"Moderne Analphabeten“

Bildungsexperte Alfons Rissberger über Computer im Unterricht

 

(Vision vom "Global V. Clage ", Kommunikation im digitalen Zeitalter)

 

Spiegel: Herr Rissberger, Sie behaupten, die Schulen verschlafen das Computer‑Zeitalter. Doch es gibt für fast alle Schüler Unterrichtseinheiten, in denen sie lernen, mit dem Computer umzugehen.

 

Rissberger: Es geht nicht darum, die Tasten bedienen zu können. Es geht um eine neue

5 Qualität von Wissensvermittlung, um völlig neue Formen des Unterrichts. Computer können viel anschaulicher komplizierte Sachverhalte darstellen. Wenn es beispielsweise darum geht, den Zerfall einer chemischen Verbindung zu erklären oder das Innere eines Vulkans plastisch zu machen, ist mit spezieller Software ein kindgerechteres, leichteres und effektiveres Lernen möglich.

 

10 Spiegel: Wie soll das funktionieren?

 

Rissberger: Der Computer kann mit den Erfahrungen und Methoden der besten Pädagogen ausgestattet werden, er passt sich automatisch dem Lerntempo und der Leistungsfähigkeit des Kindes an, die Schüler können zu Hause lernen oder im Klassenzimmer, wann und wo sie wollen. Mit den neuen Programmen können alle Sinne aktiviert werden,

15 über Schrift, Bild, Ton und Film.

 

Spiegel: Aber die Kinder starren den ganzen Tag stumm auf den Bildschirm.

 

Rissberger: Das tun die nicht, keine Sorge. Die Praxis zeigt, dass Schüler miteinander reden, sich helfen, sehr aktiv sind, während sie vor dem Rechner sitzen, Außerdem wissen wir durch langjährige Pilotprojekte, dass Mädchen und Jungen mit dem Computer

20 mehr Spaß beim Lernen haben.

 

Spiegel: Soll der Computer den Lehrer ersetzen?

 

Rissberger: Auf keinen Fall, das Gerät wird immer nur ein zusätzliches Werkzeug im Unterricht sein, aber ein äußerst nützliches. Der Lehrer wird weit weniger Wissen vermitteln müssen oder etwa sagen, was richtig ist und was falsch. Vielmehr sind seine Qua-

25 litäten als Erzieher und Berater der Kinder gefragt.

 

Spiegel: Viele Lehrer lehnen den Computer ab.

 

Rissberger: Nur weil sie keine Erfahrungen damit haben. Vor über 2000 Jahren war Platon gegen die Einführung der Schrift in der Bildung; er war der Überzeugung, wer mitschreibt, der kann nicht mehr konzentriert zuhören. Vor wenigen Jahren bekämpften viele

30 Pädagogen noch den Taschenrechner, obwohl er unter den Schülem längst verbreitet war, In den Schultaschen von morgen werden tragbare Computer ganz selbstverständlich Hefte und Bücher ergänzen und teilweise ersetzen. Der Computer behindert das Denken nicht, er fördert es. Tatsache ist, dass Lehrer, die an Pilotprojekten beteiligt waren, am Ende nicht mehr auf den Rechner verzichten wollten.

 

35    Spiegel: Trotzdem bleibt es nur bei einzelnen Versuchen. In den USA, Kanada oder Japan gehören Computer in den Klassenzimmern teilweise schon zum Alltag.

 

Rissberger: Da sind wir am entscheidenden Punkt. Viele Kultusminister, überhaupt die meisten Bildungspolitiker, sind moderne Analphabeten. Die lassen ihre Mitarbeiter am Computer arbeiten. Sie selbst können mit den Geräten kaum umgehen. Für die Zukunft

 

40     wäre das etwa so, als könnte der Chef einer Fahrschule nicht Auto fahren. Die verant­wortlichen Politiker müssen jetzt handeln, sie müssen die Schüler mit Computern und Lern‑Software ausstatten, flächendeckend. Sonst verpassen wir international den An­schluss. Zu Hause sind viele Kids ohnehin mit modernsten Geräten versorgt.

Spiegel: Oft fehlt den Schulen das Geld um die teuren Computer zu kaufen.

 

45    Rissberger: Die Finanzminister sollten da Prioritäten setzen. Das wichtigste Fundament von Wirtschaft und Wissenschaft ist das Humankapital. Unsere Kinder müssen gut auf die Zukunft vorbereitet werden. In den USA gibt es bereits Hochschulen, die künftig nur noch Studenten zulassen, die über ein leistungsfähiges Notebook verfügen. Und das Gerät muss mit dem Netz der Universität kompatibel sein.

 

50    Spiegel: Was wollen Sie aber mit den Kindern anfangen, die sich von der ganzen Technik überfordert fühlen? Nicht alle Jungen und Mädchen sind mit dem Computer vertraut.

Rissberger: Schwierigkeiten haben meist nur die Erwachsenen, die Kinder wissen genau, wann es ihnen zu viel wird. Meine Tochter Lisa hat bereits vor der Grundschule entweder mit einem Farbstift auf Papier gemalt, mit Kreide auf der Straße, oder am Computer des

55     Vaters eine Einladung gestaltet ‑ aber meistens hat sie lieber draußen rumgetollt.

 

(Modernes Analphabetentum, in .‑ Der Spiegel vom 28. 01. 1994)

 

Aufgabe:

 

Stellen Sie in knapper schriftlicher Form (Mind Map) Kernaussagen des Textes zum Computereinsatz in der Schule dar!

 

Lösung: