„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“
Gotthold
Ephraim Lessing
Lessing wähnte sich niemals im
Besitz der Wahrheit. Worauf es ihm immer ankam – die bekannten Sätze aus der
Duplik von 1778 machen dies nur allzu deutlich –, ist die spezifische Form
aufklärerischen Denkens, die »aufrichtige Mühe«, die der Mensch anwendet, um
»hinter die Wahrheit zu kommen«. Widersprüche, Irrtümer, die sich zwangsläufig
aus der begrenzten Erkenntnisfähigkeit, der Fehlbarkeit des Menschen ergeben,
waren für Lessing verzeihlich und weniger schlimm als das starre und sture
Beharren auf dogmatischen Positionen, die als einzig gültige Wahrheit verkauft
werden – sei es in religiösen, politischen oder literarisch-wissenschaftlichen
Fragen. Flexibilität des Denkens – dazu gehört auch, neben dem Kampf gegen
Vorurteile und dem Eintreten für die Vernunft, die praktische Haltung der Toleranz:
Verständnis für den Andersdenkenden, das Zugeständnis, dass auch andere sich
redlich um die Wahrheit bemühen.
Gotthold Ephraim Lessing
wurde am 22. Januar 1729 in Kamenz in der
Oberlausitz geboren. Er entstammte wie so viele andere deutsche Schriftsteller
des 18. Jahrhunderts einem evangelischen Pfarrhaus. Gotthold Ephraim war das
zweite von insgesamt zwölf Kindern.
Von 1737 bis 1741 besuchte er die Lateinschule in Kamenz, anschließend bis 1746 die Fürstenschule St. Afra in Meißen. Im September 1746 nahm er das Theologiestudium an der Universität Leipzig auf.
Schon bald aber beschäftigte er sich mit eher weltlichen
Dingen, lernte Tanzen, Fechten, Reiten und begeisterte sich für das Theater.
Nach kurzem Zwischenaufenthalt in Wittenberg, wo er Medizin studieren wollte,
erreichte er im November 1748 Berlin.
Lessing, keine zwanzig Jahre alt, entschloss sich, den Beruf
des freien Schriftstellers zu ergreifen. Zusammen mit Mylius gab er die
Zeitschrift Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters heraus, daneben
schrieb er Rezensionen, Gedichte, Theaterstücke. Im April 1752 wurde er zum
Magister der Philosophie promoviert.
Ab November 1752 war Lessing wieder in Berlin. Er
beschäftigte sich mit Übersetzungen von Schriften Voltaires und Friedrichs II.
Im Oktober 1755 begab sich Lessing nach Leipzig. Es
entwickelte sich bald die enge Freundschaft zum preußischen Major und Dichter
Ewald von Kleist, die von den Leipzigern misstrauisch beäugt wurde.
Im Mai 1758 kehrte Lessing nach Berlin zurück. Er schrieb
die ersten Briefe, die neueste Literatur betreffend, 1759 erschien der Einakter
Philotas.
Einen überraschenden Einschnitt stellen die Jahre 1761 bis
1765 dar; Lessing übernahm eine Stelle als Gouvernements-Sekretär beim
preußischen General Tauentzien in Breslau. Im Mai 1765 kehrte er nach Berlin
zurück und fand sich, nicht ohne Schwierigkeiten, wieder in seine literarische
Arbeit ein. Erst 1766 erschien eine umfangreichere Schrift, die ästhetische
Abhandlung Laokoon, die vor allem bei der jüngeren Generation von
überwältigender Wirkung war; 1767 Minna von Barnhelm.
Im September 1769 erhielt Lessing vom Braunschweiger Hof das
Angebot, Bibliothekar an der berühmten herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel
zu werden.
Die ersten Jahre in Wolfenbüttel waren literarisch wenig
fruchtbar. Lediglich Emilia Galotti erschien 1771, daneben veröffentlichte er
von 1774 bis 1778 aus dem Nachlass von Hermann Samuel Reimarus Fragmente eines
Ungenannten, die ihn später mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze
in heftige theologische Auseinandersetzungen verwickelte.
1775 bis 1776 reiste er über Leipzig und Dresden nach Wien,
von dort aus begleitete er den Prinzen Leopold von Braunschweig nach Italien;
die Reise, die nach Mailand, Venedig, Florenz, Korsika, Genua, Turin, Rom und
Neapel führte, schien auf den vom Prinzen abhängigen Lessing wenig Eindruck
gemacht zu haben.
Nach seiner Rückkehr heiratete er die mit ihm bereits seit
1771 verlobte Hamburger Kaufmannswitwe Eva König. Privates Glück war ihm
allerdings nicht beschieden; im Dezember 1777 starb kurz nach der Geburt ihr
Sohn, zwei Wochen später die Mutter. »Ich wollte es auch einmal so gut haben,
wie andere Menschen«, schrieb Lessing verbittert. »Aber es ist mir schlecht
bekommen.«
In Wolfenbüttel befasste er sich in seinen letzten Jahren
mehr und mehr mit theologischen Fragen; 1778, vollständig erst 1780, erschien
Die Erziehung des Menschengeschlechts, daneben entstanden die gegen den
orthodoxen Hamburger Hauptpastor gerichteten Anti-Goeze-Schriften, die das
Recht der Vernunft verteidigten, auch die Religion ihrer prüfenden Kritik zu
unterziehen.
Als Fortsetzung dieser Auseinandersetzung entstand 1778 das
»dramatische Gedicht« Nathan der Weise.
Spätestens 1780 hatte sich Lessings Gesundheit rapide verschlechtert,
er klagte über Konzentrationsmangel, Abnahme der Sehkraft, Melancholie,
krankhafte Müdigkeit; am 15. Februar 1781 starb er bei einem Besuch in
Braunschweig im Alter von 52 Jahren.
Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater Johann Caspar Goethe, Kaiserlicher Rat in der Freien Reichsstadt und Erbe eines beträchtlichen Vermögens, lebte allein seinen Neigungen und Studien hingegeben. Schon früh wurden dem jungen Goethe Wissenschaften, Kunst, Theater und Literatur nahegebracht. Die Lust zu fabulieren – nach Goethes Selbstzeugnissen Erbe seiner Mutter Catharina Elisabeth, Tochter des Frankfurter Stadtschultheißen Johann Wolfgang Textor – ward ihm nicht nur in die Wiege gelegt, sondern erfuhr im großbürgerlichen Elternhaus fördernde Unterstützung und Ansporn.
Im Oktober 1765, im Alter von sechzehn Jahren, begann Goethe in Leipzig auf Wunsch seines Vaters das Studium der Jurisprudenz. Der Universitätsbetrieb enttäuschte ihn ebenso wie die Geringschätzung, mit der seine eigenen literarischen Versuche aufgenommen wurden. Nach drei Jahren erlitt er einen Blutsturz; die nachfolgende schwere Krankheit zwang Goethe zur Rückkehr nach Frankfurt.
Erst 1770 sah er sich imstande, sein Studium fortzusetzen. Diesmal hieß das Ziel Straßburg, und es brachte für Goethe einige einschneidende, folgenreiche Begegnungen. Zu nennen sind Jung-Stilling und Lenz, vor allem aber Herder, der – obwohl nur fünf Jahre älter als Goethe – diesen wie ein Mentor, oft barsch und unerbittlich, endgültig wegführte von allen rokokohaften Konventionen und in ihm die Begeisterung für Ossian, Shakespeare und die Volkspoesie weckte.
Und dann war in Straßburg noch die Pfarrerstocher Friederike Brion, die Goethe erschien, als ob »fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern« aufginge. Unter dem Eindruck der Freundschaft und Liebe zu ihr, aufbauend auf den willig aufgenommenen Lektionen Herders, entstanden so die Gedichte Willkommen und Abschied, das Mailied »Wie herrlich leuchtet mir die Natur ...« und das Heidenröslein.
Sie bildeten gleichsam den Prolog zu den nun folgenden Jahren des Sturm und Drang. 1771 kehrte Goethe nach Frankfurt zurück und wurde als Rechtsanwalt beim Frankfurter Schöffengericht zugelassen. Die Erwartungen seines Vaters, der dem Sohn die juristische Laufbahn empfohlen hatte, erfüllten sich jedoch nicht. Goethes Sinn stand nach anderem. Bereits in der Rede zum Schäkespears Tag formulierte er die Positionen, die für die literarische Revolution des Sturm und Drang grundlegend wurden: Abkehr vom Theater des Rokoko, vom starren Regelwerk des französischen Dramas mit seinen auf Aristoteles zurückgehenden Einheiten von Raum und Zeit, weg von allem Gekünstelten, hin zur Natur.
Natur wurde zum Leitwort der neuen Epoche, sie symbolisierte, was unter den verkrusteten Strukturen der ständischen Gesellschaft und ihren Normen verborgen lag und nun nach Befreiung drängte: die Einheit des von Konventionen nicht mehr eingeengten Individuums mit sich selbst und dem Universum. Sowohl Götz von Berlichingen als auch Die Leiden des jungen Werthers, 1771 und 1774 geschrieben, führen exemplarisch den tragischen Konflikt vor, der aus dem Zusammenstoß des genialischen Menschen mit den Gesetzen der Gesellschaft resultiert. Vor allem der Werther löste eine bis dahin ungekannte Begeisterung aus; Goethe war, vierundzwanzig Jahre alt, einer der bekanntesten Autoren in ganz Europa.
Der Ruhm, der ihm über Nacht zuteil wurde, spiegelt sich im Interesse, das seine Zeitgenossen ihm entgegenbrachten. Bürger, die Brüder Stolberg, Klopstock, Lavater, Basedow und Jacobi suchten neben anderen seine Bekanntschaft. Vom Erbprinzen Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach erhielt er eine Einladung nach Weimar.
Am 7. November 1775 traf er in Weimar ein. Was als kurzer Aufenthalt, als Episode unter anderen gedacht war, wuchs sich zu einer über zehn Jahre währenden festen Anstellung am Hofe Karl Augusts aus. Goethe, bis dahin gewohnt, ein unbeschränktes, niemandem verpflichtetes, unabhängiges Leben zu führen, begab sich freiwillig in die Verantwortung eines Regierungsmitglieds und Staatsbediensteten, ja sehnte sich geradezu danach. Als Geheimer Legationsrat befaßte er sich mit den diplomatischen Verwicklungen während des Bayerischen Erbfolgekriegs, aber auch mit der Ausarbeitung von Feuerverhütungsvorschriften, war zuständig für die herzogliche Wegebauverwaltung und Wasserbaukommission, wurde »Kriegskommissar« und leitete ab 1782 die »Kammer«, die oberste Finanzbehörde des Herzogtums. Der in ganz Europa gefeierte Stürmer und Dränger beorderte sich selbst zum maßvollen, verantwortlichen Bürokraten. »Der Druck der Geschäfte«, schrieb er, »ist sehr schön der Seele; wenn sie entladen ist, spielt sie freier und genießt des Lebens. Elender ist nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit, das Schönste der Gaben wird ihm ekel.«
Das Unstete, Leidenschaftliche, Genialische des frühen Goethe wich dem Reinen und Klaren, der Ordnung. »Täglich mehr Ordnung, Bestimmtheit und Konsequenz in allem«, schloß er zufrieden die Rückschau auf sein Tagwerk. Die Texte, die in dieser Zeit entstanden – 1779 die erste Fassung von Iphigenie auf Tauris, die Anfänge von Wilhelm Meisters theatralische Sendung und Torquato Tasso, 1778 und 1780 –, machen dies deutlich. Daneben betrieb er naturwissenschaftliche Studien, beschäftigte sich mit Bergbau, Mineralogie, Botanik und Anatomie, 1784 gelang ihm der Nachweis des Zwischenkieferknochens des Menschen.
Dieser Wandlungsprozeß, den Goethe durchlief, ging nicht zuletzt auf eine Frau zurück, zu der er wie zu keiner anderen in seinem Leben eine innere Wesens- und Seelenverwandtschaft verspürte. Die Rede ist von der sieben Jahre älteren Charlotte von Stein. »Eine herrliche Seele«, nannte er sie, an die er »so was man sagen möchte, geheftet und genistelt« ist, und erklärte sie zur »Besänftigerin«, zum »Engel«, zur »Madonna«.
Doch auch sie konnte ihn letztendlich nicht zurückhalten, als er sich unter dem anhaltenden Druck der Regierungsgeschäfte zunehmend unbehaglich fühlte. Ihm war »wie einem Vogel, der sich in Zwirn verwickelt hat: Ich fühle, daß ich Flügel habe und sie sind nicht zu brauchen.« 1786, »den 3. September früh drei Uhr, stahl« sich Goethe fort, ohne die nächste Umgebung einzuweihen, und trat die Reise nach Italien an.
Fast zwanzig Monate verbrachte er dort, davon über ein Jahr in Rom. Die Reise markierte für ihn eine – wie er es nannte – »innere Wiedergeburt«. Nicht mehr wollte er sich seiner subjektiven Anschauung überlassen, sondern »die Gegenstände mit Augen sehen. Ich hatte die Maxime ergriffen, mich so viel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein als nur zu tun wäre in mich aufzunehmen.« Besonders der Schweizer Maler Johann Heinrich Meyer, mit dem Goethe in Rom, neben Tischbein, Reiffenstein, Trippel, Hackert, Angelica Kauffmann und Karl Philipp Moritz Umgang pflegte, beeinflußte und prägte diese streng klassizistische Kunstanschauung – mit weitreichenden Auswirkungen, wie Goethes Abneigung, ja Unverständnis gegenüber den Romantikern später zeigen sollte.
In Rom vollendete er den Egmont, schrieb die Iphigenie in jambische Verse um, arbeitete am Tasso, führte seine botanischen Untersuchungen fort, zeichnete und erweiterte seine kunsthistorischen Kenntnisse.
Die Rückkehr nach Weimar, wo er am 18. Juni 1788 wieder eintraf, geriet zu einer großen Enttäuschung. Charlotte von Stein mochte ihm seinen heimlichen Aufbruch nach Italien nicht verzeihen, Anfang des Jahres 1789 kam es schließlich zum Bruch zwischen ihnen. Auch sonst fühlte sich Goethe isoliert. Nicht wenig dazu beigetragen hatte die uneheliche Verbindung zu Christiane Vulpius, die er kurz nach seiner Rückkehr aus Italien einging (erst 1806 wurde die Beziehung durch den formellen Akt der Trauung legalisiert). Im Dezember 1789 kam ihr Sohn August zur Welt, das einzige von fünf Kindern, das am Leben blieb.
Von den Regierungsgeschäften wurde er entlastet. Sein Hauptinteresse galt dem 1791 gegründeten Weimarer Hoftheater, das unter seiner Leitung bald zu einer der bedeutendsten deutschen Bühnen wurde. Es entstanden nur wenige poetische Werke, darunter die Römischen Elegien, die Venezianischen Epigramme und Reineke Fuchs.
Reserviert, wenn nicht abweisend stand Goethe dem wichtigsten politischen Ereignis dieser Jahre gegenüber, der Französischen Revolution. Schon lange, besonders durch seine naturwissenschaftlichen Studien zu der Erkenntnis gekommen, daß sich jede Entwicklung schrittweise, evolutionär zu vollziehen habe, war für ihn der gewalttätige Ausbruch in Frankreich ein Greuel. Auch seine persönliche Teilnahme an den erfolglosen Feldzügen gegen die Revolutionsarmeen im Sommer 1792 und 1793, die in den Schriften Die Kampagne in Frankreich und Die Belagerung von Mainz ihren Niederschlag fand, zeigt ihn als distanzierten Beobachter, bar allen Pathos und jeglicher Verherrlichung des Kriegsgeschehens.
Die geistige Isolierung, in der er sich nach der Italienreise wiederfand, wurde durch die 1794 beginnende Freundschaft zu Schiller beendet. Schiller schließlich gelang es auch, Goethes Sinn wieder auf die Dichtung zu lenken. Neben den Xenien, nahezu tausend Epigramme, die von beiden Dichtern gemeinsam verfaßt wurden, entstanden die Balladen, das Epos Hermann und Dorothea und der Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Daneben nahm er die Arbeit am bereits während der Straßburger Zeit begonnenen Faust wieder auf, dessen erster Teil 1806 erschien.
1799 siedelte Schiller von Jena nach Weimar über, das in der Folgezeit zum Zentrum der deutschen Kultur wurde. Wer Rang und Namen hatte, pilgerte in diese Stadt und suchte den geistigen Austausch: Wilhelm und Alexander von Humboldt, August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, Fichte, Schelling, Hegel, Jean Paul, Tieck, Novalis, um nur einige zu nennen.
Schwer traf Goethe daher der frühe Tod Schillers am 9. Mai 1805. Unverstanden von der jüngeren Generation der Romantiker und ihnen mit Unverständnis entgegentretend, angefeindet von der Weimarer Gesellschaft wegen seiner Heirat mit Christiane Vulpius, persönlich betroffen von den Wirren der Napoleonischen Kriege (sein Haus diente als Quartier der Franzosen), zog er sich mehr und mehr auf sich selbst zurück. Wissenschaftliche Werke (u. a. die Metamorphose der Tiere und die Farbenlehre) und dichterische (Wilhelm Meisters Wanderjahre, die Wahlverwandtschaften) sowie der Beginn seiner Biographie Dichtung und Wahrheit bestimmten sein Schaffen in jenen Jahren.
Die letzten Jahrzehnte in Goethes Leben, vor allem nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1816, waren gekennzeichnet vom selbstauferlegten täglichen Arbeitspensum, das enorme Ausmaße annahm. Sieht man von den jährlichen Badereisen nach Böhmen und einigen Reisen nach Süddeutschland ab, so stellte das hintere Zimmer seines Hauses am Frauenplan in Weimar das Zentrum seiner Welt dar. Wenn er nicht die immer zahlreicher erscheinenden Besucher empfing, Wissenschaftler, Dichter, Verehrer, die dem noch zu Lebzeiten zum Mythos gewordenen Goethe ihren Besuch abstatteten, so schrieb er dort, führte dort seine umfangreiche Korrespondenz oder diktierte. Unerläßliche Hilfe dabei wurde ihm ab 1823 der damals dreißig Jahre alte Johann Peter Eckermann, dessen von ihm aufgezeichneten Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens Nietzsche zum Besten rechnete, was in der deutschen Prosa geschrieben wurde.
Goethes literarische Produktion wuchs ins beinah Unermeßliche. Von 1816 bis 1832 gab er die Zeitschrift Über Kunst und Altertum, von 1816 bis 1824 die Zeitschrift Zur Naturwissenschaft überhaupt heraus, beide mit fast ausschließlich eigenen Beiträgen, 1819 schloß er die Arbeit am West-östlichen Divan ab, 1822 die Kampagne in Frankreich, 1829 schließlich vollendete er Wilhelm Meisters Wanderjahre. Daneben arbeitete er an den Zahmen Xenien, an seiner Biographie Dichtung und Wahrheit, an der Italienischen Reise und am zweiten Teil des Faust, der ihn sein gesamtes Leben lang begleitet hatte. Am 22. Juli 1831 war die Arbeit daran beendet. Testamentarisch verfügte er, daß sein Hauptwerk erst nach seinem Tode veröffentlicht werden dürfe.
Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832, im Alter von zweiundachtzig Jahren. Faust, der Tragödie zweiter Teil erschien 1833 als erster Band seiner nachgelassenen Werke.
Friedrich Schiller
ZUM AUTOR
»Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.«
Was an diesem Theaterabend in Mannheim – man schrieb den 13. Januar 1782 – hervorbrach, war die leidenschaftliche Rebellion gegen eine als morsch empfundene Welt. Und wie niemals zuvor und wie später kaum mehr gab sich das Publikum, ein Augenzeuge berichtete davon, frenetischem Beifall hin; unter stürmischen Tumulten feierte es das Stück, dessen Uraufführung es erlebt hatte. Das Stück hieß Die Räuber, und der Verfasser war ein unbekannter Regimentsmedikus aus Stuttgart, Friedrich Schiller.
Sieben Jahre vor der Französischen Revolution brachen hier all die angestaute Wut, Haß und Rachegelüste gegen die Willkür und Ungerechtigkeit des absolutistischen Staates, ja gegen die ganze bestehende Welt aus. Karl Moor, der Held des Dramas, weist nach einer von seinem Bruder Franz angezettelten Intrige, durch die sich sein Vater und die Geliebte von ihm abwenden, jegliche Ordnung von sich. Enttäuscht von den Menschen, der Welt und Gott, wird er zum Hauptmann einer Bande von Räubern und Mördern, um sein Leid an »diesem Jahrhundert« zu rächen. Er fordert Freiheit, muß freilich bald erkennen, daß grenzenlose Freiheit die verletzte göttliche Weltordnung nicht wiederherstellen kann. Durch die Untaten der Bande in immer tiefere Schuld verstrickt, löst er sich von ihr und stellt sich der Justiz: »da steh ich am Rande eines entsetzlichen Lebens, und erfahre nun mit Zähnklappern und Heulen, daß zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrund richten würden. Gnade – Gnade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte«.
Karl muß erkennen, daß die irdische Ordnung immer nur das unvollkommene Abbild der vollkommenen göttlichen Ordnung darstellt. Trotz dieser idealistischen Lösung des Konflikts wurde Karl Moors Aufbegehren als das verstanden, was es war: ein politisch-revolutionärer Aufschrei gegen tyrannische Staatsgewalt.
Willkür, Korruption und Ungerechtigkeit des absolutistischen Fürsten hatte Schiller am Stuttgarter Hof aus nächster Nähe beobachten können.
Am 10. November 1759 in Marbach als Sohn eines herzoglich-württembergischen Offiziers geboren, hatte Schiller in Lorch und Ludwigsburg eine angeblich glückliche, idyllische Kindheit verbracht. 1773 aber trat ein Ereignis ein, das seine Jugend fortan bestimmte.
Der württembergische Herzog Karl Eugen hatte zur Rekrutierung geeigneten Offiziers- und Beamtennachwuchses eine militärische Pflanzschule gegründet; um sie mit Schülern zu füllen, erging in selbstherrlicher Manier an seine Offiziere und Beamten die Weisung, begabte Söhne dafür abzustellen. Am 16. Januar 1773 lieferte der Hauptmann Schiller seinen Sohn in der bei Stuttgart gelegenen Solitude ab.
Sieben Jahre lang war Schiller in das Korsett penibelster Ordnung gepreßt; es gab keine Schulferien, keinen Urlaub, kaum freie Stunden, Spaziergänge mit den Eltern wurden unter militärischer Bewachung vorgenommen. Sieben Jahre der militärischen Disziplin, der Entwürdigung – da dem Herzog Schillers rotes Haar nicht gefiel, mußte er es weiß pudern! –, der Demütigung. Am Ende, 1780, konnte Schiller auf ein abgeschlossenes Medizinstudium zurückblicken, zwei Jahre noch lebte er als berüchtigter Regimentsmedikus in Stuttgart, seinem »Loch der Prüfung«.
Das Gefühl, vieles versäumt zu haben, wurde Schiller sein Leben lang nicht los. Seine Dynamik, geistige wie körperliche, erwuchs daraus, aber auch stetige Unrast, der Drang, alles, was versäumt, was ihm verwehrt worden war, mit ungeheurem Aufwand an Energie doch noch zu erzwingen. »Kein Deutscher ist wie er so ganz Bewegung«, schrieb dazu 1905 Hugo von Hofmannsthal, »sein Leben und sein Tod gleicht dem des Fackelläufers, der in sich verzehrt aber mit brennendem Licht ans Ziel kam, sterbend hinstürzte und so stürzend, so sterbend ein ewiges Sinnbild blieb.«
Trotz seiner Krankheiten und Gebrechen, trotz der Hinfälligkeit des Leibes, die er selbst schmerzlichst erfahren mußte, forderte er von und für sich Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Epigramme wie das folgende sprechen es lakonisch aus: »Würde des Menschen. Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«
Bereits 1777, noch als Zögling der Stuttgarter Militärakademie, begann er die Räuber. Getrieben vom Haß auf Herzog Karl Eugen, das Schicksal des Dichters Schubart vor Augen, der insgesamt zehn Jahre lang auf der Festung Hohenasperg eingekerkert war – und dem er den Stoff zu den Räubern verdankte –, sollte es ein Buch werden, »das aber durch den Schinder absolut verbrannt werden muß!«
1781 schließlich war es beendet. Auf eigene Kosten ließ er es drucken, über den Buchhändler und Kammerrat Schwan in Mannheim gelangte es zu von Dalberg, dem Intendanten des Mannheimer Hof- und Nationaltheaters. Von Dalberg zeigte sich interessiert, und nach einigen Umarbeitungen fand dort schließlich die Uraufführung statt.
Schiller war mit einem Schlag berühmt.
Im Juli dieses Jahres allerdings wurde er für vierzehn Tage in Arrest genommen, da er sich – wie schon bei der Uraufführung – ohne Urlaub nach Mannheim begeben hatte. Im August schließlich untersagte der Herzog Schiller das »Komödienschreiben«.
Schiller floh aus Württemberg. Mit seinem Freund, dem Musiker Andreas Streicher, von dessem Geld er hauptsächlich lebte, quartierten sie sich nach kurzen Aufenthalten in Mannheim und Frankfurt inkognito in Oggersheim ein. Den Fiesko, den er mittlerweile fertig hatte, lehnte von Dalberg ab. Als vermeintliche Häscher des württembergischen Herzogs auftauchten, drängte man erneut zur Flucht. Eine mütterliche Freundin aus Stuttgart, Frau von Wolzogen, stellte ihr kleines Gutshaus im thüringischen Bauerbach zur Verfügung.
Bis Mitte des nächsten Jahres blieb Schiller dort, entwarf Pläne für Don Carlos und Maria Stuart und schrieb Kabale und Liebe, eine scharfe Anklage gegen die leeren Konventionen einer ehrlosen Adelsschicht, deren Intrigenspiel zwei Liebende zum Opfer fallen.
1783 war er wieder in Mannheim, wo von Dalberg ihm die Stelle des Theaterdichters angetragen hatte. Nach Ablauf des einjährigen Kontraktes war Schiller mit Schulden überhäuft, seine Gesundheit schwer angeschlagen; das »kalte« Fieber, eine Seuche aus den versumpften Festungsgräben der Stadt, das er sich kurz nach der Ankunft zugezogen hatte, ließ ihn den gesamten Winter nicht los. Von Gläubigern und dem Fieber gepeinigt, wurde das Leben ihm zur Qual.
In dieser Situation erinnerte er sich an einen Brief, den vier unbekannte Verehrer, der Konsistorialrat Körner, der Lektor Huber und ihre Verlobten, zwei Schwestern, bereits sieben Monate vorher geschrieben hatten. Er antwortete und erhielt prompt die Einladung, nach Leipzig zu kommen.
Die folgenden zwei Jahre, 1785 bis 1787, verbrachte Schiller als Gast Christian Gottfried Körners in Leipzig und Dresden. Eingebettet in den schwärmerischen Freundeskreis, getragen von den Finanzen Körners, entstanden hier die Prosaerzählungen, begann er die Arbeit am Geisterseher und seine historischen Studien.
1787 allerdings drängte es ihn weiter, in die Nähe des intellektuell weit reizvolleren Weimar, wo Goethe – der sich gerade nach Italien beurlaubt hatte –, Herder und Wieland lebten.
In den nächsten Jahren schrieb er vor allem an historischen Darstellungen, der Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung, die ihm 1788 eine Professur für Geschichte in Jena eintrug, und an und der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Zuvor allerdings hatte er bei einem Besuch in Rudolstadt die Familie von Lengefeld kennengelernt; im Februar 1790 heiratete er die jüngere Tochter Charlotte. Und er war, am 7. September 1788, Goethe begegnet, der, geprägt noch von seinem Italienerlebnis, mit dem leidenschaftlichen Schiller wenig anzufangen wußte. »Schiller war mir verhaßt«, lautete sein mißgestimmtes und voreiliges Urteil. Erst im Sommer 1794 kam es zur erneuten und nun dauerhaften Annäherung der beiden Dichter. Doch dazwischen lag ein wesentlicher, intensiver Abschnitt ins Schillers Biographie, der sein weiteres Leben und Schaffen entscheidend prägte.
1791 erlitt er einen schweren gesundheitlichen Rückschlag, wahrscheinlich Folge des Mannheimer Fiebers, mit Fieberdelirien, Brust- und Unterleibskrämpfen; er gab Eiter und Blut von sich, zeitweilig setzte sogar der Puls aus. Anhand der Symptome diagnostizierte man eine Lungenentzündung mit Rippenfelleiterung; daß er überlebte, glich einem Wunder – er sollte sich davon jedoch nie mehr erholen.
In dieser Zeit richtete sich Schillers Interesse zunehmend auf die Philosophie Kants. Aus der Beschäftigung mit dessen Schriften entstanden u. a. die Studien Über Anmut und Würde, Vom Erhabenen, Über die ästhetische Erziehung des Menschen und Über naive und sentimentalische Kunst, die bis heute zu den bedeutendsten und einflußreichsten Beiträgen zur Ästhetik gehören.
Ein Gespräch mit Goethe über die Urpflanze und ein anschließender Brief Schillers begründeten im Sommer 1794 die Freundschaft zwischen den Dichtern. Nach sieben Jahren, in denen er ausschließlich historische und philosophische Werke verfaßt hatte, kehrte er nun zur Dichtung zurück. Gemeinsam mit Goethe schrieb er für den von ihm herausgegebenen Musenalmanach die Xenien, 1797 entstanden im Wettstreit mit Goethe die Balladen (u. a. Der Taucher, Der Handschuh, Die Kraniche des Ibykus). Und er begann die Arbeit am Wallenstein, der 1799 beendet wurde.
Im Dezember dieses Jahres siedelte die Familie Schiller nach Weimar über. Kaum ein Tag verging, an dem sich Goethe und Schiller nicht getroffen und gesprochen haben. Und mit der ihm eigenen Energie, bereits im Zeichen des Todes lebend, machte er sich nun an die Dramenproduktion der letzten Jahre; 1800 beendete er Maria Stuart, 1801 Die Jungfrau von Orleans, 1803 Die Braut von Messina, 1804 schließlich – sein letztes vollendetes Stück – den Wilhelm Tell.
Das Stück, »ein herrliches Werk, schlicht, edel und groß, effektvoll und bewegend prachtvolles Theater und vornehmstes dramatisches Gedicht«, so Thomas Mann, wurde zum volkstümlichsten aller Werke Schillers. Die Idee der Freiheit erfährt hier ihre Verwirklichung in der Welt. Das unterdrückte Volk der Schweizer schüttelt die tyrannische Herrschaft des kaiserlichen Landvogts Geßler ab. Stellvertretend für das Volk begeht Tell aus Einsicht in die sittliche Notwendigkeit den Tyrannenmord, Menschlichkeit und Freiheit werden möglich.
Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.
Drum haltet fest zusammen – fest und ewig –
Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd –
Hochwachen stellt aus auf euren Bergen,
Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle,
Seid einig – einig – einig [...]
Im Winter 1804, kurz vor der Geburt seiner zweiten Tochter, zog sich Schiller eine Erkältung zu; die Fieberanfälle setzten wieder ein, Darmkoliken und Ohnmachten kamen hinzu. Die Bauchfellentzündung, an der er seit zehn Jahren litt, war wohl in eine Darmverschlingung übergegangen.
Am 9. Mai 1805 starb Friedrich Schiller im Alter von 46 Jahren.