Nach der Befruchtung sind oft mütterliche Faktoren
für die Entwicklung zuständig. Bei Maus und Mensch
ist das auch
so. Der Übergang dazu, dass der Embryo seine eigenen Gene
benutzt,
liegt hier im 8-Zellen Stadium, das am dritten Tag nach der Befruchtung
erreicht wird. Man kann das dann daran erkennen, dass sich die Zellen
eng
zusammen lagern, was man compaction nennt. Dieser Prozess findet
zwischen
dem 3. und 4. Tag statt. Diese Zellen sind natürlich
totipotent. Zu
diesem Zeitpunkt ändert sich dann auch die
Ernährungsweise des
Embryos, er beginnt mit der Verwendung von Glucose. Auf den
Zelloberflächen
erscheint ein Glucose-Rezeptor Glut-8, mit dem die Zellen Glucose aus
dem
Medium aufnehmen können. Vorher hatte er für seine
Energieversorgung
Lactat und Pyruvat verwendet.
Im 16-Zellen-Stadium (jetzt Morula genannt) findet dann
eine Differenzierung zwischen Trophoblastzellen und innerer Zellmasse
statt.
Wie man dann bei der Maus feststellen kann, können erstere
Zellen
nicht von den embryonalen Stammzellen gebildet werden. Daher nimmt man
an, dass das beim Menschen ebenso ist. Bewiesen ist das nicht. Es
könnte
sich später also theoretisch herausstellen, dass die
embryonalen Stammzellen
des Menschen doch Trophoblastzellen bilden können, dann
würden
sogar die embryonalen Stammzellen unter das Embryonenschutzgesetz
fallen !
Danach bildet sich die Blastocoelhöhle aus. Es entsteht
die innere Zellmasse. Die Zellen der inneren Zellmasse stehen in
Wechselwirkung
mit den Trophoblastzellen. Das kann man daran erkennen, dass sie FGF-4
(fibroblast-growth-factor) abgeben, die Trophoblastzellen aber nicht.
Sie
unterscheiden sich dadurch, dass die Trophoblastzellen flacher und
polarisiert
sind, während die Zellen der inneren Zellmasse symmetrisch und
rundlich
sind.
Kurz vor der Implantation schlüpft die Blastocyste
aus der Zona pellucida. Sie besteht jetzt also aus dem Trophoblasten,
der
inneren Zellmasse und dem Blastocoel. Die Zellen der inneren Zellmasse
können in diesem Stadium als embryonale Stammzellen
(ES-Zellen) verwendet
werden.
Kurz nach der Nidation (Einnistung) bildet sich aus der
inneren Zellmasse der Hypo- und der Epiblast. Der Embryo wird nur aus
dem
Epiblasten gebildet, während der Hypoblast extraembraonales
Gewebe
bildet, das der Ernährung des Embryos dient. Die Zellen des
Epiblasten
sehen den embryonalen Stammzellen auch sehr ähnlich sie sind
aber
nicht vollständig identisch.
Aus dem Epiblasten geht dann das primäre Ektoderm
hervor, aus dem sich dann während der Gastrulation die drei
Keimblätter
Endo-, Meso- und Ektoderm bilden.
Noch vor der Bildung der drei Keimblätter werden
die primordialen Keimzellen (PG-Zellen) gebildet und abgesondert. Sie
wandern
aus und wandern später in die Keimdrüsenleiste ein.
Dort bilden
sie später die Oogonien oder die Spermatogonien. In diesen
Keimzellen-Mutterzellen
(PG-Zellen) wird die genomische
Prägung aufgehoben, d.h. diese Zellen sind nicht
mehr geprägt.
Deshalb dürfte es bei der Verwendung dieser Zellen im Sinne
von Stammzellen
Schwierigkeiten geben, denn die genomische Prägung kann nicht
künstlich
herbeigeführt werden.
Es scheint ein sehr wichtiges Merkmal undifferenzierter
pluripotenter Zellen zu sein, dass sie das Gen Oct-4 exprimieren und
somit
das Protein OCT-4 bilden. Durch die Anwesenheit dieses Proteins wird
bewirkt,
dass sich die Zellen weiter teilen und dass sie in einem
undifferenziertem
Zustand bleiben. Das Gen wird nun sowohl von den Zellen der inneren
Zellmasse
als auch die PG-Zellen exprimiert. Die Trophoblastzellen tun das nicht.
OCT-4 ist ein Transcriptionsfaktor, das heißt ein Protein,
das an
DNA bindet und Gene an- oder abschalten kann. Wie man festgestellt hat,
wird durch dieses Protein z.B. das Gen zur Bildung von FGF-4
angeschaltet.
Bisher ist es nur bei drei Arten gelungen embryonale
Stammzellen
in Kultur zu halten, d.h. in vitro zu kultivieren und sich weiter
teilen
zu lassen, bei der Maus, beim Rhesusaffen und beim Menschen. Bei der
Maus
hat sich außerdem herausgestellt, dass die Entnahme von
embryonalen
Stammzellen und deren Kultivierung bei verschiedenen Stämmen
von Mäusen
unterschiedlich schwierig ist und unterschiedlich erfolgreich. Der
Stamm
129 ist am besten geeignet. Der zweite geeignete Stamm ist C57BL/6.
Dieser
ist aber wesentlich unzuverlässiger als der Stamm 129. Daran
läßt
sich schon ablesen, dass man bisher sehr wenig darüber
weiß,
welche Kulturbedingungen für die Vermehrung und das Wachstum
embryonaler
Stammzellen nötig sind und dass man die Bedingungen, die
angewandt
werden auch nicht versteht. Das was man darüber weiß
ist, dass
embryonalen Stammzellen der Maus auf MEF-Zellen
(mouse-embryonal-fibroblast
cells) wachsen und im undifferenziertem Zustand verbleiben. Das liegt
daran,
dass diese Zellen den LIF (leucemia-inhibitory-factor) abgeben. Man
kann
diesen Faktor auch dem Medium zugeben, dann hat das denselben Erfolg
bei
Mäusen. Die Zellen wachsen dann im Medium ohne sich an eine
Unterlage
anzuheften. Bei menschlichen embryonalen Stammzellen geht das nicht.
Warum
es diesen Unterschied zwischen menschlichen und
Mäuse-Stammzellen
gibt, weiß man nicht.
Ein ganz wesentliches Merkmal embryonaler Stammzellen
ist, wie schon oben erwähnt, dass sie das Gen Oct-4
exprimieren und
dass auch EC-Zellen (embryonal-carcinoma-cells) und PG-Zellen dieses
Gen
exprimieren. Zusätzlich kennt man inzwischen eine
Reihe von
Markern auf der Oberfläche von Zellen die sie als
undifferenzierte
Zellen kennzeichnen. Einige davon seien exemplarisch in der
nachfolgenden
Tabelle genannt.
| Markername | Maus EC/ES/EG Zellen | Affe | Mensch
ES-Zellen |
Mensch
EG-Zellen |
Mensch
EC-Zellen |
| SSEA-1 | + | - | - | + | - |
| SEA-4 | - | + | + | + | + |
| TRA-1-60 | - | + | + | + | + |
| Alkalische
Phosphatase |
+ | + | + | + | + |
| Oct-4 | + | + | + | unbek. | + |
| Telomerase
aktivität |
+, ES, EC unbek. | + | + | unbek. | + |
Bei der Maus ist es schon gelungen, durch Manipulation
der Wachstumsbedingungen, verschiedene Zelltypen herzustellen (s.u.).
Trotzdem
muss man hier festhalten, dass diese Erfolge durch Probieren erzielt
wurden
und dass man den Hintergrund, nämlich was die Zugabe der
Wachstumsfaktoren
bewirkt, nicht versteht. Man weiß auch nicht, warum man
welche Wachstumsfaktoren
zugeben muss. Niemand weiß bisher welche Gene dadurch an- und
abgeschaltet
werden und welche Signaltransduktionswege benutzt werden oder welche
Wechselwirkungen
zwischen benachbarten Zellen dadurch auftreten.
Durch solche Manipulationen kann man aus Stammzellen
der Maus in vitro Gefäßzellen, Neurone, die Dopamin
und Serotonin
bilden und Langerhanssche Inselzellen herstellen, die dann in vivo
funktionieren.
In all diesen drei Fällen dienen die gleichen Stammzellen als
Ausgangsmaterial,
ihre Differenzierung wird dadurch eingeleitet, dass LIF aus dem
Nährmedium
entfernt wird und sie liefern funktionstüchtige Zellen in
vivo.
Brüstle schreibt zu einem von ihm selbst untersuchten
Anwendungsbeispiel:
"Die erfolgreiche Gewinnung humaner embryonaler Stammzellen
(ES-Zellen) hat faszinierende Perspektiven für die
Transplantationsmedizin
eröffnet.
Uneingeschränkte Vermehrbarkeit und die Fähigkeit,
in alle somatischen Zelltypen ausreifen zu können, machen
ES-Zellen
zu einer nahezu unerschöpflichen Spenderquelle für
verschiedenste
Organsysteme.
Besonders vielversprechend erscheinen ES-Zellen für den
Zellersatz
in Geweben mit geringem Regenerationspotenzial wie z.B. das
Zentralnervensystem
(ZNS).
Wissenschaftlicher Schwerpunkt unserer Arbeitsgruppe
ist die in vitro Differenzierung von ES-Zellen in neurale
Vorläuferzellen
und deren Transplantation in Tiermodelle neurologischer Erkrankungen.
Da
die entwicklungssteuernden Signale für die Herstellung
zahlreicher
Subtypen von Nervenzellen noch nicht identifiziert sind, haben sich
unsere
ersten Bemühungen auf Erkrankungen mit Befall von Gliazellen
konzentriert.
Wir haben Zellkulturprotokolle etabliert, die die Herstellung
ES-Zellabgeleiteter glialer Vorläuferzellen in reiner Form
erlauben.
Sowohl in vitro als auch nach Transplantation ins Nervensystem von
Empfängertieren
haben diese Zellen die Fähigkeit, sowohl in Astrocyten als
auch in
Oligodendrocyten ausreifen zu können.
Um zu untersuchen, ob derartige Zellen für die Reparatur
von Myelinkrankheiten eingesetzt werden können, haben wir sie
in das
Nervensystem von Myelin-defizienten Ratten implantiert. Hierbei handelt
es sich um ein Tiermodell für die
Pelizaeus-Merzbacher’sche Erkrankung,
eine angeborene Myelinerkrankung, die bei den betroffenen Kindern zu
schweren
neurologischen Ausfällen führt. Ursache der
Pelizaeus-Merzbacher’schen
Erkrankung wie auch der Veränderungen bei
Myelin-defizienten Ratten sind Alterationen des Gens,
das für das Proteolipidprotein (PLP) kodiert.
Die Transplantationsergebnisse an Myelin-defizienten
Ratten waren außerordentlich erfolgversprechend. Bereits zwei
Wochen
nach Transplantation ins Rückenmark zeigte sich, dass die
transplantierten
Vorläufer nicht nur überleben, sondern in das
Empfängergewebe
einwandern, Nervenzellfortsätze mit fehlender
Markscheidenbildung
aufsuchen, sich an die Nervenzellfortsätze anlagern, zu
Oligodendrocyten
ausreifen und ein dichtes Netz von Markscheiden ausbilden. Unsere
Studie
verdeutlicht, dass ES-Zellabgeleitete neurale Vorläufer
tatsächlich
zur Reparatur eines spezifischen Defektes im zentralen Nervensystem
eingesetzt
werden können (Brüstle et al., 1999)."
1. Sie stammen von der innerer Zellmasse oder dem Epiblasten
ab.
2. Sie können sich beliebig oft symmetrisch teilen
ohne sich zu differenzieren (long-term-self-renewal).
3. Aus ihnen können sich Zelltypen entwickeln, die
sonst vom Ektoderm, Mesoderm oder Endoderm abstammen würden.
4. Sie können sich in einen sich entwickelnden Organismus
integrieren, wodurch ein chimäres Tier gebildet
würde, das Zellen
mit dem eigenen Erbgut und Zellen mit dem eingeführten Erbgut
aufweisen
würde.
5. Sie können auch die Keimdrüsenleiste besiedeln
und Keimzellen bilden.
6. Sie exprimieren Oct-4, wodurch die Teilungen und der
undifferenzierte Zustand aufrecht erhalten werden.
Dazu schreibt z.B. J.E. Lisante in CBS Health Watch:
"One problem is that stem cells tend to "wander" into
adjacent tissues and cause tumors. A possible way of lessening the
danger
is to wait until a later stage when the cell's intent is clearer: "We
wait
until the cells have committed to a pathway," says Dr. John D. Gearhart
of Johns Hopkins University School of Medicine "then we can tell what
kind
of cells they'll turn into."
Quellen:
Brüstle, O. in Bonner Forum Biomedizin
http://www.uni-bonn.de/bfb/HTML/bruestle.htm
Joan E. Lisante, Super Stem Cells: The Future of Transplants?
http://cbshealthwatch.medscape.com/cx/viewarticle/401785
Zusammenmfassung vom National Institute of Haelth
http://www.nih.gov
Adresse: Helmut Hupfeld, Katzenberg 11,
27283 Verden, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de
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