UdSSR 1975

 

 

Teilnehmerliste SU 75-1126 16-25.10.1975 Moskau-Leningrad-Novgorod

 

Reiseleiter:

Bosch, Karl Michael und Bosch, Barbara Dagmar

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

  1. Ahlgrimm, Uwe
  2. Bertling, Markus
  3. Brehm, Christoph
  4. Deike, Wolfram
  5. Erb, Ulrike
  6. Gantenberg, Joachim
  7. Gaßmann, Dirk
  8. Gerlach, Wolfgang
  9. Gudel, Jens
  10. Hülser, Jutta
  11. Joege, Jürgen
  12. Kleist, Sabine
  13. Korten, Wolfram
  14. Krüger, Gerhard
  15. Lembke, Peter
  16. Mehlem, Peter
  17. Mumm, Jost
  18. Ottersbach, Dirk
  19. Pohlmann, Birgit
  20. Quabach, Claus-Peter
  21. Roeber, Gerd
  22. Schroeder, Thomas
  23. Schmidt, Michael
  24. Schweda, Harald
  25. Sopp, Klaus
  26. Sost, Dietrich
  27. Stoecker, Martin
  28. Weber, Guido
  29. Zaers, Michael

 

 

Bearbeitet und wieder erneuert von Karl Michael Bosch am 1.6.2004 (29 Jahre nach einer wunderschönen Russischkursfahrt).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn einer eine Reise tut... 

 

 

 


Liebe Leser!

...dann kann er was erzählen.So lautet die Fortsetzung dieses Sprichworts, das sich als Titel dieser Zeitung wohl recht gut eignet; denn alle Rußlandreisenden konnten und können ihren Eltern und Bekannten bestimmt viel über diese abenteuerliche Exkursion in die UdSSR berichten.

Das ist auch das Bestreben dieser Zeitung,die Erlebnisse und Eindrücke der Rußland­reise in Wort und Bild teils nüchtern-sachlich, teils aber auch lustig-heiter festzu­halten.

Ich habe mich bemüht die Meinung und den Stil der Autoren der einzelnen Tagesberichte zu erhalten,war aber leider oftmals dazu gezwungen,lieblos angefertigte und zusammenhanglose Berichte in der Ausdrucksweise umzuändern und zum Teil auch inhaltlich auf zufrischen,so daß die Berichte,wenn sie auch formal eine andere Gestalt haben,immer noch die Meinung ihrer Verfasser wiedergeben.Trotzdem aber bedanke ich mich bei allen Mitarbeitern dieser kleinen Zeitung noch einmal für die teils tatkräftige Mit­arbeit.

Und noch einen herzlichen Dank möchte ich hier im Namen aller Rußlandreisenden Herrn und Frau Bosch für die gute, souveräne und sorgfältige Leitung dieser Reise aussprechen,so daß sie zu einem Erfolg werden konnte. Nun wünsche ich allen Lesern,unter denen sich hoffentlich auch Eure Eltern befinden werden, viel Freude beim Lesen dieser Zeitung.

Jens Gudel (Chefredakteur)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

kaugummilüsternen Kindern bestürmt, die Anstecknadeln gegen Kaugummis tauschen wollte.

Nach dem Abendessen fuhren wir mit der  Метро zur Красная площадь. Bei der Metro waren die langen, in die Station führenden Rolltreppen und die prunkvollen Hallen beeindruckend. Wir erlebten bei Nacht den Roten Platz mit dem Кремль. Auf einer Moskva-Brücke wurden wir von einem Mann angesprochen, der mit uns Devisengeschäfte machen wollte. Plötzlich tauchten jedoch Polizisten in Zivil auf und nahmen den Mann diskret, aber bestimmt, in ihre Mitte. Nach diesem nächtlichen Stadtbummel fuhren wir, obwohl wir unseren BOSCH schon längst verloren hatten, nach Hause und gingen fast alle ins Bett.

 

 

 

 

 

 

 

nutzte einer der beiden Übeltäter sehr geschickt,um sich mit einem Blitzstart und einem daran anschließenden Sprint, der sämtliche Rekorde gebrochen hatte,aus der Ge­walt des Polizisten zu befreien. Vor lauter Verblüffung reagierte dieser viel zu spät, um noch hinter dem Ausreißer herzulaufen.Man sah ihm an,wie peinlich ihm dieser Vorfall vor uns war; denn er zog den ihm verbliebenen Übeltäter in einen abgelegenen Winkel Wir setzten unseren Weg zum Intershop fort, wo die obligatorische Puppe in der Puppe gekauft wurde (матрёшка).

Währenddessen besuchten andere den Moskauer Zoo. An der Kasse gab es einige Komplikationen (für Eingeweihte seien hier nur die Stichworte „Häää.wie?“-genannt.). Insgesamt waren sie nicht sehr angetan von Bestand und Pflege des Zoos. Einige besuchten auch noch das Polytechnische Museum und das Leninstadion; fast alle aber machten Gebrauch von der Moskauer Metro.

Hinab zu den Zügen gelangt man über sehr lange,steile und schnelle Rolltreppen,auf denen in Stoßzeiten pro Stufe zwei Menschen stehen.Im Kontrast zu diesem grauen Menschengewirr stehen die prunkvoll ausgestatteten Stationen, deren Aufgabe-abgesehen von der repräsentativen Bedeu­tung und der als Atonbunker-es ist,dem Sowjetbürger Kunst, Schönheit und Reichtum der UdSSR im Alltagsleben nahezubringen.

Abends wurden wir im Hotel von "Dealern" besucht,die einige von uns um manches Kleidungsstück erleichterten,dafür aber um manchen Rubel erschwerten; denn in den folgenden Tagen merkten wir,wie schwer es ist, die Rubel vorteilhaft anzulegen.

Ökonomische Reflexionen

Ein Student der Wirtschaftsmathematik gab kürzlich die Erklärung für die inflationäre Tendenz des Rubelkurses und die daraus resultierenden Währungskrisen: Ein Rubel ist so viel wert wie eine Kopeke! Natürlich konnte er das beweisen: 1 Rubel = 100 Kopeken = 10 Kopeken x 10 Kopeken= 1/10 Rubel x 1/10 Rubel= 1/100 Rubel = 1 Kopeke.

Frage an Radio Eriwan:

Bei uns in der Ukraine werden die Zugverspätungen zu einem immer größeren Ärgernis. Das Volk, das sich in den Bahnhöfen drängt, beginnt zu murren und zu schimpfen. Gibt es ein wirksames Mittel dagegen? – Im Prinzip, ja. Es müssen mehr Wartesäle gebaut werden.

 

 

Lomonosow-Universität.die bis zu 30000 Studenten aufnehmen kann. Diesen Abstecher machten wir allerdings offensichtlich nur, um unseren Kreml-Führer Igor abzusetzen. Danach kehrten wir hungrig ins Hotel zurück.

Herr Bosch hatte bereits nach dem Mittagessen für uns ein vitaminreiches Abendessen bestellt,doch die spärlichen Tomaten mit saurer Sahne konnten nicht über die aber­malige Wiederholung des Reisgerichts mit Buletten, das es bis jetzt jeden Abend ge­geben hatte, hinwegtäuschen. Nach energischen Protest von Herrn Bosch flogen bereits die ersten Brötchen, und wir zogen uns enttäuscht und empört auf unsere Zimmer zurück. Nach dem Kofferpacken nahmen wir traurig Abschied von unserem Hotel гостиница Турист mit seinen kulinarischen Köstlichkeiten und von Moskau und bestiegen auf dem Leningrader Bahnhof in froher Erwartung Nowgorods einen 1955 gebauten und mit allen Komfort, sogar mit Toiletten ausgestattetem Zug. Bevor wir die Nacht auf den sehr bequemen Holzpritschen verbringen durften, drängte sich ein Teil unserer Gruppe zu 19 Mann in einem Abteil zusammen, amüsierte sich ein anderer Teil auf dem Gang mit französischeprachigen Schweizern,und ein drittes Grüppchen, zu dem  auch ich gehörte, versuchte sich in der Konversation mit einem russischen Schaffner. Dank un.erer Russischkenntnisse erfuhren wir einiges über seine Vergangenheit (er diente 3 Jahre in der Sowjet-Armee in Polen). Seine Familie, sein Einkommen (150 Rubel im Monat) und seine Meinung über die russischen Speisen. Nach seiner Ansicht ist борщ  eines der leckersten Gerichte der Sowjetunion, was uns sehr erstaunte. Nachdem einige Kugelschreiber ihren Besitzer gewechselt hatten, stellten wir fest, daß nicht nur Kaugummis, Kugelschreiber und Jeans in der Sowjetunion sehr gefragt sind, sondern auch pornographische Zeitschriften größtes Interesse erwecken. Da wir uns jedoch keinen Vorrat davon ange legt hatten, erlosch sein Interesse schnell, und er verschwand. Schließlich kamen wir noch in ein Gespräch mit einem älteren Eisenbahnschaffner, von dem wir einiges über das sowjetische Eisenbahnsystem wie Preise, Lokomotiven, Geschwindigkeiten und Entfernungen erfahren konnten. Erst nach Mitternacht gaben wir uns unseren Holzpritschen hin, auf denen wir sanft inden Schlaf gewiegt wurden.

Frage an Radio Eriwan:

Kann man eine scharfe Rechtskurve mit 160 Sachen nehmen?

Antwort:

Im Prinzip ja,aber nur einmal.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lomonosow-Universität.die bis zu 30000 Studenten aufnehmen kann. Diesen Abstecher machten wir allerdings offensichtlich nur, um unseren Kreml-Führer Igor abzusetzen. Danach kehrten wir hungrig ins Hotel zurück.

Herr Bosch hatte bereits nach dem Mittagessen für uns ein vitaminreiches Abendessen bestellt,doch die spärlichen Tomaten mit saurer Sahne konnten nicht über die aber­malige Wiederholung des Reisgerichts mit Buletten, das es bis jetzt jeden Abend ge­geben hatte, hinwegtäuschen. Nach energischen Protest von Herrn Bosch flogen bereits die ersten Brötchen, und wir zogen uns enttäuscht und empört auf unsere Zimmer zurück. Nach dem Kofferpacken nahmen wir traurig Abschied von unserem Hotel гостиница Турист mit seinen kulinarischen Köstlichkeiten und von Moskau und bestiegen auf dem Leningrader Bahnhof in froher Erwartung Nowgorods einen 1955 gebauten und mit allen Komfort, sogar mit Toiletten ausgestattetem Zug. Bevor wir die Nacht auf den sehr bequemen Holzpritschen verbringen durften, drängte sich ein Teil unserer Gruppe zu 19 Mann in einem Abteil zusammen, amüsierte sich ein anderer Teil auf dem Gang mit französischeprachigen Schweizern,und ein drittes Grüppchen, zu dem  auch ich gehörte, versuchte sich in der Konversation mit einem russischen Schaffner. Dank un.erer Russischkenntnisse erfuhren wir einiges über seine Vergangenheit (er diente 3 Jahre in der Sowjet-Armee in Polen). Seine Familie, sein Einkommen (150 Rubel im Monat) und seine Meinung über die russischen Speisen. Nach seiner Ansicht ist борщ  eines der leckersten Gerichte der Sowjetunion, was uns sehr erstaunte. Nachdem einige Kugelschreiber ihren Besitzer gewechselt hatten, stellten wir fest, daß nicht nur Kaugummis, Kugelschreiber und Jeans in der Sowjetunion sehr gefragt sind, sondern auch pornographische Zeitschriften größtes Interesse erwecken. Da wir uns jedoch keinen Vorrat davon ange legt hatten, erlosch sein Interesse schnell, und er verschwand. Schließlich kamen wir noch in ein Gespräch mit einem älteren Eisenbahnschaffner, von dem wir einiges über das sowjetische Eisenbahnsystem wie Preise, Lokomotiven, Geschwindigkeiten und Entfernungen erfahren konnten. Erst nach Mitternacht gaben wir uns unseren Holzpritschen hin, auf denen wir sanft inden Schlaf gewiegt wurden.

Frage an Radio Eriwan:

Kann man eine scharfe Rechtskurve mit 160 Sachen nehmen?

Antwort:

Im Prinzip ja,aber nur einmal.

 

Der erste Tag in Novgorod Понедельник, 20 октября                                          

(by Dirk Gaßmann,Peter Mehlem,und Thomas Schröder)

Die Nacht verbrachten wir im Zug      Moskau-Novgorod. Man schlief mehr oder weniger gut auf den harten Brettern u. den stark verschmutzten Matrazen. Einige Abteile  waren überhitzt, in anderen dagegen funktionierte die Heizung  nicht. Als wir um 8 h in Новгород  auf dem 1941-45 gebauten Bahnhof angekonmen waren (Mischstil von altruss. u. modernen Elementen), wurden wir wie häufig mit einem klapprigen Omnibus  abgeholt u. in die гостиница Волхов gefahren, im Stadtzentrum gelegen. Die Zimmer waren nicht viel besser als in Moskau. Auf fast allen Zimmern gab es kaltes Wasser zum Abhärten. Nach kurzer Pause machten wir eine ausführliche Stadtrundfahrt. Wir besuchten dabei u.a. das Ярославо дворище и торг.Hier war in alten Zeiten der Fürstensitz. Hier versammelte sich das вечеб die Handelsversamm­lung, hier verlief der Handel mit den Meereskaufleuten. Sie erbauten 1207 eine Steinkirche der Beschützerin des Handels, der Hl. PARASKEVA PJATNIСA. Im Aнтониев монастырь besuchten wir den Собор Рожжества Богородицы. Das Kloster verteidigte im Mittelalter Novgorod von Norden her. Heute befindet sich auf dem Territorium die nicht renovierte alte Kathedrale von 1117 u. das Staatl.Pädag. Institut. Länger hielten wir uns im Юрьев монастырь, einem der ältesten u. reichsten Klöster (Chronik 1119) auf. Novgorod ist eine der ältesten Städte Rußlands, die Wiege des russ. Staates. Zuerst 859 in der Chronik erwähnt. Im 12.-15.Jh. ist Novgorod Zentrum einer Feudalrepublik. 1478 kam das Novgoroder Gebiet zum Moskauer Staat, blieb aber bis ins 18. Jh. großes Handelszentrum. Nachher besuchten wir noch eine Ausstellung der Holzarchitektur,ein Freilichtmuseum mit Holzbauten von künstlerischem u. historischem Wert, wie 5 Holzkirchen, ein Bauernhaus mit kompletter Einrichtung, eine Windmühle, 2 Glockentürmen und einem Ziehbrunnen. Nach dem Mittageseen fand die Kreml-Besichtigung statt. Die Novgoro­der nannten ihn nicht Kreml, sondern Детинец. Kunde von den Bauten geht auf 1044 zurück, als Steinmauern gezogen wurdenю Die jetzigen Bauten gehen auf das Ende des 15. Jh. zurück. Länge der Kreml-Mauern 1585 m, Höhe 8,5-10,5 m, Dicke 5-4 m,  versehen mit 9 Türmen. Auf dem Kreml-Territorium befinden sich u.a. der Софийский собор (ca.1050), einHistor. Museum mit hervorragen­den Ikonensammlungen und das Denkmal Тысячулетие России (1862).

 

 

 

 

 

НОВГОРОД Вторник, 21 октября 1975 года

Der zweite Tag in Nowgorod (by Wolfram Deike,Jost Mumm und Klaus Sopp)


 

Das Programm an diesem Tag sah für den Morgen eine Besichtigung eines Holzkombinats, also einer Fabrik, in der der Rohstoff Holz bis zum fertigen Endprodukt, dem Möbelstück, verarbeitet wird. Nach dem Mittagessen war ein Besuch einer Schule, die nur von besonders guten Schülern besucht wurde,vorgesehen. Den Abend wollten wir in einem Klubhaus der Komsomolzen verbringen.

 

Nach dem chronisch schlechten Frühstück fuhren wir um 10,30 h zu dem Möbelkombinat. Der alte und trostlose Eindruck, den das Werk von außen machte,ver­stärkte sich, je länger man die un­gepflegten Werkshallen und die weni­gen und verkommenen Grünanlagen be­trachtete. Statt mit ansprechenden Grünanlagen und Häuserfassaden wurde man mit anspornenden und aufmuntern­den Parolen empfangen (z.B.Наш труд - тебе Россия =Unsere Arbeit gehört dir Russland, Человек красен трудом = Der Mensch wird durch Arbeit schön.)

Uns wurden zwei für russische Verhältnisse moderne Fabrikhallen gezeigt, in denen sich fast nur westdeutsche Maschinen befanden,die uns mit großer Selbstsicherheit und großem Stolz als sowjetische Errungenschaften vorgestellt wurden. In der ersten befanden sich Fließbänder zur Produktion von Spanholzplatten,die im weiteren Ver­lauf zu Küchenmöbeln verarbeitet wurden.Nach einem kurzen Gang über das Fabrik­gelände,das in diesem Bereich unordentlich,weil momentan unbenötigtes Material und Abfälle überall herumlagen,erreichten wir die zweite Halle, in der die Bretter,denen man inzwischen mittelbraune Furniere aufgepreßt hatte,von westdeutschen Maschinen mit Klarlack überzogen wurden. Bemerkenswert war der hohe Prozentsatz 42% Frauen im Werk,die hauptsächlich die Maschinen bedienten. Darauf gingen wir in die Verwaltungsgebäude des Kombinats und wurden in einen großen Saal geführt,wo man für uns eine Tafel mit Wasser,Bonbons und Teilchen(z.T.mit капуста =Kohl gefüllt) ge­deckt hatte.Dort erhielten wir noch einige Informationen über das Möbelkombinat, das seit 17 Quartalen an der Spitze der Holzindustrie der UdSSR stehen soll und das Plansoll der Produktion überschritten haben soll. In diesem Werk arbeiten 2400 Arbeiter (davon 1008 Frauen),davon 170 Ingenieure. Die obligatorische Tafel mit den hervorragendsten Mitarbeitern fehlte natürlich auch in dieser sowjetischen Muster­fabrik nicht.

Um 14 h besuchten wir eine vor 12 Jahren gebaute Mittelschule, die von außen einen modernen, zwar ungeputzten Eindruck erweckte, in Innern aber nur über eine alte, bescheidene Einrichtung verfügte. Wir wurden zuerst in die Aula geführt,in der bereits sowjetische Musterschüler und -schülerinnen in ihren schwarzen Schuluniformen mit roten Schleifen saßen. Die Direktorin hielt einen halbstündigen Vertrag über die Schule,deren Schüler,deren Lehrer und Nowgorod. Sie legte großen Wert darauf zu er­wähnen, daß abends von den Komsomolzen, den Pionieren und den Lehrern Veranstaltungen für die Schüler abgehalten werden, die ihnen Unterhaltung und Spaß bringen sollen, für die unsereiner selbst Sorge tragen muß - welch ein Verlust! Anschließend folgte ein zögerndes Frage- und Antwortspiel beider Seiten, in dem die älteren, ausgesuchten Schülerinnen mit einem freundlichen Lächeln auf ihren hellroten Bäckchen uns die Verzüge ihres Schulsystems darzulegen versucbten. Die russischen Schüler unterstellten uns Unsportlichkeit, da sie.als wir ihnen von den sechs Mathematikstunden in der reformierten Oberstufe erzählten, folgerten, daß wir dann nur sehr wenig Sportunterricht haben würden. Wir gaben es aber schließlich auf ihnen die Verzüge der differenzierten Oberstufe zu erläutern,da eine Erklärung eines komplexen Themas zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte.

 

Nachdem wir anschließend Gastgeschenke ausgetauscht hatten,führte uns die feinfühlige Direktorin, die es ablehnte,uns am Unterricht teilnehmen zu lassen, durch nur vier Klassenräume, in denen zu diesem Zeitpunkt nur Grundschulklassen unterrichtet wurden.Jeder Klassenraum ist mit einem Bild von Lenin über der Tafel geschmückt. In einem Deutsch- und in einem Englischklassenraum erfuhren wir,daß Marx, Engels und Ulbricht in der UdSSR als die berühmtesten Deutschen erachtet werden und daß es in London ein Lenindenkmal und ein Leninmuseum gibt. Während des Ganges durch die Korridore der Schule stießen wir wiederholt auf Plakate mit den informativen, nationalistisch gesinnten Aufschriften wie „Nieder mit den Faschisten“ und “30 Jahre Sieg über Deutschland", untermalt von Bildern gefallener Soldaten und zerstörter deutscher Panzer vor Moskau. lm zweiten Stockwerk glänzte uns ein überdimensionaler Leninkopf entgegen. Auf die Frage,ob Lenin immer so verschimmelt ausgesehen hätte, machte sich unsere Verwunderung über die Art dieser Schule Luft in einem lauten Gelächter, das uns wiederum einen bösen Blick unserer Führerin Direktorin Марушка   eintrug. An­schließend verabschiedete die reizende гражданка Марушка   Herrn Bosch höflich, aber sehr bestimmt, indem sie ihm die Hand gab und Здравствуйте  -Guten Tag wünschteю Die Begrün- dung für diesen höflichen Rausschmiß liegt wahrscheinlich in unserem für russische Verhältnisse flegelhaften Benehmen während der Führung - viele von uns kauten Kaugummi. Am Abend waren wir zu den Nowgoroder Schülern und Schülerinnen, die wir an Vermittag in ihrer Schule kennen gelernt hatten, in ihren Klub eingeladen. AIs wir den Festsaal betraten, standen die russischen Schüler stramm.Wir mußten uns in die Mitte des kleinen Saales setzen und lauschten andächtig, aber auch ein wenig verlegen der Begrüßungsrede der Scbuldirektorin, mit deren Sprech-tempo unsere Dolmetscherin beim Übersetzen kaum mitzukommen drohte. Nachdem uns die Direktorin einiges über dieses Kulturzentrum der Stadt erzählt hatte, wurden ei­nige Fotoalben auf den Tisch, um den wir saßen, gelegt. Wir stellten jedoch fest, daß uns die Alben recht wenig interessierten, da es sich um Kriegsalben handelte, und so verauchten wir, auf Aufforderung der Direktorin hin,uns mit den russischen Schülern und Schülerinnen, die ein wenig verlegen ausschauten, zu unterhalten. Da wir in der Mitte und die russischen Gastgeber außen herum saßen, kam schnell eine gute und lebhafte Konversation zustande. Leider konnte man nur die üblichen, un­interessanten Fragen stellen, deren Antworten man leider schon vorher kannte. Als ich (Chefred.) begann, einigen russischen Schüler und Schülerinnen systemkritischere Fra­gen zu stellen, wurden sie schnell von der Direktorin abgelöst, die sich redlich bemühte, das System der UdSSR zu verteidigen. Pünktlich um 21 h meinte die Direktorin,daß es nun für die „Kinder“ Zeit wäre, ins Bett zu gehen,und so gingen wir, begleitet von unseren neu gewonnenen russischen Freunden und Freundinnen (?),zu unserem Hotel zurück.

 

Im Kommunistenhimmel erbittet ein Mann Einlaß. Strenge Frage des Genossen Pförtner: „Wo geboren?" - "In einer Bischofsstadt.“ - "Konfession?11 - "Mit elf Jahren zum Christeatum übergetreten, von einem königlich-preußischen Ameepfarrer getauft" - "Familie?" - "Vater reicher Advokat, Mutter »it holländischem Unternehmer Phillips verwandt, Frau Tochter eines adligen Offiziers, Schwager stockkonservativer preußischer Innenminister.“ – „Beruf?" - "Journalist und Privatverleger." -  "Haben Sie schlecht über die Juden geschrieben?" -  "Nur,daß man die Welt von ihnen befreien muß." - "Aber Sie lieben doch die Arbeiterklasse?" - " Wie man’s nimmt. Ich nannte sie Knoten und Straubinger." - "Freunde?" - "Nur einen. Ein reicher Ruhr-Industrieller."

Der Pförtner wutschnaubend: "Da wagen Sie es überhaupt zu erschei­nen, Mann. Wie heißen Sie eigentlich?" - "Karl Marx."

 

Übrigens: In der UdSSR ist als gesetzliches Zahlungsmittel eine 1-Rubel-Münze im Umlauf, die die Aufschrift  «XX  лет победа над фашистской Германии» trägt, was auf deutsch heißt „20 Jahre Sieg über das faschistische Deutschland“.

 

 

 

 

 

 

 

Среда, 22 октября 1975 года

 

Der erste Tag in Leningrad                           

(by Christoph Brehm,Wolfgang Gerlach und Peter Lembke)

 

Am frühen Morgen wurden wir mit dem Bus auf die übliche Art (die Koffer mußten wir mit in den Bus nehmen) zum Bahnhof Nowgorods gebracht, um die Fahrt nach Leningrad anzutreten. Zuerst fuhr unser Zug entgegen unserem Ziel Leningrad, das nördlich von Nowgorod liegt, in südlicher Richtung, aber dann wurde die Lok schließlich doch an einem Ort an der Hauptstrecke umgestellt, so daß wir uns nun glück licherweise in Richtung Leningrad bewegten. Nach 4 Stunden,die durch die Anwesenheit einer reizenden, bildhübschen Schaffnerin wie im Fluge verstrichen, kamen wir auf dem Bahnhof in Leningrad an, von wo aus wir mit dem Bus zu unserem Hotel ДРУЖБА gebracht wurden,das im Norden der Stadt in der ул. Чапыгина   lag. Nach der Zimmerverteilung und dem auch hier mäßigen Mittagessen begann die Stadtrundfahrt. Sie führte am größten Kunstmuseum der UdSSR,der Эрмитаж (franz.:Einsiedelei) vorbei, in der sich zahlreiche Kunstschätze aus verschiedenen Epochen, die hier zuerst von Katharina II.(reg.1762-1796) gesammelt wurden, befinden. An den Rostral-SäuIen, die einst als Leuchtturm dienten, bei sich ein wunderschönes Panorama auf die HEBA und die Stadt Leningrad, die mit ihren Flüßchen und Grachten an Venedig erinnert. Die nächste Station war das 1600 Tonnen schwere Reiterdenkmal Peters des Großen, der Sankt Peters­burg,wie Leningrad bis 1914 hieß, um 1700 gründete, in der Nähe des 102 Meter hohen ИСААКИЕВСКИЙ СОБОР. Kurz darauf hielten wir an einem BEPE3KA  -Laden, in dem sich viele von uns mit матрёшка’s, Balalaikas und Spirituosen, die allerdings mit Devisen, also mit deutscher Währung, bezahlt werden mußten,eindeckten. Dann sahen wir das Museum der Geschichte der Religion und das Atheismus,den 5 Kilometer langen und 33 Mater brei ten Newskij-Prespekt, der das Geschäftszentrum Leningrads darstellt, und den Stadtpark. Zuletzt besichtigten wir den Panzerkreuzer  Аврора, der am 25.10.1917 durch einen blinden Schuß das Signal zum Sturm des Winterpalastes gab und damit die Oktoberrevolution einleitete. Nach den Abendessen nutzten wir die Zeit zu einem Stadtbummel oder zu gemütlichen Treffs auf unseren Zimmern. An diesem Tag besuchten einige das Zentrale Marinemuseum,was in fol

gendem Bericht festge­halten wurde:

 

Das Leningrader Marinemuseum Dieses Museum befindet sich in einem alten, prachtvollen Gebäude in der Nähe der beiden Rostral-Säulen. Nachdem ich mich durch die Eingangstür, die ich nach langem Suchen endlich gefun­den hatte, gebückt hatte, gab ich meinen Mantel an der Garderobe ab.Von dort aus betrat ich die hohe Halle des Treppenhauses,wo mich ein Riesen-Lenin begrüßte. Hinter ihm befand sich der erste Saal, wo die Geschichte der russischen Marine bis 1914 dargestellt wird. Dort befanden sich die Modelle vieler Fregatten und anderer Segelschiffe aus den verschiedenen Epochen des Zarenreiches und Orginale des ältesten erhaltenen Holzbootes und des ersten U-Bootes Rußlands. Die Segelschiffmodelle waren alle sehr genau und wohl mit viel Liebe und Sorgfalt angefertigt werden. Da sie alle sehr lang waren (ca. 2,50 Meter) und daher die Details zeigten,konnte man an ihnen sogar Fragen der Takelage studieren. Danach betrat ich den nächsten Saal, der dem Panzerkreuzer Aurora gewidmet war. Dieser Saal symbolisierte wie auch alle folgenden eine Hymne auf die Sowjetunion und ihr tatkräftiges Volk. Alle Ausstellungsräume waren randvoll mit Dokumentationsmaterial der Revolution, Porträts und Orden. Die für die Sowjetunion geschichtlich wenig ruhmreichen Jahre 1905 und 1914-1917 wurden nicht erwähnt. An einer Wand wurden durch ein riesiges, von hinten beleuchtetes Transparent die politisch-geographischen Verhältnisse in der heutigen Welt dargestellt. Auf ihm waren die “sozialistischen Brüderländer“ rot, die imperialistischen Staaten blau und die für die Sowjetunion neutralen Staaten gelb hervorgehoben. Weiterhin befinden sich auf diesem Plakat eine Unmenge kleiner Plastikmodell, die Soldaten, Raketen,Bomber und Kriegsschiffe darstellten. Sie waren auf die Territorien der imperialistischen Länder aufgeklebt und alle auf die Sowjet­union und die befreundeten Staaten ausgerichtet. Daraufhin holte ich mir meinen Mantel von der Garderobe und verließ die Ausstellung.

 

 

 

Rubens und anderer,meistens älterer, berühmter westeuropäischer Meister. Doch je län­ger die Führung dauerte,um so mehr interessierte man sich für die Sitzgelegenheiten. Üb es nun die Müdigkeit war oder ob es die Unmengen von interessanten Bildern waren, auf jeden Fall wirkten die alten Sofas sehr anziehend. Auf dem Heimweg gingen wir noch мороженое essen, um unsere müden Geister aufzu­frischen.Zum Abendessen bekamen wir eine unerwartete Variante unseres Standardge­richtes:Frikadellen mit-man höre und staune-KohI!

 

Frage an Radio Eriwan: Gilt der wissentschaffliche Marxismus auch für den Mond? Antwort: Nur!

Frage an Radio Eriwan: Sagen Sie in Ihren Sendungen die Wahrheit? Antwort: Im Prinzip ja.Wir beziehen uns auf die ПРАВДА.

 

Frage an Radio Eriwan:

Darf man bei uns noch "Jesus hilf“ sagen? Antwort:Gott bewahre!

Frage an Radio Eriwan:

Bei uns war ein Texaner zu Besuch,der mit der Größe seines Viehbestandes prahlte.Er behauptete, wenn er mit dem Auto um seine Viehherde herumfahren wolle, sei er einen ganzen Tag unterwegs. Gibt es dies auch bei uns? Antwort; Im Prinzip ja. Wir haben auch solche Fahrzeuge.

 

 

 

das sowjetische Schulsystem, so zum Beispiel,daß die Schulpflicht 10 Jahre beträgt und daß ein Abschluß an dieser Schule zum Studium an einer Universität genügt,so daß es theoretisch nur noch Akademiker in der UdSSR geben müßte; denn den Äußerungen des Direktors konnte man entnehmen,daß es nur gute Schüler gibt, die somit alle an der Universität studieren würden. Darauf erklärte der Direktor jedoch, daß es an den russischen Hochschulen Zulassungsbeschränkungen gibt, da man allzu viele Akademiker gar nicht gebrauchen könnte.Der Rest der Schulabgänger muß demnach nach einer unter einem Jahr liegenden Ausbildungszeit in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden. Mit diesen interessanten Erkenntnissen verließen wir diese Musterschule, auf der im letzten Jahr nur ein einziger Schüler eine Klasse wiederholen mußte. Am Nachmittag fuhren wir zur Петропавловкая крепость ( Peter-Pauls-Festung) ,um von einer russischen Reiseführerin durch die Gemäuer geschleust zu werdenю Dies ging in einer uns schon von anderen Führungen bekannten Weise vor sich, wobei die Übersetzung wie immer unsere Reiseleiterin Алла übernahm. „Guten Tag, meine Damen und Herren! Hier sehen Sie das älteste Bauwerk Leningrads, die Peter-Pauls-Festung. Peter der Große ließ sie 1703-1710 auf der Zajatschi-lnsel im Stil der damals modernsten Architektur zum Schutz gegen Schweden erbauen. Bitte folgen Sie mir! Und da vorn sehen Sie das Petrowski-Tor mit einem Holzrelief aus dem Evangelium, durch das man in das Innere der Festung gelangt.-Weiter bitte meine Herrschaften!— Vor Ihnen befindet sich der Münzhof, eine der ältesten staatlichen Münzen,und links das Newski-Tor,durch das die zum Tode verurteilten Häftlinge zur Hinrichtung ge­führt wurden.-Wenn Sie mir bitte folgen würden!-Kurz nach der Fertigstellung der Festung wurde sie in ein Staatsgefängnis umfunktioniert,in das zahlreiche Gegner der bestehenden Ordnung eingesperrt wurden.-Wir werden uns dieses Gefängnis nun näher ansehen.-Dies ist der Raum, in dem der Häftling seine Anstaltskleidung erhielt und die Regeln und Verbote vernahm, die im Gefängnis zu beachten hatte.—Hier entlang!— Dies ist die Zelle, in der Sohn Peters des Großen Alexej seine letzten Stunden ver­bracht hatte. Hier sehen Sie die Zelle,in der der Bruder Lenins Alexej Uljanow fest­gehalten wurde und hier die des Schriftstellers Gorki, der allerdings auf Drängen des Adels bald wieder freigelassen wurde. -So nun werden wir noch die Peter-und-Paul-Kathedrale besichtigen. Sie wurde.1712-1733 erbaut und trägt auf ihrem 62 Me­ter hohen Glockenturm eine 60 Meter hohe goldene Spitze,die bald zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Hier in der Kathedrale sind alle Zaren, angefangen bei Peter dem Großen (reg.:1689-1725) bis zum Erlöschen der Romanow-Dynastie (1917) beigesetzt. Vorn am Altar sehen Sie eine wertvolle Ikonostase, die 1726 errichtet wurde. Und da­vor befinden sich die Marmorsärge mit den Zaren.-So hier ist meine Führung been­det,und ich hoffe, daß es Ihnen gefallen hat. Wir hatten viel erfahren, aber da wir bis  zum Abendessen noch viel Zeit hatten, schlug Herr Bosch einer kleinen Gruppe den Besuch des Museums der Geschichte der Reli­gion und des Atheismus vor. Dieses Museum befindet sich in der  im Stil dem Peters­dom in Rom gleichenden Kazaner Kathedrale, die 1801-1811 auf einem lateinischen Kreuz als Grundriß erbaut wurde. Nach einer atemberaubenden Fahrt mit einem staatlichen Omnibus,in dem das Lösen der Fahrkarten einige Schwierigkeiten bereitete, errei­chten wir diesen am  Newski-Prespekt gelegenen Kuppelbau. 0bwohl er erst eine halbe Stunde vor Ende der Öffnungszeit war, wollten uns zwei unbeirrbare, russische Matkas durchaus nicht hineinlassen, doch dank der Überredungskünste von Herrn Bosch bekamen wir schließlich dieses erstaunliche Museum zu sehen, das in seiner Ausstellung das Kirchenleben und die Hetze gegen dieses darstellt.

Frage an Radio Eriwan:

Kann man den Unterschied zwischen Demokratie und Volksdemokratie erklären? Antwort: Im Prinzip ja, wie zwischen Jacke und Zwangsjacke«

Frage an Radio Eriwan:

Worin unterscheiden sich die Fehler des Sozialismus von denen des Kapitalismus? Antwort: Der Kapitalismus macht

soziale Fehler und der Sozialismus kapitale Fehler.