der Landschaft Dalmatien

(659)

paetus 1. mit verliebtem, schmachtendern Blick; 2. freundliche Benennung für schielend

       

ravus grau (von den Augen).

         

Minerva Göttin der Wissenschaft und des Kunsthandwerks; der griech. Dichter Homer gibt ihr (griech.: Athene) den Beinamen "grauäugig" oder "eulenäugig"

(660)

gracilis schlank, graziös

        

macies, ei f Magerkeit

(661)

habilis eicht, behend

      

turgidus aufgedunsen

  

plenus voll(schlank)

(662)

proximitas boni svw. Bezeichnung mit der nächstmöglichen guten Eigenschaft




Vorlaufphase

Die Überschrift " Schönheitsoperationen " ist in ihrer Doppeldeutigkeit hilfreich und verwirrend zugleich; denn nach Ovid soll an den Schönheitsfehlern des Partners statt mit Hilfe eines Skalpells - wie man zunächst annehmen könnte - mit der Sprache "operiert" werden: nominibus mollire licet mala.
Wie allerdings nach Ovids Rat ein "Arrangement" mit den "äußerlichen Mängeln des Partners aussehen sollte, können die Schüler zunächst nur vermuten. Diese Hypothesen werden sicherlich die Textaufnahme motivieren.


Alternativ könnte auch eine semantisch-strukturelle oder eine sachliche Vorentlastung die Stunde einleiten. Da die Schüler nach einem Beobachtungsauftrag, der die Texterschließung erleichtern soll, rekurrente strukturelle Merkmale selbst entdecken sollten, kann trotz bestehender Syntax- und Grammatikdefizite auf eine strukturelle Passung dieser Verse ( s. Textaufnahmephase ) verzichtet werden.

Auch eine semantische Vorentlastung kann wegen der sehr ausführlichen Angaben in der Schülerausgabe ausbleiben. Sollte es bei dem Versuch, Venus und Minerva mit den genannten Eigenschaften paetus und ravus in einen Zusammenhang zu bringen, Schwierigkeiten geben, wird man dieses wohl eher interpretatorische Problem in der Phase der Nachsemantisierung klären.
Als Sachinformation sollte den Schülern Venus als Göttin der Liebe und Minerva als Göttin der Wissenschaft bekannt sein. Für ein grobes Vorverständnis ist diese Information zunächst ausreichend.



Textaufnahmephase

In der Phase der Textaufnahme, dem Schwerpunkt der Stunde, erschließen die Schüler die sechs Verse transphrastisch als eine sinnlogische Einheit.

Zunächst lesen sie den Text still und unterstreichen die ihnen unbekannten Vokabeln. In einer kurzen ad-hoc Vorentlastung werden diese dann geklärt. Danach folgt ein Lehrerlesevortrag, der den Schülern die zusammengehörigen Paare " Mängel - Umschreibungen " auch akustisch nahebringen soll.

Eines der auffallendsten rekurrenten Merkmale der Oberflächenstruktur ist in der Textstelle durch die Verteilung der Satzzeichen gegeben. Erinnern sich die Schüler an ihre Anfangshypothese und bringen diese mit den zahlreichen Anführungszeichen in Zusammenhang, werden sie Ovids Absicht, die äußerlichen Unzulänglichkeiten des Partners zu umschreiben, vermuten. Sollten sie diesen Zusammenhang jedoch nicht erkennen, werden sie zumindest die in Anführungszeichen gesetzten Kollokationen aufzählen können.

In der sich anschließenden Partnerarbeit sammeln die Schüler die Angaben über die körperlichen Fehler und deren Umschreibungen. Diese Partnerarbeit soll die selbständige Fertigung eines Strukturbildes vorbereiten- denn Methodenkompetenz ist eine der Grundlagen einer erfolgreichen Textarbeit.

Bei der Untersuchung der Verse auf Haupt- und Nebensätze werden die Schüler feststellen, daß der Hauptsatz jeweils die Umschreibung nennt und der Nebensatz den Schönheitsfehler aufgreift.

Zu der Isotopieebene "Fehler" werden die Schüler den Oberbegriff vitia oder mala aus dem Text finden. Den Oberbegriff der anderen Isotopieebene proximitas boni können die Schüler jetzt wahrscheinlich noch nicht bestimmen.
Bei noch fehlender Übung, selbständig in einer Einzel- oder Partnerarbeit ein Strukturbild zu erstellen, erarbeitet man es im Klassengespräch und hält es an der Tafel fest.

Das Tafelbild wird auch das Auffinden der Ellipsen erleichtern: die Umschreibungen sollten untereinander geschrieben werden, dadurch wird es einfacher, z. B. vocetur auch auf Veneri similis zu übertragen und Minervae zu Minervae similis vocetur zu ergänzen.
Nach einer Zusammenfassung des bisher Erarbeiteten führen die Schüler eine Detailübersetzung in Partnerarbeit durch.

Der Inhalt und die Struktur der Verse sind durch die transphrastische Vorerschließung jetzt so weit geklärt und in einem Strukturbild so gesichert, daß die Schüler die Detailerschließung selbständig auch zu Hause durchführen könnten. Sollte daher die Unterrichtszeit sehr fortgeschritten sein, könnte auf eine Detaildekodierung in der Stunde verzichtet werden.

TAFELBILD


NEBENSATZ:      
vitia, mala  ( Mängel )
HAUPSATZ:
proximitate boni, nomina
( Umschreibungen )

Prinzip

cui nigrior sanguis pice erit fusca vocetur mollire

latere

dissimulare

 

beschönigen

si
paeta est
Veneri similis  (vocetur)
si rava ( est ) Minervae ( simils vocetur)
quae macie mala viva sua est gracilis sit
quaecumque brevis ( est ) dic habilem
quae turgida ( est ) ( dic ) plenam

 


Texterarbeitungsphase

Nachdem die Schüler die manifesten Informationen der Verse mit einer Paraphrase dokumentiert haben, werden sie nun die latenten Informationen erarbeiten. Eine Nachsemantisierung wird hierfür ein erster Schritt sein. In einem fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch nach der ganzheitlich-analytischen Methode kommen sie zu einem ersten Textverständnis. Das Unterrichtsgespräch ist hier für die Interpretationsbemühungen der Schüler besonders wichtig, um ihre Methodenkompetenz zu stärken.

Nach einer ersten Hypothese über das Prinzip der Umschreibungen vergleichen sie nun die mala und deren Umschreibungen. Einzelne Ausdrücke, die noch referentielle Unschärfen aufweisen, werden nachsemantisiert:
Die Schüler semantisieren fusca als "dunkelfarbig, dunkelhäutig". Sie beachten hierbei, daß fuscus die Umschreibung für nigrior sanguine pice ist und sich daher auf die Hautfarbe beziehen muß.
Paeta geben die Schüler, wie im Kommentar vorgeschlagen, mit "schielend" wieder. Den Vergleich eines grauäugigen Mädchens mit Minerva werden die Schüler vielleicht damit erklären, daß die Göttin der Wissenschaft wahrscheinlich ernster ist als die attraktivere Venus. Bei der Diskussion der Beziehungen "mager - schlank", "klein - behend" und "aufgedunsen - üppig gewachsen" wird den Schülern Ovids Prinzip besonders deutlich: die körperlichen Fehler werden mit möglichst positiven Begriffen belegt.
Die Frage nach dem Nutzen der Euphemismen wird neben einer Übersetzung, die die bisherigen Ergebnisse der Interpretation berücksichtigt, als Hausaufgabe zur nächsten Stunde zu bearbeiten sein.


letzte Aktualisierung: 24.02.02

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