Teilnehmerliste Reise SU 73154 31.10.-9.11.1973

Reiseleiter:

Bosch, Michael und Grahl, Gottfried

Teilnehmer:

  1. Albrecht, Jörg
  2. Altenhain, Martin
  3. Behle, Knut
  4. Böök, Torsten
  5. Figge, Hartmut
  6. Fleckenstein, Ulrich
  7. Grimm, Gerald
  8. Grineisen, Wilfried
  9. Gundelach, Jürgen
  10. Klussmann, Michael
  11. Kohagen, Jens
  12. Liske, Peter
  13. Ludwig, Horst
  14. Luu, Peter
  15. Meyer, Peter
  16. Roland, Axel
  17. Scheike, Michael
  18. Schmidt, Thomas
  19. Schmitz. Stephan
  20. Schüler, Peter
  21. Schwaner, Dirk
  22. Thiel, Volker
  23. Voormann, Ingo
  24. Wernick, Wolfgang

 

 

 

 

 

Ja, liebe Leute;, es gibt schon Sachen,

die uns 'bestimmt ganz große Freude machen.

Eine solche Sache war unsre tolle Fahrt,

eine Fahrt tatsächlich ganz besondrer Art.

Здравствуйте, товарищи, друзья!

Wir alle sind zurück aus Leningrad, Moskva,

wir alle Schüler - Lehrer - Kameraden

sind heinigekehrt, betrachtet und beladen

mit Eindrücken» Erlebnissen,

Überraschungen, Geschehnissen,

die heute abend ausgebreitet werden sollen

an Hand von Bild« und Redeprotokollen.

Am 30.Oktober sind wir abgereist -

mit frohem Sinn und wachem Geist -

mit Interzonenzug nach Westberlin,

von. da mit Bus ins Land der Disziplin,

d.h.  von Elberfeld

nach Schönefeld!

Mit Iljuschin 18 Moskau angepeilt,

dort vier Tage dann verweilt,

danach drei Tage im herrlichen Leningrad.

Hervorragend war das Resultat!

Vier kleine Erlebnisse gebe ich selbst zum besten:

bedenkt, wir war'n ja im Osten, nicht im Westen!.

a) KGB auf Meyer, stieren,

weil die Paßaufnahmen differieren!

Alle warten stundenlang

im Warteraum, nix Restaurant!

b) Ein Zöllner war auch ziemlich stur

bei einer "Merian" – Karikatur;

Booby mußte aus dem Hefte sie entfernen,

 

mußte das"System" so kennenlernen!

c) Unser Bobby hatte nochmals Pech,

denn ein Fremder dreist und frech ,

hatte wohl auf leisen Sohlen

seine Pelzmütze gestohlen.

" Уменя украли меховую шапку– oh,“

 meinte Bobby dann auf dem Hotelbüro.

-Doch die schöne Mütze wurde nicht ersetzt.

Vegeblich wartet Bobby drauf bis jetzt.

d) Und als in Leningrad wir eintrafen,

da hatten vier Schüler es verschlafen.

Im Autobus saßen wir anderen schon,

da rannten Igor und Bosch davon,

um die vier aus dem Schlafwagenaug zu holen.

wIr übrigen saßen inzwischen wie auf Kohlen.

Ein Glück - sie erwischten rechtzeitig die vier,

und ab ging's komplett ins Заря- Quartier!

Daß wir im ganzen blieben ungeschoren,

danken wir unseren Organisatoren.

Da ist einmal Igor'; der Russe, der nette.

Keinen besseren gibt es, darauf ich wette.

Zum anderen Michael Bosch, in allen Situationen bewährt,

Deshalb von uns allen stets geschätzt und verehrt.

Was die beiden geleistet, geschafft, gemacht,

war einzigartig, war eine Pracht!

Im einzelnen, in Berichten und Bildern,

werden die Teilnehmer fröhlich schildern,

was sie  erlebt, was wir gesehen,

was in  acht Tagen ist geschehen

-am Vorabend der Oktoberrevolution

in den größten Städten der Sowjetunion!

Ich wünscbe Euch allen viel Vergnügen :

genießt die Berichte in vollen Zügen!

gez. Bobby Grahl (10.11.1973)

 

Die folgenden Berichte sind in mühevoller Arbeit abgeschrieben worden, da die Originale schlecht zu lesen waren. Es sind alles Schülerberichte. Stil wurde nicht geändert, nur die Orthographie berichtigt (alter Stil vor der Rechtschreibereform!)

 

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – und das soll er auch. Diese lose Blattsammlung gibt nur die wichtigsten Kollektiverlebnisse wider. Was jeder noch an Privatvergnügungen unternommen hat, möge er seinem Gedächtnis entnehmen. Damit nun aber vor lauter Bäumen der Wald zu sehen bleibt, hier eine kleine Protokollsammlung, die Gedächtnisschwachen Reisenden als roter Faden dienen soll, wenn sie irgendwann im Kreise ihrer Lieben aus der Schule plaudern. Entsprechendes Anschauungsmaterial ist in Form von Postkarten, Dias und Filmen ja im Besitz eines jeden Russen, und, wo nicht, da entwickelt sich dann eben ein schwunghafter Schwarzhandel. Doch nun zur Sache!

30./31.10.1973: Um 21.45 h trafen wir uns gemeinsam und in voller Zahl, was bei Schülern eigentlich eine Seltenheit ist. Und jeder kam so zahlreich wie möglich. Um 22.14 h fuhren wir dann mit einem Zug der Deutschen Reichsbahn (Name durch ein Papierhandtuch belegt) in Wuppertal-Elberfeld ab. Eine Weile passierte gar nichts. Dann kam ein dem Herrn Sparbier nicht unähnlicher Mann und kontrollierte die Kontrollkarten. Dann passierte wieder nichts Wesentliches bis 2.50 h, als ein kleines grünes Männchen die Abteiltür öffnete und einen Laut ausstieß, der etwa „Bassgontrolle“ gelautet haben mag. Die damit gemeine Paßkontrolle findet statt. Kaum ist der eine weg, erscheint ein neuer grüner Mann. Von Pässen will er aber nichts wissen, sondern fragt:“Wo isser denn jetzt hin, der andere?“ Wir inspizieren den freien Raum unter den Sitzen und antworten wahrheitsgemäß:“Hier isser auch nich.“ – „Schade! So schöne lange blonde Haare hatter gehabt.“ – „Und ich dachte, das wär ne Brille.“ – „Da könnese mal sehn.“ Letzteres klang genauso verschnupft wie das Knallen der Abteiltür. Danach kamen eigentlich kaum noch so nette und gesprächige Leute. Es folgt daher ein unkommentierter Auszug aus dem Protokoll.

3.00-3.15 h Passieren Bahnhofsmission Helmstedt. Lautsprecher wünscht gute Reise.

3.20 h Eine Schaffnerin geht vorbei.

3.24 h Passieren Staatsgrenze.

3.27-3.37 h  Marienborn

3.32 h Der erste Popo, nein falsch, der erste Vopo. Seine Worte: „Moment, bitte!“ Dann geht er weiter.

3.33 h noch 2 Vopos

3.42 h Zwei verschreckte Schaffner laufen hintereinander her.

3.50 h Trotz ausgeleierter Schienen löschen wir das Licht.

3.52 h Kontrolle der Kontrollkarten.

3.53 h Paßkontrolle, Feststellung der Kinderzahl, Ausstellung eines Transitvisums

4.03 h Magdeburg

6.09 h Berlin Zoolog. Garten, dann Freizeit bis

8.30 h Abfahrt mit Bus

10.20 h Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee

10.45 h Ankunft Flugplatz Schönefeld

12.00 h Start einer Илюшин-18 mit uns an Bord.

17.00 h Landung in Moskau Шереметьево.

Nach einigen Formalitäten, von denen Herr Grahl und Peter Meyer noch nach Tagen mit Begeisterung erzählten, fuhren wir mit einem ungeheizten Bus durch das teilweise bereits verschneite Moskau zum Hotel Tourist, wo wir nach dem Auftauen ein Abendessen zu uns nahmen und dann ins Bett gingen.

 

1.11.1973: Nachdem wir um 8.00 h gefrühstückt hatten, wurden wir vom Bus abgeholt, der uns zum мавзолей Ленина brachte. Wir hatten eine kleine Weile zu warten; denn eine Menschenansammlung von ca. 1000 x 6 m stand vor uns. Eine neckische Schneeballschlacht mit unserer sowohl russischen als auch ebenso näckischen Führerin ließ uns später sogar die Zeit des Wartens als zu kurz erscheinen, zumal wir dazu übergegangen waren, die Menschenansammlung durch Absingen von deutschen und russischen Volksliedern zu unterhalten. Nach einer halben Stunde war es endlich soweit. Wir stiegen in die klimatisierte Grabkammer hinab, gingen entblößten Hauptes an dem Glassarg mit Lenins einbalsamiertem Leichnam vorbei. Das Mitführen von Fotoapparaten war strengstens untersagt worden.

Trotz eines ausgetüftelten Systems von Kontrollorganen mit sechstem Sinn gelang es jedoch einem unserer Freunde eine Minox mit- und durchzuschmuggeln. Fotografieren konnte er zwar nicht, aber der moralische Sieg blieb ihm ja trotzdem. Nach dem Verlassen des Grabes führte uns der Weg an der Kremlmauer vorbei, wo bekannte Sowjetbürger wie Сталин, Гагарин, Свердлов, Фрунзе, Калинин, Н. Крупская, Киров, Куйбышев, Горький und Орджоникидзе in (Welt-) Frieden ruhen.

Eine anschließende Stadtrundfahrt führte uns von der Красная площадь über den  Большой театр , den Московский университет им. Ломоносова zum  бассей Москва. Das Bad ist nicht nur im Winter geheizt, es hat auch eine Wassertemperatur von 27 º C, hat einen Durchmesser von 130 m und einen dreimal täglichen Wasserwechsel. Alsdann begaben wir uns heim und aßen zu Mittag, worauf wir dann zu Fuß in die Allunionsausstellung ВДНХ gingen. In dieser Ausstellung werden die Errungenschaften der Volkswirtschaft der SU ausgestellt. Man kann sich informieren über Elektronik, Atomenergie, Computertechnik, Raketentechnik und Speiseeis, um nur einiges zu nennen.

Am Abend erlebten wir dann im Kongreßpalast, einem supermodernen Palast im Kreml, eine Balettaufführung des zu Gast weilenden Bolschoi-Theaters. In den beiden 15-minütigen Pausen kosteten wir Moskauer Speiseeis. Anschließend machten wir noch eine stapaziöse Fahrt mit der Moskauer МЕТРО. In den Metrostationen, die sehr prunkvoll ausgestattet sind, wurden zu unserer Verwunderung Bücher und Zeitschriften und zu unserer Freude Moskauer Speiseeis verkauft.

 

 

 

2.11.1973: Nach dem Frühstück in unserem Hotel stand der Besuch der Тредьяковская галерея auf dem Programm. Auf dem Weg dort­hin machten wir kurz am Hotel гостиница «Турист» halt, um Geld umzutauschen. ln diesem Hotel bot sich uns auch die Möglichkeit, Ansichtskarten und Briefmarken zu kaufen.Kurze Zeit später setzten wir unsere Fahrt zur Tretjakow-Galerie fort.Unter der Führung einer charmanten Russin wurden wir in der Galerie ein Stück der russischen Kunst nähergebracht.Vor allem die alten Ikonen raher auch andere ausgezeichnete Kunstwerke verschiedener Epochen verdienten

unsere Aufmerksamkeit. Nach der Besichtigung aßen wir in dem Restaurant Заря zu Mittag.

Für den Nachmttag war der Besuch des größten sowjetischen Pionier­palastes auf den Leninbergen geplant. Während der Während der Führung durch ver­schiedene Abteilungen des Palastes bekamen wir Einblick in das Bildungswesen der SU.                     

Der Höhepunkt des Tages sollte jedoch noch am Abend kommen. Es war der Besuch der Komsomolzen in einer Schule,in der hauptsächlich in deutscher Sprache unterrichtet wird.Unsere Gastgeber empfingen uns herzlich.Eine reichliche Kaffeetafel mit selbstgebackenem Gebäck gab dem Abend einen festlichen Anhauch, und, daß der Großteil der Schüler Sohülerinnen war, sollte den Abend recht reizvoll machen. Nach ein paar einleitenden Worten der Direktorin über das sowjetische Bildungswesen und einen Film „Breschnew in der BRD“  gingen unsere Gastgeber zu musikalischen Darbietungen über, die sehr starken Beifall zur Folge hatten. Die Stimmung wurde immer besser und das Gebäck immer weniger. Auch einige von uns leisteten einen „musikalischen“ Beitrag zu diesem schönen Abend. Erstaunlich war, wie offen wir mit den russischen Jugendlichen sprechen konnten. Und erst recht waren wir überrascht, wie gut unsere Gasstgeberinnen die deutsche Sprache beherrschten. Leider ging dieser Abend viel zu schnell vorbei. Doch wird er wohl allen, die daran teilgenommen haben, haben, unvergeßlich bleiben. Beim  Abschiednehmen wurden noch Adressen ausgetauscht. Die Adresse von Tovarischtsch Bosch war so gefragt, daß sie von einigen Schülern in mehrfacher Ausführung am schwarzen Brett der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Bleibt nur zu hoffen, daß die Verbindung aufrecht erhalten bleibt!

 

 

3.11.1973: Nach dem Frühstück fuhren wir zum Zentrum Moskaus, dem кремль. Er war ca. 18 km von unserer Unterkunft entfernt. Der Kreml ist eine 28 ha große Festung, die von einer 2250 m langen Mauer mit 20 Festungstürmen geschützt ist. Im Kreml besichtigten wir als erstes die Waffenkammer, in der Waffen aus verschiedenen Ländern gezeigt wurden, und weiterhin Wertvoller Zarenbesitz ausgestellt war. Die Geschenke einzelner Staaten waren in Vitrinen ausgestellt. Außerdem konnte man viele Zarenkutschen, -kronen und –kleider sehen. Wir gingen weiter und kamen am großen Kremlpalast vorbei zum Kathedralenplatz mit der Maria-Verkündigungs-, der Erzengel-Michael- und der Maria-Himmelfahrtskathedrale. Die M.H.K. hat 5 symmetrisch angeordnete Dachkuppeln. Sie ist im russ. Barockstil gebaut und beinhaltet die Särge aller Zaren bis Peter d.Gr.. Eine 4-reihige Ikonostas trennt Betende von den Geistlichen. Heute trennt sie Touristen von ... ja, wovon eigentlich? Da kann man mal sehen, wie gut sie trennt. Die Michaelskathedrale beinhaltet ein Ikonenmuseum mit einer sehr seltenen 5-reihigen Ikonostas. Unser Rundgang führte uns dann zum Glockenturm, zur Zarenglocke und zum Arsenalgebäude. Wir verließen den Kreml durch den St. Nikolausturm. Nachmittags war Freizeit, und jeder konnte sich Stadt und Geschäfte ansehen. Abends konnten wir die Wachablösung beim Leninmausoleum besichtigen. Die Ablösung wird im Winter stündlich, im Sommer alle 2 Stunden vollzogen.

 

4.11.1973: Am heutigen Tag sollte unser Moskauaufenthalt zu Ende gehen. Um uns für die lange Nacht zu schonen, wurde erst um 9 h gefrühstückt. An diesem Tag stand uns eine Besichtigung bevor. Das Programm sah des Besuch des Neujungfrauenklosters (Новодевичий монастырь) vor. Trotz seines Namens stellt dieses Kloster das zweitwichtigste sakrale Baudenkmal nach dem Kreml dar. Das i.J. 1524 von Großfürst Василий erbaute Kloster gehörte zu einem Ring von Wehrklöstern, die die Hauptstadt vor Angriffen schützten. Es ist heute eine Zweigstelle des Historischen Museums, da sich in der Hauptkirche einige Unterlagen und Ikonenbefinden, die man besichtigen kann. Wir hatten das Glück, einen Teil des russisch-orthodoxen Gottesdienstes mit zu erleben. Im Anschluß daran besuchten wir den außerhalb der Mauern liegenden Friedhof, auf dem wir die Gräber bekannter russischer Persönlichkeiten fanden. U.a. liegen dort Alexander Tolstoj, Gogol, Tupolev, die 1. Frau Stalins und die 6 bei einem Flugzeugunglück um Leben gekommenen Piloten einer Tu 144  begraben.Nach einem kurzen Einkaufsbummel im nahe gelegenen Берёзка brachte uns der Bus zu einem Hotel in Moskau, in dem wir zu Mittag aßen. Obwohl wir schon einige Tage dieses Essen verzehrten, hatten sich einige noch nicht daran gewöhnen können, so daß man verschiedener Ansicht war. Der Nachmittag bestand zu unserer großen Freude aus Freizeit, die von uns nach Lust und Laune gestaltet werden konnte, Während die einen sich auf die Abreise vorbereiteten und eine Abschiedsfete machten, besuchten die anderen entweder die Ausstellung ВДНХ oder streiften durch die Stadt. Um 18 h gab es unser letztes Moskauer Abendessen im Buffet des Hotels. Den Rest des Abends bis ca. 22 h verbrachten wir auf einigen Zimmern, die uns noch zur Verfügung standen. Um 22.15 h war es dann so weit. Der Bus stand bereit, die Dolmetscherin einer DDR- Gruppe stieß zu uns, und wir fuhren zum Leningrader Bahnhof. Nach einigen Schwierigkeiten erreichten wir unsere Abteile. Um 23.45 h setzte der Zug sich in Bewegung. Nachdem wir uns um 0.00 h einen guten Morgen gewünscht hatten, sind wir eingeschlafen. Einer unserer Nachwuchskavalliere schlief im Gepäcknetz, sein Bett oben erwähnter Dolmetscherin zur Verfügung stellend. Ein neuer Abschnitt in seinem Leben begann.

 

 

5.11.1973: Dieser Montag war unser 1. Tag in Leningrad. Wir verbrachten die Nacht im Liegewagen und sollten morgends um 7.10 h in Leningrad aufwachen. Das traf auch für die meisten zu, als wir jedoch im Bus durchzählten, stellten wir fest, daß wir nicht vollzählig waren: 4 Mann fehlten, sie mußten noch im Zug sein. Игорь, unser Reisebegleiter, begab sich sofort wieder in den Bahnhof und kam dann auch mit den Vieren zurück – 5 Min., nachdem der Zug hätte abfahren müssen.

Der 1. reguläre Punkt auf dem Tagesprogramm war eine halbstündige Stadtrundfahrt. Bei einer solchen Fahrt Bekommt man zwar einen recht guten Überblick über die betr. Stadt, doch kamen wir uns teilweise wie amerikanische Touristen vor- Busfahrt, knipsen, Busfahrt, knipsen, Busfahrt ...

Nach dem Mittagessen besichtigen wir die Peter-Pauls-Festung. Sie ist mit ihrem 122,5 m hohen Turm das höchste Bauwerk der Stadt, allein ihre 60 m hohe goldene Nadel kann man von überall sehen. Ursprünglich als Prachtbau für den Zaren errichtet, wurde sie bald zum Zuchthaus für politische Gefangene. (Mehrzweckbauten sind also, wie man sieht, keine Erfindung unserer Zeit.) Mit Bedrücken und Erstaunen stellten wir fest, daß es schon zu dieser Zeit (18. Jh.) so etwas wie psychische Folter gegeben hat.

Der Abend war nicht verplant, in dieser „Freizeit“ besahen sich viele den Невский проспект aus der Nähe. Besonders reizte zur Betrachtung der Schmuck und die Beleuchtung, die schon für die Festlichkeiten des 56. Oktobers *, stattfindend am 7. November, angebracht waren.

*56. Wiederkehr des Monats Oktober seit dem Revolutionsjahr 1917, versteht sich.

 

6.11.1973: Um 8 h wurden wir dank Dem Service des Leningrader Hotels von Herrn Bosch telefonisch geweckt. Der 1. Treffpunkt an diesem Tag war um 9 h im Restaurant zum Frühstück. Danach war kaum noch Zeit, den Fotoapparat zu holen; denn schon um 9.30 h fuhr der Bus ab, mit dem wir zum Schloßplatz gelangen sollten. Auf der Tour dorthin fuhren wir u.a. den berühmten Nevskij propekt entlang. Am Winterpalais angekommen, hatten wir 1 Std. Freizeit. Es war unangenehmes Wetter, keine Sonne, naßkalt und windig. Auf dem Schlßplatz wurden die letzten Vorbereitungen zur Feier des 56. Jahretages der Großen Oktoberrevolution getroffen. Das Winterpalais war wie auch das übrige Leningrad mit roten Fahnen, Portraits der Mitglieder des Zentralkommitees der KPdSU und kommunistischen Parolen behängt. Um 11 h traf die Gruppe in der Eremitage wieder zusammen. Die E. ist das größte kunsthistorische Museum der SU und eines der größten Museen der Welt. Es enthält über 2,5 Mill. Kunstwerke, die in 5 Gebäuden untergebracht sind. Ein Unterschied zu anderen Museen der Welt ist, daß sie keinerlei Kriegsbeute enthält. Alle Kunstwerke wurden rechtmäßig gekauft, getauscht oder gehandelt. Das Winterpalais ist allerdings so riesig, daß man sich kaum auf einzelne Kunstwerke konzentrieren konnte, sondern sich mit einem oberflächlichen Gesamteindruck zufrieden geben mußte, der auch nicht alle Kunstgegenstände umfaßte. Pech war auch, daß wir keine Führung bekamen, sondern auf eigene Faust die Besichtigung vornehmen mußten. Um 13.30 h war Treffpunkt auf dem Schlßplatz, von wo wir dann nach Hause, sprich ins Hotel, fuhren. Zu dem um 14 h stattfindenden Mittagessen ist zu sagen, daß es zum 1. Mal Nachtisch gab, dafür aber nur Leitungswasser zum Trinken. Nach dem Nachtisch hatten wir dann bis zum Abend (einschließlich!) Freizeit.

 

7.11.1973: Großes Aufatmen am 6.1.: Wir können morgen bis 9.15 h schlafen. Die größte Rarität in der SU war für uns nämlich der Schlaf in jeder Form. Heute also rechtzeitig zum Frühstück aufgestanden, das genauso „reichhaltig“ war wie an allen Tagen zuvor. Gestärkt nach einer anstrengenden Nacht (woher weiß er das nur???) fuhren wir mit einem Charterbus (kein Stadtbus) ins ca. 30 km entfernte Пушкин. Wer eine Kirschzucht erwartet hatte, wurde enttäuscht. Александр С. Пушкин, der größte russ. Dicher (1799-1837) hatte hier das Gymnasium besucht. 1937 wurde ihm zu Ehren der Stadtteil aus Anlaß seines 100. Todestages umbenannt. Der Zweck unserer Reise war ein Besuch einer Sommerresidenz der Zaren. Diese hatten ohne Zweifel Geschmack und zu viel Geld. Vor einer ausführlichen Besichtigung des Palastes hatten wir das Glück, einen Teil der Demonstrationsparade zum 56. Oktoberfest mitzuerleben. Dieser Umzug, von uns respektloserweise „Politkarneval“ tituliert, ähnelt, was Marschordnung und Kleidung der Teilnehmer betrifft, einer derartigen Veranstaltung verblüffend. Langsam machte sich unter uns ein richtiges Heimweh nach einem richtigen Leningrader Mittagessen breit. Um 15 h und nicht, wie vorgesehen, um 15.30 h war es dann soweit. Es gab sowjetischen Champagner und richtiges Fleisch. Dann hatten wir bis 16.50 h Zeit zum Packen. Nachdem um 17 h alle mit Sack und Pack im Foyer herumgestanden hatten, fuhren wir mit dem Bus zum Leningrader Flughafen, wo es einige Verzögerungen gab, bis dann um 20 h die IL 18 mit uns an Bord startete. (Ohne Pelzmütze hätte man noch mehr Ohrensausen bekommen. Nach ausgiebigem Mahl sind wir um 21 h (MEZ!) in Ostberlin gelandet. Nach einigen gar nicht mehr so strengen Kontrollen sind wir dann mit dem Bus um 21.30 h abgefahren, so daß wir auf die letzte Minute pünktlich am Bahnhof Zoo ankamen. Unmittelbar nach unserer Ankunft setzte sich der Zug in Bewegung. Nach den und zwischen den Fahrkarten- und Paßkontrollen schlief man dann trotz derselben ausgeleierten Schienen wie auf der Hinfahrt ein und wachte um 6.30 h ziemlich müde und mit allen möglichen Verrenkungen auf (Schlafen Sie mal mit 8 Mann in einem Sitzabteil der Deutschen Reichsbahn!) Somit war dann unsere Reise beendet, und jeder begab sich so schnell wie möglich heim in sein Bett, um nach Möglichkeit dort die 3 Tage später eintreffenden Postkartengrüße aus Moskau und Leningrad zu erwarten.

Etwas skurrile Souvenirs wie z.B. 5 kg Plakate, 62 cm lange Buntstifte, ausgewählte sozialistische Literatur und Balalajken en masse wurden – wenn man Gerüchten glauben darf – zu Hause mit Begeisterung aufgenommen.

 

КОНЕЦ