Das deutsche Fernsehen präsentiert seinem Publikum ein weitgehend unrealistisches Bild der Kriminalität... Diese These, die in den vergangenen Jahren heftig zwischen den Redakteuren der Fernsehanstalten und den Kritikern diskutiert wurde. ist jetzt von einem Psychologen der Universität Münster bestätigt worden.
Einige der Ergebnisse sollen hier genannt werden: Auf Grund der Resultate der Münsteraner Forscher sind die Tötungsdelikte weit überrepräsentiert, so dass der Eindruck vermittelt wird, als ob wir in einer Mordgesellschaft lebten —Ursachen und Motive der Rechtsbrüche kommen nicht ins Bild.
Im Krimi leistet der Kommissar als Einzelperson oder im Team stets erfolgreiche Aufklärungsarbeit. Von den niedrigen Aufklärungsquoten der Polizei bei vielen Typen von Delikten zeigt sich das Medium unbeeindruckt.
Im Milieu der Oberschicht spielen sich im Fernsehkrimi viele Verbrechen ab, die in der Realität häufiger in der Unterschicht vorkommen. So wird z. B. das typische. organisierte Wirtschaftsverbrechen ausgespart. Viele Krimis sind nach einem Schema strukturiert, in dem der jeweilige Fall — sozusagen mit Garantieerklärung — in der dafür vorgesehenen Zeit gelöst wird. Das gilt insbesondere für Serien, in denen ein einzelner Detektiv im Mittelpunkt steht.
Insgesamt erteilt man den Fernsehkrimis. selbst wenn der Aspekt der Brutalität unberücksichtigt bleibt, eine schlechte Zensur. Viele sind so gestaltet, als ob alle Zuschauer eine weit unterdurchschnittliche Intelligenz hätten. —
Verkaufte Reiseträume
von Roderich Schmauz
Der große Run auf einen Platz an der Sonne wird mit dem Schulferienbeginn Im Land wieder einmal mit aller Macht losbrechen. In Staus, bei Unfällen, im Chaos auf den Straßen werden Urlaubsträume auf der Strecke bleiben — auch in einem grundsätzlichen Sinn. Der Tourismus setzt nämlich notwendigerweise einen Prozess in Gang, durch den seine eigene Grundidee pervertiert wird. Den Tourismus; das heißt das zweckfreie Reisen, gibt es erst seit rund 250 Jahren. Der Tourist hielt um 1800 Einzug in die Wörterbücher. Von der exklusiven Grand Tour des Adligen war der Weg zum Massentourismus unserer Tage weit. Voraussetzung dafür waren gewaltige soziale sowie verkehrstechnische Umwälzungen. Immerhin, schon 1863 eröffnete Deutschlands erstes Reisebüro. Aus der Zeit der Romantik stammt indes das, was wir — und speziell die Jugend —noch heute mit dem Reisen verbinden: Undeutliche Träume von Freiheit und Abenteuer. Wir wollen nicht nur auf Zeit aussteigen aus dem Alltagstrott, nicht nur ausbrechen aus gesellschaftlichen Zwängen, aus Berufsstress und dem gewohnten sozialen Umfeld: wir wollen auch unseren Horizont erweitern, Neues erleben, Fremdes, Andersartiges erfahren. Noch mehr: Wir suchen das Unberührte, das Ursprüngliche, ja insgeheim die bessere Welt, das gelobte Land, das Paradies, wo Selbstbestimmung. Selbstverwirklichung und allgemeines Glück in einer Gleichung aufgehen.
Das Fatale an der Sache: Indem der Tourist das „Unberührte“ berührt, hebt er es auf. Kurz ist der Weg vom kilometerlangen, einsamen Strand unter Palmen zur „Touristenerschließung“ mit dann kleinstparzelliertem Raum, Sonnenschirmen und Liegestühlen in Zehnerreihen. Wo Palmen wucherten, stehen nun Bettenburgen. Der Massentourismus vernichtet das Fremdartige eines Landes, korrumpiert dessen Charakter.