Aufgabe:

 

Entwickeln Sie einen inneren Monolog aus der Sicht einer beteiligten Person, der das gesamte

 

Geschehen widerspiegelt!

 

Ingrid Hintz: Herzlichen Glückwunsch, Isabell!

 

"Hey", sagte Johanna. "Ich könnte sie in den Schwitzkasten nehmen, wenn sie kommt."

 

"Und ich könnte ihr einfach eine runterhauen", fügte Lili hinzu. "Oder ihr den Arm umdrehen, bis die eingebildete Ziege mal richtig schreit."

 

"Das bringt doch nichts", warf Martina ein. "Ich finde, es reicht, wenn wir ihr mal richtig

5 die Meinung sagen, wie sie uns nervt und so."

 

"Erst muss sie mal hier sein", stellte Nina fest. "Und dann locken wir sie hinter die Tumhalle, wo uns niemand sehen kann."

 

"Das ist doch cool", meinte Johanna. "Da können wir ihr zeigen, was wir mit solchen Angeberinnen machen."

 

10 Lili lachte und Nina nickte zustimmend mit dem Kopf. Nina gab den Ton an in der Klasse 9a und in ihrer Clique. Sie bestimmte, wer mal wieder,dran war'.

 

Und heute war Isabell dran'. Denn Isabell hatte Geburtstag und den wollten die vier auf ihre Weise mitfeiern. Häufig genug hatten sie sich über diese hochnäsige Mitschülerin geärgert, die immer so cool tat und sich mit 15 ihren superteuren Klamotten für unwiderstehlich hielt.

 

"Guten Morgen, Herr Schüttler", sagte Nina, als ihr Klassenlehrer auf seinem Fahrrad am Fahrradständer vor dem Haupteingang der Schule ankam. Die drei anderen schlossen sich an: "Guten Morgen, Herr Schüttler."

 

"Guten Morgen", antwortete Herr Schüttler, während er seine Aktentasche vom Gepäckträger nahm. Er warf 20 den Mädchen einen skeptischen Blick zu. Bei so viel Freundlichkeit am frühen Morgen wurde er misstrauisch.

 

"Was macht ihr hier vor dem Eingang?", fragte er und blieb stehen. "Warum seid ihr nicht in der Pausenhalle?"

 

"lsabell hat Geburtstag", sagte Lili mit einem zuckersüßen Lächeln.

 

25   "Wir wollen sie überraschen", fügte Nina hinzu und bemühte sich dabei ganz unschuldig auszusehen. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie lange vor dem Spiegel geübt. Hinterher, wenn sie mal wieder ein anderes Mädchen ‚drangehabt' hatten, war Nina immer diejenige, die mit überzeugender Unschuldsmiene beteuern konnte: "Das war doch nur Spaß!"

 

       Aber Herr Schüttler zog die Augenbrauen zusammen und blickte die vier noch einmal

30 scharf und zweifelnd an, bevor er die Schule betrat.

 

"Alter Spinner", murmelte Lili, nachdem die Glastür hinter ihm zugefallen war. "Sei still", sagte Nina. "lsabells Bus ist angekommen."

 

Isabell war an diesem Morgen in Geburtstagsstimmung. Schließlich wird man nicht alle Tage fünfzehn Jahre alt. Beim Frühstück hatte ein Kranz von fünfzehn kleinen Kerzen

 

35   mit einer größeren als Lebenslicht in der Mitte vor ihrem Platz am Küchentisch gestanden. Die ersten Geschenke waren schon ausgepackt. Eins davon, ein Paar schwarze Plateau‑Schuhe, trug sie bereits jetzt zu weißen Jeans. Sie fühlte sich toll mit ihrem rosa Erdbeerlippenstift und ihren schwarzgrünen Lidschatten.

 

Als sie die vier Mädchen aus ihrer Klasse vor dem Eingang der Schule stehen sah, wurde  sie unsicher und 40 fing an langsamer zu gehen. Aber Nina und die anderen hatten sie schon gesehen und kamen auf sie zu.

 

"Hallo, Isi!'', schrie Nina und ergriff Isabells freie Hand, um sie so heftig zu schütteln, dass es wehtat.

 

       "Herzlichen Glückwunsch!", rief Lili und umarmte sie, dass ihr beinahe die Luft weg blieb.

 

45 "Wirklich, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!", sagte auch Johanna und boxte sie mit solcher Wucht vor die linke Schulter, dass sie zurücktaumelte. Der blaue Fleck würde sie noch lange an diesen Tag erinnern.

 

Martina sagte nur "Hi" und hielt sich etwas im Hintergrund.

50 "Ist die Kleine dreizehn geworden?", fragte Nina und versuchte echt interessiert auszusehen. "Oder schon vierzehn?", äffte Lili Ninas Tonfall nach.

 

"Fünfzehn, wenn ihr nichts dagegen habt", sagte Isabell, wobei sie all ihren Mut zusammennahm. Jetzt bloß nicht zeigen, dass ihr der Arm und die Schulter wehtaten und dass sie Angst hatte. Sie wollte weitergehen.

 

55   Aber Nina packte wieder ihre Hand und hielt sie zurück.

 

"Fünfzehn, das sieht man dir wirklich nicht an", meinte sie mit erstauntem Augenaufschlag.

 

"Nun lass sie doch gehen. Sonst kriegen wir wieder Ärger", mischte Martina sich ein.

 

Aber jetzt kam auch Lili langsam in Fahrt. "Gib uns mal deinen Rucksack!", rief sie gnadenlos

60 und riss ihn ihr von der Schulter. "Den werden wir heute für dich tragen. Als Geburtstagsüberraschung."

 

Isabell griff mit der linken Hand nach ihrem Rucksack, um ihn zurückzubekommen, aber Johanna fasste ihren Arm und drehte ihn auf den Rücken.

 

       "Lasst mich los, ihr Dreckziegen!", rief Isabell und versuchte sich zu befreien.

65 Nina und Johanna drehten ihr nur umso fester die Anne um.

       "Auch noch frech werden, die Kleine. Und das an ihrem Geburtstag." Nina tat entrüstet.

 

Dabei blickte sie zu Janette und Susan hin, zwei anderen Mädchen aus der 9a, die bei der Gruppe stehen geblieben waren. "Ihr habt's gehört. Isi beschimpft uns", stellte sie fest. Die beiden gingen weiter.

 

70   "Beweg dich!", befahl Nina. Johanna und sie schubsten Isabell über den Plattenweg am Schulgebäude entlang in Richtung Turnhalle. Lili trug den Schulrucksack wie einen geraubten Schatz und lachte dabei laut und drohend.

 

Martina sagte nichts mehr, trottete aber langsam hinterher.

 

Hinter der Turnhalle standen trotz der frühen Morgenstunde schon zwei Jungen und

 

75   rauchten die erste Schulzigarette. Ein dritter spähte um die Ecke, um sie rechtzeitig vor der Frühaufsicht zu warnen. Aber meist kam keiner hier vorbei. Gelangweilt schauten sie zu, was passierte.

 

Nina und Johanna drückten Isabell gegen die Hallenwand. Lili warf den Rucksack auf die Erde.

 

80   "Du hast noch eine Chance, die Beleidigung wieder gutzumachen", sagte Nina. "Erzähl uns, was du alles zum Geburtstag gekriegt hast! Vielleicht ist was für uns dabei."

 

Isabell kniff die Lippen zusammen. Die Arme schmerzten, die weiße Jeans und ihre Jacke hatten Flecken von der schmutzigen Wand. Jetzt nur nicht heulen, dachte sie.

 

       "Dann muss ich wohl mal im Rucksack nachsehen", hörte sie Lili sagen und sah, wie sie

85 sich hinkniete und den Verschluss langsam öffnete.

 

"Lass meine Sachen in Ruhe, du blöde Kuh! Da ist nichts drin", rief sie, während sie merkte, wie ihr die Tränen kamen.

 

"Halt die Klappe, du Modepuppe!", rief Lili zurück und kramte dabei im Rucksack herum.

 

90   "Wirklich nichts Besonderes drin ‑ bis auf ihr Portmonee", verkündete sie dann, nachdem sie ein paar Hefte und Bücher auf dem Boden verteilt hatte.

 

Sie kniete neben dem Rucksack und guckte zu Isabell rüber, die immer noch von Nina und Johanna festgehalten wurde.

"Ist ja ehrlich interessant, was ich von hier unten so sehe", fügte sie hinzu. Höhnisch verzog

95 sich ihr Mund zu einem Grinsen und die beiden anderen blickten sie neugierig an. "Guckt doch mal an der Süßen runter!" forderte Lili sie auf und da begriffen sie, was Lili meinte. "Na, Kleine, dann müssen wir dir wohl mal zeigen, was wir mit Leuten machen, die nicht nett zu uns sind", zischte Nina Isabell ins Ohr.

 

(Aus: Wortstark 9, Schroedel Verlag, Hannover 1998)

 

 

Innerer Monolog

 

Neben der erlebten Rede ist der innere Monolog ein Erzählmittel der Epik zur Wiedergabe von Gedanken einer handelnden Person.

 

Das Typische ist, eine Person zu sich sprechen zu lassen (Selbstgespräch). So werden unausgesprochene Gedanken, Assoziationen, Ahnungen sowie Gefühle und Empfindungen in der Ich- Form wiedergegeben. Der Leser muss sich also mit der sich äußernden Person identifizieren.

 

 

Analyse der Figuren

 

Analysiere zunächst die Personen, damit du dann weißt, was deine gewählte Figur über sie denken mag!

 

Wähle nun eine Figur aus, aus deren Sicht du den inneren Monolog schreiben möchtest!

Lege eine Tabelle an, in der du wichtige Textstellen aufnimmst und Gedanken und Gefühle der Figur notierst!

 

Schreibe dann den inneren Monolog! Beachte:

  1. Wähle die Person, in die du dich am besten hinein versetzen kannst.
  2. Beziehe die wesentlichen Informationen aus dem Text mit ein.
  3. Schreibe einen zusammenhängenden Text in der Ich- Form ohne wörtliche Rede!
  4. Verwende einen jugendgemäßen Sprachstil!
  5. Vergiss nicht, die Person namentlich zu erwähnen. Der Anfang deiner Darstellung könnte lauten:

 

Isabells innerer Monolog:

 

Endlich 15! An diesem Morgen fühlte ich mich….

 

 

Wenn du Isabell gewählt hast, vervollständige folgende Tabelle: