Fragile

 

Wenn ich jetzt sage

ich liebe dich

übergebe ich nur

vorsichtig das Geschenk

zu einem Fest das wir beide

noch nie gefeiert haben

 

Und wenn du gleich

wieder allein

deinen Geburtstag

vor Augen hast

und dieses Päckchen

ungeduldig an dich reißt

dann nimmst du schon

die scheppernden Scherben darin

                          gar nicht mehr wahr

 

 

(Karin Kiwus, 1979)

 

 

 

 

Die Autorin:

Karin Kiwus, geboren 1942, wuchs in Berlin auf. Sie studierte Publizistik, Germanistik und Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin. Danach war sie Verlagslektorin in Frankfurt am Main und Hamburg, Dozentin an der University of Texas (Austin) und an der Freien Universität Berlin. Mit Unterbrechungen arbeitete sie seit 1975 an der Akademie der Künste in Berlin. 1977 erhielt sie den Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen. Bereits ihr erster Gedichtband („Von beiden Seiten der Gegenwart“, 1976) erfuhr ungewöhnlich große Beachtung in der Literaturkritik. Ihre Lyrik bevorzugt die

  klare Ausdrucksweise

  kühle und zugleich einfühlende Betrachtungsweise

  Artikulation von subjektiven Erfahrungen und Empfindungen

  probiert verschiedene lyrische Ausdrucksformen aus: Lange, reflektierende Gedichte wechseln ab mit kurzen, prägnanten Sprüchen mit Manifestcharakter oder der kommentarlosen Wiedergabe eines Stimmungsbilds

 

Karin Kiwus schreibt gegen eine Wirklichkeit an, in der kein Platz ist zu leben

 

 

Gedichtinterpretation zu Fragile

Fragile bedeutet zerbrechlich und zart. Das Gedicht beschreibt, wie zerbrechlich und vergänglich die Liebe ist. Er/Sie überlegt sich, was

passieren könnte, wenn er/sie seine/ihre Gefühle offen ausspricht. Anhand des Gedichtes weiß man nicht, ob die Überlegungen je in die Tat umgesetzt werden.

 

Mit den Worten “ich liebe dich“ wird in der ersten Strophe ausgesprochen, was zwischen zwei Menschen langsam gewachsen ist, nämlich die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen und gemeinsam eine Beziehung aufzubauen. Zum Beginn einer Freundschaft, dem Fest, wird die Liebe behutsam als Geschenk (vergleichbar mit Porzellan) übergeben.

 

Wenn der/die Beschenkte nicht begreift, dass man die Liebe nicht an sich reißen darf, dass sie keine Selbstverständlichkeit ist, kann die Beziehung, die lange Zeit benötigte, um sich zu entwickeln, in kürzester Zeit zerstört werden. Je hastiger und gieriger man die Liebe an sich reißt, desto eher geht sie zu Bruch.

 

Franziska Bruhin, Myriam Schuler, Patrizia Willi