»Hiroshima«                                              

 

 

Der den Tod auf Hiroshima warf

Ging ins Kloster, läutet die Glocken.

Der den Tod auf Hiroshima warf

Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.

Der den Tod auf Hiroshima warf

Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab

Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich

Auferstandene aus Staub für ihn.

 

Nichts von alledem ist wahr.

Erst vor kurzem sah ich ihn

Im Garten seines Hauses vor der Stadt.

Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.

Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte

Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war

Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau

Die neben ihm stand im Blumenkleid

Das kleine Mädchen an ihrer Hand

Der Knabe, der auf seinem Rücken saß

Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.

Sehr gut erkennbar war er selbst

Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht

Verzerrt von Lachen, weil der Photograph

Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt

 

 

 

 

 

Gedichtinterpretation

 

Das Gedicht „Hiroshima“ von Marie Luise Kaschnitz handelt von dem Piloten, der am 6.08.1945 die Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima warf Sie stell für sich die Frage: „Was geschah mit dem Piloten, der die Bombe warf und damit unvorstellbares Leid über die Menschen brachte?“ und beantwortet sie mit Hilfe des Gedichtes.

 

Die Dichterin schreibt im lyrischen Ich und richtet sich in sachlicher und informierender Sprache an das Volk. Das wird an der einfachen Wortwahl und vor allein am Fehlen eines Reimschemas deutlich, im ersten Abschnitt des Gedichtes werden Vermutungen über den Verbleib von dem, „der den Tod auf Hiroshima warf, aufgestellt. Mit dieser Umschreibung des Piloten wird im Gedicht das Ausmaß seines Handelns und die schreckliche Schuld verdeutlicht, die auf seinen Schultern lastet. Um das noch einmal zu unterstreichen, wird sie gleich dreimal verwendet. Die Vermutungen, die einem logisch erscheinen (z.B. der Suizid), werden nicht bewahrheitet. Sie werden mit dem 2. Abschnitt widerlegt, der das wahre Leben des Piloten darstellt. Mit der Beschreibung eines Fotos, auf dem sich der Offizier der amerikanischen Luftwaffe während des Spiels mit seinem Sohn in einer für seinen Rang unwürdigen Position befindet (er ist auf allen Vieren und sein Sohn sitzt peitscheschwingend über ihm), verdeutlicht die Dichterin, dass der Pilot ein ganz normales Leben führt. Doch das verzerrte Lächeln, das der Pilot auf dem Gesicht hat, zeigt, dass doch nicht alles so normal ist, wie es zu sein scheint. Selbst beim unschuldigen Spiel mit seinem kleinen Sohn wird er an all die Leben denken müssen, die er ausgelöscht hat.

 

Die Dichterin hat das Gedicht dem Anliegen nach sehr treffend und angemessen formuliert und ausgedruckt. Bei so einem ernsten Thema würde ein Reimschema lächerlich klingen und ihre Umsetzung des Themas ist ergreifend, obwohl jegliche eigene Gefühle weggelassen wurden.