Mein
Richard

Stefan Heym
(1974)
Keiner
wohnt mehr in dem Haus. Es soll abgerissen werden, habe ich gehört; vielleicht
wird sogar die ganze Straße geräumt — obwohl die Grenze, die hier schräg
einfällt und
im rechten Winkel wieder abschwenkt, nur dieses eine Haus berührt. Richard
haben sie in den Jugendwerkhof geschickt. Einmal die Woche darf ich ihn dort
besuchen; dann berichtet er mir, dass es ihm gut geht und dass die Erzieher mit
seiner Arbeit zufrieden sind; er ist nicht renitent, war es nie; aber um den
Mund herum hat er einen harten Zug bekommen, der vorher nicht da war.
Und das tut weh. Denn im Grunde ist es meine Schuld,
ich gebe es zu: Ich habe ihn nicht richtig erzogen
ich, eine alte
Genossin und Witwe eines alten Genossen, der stets an verantwortungsvoller
Stelle stand; wie sonst hätten wir in einem Haus wohnen dürfen, das direkt an
der Grenze liegt? Ich habe meine Aufsichtspflicht nicht richtig erfüllt.
Heutzutage muss man ein wachsames Auge haben auf seine Kinder;
sie haben gelernt, eines zu sagen und ein anderes zu denken, und sie haben diese
distanzierte Art, durch die man so schwer hindurchdringt, und dieses Lächeln,
so als wollten sie einem bedeuten: Und du glaubst das, Muttchen, du glaubst
wirklich, was du mir da vorbetest? Ich hätte merken sollen, dass er zu häufig
ausging und zu spät nach Hause kam, mit dem Jungen von unten, der zufällig
auch Richard heißt,
Richard Edelweiß,
und der anderthalb Jahre älter ist als mein Richard, aber jünger wirkt, weil
er klein und schmächtig ist und blonde Löckchen und porzellanblaue Augen hat
wie seine Mutter. Richard Edelweiß musste nicht in den Jugendwerkhof; ihn haben
sie von der Schule weg in die Armee gesteckt. Auch sein Vater hat seinen Posten
als Leiter der Exportabteilung des Bereichs Kosmetik der Vereinigung
Volkseigener
Chemiebetriebe nicht verloren, so wie mir in meiner weit weniger wichtigen
Stellung geschah; aber das erklärt sich daraus, dass seine Scheidung, sechs
Wochen bevor unsere Organe die wiederholten Verletzungen des Passgesetzes
entdeckten,
Rechtsgültigkeit erlangte; weshalb Herr Edelweiß für die Erziehung und das
Verhalten seines Sohnes Richard nicht mehr verantwortlich war. Ich hätte
erkennen sollen, dass mein Richard zusammen mit Richard Edelweiß ein
Doppelleben führte; ich hätte seine Angaben darüber, wie er seine Abende
verbrachte, nachprüfen sollen. Eltern, erklärte die Richterin, besonders
solche, die alte Genossen sind, sollten stets mit den Lehrern ihrer Kinder
Verbindung halten und ebenso mit der FDJ-Leitung an der Schule; hätte ich das
getan, betonte sie, so würde ich sehr bald
festgestellt
haben, dass mein Richard auf den FDJ-Veranstaltungen gefehlt hatte, auf denen er
gewesen sein wollte, und dass er auch nicht in der Arbeitsgemeinschaft für
Biologie war oder in der Arbeitsgemeinschaft für Russisch, sondern ganz
woanders.
Ich
habe es versäumt nachzuprüfen. Ich habe Richard vertraut. Oder wenn ich‘s
mir jetzt, im nachhinein, überlege, habe ich ihn nicht fragen wollen, aus
Furcht, ich
könnte bei ihm
wieder das Lächeln und diesen Ton in der Stimme erzeugen, die anzeigten, dass
die Jalousie heruntergegangen war zwischen mir und meinem eigenen Kind. Wenn
ich‘s mir jetzt überlege, dann glaube ich, ich hatte schon eine Art
Vorahnung,
als der junge Mann plötzlich in mein Büro trat und „Frau Zunk?“ sagte. Sicher
ist jedenfalls, dass ich nicht so ganz überrascht war, wie ich doch wohl hätte
sein sollen. Ich erriet sofort, von welcher Stelle der junge Mann kam —
das mochte
allerdings auch an seiner Haltung gelegen haben: Er gab sich ein wenig zu lässig.
„Wir möchten nicht, dass Sie sich unnötig ängstigen, Frau Zunk“, sagte
er, während
er einen Stuhl vor meinen Schreibtisch schob und
darauf Platz nahm. „Aber Ihr Sohn wird heute nicht von der Schule nach Hause
kommen.“
„Wo ist
Richard?“ fragte ich schrill und erschrak über den Ton meiner Stimme. ‚Wir
mussten ihn in Haft nehmen.“
Ich dachte an
Richard, wie er drei Jahre alt war und Diphtherie hatte und keine Luft mehr
bekam und der Arzt den Einschnitt in den Hals machen musste. Mein Herz
krampfte sich
zusammen wie damals. „Ist ihm etwas zugestoßen?“ „Zugestoßen? Wieso?“
Er schlug die Beine übereinander. „Wir haben ihn aus dem Schulzimmer
herausholen lassen, und er ist hübsch brav mitgekommen. Ich kann Ihnen
versichern, es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“
15
„Aber
was hat er denn verbrochen?“
Er
schien nicht gehört zu haben. „Können Sie mir sagen, Frau Zunk“,
erkundigte er sich, „wo Sie vorgestern Abend zwischen 19 und 23 Uhr waren?“
„Vorgestern Abend?“ Den Umständen entsprechend gut, hatte er gesagt, aber
was hieß das? „Natürlich weiß ich, wo ich vorgestern Abend war.“
„Also?“
Montag war
DFD-Versammlung gewesen; Dienstag Gewerkschaftsleitung, Diskussion des
Betriebskollektivvertrages; vorgestern Abend; das war Mittwoch
Mittwoch war Deutsch-Sowjetische Freundschaft, ein Film über die
Baumwollernte in der Usbekischen Sowjetrepublik wurde gezeigt, und eine von
unseren Frauen hat
von ihrer
Moskaureise erzählt. Er war gelangweilt. „Sind Sie von Ihrem Büro aus nach
Hause gekommen, bevor Sie sich zu der Versammlung der Deutsch-Sowjetischen
Freundschaft begaben?“ „Nein“, sagte ich schuldbewusst. „Ich bin direkt
zur Versammlung gegangen. Sehen Sie, vor dem Film fand noch eine
Vorstandssitzung statt, und ich bin stellvertretende
Vorsitzende, und wenn ich erst noch nach Hause gelaufen wäre, dann wäre ich
zu spät zu der
Vorstandssitzung gekommen. Folglich hatte ich Richard schon am Morgen gesagt, er
möchte sich sein Abendbrot selber machen und dann die Teller abwaschen. Ja, das
habe ich ihm gesagt.“
„Und
hat er Ihnen etwas von seinen Plänen für den Abend angedeutet?“
35
„Er hat
gesagt, er würde vielleicht zu Richard runtergehen, der Junge von unten, sein Freund, heißt nämlich auch Richard..
„Ich
weiß“, sagte er, „Richard Edelweiß. Und wie Sie dann von Ihrer
Deutsch-Sowjetischen
Freundschaftsversammlung nach Hause kamen — das war wann?“ „Kurz nach elf, glaube ich.“
40
„Wie
Sie also von Ihrer Versammlung nach Haus kamen, wo war da Ihr Sohn Richard?“
„In
seinem Zimmer“, sagte ich, „er zog sich gerade aus. Er hat doch nichts
gestohlen?“
„Hat
er erwähnt, wo er am Abend war?“
45 „Ich nahm an, dass er bei Richard war, dem Richard von unten, sie hören
sich da öf-
ters
Platten an, stundenlang, das schreckliche Gejaule, aber ihnen gefällt‘s, es
ist eben eine andere Generation, manchmal kriegt man direkt Angst, er hat doch
nichts getan — nichts
Gewalttätiges?“
„Es handelt
sich nicht um ein Vergehen dieser Art“, sagte der junge Mann, wobei er s das dieser
Art betonte, als wären Diebstahl und Gewaltverbrechen unter seinem Niveau,
kleine Fische. Dann stand er auf. „Ziehen Sie sich Ihren Mantel an.“ Und da
er bemerkte, dass ich ein Schreibtischschubfach aufzog: „Lassen Sie bitte
alles, wie es ist.“
Ich war zu betäubt,
um zu widersprechen. Er benutzte mein Telefon, bedeckte dabei die Sprechmuschel.
Kaum hatte er den Hörer hingelegt, wurde die Tür aufgestoßen,
und herein
eilten Genosse Otter, der Parteisekretär, und Genosse Dr. Wieland, der
stellvertretende Werkleiter, beide etwas atemlos und wie aufs Stichwort. Genosse
Dr. Wieland sagte: „Ich habe dir mitzuteilen, Genossin Zunk, dass du vorläufig
von deinem Posten als Leiterin der Einkaufsabteilung beurlaubt bist; dein Gehalt
läuft
bis zu einer
endgültigen Entscheidung weiter.“ Genosse Otter blickte mich sorgenvoll an;
ich wünschte, er hätte ein Wort zu mir gesprochen; im Grunde war er ein
wohlmeinender Mensch, der die Probleme der Leute verstand, auch wo er sie nicht
lösen konnte; doch Genosse Otter schüttelte nur den Kopf.
Unten
wartete ein Wagen. Ein Unbekannter stieg ein und setzte sich neben mich;
der junge Mann,
der hinaufgekommen war und mit mir geredet hatte, saß vorn neben dem Fahrer.
Während der ganzen Fahrt sah ich von ihm nur den Nacken und seinen Hemdkragen;
der war durchgeschwitzt. Ich hätte gern gewusst, wohin sie mich brachten, hatte
aber nicht den Mut zu fragen; es geht ihm den Umständen entsprechend gut, der
Satz hatte sich im Gehirn festgehakt; den Umständen entsprechend, wie gut
konnte es Richard gehen, wo er jetzt war?
Der
Wagen hielt an; sie hatten mich nach Hause gefahren. Die Männer sprangen
heraus, der mit mir in meinem Büro gesprochen hatte, nahm mich beim Arm, als
wollte er mir über die Pfütze helfen, die noch von dem Regen am Morgen auf der
Straße stand; doch ließ er meinen Arm auch nicht los, nachdem ich den Schritt
über
die Pfütze
getan hatte. Der Hauseingang war offen; ganz kurz erblickte ich vor ihrer
Wohnungstür Frau Edelweiß, das Gesicht teigig grau, die Augen weit aufgerissen
vor Angst. Die zwei führten mich nach oben. Richards Zimmer und meines waren
beide voller Menschen, davon mehrere in Uniform. Die Zimmer machten den
Eindruck, als wären sie durchsucht und danach sorgfältig wieder in Ordnung gebracht worden.
Ein Photograph machte Aufnahmen, wie im Film, wenn einer ermordet worden ist.
Ein Mann von der Statur meines Richard zog sich die Jacke aus und kletterte aus
dem Fenster von Richards Zimmer und sprang auf das Dach der Garage, in der Herr
Edelweiß seinen Polski Fiat noch immer stehen hat, und trat an den Dachrand und
tat, als wollte er über den Stacheldrahtzaun hinüber in den Westen springen,
und jede seiner Bewegungen wurde gleichfalls photographiert. Diesseits des
Zaunes ließen ein paar Grenzpolizisten ihre Hunde nach Spuren suchen. Auf der
anderen Seite, deutlich erkennbar zwischen den Bäumen, stand die Westpolizei
und beobachtete die Vorgänge, und ein amerikanischer Soldat blickte immer
wieder durch ein großes Fernglas auf uns, und ich dachte: 0 mein Gott, sie
haben
Richard
bei versuchter Republikflucht ertappt. Aber wieso hat der junge Mann mir
denn
gesagt, sie hätten Richard aus dem Schulzimmer holen lassen und dass er hübsch
brav mitgekommen wäre? Und dann begann etwas in meinem Kopf zu surren. Ich hörte
mein eigenes Schluchzen und meine verzweifelten Rufe: „Ich will meinen
Jungen! Ich will meinen Jungen sehen!“ Der junge Mann, der in meinem Büro s
mit mir geredet hatte, trat hastig zu mir und sagte: „Beruhigen Sie sich doch,
Bürgerin“, aber ich spürte, dass auch er ganz durcheinander war, denn die
Angehörigen der Behörde sind es wohl nicht gewohnt, dass man sie anschreit.
Sie
ließen mich auf der Couch in meinem Zimmer ausruhen. Ich sah sie zwischen
halbgeschlossenen Lidern hindurch, sie waren wie Figuren in einem Spiel, die
sich
sonderbar bewegten, und ich hörte einen von ihnen
sagen: „Jetzt ist es wohl ziemlich klar“, und ein anderer erwiderte
nachdenklich: „Ich möchte nur herausbekommen, wie lange das schon so geht“,
und eine dritte Stimme prophezeite: „Das wird sich erweisen, mach dir keine
Sorge“, und jemand reichte mir eine Tasse Kaffee und wollte wissen, ob ich
glaubte, ich könnte ihm ein paar Fragen beantworten, und ich
sagte, ja, ich glaubte schon.
Er war ein älterer
Mann mit etwas gekrümmten Schultern; der, der zu mir ins Büro gekommen war,
benahm sich ihm gegenüber ehrerbietig. „Sie brauchen nicht aufzustehen,
Frau Zunk, wenn Sie nicht möchten“, sagte der Ältere. Ich trank einen
Schluck und sagte, ich würde mich schon bald wieder wohl fühlen und ob ich
nicht
vielleicht
erfahren könnte, was mein Richard verbrochen hätte, das so schlimm sei, dass
so viele Menschen sich damit beschäftigen mussten.
Er hob die
schon angegrauten Brauen. „Ich kann Ihnen da nichts mitteilen, bis wir mit der
Untersuchung fertig sind und wissen, wer noch in die Angelegenheit verwickelt
ist und wie weit sie gegangen ist. Sie sind eine alte Genossin, hat man mir gesagt. Sie wissen
also, dass der antifaschistische Schutzwall, den wir zwischen unserer
Republik und
dem Territorium West-Berlin errichten mussten, keine Sache ist, mit der man
leichtfertig spielen kann.“
Ich setzte mich
auf. „Hat er, hat Richard versucht, über die Mauer...."
„Versucht“
Versucht ist ein reichlich milder Ausdruck für das, was wir vermu ten.
Er brach plötzlich ab, vielleicht glaubte er, bereits zu viel verraten zu
haben.
„Und
jetzt“, sagte er kalt, fast feindselig, „was für Freunde hat Ihr Sohn außer
dem Jungen von unten, diesem Richard Edelweiß?" Er fragte mich aus, wie
mir schien, eine sehr lange Zeit. Die Fragen betrafen vielerlei Punkte. Oft
standen sie, soweit mir erkennbar, in keinem Zusammenhang miteinander und schon gar nicht mit meinem oder mit Richards Leben oder mit
dem, was
Richard
verbrochen haben sollte. Zweimal ersuchte ich meinen Befrager, eine Pause
einzulegen, weil ich auf die Toilette musste; beim zweitenmal übergab
ich mich und blieb derart lange weg, dass er an die Tür klopfte und wissen
wollte, ob etwas nicht in Ordnung wäre und ob ich Hilfe brauchte. Ich sagte
nein und kam aus der Toilette
heraus, dicke
Schweißtropfen auf der Stirn, und kurz danach sagte er, für heute wäre es
vielleicht genug, und ich möchte mich bereit halten, falls sie weitere Fragen hätten,
auch sollte ich den Bezirk Potsdam nicht verlassen, ohne ihnen Bescheid zu
geben. Die technischen Leute hatten ihre Siebensachen gepackt und waren
fortgegangen;
der junge Mann, der zu mir ins Büro gekommen war, gab mir eine Telefonnummer:
„Falls Sie uns zusätzliche Informationen geben wollen oder falls einer
aufkreuzt, der mit Ihrem Sohn Verbindung aufzunehmen sucht.“ Und dann war ich
allein. Ich ging in die Küche und zwang mich, ein Butterbrot zu essen. Ich
ging in Richards Zimmer und streichelte den halbenthaarten Teddybär, an den
er als Kind sich immer geschmiegt hatte. Ich ging die Treppe hinunter und hinaus
in den Garten. Sie hatten den Rasen zertrampelt und die
Blumenbeete. An dem stählernen Haken an der Ecke des Garagendaches hing ein
Stück Seil. Frau Edelweiß bemerkte mich von ihrem Küchenfenster aus und kam
heraus, verweint, und umarmte mich:
Ihr Richard war
auch in Haft genommen worden, und sie erging sich in den düstersten Mutmaßungen.
Ich konnte ihr nicht helfen. Ich konnte mir selber nicht helfen.
Die Ankunft des Polski Fiat unterbrach uns. Dem Auto
entstiegen Herr Edelweiß und ein rundlicher Mann mit rosigem Gesicht. Herr
Edelweiß überschüttete seine Frau sofort mit Vorwürfen: Das ganze Übel war das Resultat ihrer
Gedankenlosigkeit und Unbeständigkeit, kein Wunder, dass
der Junge in Schwierigkeiten geriet. „Aber ich“, proklamierte er, „lasse
mich da nicht hineinziehen! Das Gericht hat Richard dir zugesprochen, meine
Liebe, und es istauschließlich deine Verantwortlichkeit.“ Er wurde sich
meiner Anwesenheit bewusst und fügte eilig hinzu: „Was nicht bedeutet, dass
ich mich von dem Jungen abwende. Ich weiß, was ich unserem Sohn schulde, auch
wenn du, meine Liebe, es offensichtlich nicht weißt.“ Und mit einer
Handbewegung auf seinen Begleiter hin: „Darum habe ich meinen Freund und
Rechtsanwalt
Dr. Kahn um Hilfe ersucht.“
Dr.
Kahn gab Frau
Edelweiß und mir die Hand und ließ sich auf einen wackligen Gartenstuhl
sinken. Die etwas verquollenen Augen auf uns gerichtet, bemerkte er:
„Ich
habe solche Fälle schon gehabt. Junge Leute, ah..." Er lachte unvermittelt. „Sehnsucht nach
Abenteuer, nach neuen Horizonten..."
Und ernst
werdend: „Leider können wir
nicht viel unternehmen, bis die behördliche Untersuchung abgeschlossen ist
und wir die Anklage kennen gegen ... Wie
heißt der Junge?“
„Richard“,
sagten Frau Edelweiß und ich gleichzeitig.
„Frau Zunk
ist die Mutter des anderen Jungen, von dem ich Ihnen erzählt habe“,
erläuterte
Herr Edelweiß, „der diesen unglücklichen Einfluss auf unsern Richard ausübt.“
„Das
tut er nicht!“ widersprach ich.
Dr.
Kahn brach wieder in Gelächter aus. Ich fand seine lärmende Fröhlichkeit
übertrieben,
doch als er die Frage einfließen ließ, ob ich ihn nicht auch mit der
Verteidigung
meines Richard betrauen möchte, stimmte ich freudig erleichtert zu, warnte
ihn allerdings,
dass ich nur wenig Geld besäße.
Den Einwand tat
er mit einem Achselzucken ab. „Wollen wir hören, was die beiden
Damen von der
Angelegenheit wissen.“
Es ergab sich,
dass Frau Edelweiß noch weniger wusste als ich. Die Angehörigen der
Behörde
stellten ihre Befragung bald ein, nachdem sich herausstellte, dass die Aussagen der Frau
einander auf wildeste Weise widersprachen. Zuerst hatten sie es
noch mit
Zureden versucht: „Sie haben uns nicht ganz verstanden“, sagten sie und
formulierten ihre Fragen neu, aber das vergrößerte die Konfusion im Kopf von
Frau Edelweiß nur, ihr armes Hirn war noch immer ganz wirr, und die Vorwürfe
ihres geschiedenen Gatten brachten sie noch mehr durcheinander und erzeugten
erneut Tränen. „Lassen Sie sie doch“, bat Dr. Kahn, und mit einem
Augenzwinkern zu
mir hin: Nach
dem, was Sie mir erzählten und
Behörde
wirklich der Meinung ist, sie wäre einer großen Sache auf der Spur. Auch verständlich,
angesichts der Örtlichkeiten“ — er deutete auf Garage und Zaun —„wahrscheinlich erwägt man, ob Richard eins und zwo nicht in eine
finstere Geschichten verwickelt sein konnten.“
„Das
ist doch Wahnsinn“, sagte ich. „Mein Richard..
Er
faltete die Hände über dem Bauch. „Sie werden nicht glauben, wie wenig die
Eltern oft von ihren Kindern wissen.“
„Aber
so etwas“, sagte ich unsicher, „würde ich doch wohl bemerkt haben.“
„Bei Ihrer
intensiven gesellschaftlichen Betätigung?“
Welche
Art von Betätigung Frau Edelweiß abgehalten haben könnte, sich mit ihrem Sohn
zu beschäftigen, ließ er unerwähnt.
In
den nun folgenden Wochen führte ich ein sonderbares Leben. Angstzustände
wechselten ab mit Perioden völliger Stumpfheit. Ich versuchte zu lesen, brachte
es
aber nicht
fertig, mich zu konzentrieren. Ich ließ das Radio den ganzen Tag laufen, Ost,
West, unterschiedlich. Abends ertappte ich mich, wie ich in die Höhe starrte,
ohne zu wissen, was ich sah. Schlafen konnte ich nur mit Hilfe von Medikamenten.
Familie die hätte helfen können, besaß ich nicht; eine alte Tante in Ückermünde
und ein paar entfernte Cousins in Erfurt waren kaum die Menschen, an die ich
mich
wenden konnte.
Ich entdeckte, wie wenige Freunde ich hatte. Anfänglich besuchte mich noch Frau
Edelweiß, aber es gab kaum etwas außer dem Fall und ihrem Richard und
meinem, worüber wir uns unterhalten konnten, und beide spürten wir nach kurzer
Zeit, dass wir einander auf die Nerven gingen. Zweimal klingelten unauffällige
Männer bei mir und sagten, sie hätten noch ein paar Fragen. Die Fragen
waren eher
technischer Natur und erlaubten keine Rückschlüsse auf das Schicksal meines
Richard oder die Art seiner Schuld. Einmal stellte der Genosse Otter sich ein,
der Parteisekretär des Betriebes, und erkundigte sich, wie es mir ginge und ob
ich etwas brauchte. Er blieb etwa eine halbe Stunde. Das Gespräch wurde mühsam.
Dann murmelte er eine Entschuldigung und ging.
Am nächsten
Tag läutete die Türglocke wieder auf die dringliche Art, die ich nun
‘bereits kannte, und ich dachte schon, hier kommen wieder die Fragesteller,
aber es war Dr. Kahn. Er lachte: „Sie haben mich wohl nicht erwartet?“
„Treten
Sie doch ein“, bat ich.
„Ich
habe den Wagen unten“, sagte er. „Machen Sie sich fertig, Frau Zunk —
wir
fahren Ihren
Richard besuchen.“
Der
Besucherraum war graugrün gestrichen; ein koloriertes Bild des
Staatsratsvorsitzenden
hing an der Wand. Richard saß mir gegenüber; er sah blass aus und zwinkerte
nervös. Der uniformierte Wärter an der Schmalseite des Tisches tat, als ob ihn
der Vorgang nichts anginge. Dr. Kahn schnaufte in Abständen oder lachte in sich
hinein.
„Ich
freu‘ mich ja so, dass du gekommen bist, Muttchen“, sagte Richard.
„Ist
es sehr schwer?“ fragte ich. „Ich meine — es kam alles so plötzlich.“
„Nach
einer Weile gewöhnt man sich“, sagte er. „Ich bin mit noch einem Jungen in
der Zelle.“
„Nicht mit Richard?“
„Nein.“
„Wie
ist das Essen?“ fragte ich. „Isst du auch genug?“ „Es ist nicht wie zu
Hause“, sagte er.
5
Ich kam
mir blöd vor mit meiner Fragerei. „Muttchen“, sagte er, „ich habe nichts
Schlimmes getan.“
Der
Wärter blickte auf. „Es ist verboten, über den Fall zu reden.“
„Richard“, sagte ich, „der Genosse hier ist Dr. Kahn, dein Anwalt.“
„Wird schon alles werden, Richard“, sagte Dr. Kahn heiter. „Nur immer bei
der
Wahrheit bleiben.“
„Es tut mir
leid, dass ich soviel Ungelegenheiten mache“, sagte Richard. „Vielleicht war
es eine große Dummheit von mir — aber es hat eben so irre Spaß gemacht.“ „Was
hat?“ fragte ich.
„Wenn Sie über den Fall reden“, sagte der Wächter,
„muss ich den Gefangenen in die Zelle
zurückbringen.“
Den Gefangenen,
dachte ich und fragte: „Kriegst du auch genügend Schlaf, Richard?“
„Jetzt ja.“
Er zögerte. „Zuerst hat mich das Licht gestört. Es ist keine starke Birne,
aber sie brennt.“
„Es ist
verboten, über die Haftbedingungen zu sprechen“, sagte der Wärter. „Ich
hab‘ dir ein paar Stück Kuchen gebracht, Richard“, sagte ich.
„Erdbeertorte, die hast du doch immer gemocht. Und Socken und Unterwäsche.
Die bekommst du dann, das haben sie versprochen.“
„Muttchen."
„Ja,
Richard?“ Plötzlich sah er so klein aus, so sehr noch wie ein Kind. „Was
wolltest du mir sagen?“ Er schlug die Hände vors Gesicht, die Schultern
zuckten. Dann ließ er die Hände sinken. „Weißt du, dass ich gelernt hab‘,
Zigaretten zu drehen, Muttchen?“ Er zeigte ein Lächeln. „Sogar mit einer
Hand!“
„Zeit ist um“, sagte der Wärter. Richard stand
auf. Er tat einen Schritt, als wollte er in meine Arme flüchten, aber der Tisch stand zwischen uns, und es mag
auch sein,
dass ich seine
Bewegung missverstanden habe. Dr. Kahn klopfte Richard auf den Rücken und
sagte, er käme ihn bald besuchen und dann würden sie über den Fall reden,
und Richard sagte, ja, er würde gern mit Dr. Kahn darüber reden, aber er wisse
nicht, wann es ihm erlaubt werden würde. „Halt
die Ohren steif, Richard“, sagte ich. Er nickte und ging durch die Tür in der
Rückwand des Raumes hinaus.
Wo sie nur die elektrischen Birnen in den Korridoren unserer Gerichte
herkriegen.
Diese Birnen
erleuchten wenig mehr als die eigenen Glühfäden, und die Menschen vor den
Eingangstüren der Gerichtssäle sehen aus wie die Schatten der Verstorbenen,
die auf Einlass in irgendeine Unterwelt warten.Das Getippte auf dem Zettel
rechts neben
der Tür war kaum zu lesen. Strafsache
gegen Edelweiß, Richard, und
Zunk, Richard, entzifferte ich, wegen
wiederholter Verletzung des Passgesetzes. Frau Edelweiß umklammerte meine Hand, ihre Fingernägel gruben sich mir ins
Fleisch.
„Verletzung des Passgesetzes“, sagte sie erschüttert, „und
wiederholt. “Herr Edelweiß
war ferngeblieben; er musste zu einer Leitungssitzung des Bereichs Kosmetik der
Vereinigung Volkseigener Chemiebetriebe, und da er nicht mehr gesetzlich
verantwortlich
für seinen Sohn war, hatte er keinen stichhaltigen Grund zur Nichtteilnahme
an seiner Konferenz.
Der Gedanke, dass ich Richard wiedersehen würde,
machte mich froh; er würde uns anblicken, und ich würde ihm Mut zulächeln.
Doch waren meine Besorgnisse größer als meine Freude: Als alte Genossin wusste
ich ja, wie Genossen auf so etwas wie wiederholte Verletzungen des Passgesetzes
seitens des Sohns eines Genossen reagierten: wir haben unsern Arbeiterstaat,
und wir verlangen, dass unsre Gesetze und
unsre Grenzen
respektiert werden, besonders von den Kindern der Genossen; wenn einer mit
sechzehn Jahren sich über das Gesetz hinwegsetzt, was — und wo —
wird er sein,
wenn er fünfundzwanzig ist, und was für ein Beispiel gibt er andern
Jugendlichen?
Das bekannte
Lachen. „Meine Damen“, ließ sich Dr. Kahn vernehmen, „das Warten ist
vorbei.“ Die Schatten im Korridor wandten die Köpfe. Er mäßigte seinen Ton.
„Ich kenne die Richterin, sie ist eine vernünftige Person. Wenn die Jungen,
wie ich ihnen geraten habe, ein bisschen Reue zeigen —Die Tür zum Gerichtssaal öffnete sich. Frau Edelweiß
ging voran, ich folgte ihr, dann Dr. Kahn; zwei Weiblein, wie zum Begräbnis
gekleidet — Rentnerinnen
wohl,
die ihre überschüssige
Zeit auf den Zuschauerbänken der Gerichte verbrachten —‚wurden vom Gerichtsdiener abgewiesen. Der
Staatsanwalt, noch jugendlich, angehende Glatze, nickte mit ernsthaft
feierlicher Miene zunächst Dr. Kahn zu und darauf zwei Männern, die in der
vordersten der vier Bankreihen Platz genommen hatten; ich erkannte den Nacken
des einen und die leicht gekrümmten Schultern des
anderen. Dr.
Kahn begab sich an einen kleinen Tisch zur Linken des richterlichen Podiums und
stellte seine Aktentasche ab; der Staatsanwalt blätterte in irgendwelchen
Papieren. In diesem Augenblick trat mein Richard durch die enge Tür hinter dem
Tisch des Staatsanwalts. Ich bemerkte, dass er mich gesehen hatte. Er wandte
sich Richard Edelweiß zu, der noch schmächtiger aussah als sonst, und nahm ihn
bei
der Hand. Die
kleine Geste beschäftigte mich derart, dass Frau Edelweiß mich anstoßen
musste, damit ich beim Eintritt der Richterin und ihrer zwei Beisitzer nicht
aufzustehen vergaß. Die Richterin blickte sich um in ihrem Gerichtssaal; sie
hatte etwa meine Figur, trug genau wie ich ihr Haar hinten aufgesteckt, und in
ihrem Blick lag ein Ausdruck, den ich auch bei mir bemerkt hatte — ein Ausdruck jener
Zurückhaltung,
die sich einstellt, wenn die großen Hoffnungen allmählich dahinwelken. Sie
sah mich kurz an, dann setzte sie sich. Die einleitenden Formalitäten zogen
sich hin. Ich hatte Augen nur für Richard. Er schien seit meinem Besuch noch
gewachsen zu sein, oder war es, dass sein Gesicht in den paar Wochen alles
Kindliche verloren hatte. Er erinnerte mich an seinen Vater,
als der ein
junger Mann war. Sein Vater und ich hatten nie genug Zeit füreinander
gehabt; sein
Vater verausgabte sich für den Aufbau des Sozialismus.
Mit der
Vorlesung der Anklageschrift fand ich mich zurück in die Gegenwart. Der
Staatsanwalt
las von unserer Jugend, die in ihrer überwältigenden Mehrheit den
Zielen und
Errungenschaften des Sozialismus gegenüber eine positive Haltung ein
nahm und die
nichts sehnlicher wünschte, als noch größere
Errungenschaften retten zu helfen. Dann las er von dem
antifaschistischen Schutzwall als einem Bollwerk im Kampf gegen den
Imperialismus und wie unsere Jugend in ihrer überwältigenden Mehrheit durch
Wort und Tat bewies, dass sie dessen Wichtigkeit durchaus verstand und zu schätzen
wusste - nicht
so dagegen die beiden Angeklagten.
Er verlas eine Anzahl von Daten, vierzehn insgesamt, an
denen die Angeklagten in voller Kenntnis der Strafbarkeit ihrer Handlungen
besagten antifaschistischen Schutzwall in beiden Richtungen überquerten, immer
an der gleichen Stelle, nämlich hinter der zu dem beiderseitigen elterlichen
Wohnhaus gehörenden Garage, wobei sie den Posten, die diesen Abschnitt des
Schutzwalls zu bewachen hatten, und
den technischen Einrichtungen, durch welche die
Posten alarmiert werden sollten, mit List aus dem Wege gingen und derart die
Paragraphen soundso und soundso des Strafgesetzbuches der Republik absichtlich
verletzten; sie seien sogar so weit gegangen, Vertretern der kapitalistischen
Westpresse gegenüber sich ihrer Taten zu rühmen, wodurch sie die Gesetze und
Einrichtungen unserer Republik der Lächer1lichkeit preisgaben und Wasser auf die Mühlen der imperialistischen
Propaganda
gossen, wie aus
Beweisstück A der Staatsanwaltschaft ersichtlich. Die Jugend der Angeklagten —
der eine nicht
ganz sechzehn, der andere bald achtzehn Jahre alt —habe sie nicht davon abgehalten, ein ganzes Nest
abgefeimter Lügen zu weben, um ihre Eltern, ihre Lehrer, ihre FDJ-Funktionäre
hinters Licht zu führen; als erschwerend bei der Beurteilung ihres
wiederholten Vergehens müsse ferner die Tatsache
gelten, dass
keiner der beiden je daran dachte, die zuständigen Behörden von dem
Vorhandensein des von ihnen benutzten Durchlasses zu unterrichten, was die
Gefahr
vergrößerte, dass andere, die die Grenze illegal zu überschreiten
beabsichtigten, den gleichen erprobten Weg beschreiten möchten —
und wer weiß,
ob es nicht welche auch taten. In Anbetracht all dessen bestehe wohl kein
Zweifel, dass das Gesetz
in voller
Strenge Anwendung finden müsse. „Nur so“, schloss der Staatsanwalt, „können
diese zwei irregeleiteten Jugendlichen wieder zu nützlichen Mitgliedern unserer
sozialistischen Gesellschaft werden.“ Und trocknete sich den Schweiß von der
Nase und setzte sich.
Vierzehnmal,
dachte ich, vierzehnmal hinüber in den Westen und zurück, das heißt
achtundzwanzigmal über die Mauer. Achtundzwanzigmal hätte der Junge erschossen
werden können, dachte ich, hätte verbluten können in dem Niemandsland
zwischen
den zwei Welten —
und ich hatte
keine Ahnung davon gehabt Frau Edelweiß, sah ich, zerrte an ihrem Taschentuch.
Vielleicht war ihr ein ähnlicher Gedanke
durch den Kopf
gegangen; aber ich hatte nicht das Herz, sie zu fragen, und sowieso waren ihre
Gedanken nie sehr präzise. Die Richterin rief den ersten Zeugen auf: den jüngeren
der beiden Männer, die mich befragt hatten. Der trat vor und stand vor dem
Richtertisch, das Gewicht auf dem rechten Fuß, den linken ein wenig
vorgeschoben. In dieser Haltung, ganz der Detektiv aus dem Fernsehkrimi,
berichtete er über die technische Seite der wiederholten Verletzung des
Passgesetzes. Seine Aussage klang recht kompliziert, dennoch ging daraus hervor,
dass eigentlich jeder, der die Gelenkigkeit eines jungen Menschen und ein
festes Seil von der richtigen Länge besaß und der die Abfolge der Postengänge
kannte und das Gesichtsfeld des Mannes auf dem nahe gelegenen
Wachtturm mied,
die Tat hätte begehen können.
Sein Vorgesetzter, der ihm auf dem Zeugenstand
folgte, sprach mehr allgemein; nach seinen Erfahrungen ereigneten sich Überschreitungen
dieser Art nur selten als Einzelfall der individuelle Verletzer des Passgesetzes
stehe gewöhnlich in Kontakt mit anderen, die Ähnliches im Sinne hatten, und
selbst wo anfänglich keine Organisation bestand, bildeten sich sehr bald
Gruppen und Banden; bekanntlich werde ja
die jugendliche
Abenteuerlust häufig von gewissen Elementen ausgebeutet. Hier besonders läge
die Gefahr, und darum müsse dieser Fall in viel ernsterem Licht gesehen
werden, als bei oberflächlicher Betrachtung notwendig erscheine.
Dr. Kahns Gesicht strahlte Wohlwollen aus. „Bei
Ihrer Untersuchung haben Sie diesem Gesichtspunkt doch Ihre spezielle
Aufmerksamkeit geschenkt, Genosse,
nicht?"
„Sicher.“
„Und sind Sie
auf irgendwelche Beweise gestoßen, dass die Jungens solche Kontakte
hatten oder
dass eine solche Organisation bestand?“
Richard hob den
Kopf. Ich wollte ihm zulächeln, doch waren meine Lippen wie eingefroren.
Unterdessen entwickelte sich zwischen dem Zeugen und Dr. Kahn ein
Wortwechsel,
den die Richterin zu missbilligen schien.
Schließlich richtete Dr. Kahn seinen dicken
Zeigefinger auf den Zeugen und sagte mit einem kurzen Lachen: „Ist meine
Feststellung korrekt oder nicht, dass Sie die
ganze Sache
erst gewahr wurden, als der Westberliner Zeitungsausschnitt, der jetzt als
Beweisstück A der Staatsanwaltschaft dem Gericht vorliegt, auf Ihren
Schreibtisch
kam?“
Die Richterin
mahnte: Der Zeuge konnte nicht gezwungen werden, die Untersuchungsmethoden der
zuständigen Organe preiszugeben.
„Genossin
Richterin“, sagte Dr. Kahn, „könnten wir Beweisstück A vorgelesen
bekommen?"
Die Richterin wandte sich an den Staatsanwalt: „Sie haben keine Einwendung?“
Ich sehe noch,
wie der Staatsanwalt das Stückchen bedrucktes Papier einer Zellophanhülle
entnahm. Ich höre noch die Stimme, mit der er den Ausschnitt verlas, seinen unterdrückten Ärger, aber auch den höhnischen
Ton des Artikels, der hindurchklang. Richard E. und Richard Z., hieß es, beides
Söhne von SED-Funktionären, beide wohnhaft in der kleinen Stadt D. nahe der
Grenze von Westberlin, hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, über die Mauer
hinweg den Westen zu besuchen. Richard 7., 15 Jahre alt, meinte, wo sie über
die Mauer gingen, wäre es ein Kinderspiel; Richard E., 17 Jahre, fügte hinzu,
zuerst hätten sie ein bisschen Angst gehabt, jetzt aber
wäre es „wie
über den Zaun in den Nachbargarten klettern“. Das Leben in Westberlin
gefiele ihnen,
gaben sie an, doch hätten sie nicht vor, im Westen zu bleiben. Ihre Eltern wüssten
nichts von ihren Ausflügen über die Grenze; achselzuckend erklärten
die Jungen:
„Die würden ja doch nicht verstehen “ Würden
ja doch nicht verstehen, dachte ich. Hatte ich nicht stets Richards Fragen
geduldig beantwortet? Hatte ich ihm nicht immer alles erklärt —
wie er aus meinem
Leib geboren wurde und wie er dort hineinkam, über Geschichte, über die Entstehung
des menschlichen Zusammenlebens, über die Revolution, über Deutschland und über
den Stacheldrahtzaun, der hinter unserm Haus verlief? Und er hatte mich
angehört Aber
im Lauf der Jahre hatte sich seine Art, mich anzuhören, geändert,
und dieser
Ausdruck im Blick hatte sich entwickelt und dieses Kräuseln der Lippen, obwohl
er immer noch antwortete: Ja, Muttchen, und: Natürlich, Muttchen.
,,Na, Richard?“ sagte die Richterin. Beide Jungen standen auf. Die Richterin
präzisierte: „Richard Zunk.“
Der junge Edelweiß setzte sich sichtlich erleichtert
wieder hin.
„Du hast doch
gewusst, Richard, dass es gegen das Gesetz ist, über die Mauer nach Westberlin
zu gehen?“ Richard senkte den Kopf.
„Dann erzähl
uns mal mit deinen eignen Worten, warum ihr es getan habt.“
„Wir wollten ins
Kino.“
„Und
seid ihr gegangen?“ „Ja.“
„Vierzehnmal?“
„Ja.“
„Erzählt
weiter, was euch drüben noch passiert ist.“
15 „Wie
wir das letzte Mal rübergegangen sind, haben uns ein paar Westpolizisten
gesehen
und haben wissen wollen, ob wir aus dem Osten kämen. Und wir — wir haben ja gesagt. Sie haben uns gefragt, ob wir im Westen bleiben
wollten; da haben wir gesagt: Nein, und da haben sie gefragt, was wir denn
wollten, und wir haben es ihnen gesagt..
20 „Ja?
Sprich weiter.“
„Da
haben sie gelacht. Und dann hat der eine gesagt, er kennt jemand, dem würde die
Geschichte sicher gefallen, und wie wir aus dem Kino kamen, da war dieser Mann
da und hat uns Fragen gestellt und hat Currywurst und Cola für uns gezahlt,
aber wir haben ihm nicht richtig getraut und haben ihm nicht viel gesagt.“
25 Die
Richterin spielte mit ihrem Kugelschreiber.
„Richard!“
sagte der Staatsanwalt. Richard zuckte zusammen.
„Ihr
seid also vierzehnmal nach drüben gegangen, und vierzehnmal, sagst du, wart ihr
im Kino. Immer im gleichen Kino?“
„Ja.“
30 „Wie
habt ihr die Billetts bezahlt?“
„Wie
wir gesagt haben, dass wir nur Ostgeld hätten, hat die Kassiererin den Chef
geholt,
und der hat unsre Ausweise angesehen und hat gesagt, wir brauchten nicht zu
zahlen.“
„Und
habt ihr Spaß gehabt?“
35
Richard
schwieg misstrauisch. Er hatte die Falle erkannt, die der Staatsanwalt ihm
stellte: wenn er mit Nein antwortete, wieso war er dann immer wieder nach
Westberlin ins Kino gegangen, und wenn er ja sagte, wo blieb die Reue, die er
doch zeigen sollte? Endlich richtete er sich auf. „Jawohl“, sagte er sehr
ruhig, „es hat uns Spaß gemacht, über die Mauer zu gehen und uns drüben
umzusehen. Es war so...
ich weiß es
nicht anders ..
O Gott, dachte ich, der Junge redet sich selber ins
Unglück. Die Richterin verkündete das Urteil. Die Angeklagten wurden abgeführt,
voran Richard Edelweiß, dann mein Richard. Die Richterin stieg vom Podium herab
und kam auf mich und Frau Edelweiß zu und sprach von der Schuld, die auch wir
trügen, und zögerte einen Moment und sagte dann etwas von der Zeit, die ja
bekanntlich vorbeigehe, und dass die
Erfahrung
unsern Söhnen nur nützen könne, ob in Armee oder Jugendwerkhof. Der
Staatsanwalt, sah ich, trat zu Dr. Kahn, und sie schüttelten einander die Hand:
zwei Berufsboxer, es war ein fairer Kampf gewesen, nur keine Hassgefühle —
diese Art Geste.
Die Richterin
war verstummt. Dann auf einmal das Lachen, das ich kannte, und Dr. Kahns etwas
raue Stimme: „Wenn ich Sie gewesen wäre, Genosse Staatsanwalt, ich hätte
einen Orden für die beiden Jungen beantragt.“
„Wieso
das?“ sagte der Staatsanwalt.
„Weil sie,
wie jetzt gerichtsnotorisch, vierzehnmal hintereinander ihre absolute Treue zu
unserer Republik unter Beweis gestellt haben.“
Der
Staatsanwalt lächelte schief. Dann drehte er sich um und ging.