Einleitung:
Es geht mir hier nicht um einen wissenschaftlich belegten
Verlauf der Evolution des Darmsystems, sondern darum zu zeigen, dass
jeder
biologisch interessierte Laie, der sich für ein biologisches
Thema
interessiert, ohne vertiefte Kenntnisse der Biologie,
Überlegungen
zu solchen Themen anstellen kann, und dass sich die großen
Entwicklungslinien
auch (bio)logisch erschließen lassen. Ich denke, dass ich
vielleicht
in etwa das Wissen in der 11. Klasse voraussetzen will (abgesehen von
manchen
speziellen erwähnten Arten). Ich spekuliere hier also einfach
drauflos
! Bei solchen Überlegungen können sich viele
interessante Fragen
ergeben, die ich in Klammern aufwerfen werde, die zu eigenen kleinen
"Forschungsprojekten" führen könn(t)en. Es ist
nämlich viel interessanter, bestimmten Fragen in verschiedenen
Büchern oder im Internet nachzugehen, als
stur ein Buch zu lesen.
Bakterien mit einfacher Membran:
Wir beginnen damit zu überlegen wie sich Bakterien
ernähren. Sie haben einen Durchmesser von 1/1000 mm, keine
Mundwerkzeuge,
ja man kann sagen praktisch keine Hilfsmittel Nahrung zu erwerben. Sie
sind die kleinsten existierenden Lebewesen überhaupt (Sind
Viren Lebewesen
?) und können daher auch nicht andere Organismen "fressen".
Würden
sie Verdauungsenzyme in das Außenmedium abgeben, so wie ein
Mensch
sie in den Darm abgibt, so würden diese in die Umgebung
diffundieren
und würden nichts nützen. Wie ernähren sie
sich dann ? Es
bleibt zunächst nur die Möglichkeit vorhandene
"fertige Nahrung"
aufzunehmen, also Einfachzucker, Aminosäuren usw. die sich im
Medium
befinden. Wo findet man diese ? Eigentlich nur dort, wo Organismen
zerfallen,
dann werden Stoffe aus den zerfallenden Zellen freigesetzt. Oder im
Darmtrakt,
wo der fremde Organismus komplexe Nahrung zerlegt. Für die
Aufnahme
von Aminosäuren u.a. organischen Molekülen braucht
ein Bakterium
natürlich Rezeptoren in der Membran, von denen sie ins
Zellinnere
geschleust werden. Auf Oberflächen wie Blättern und
Ähnlichem
käme es vielleicht in Frage Verdauungsenzyme abzugeben oder
eventuell
solche in der Membran zu verankern ? Ich will der Frage hier nicht
weiter
nachgehen, aber man sieht sofort, dass man diese angefangenen
Überlegungen
noch fortsetzen könnte.
Ich stelle vielmehr die Frage: Durch welche Tricks würde
sich der Nahrungserwerb verbessern lassen ? Es müsste ein Raum
geschaffen
werden, in den Verdauungsenzyme abgegeben werden können, ohne
dass
sie verloren gehen können. Vielleicht haben Sie schon
gehört,
dass manche Bakterien zwei Membranen besitzen. D.h. bei ihnen gibt es
tatsächlich
einen Raum (periplasmatischer Raum, s. Abb.1 und 2), in den sie
Verdauungsenzyme
abgeben könnten. Das setzt natürlich voraus, dass in
diesen Zwischenraum
komplexe Moleküle eindringen können. Ist das so ?
(Ja, die äußere
Membran besitzt sog. Porine, das sind Proteine, die große
Moleküle
durch die Membran schleusen) Nutzen diese Bakterien diesen Raum auch so
? Ich lasse das hier offen.
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Abb. 1Bakterien mit Doppelmembran
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Abb. 2Schematisierte Darstellung.
Substratbindungsmoleküle
helfen beim Transport in das Cytoplasma.
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Sie sind viel größer als Bakterien
und haben
ca. das 1000-fache Volumen (Wie ist das möglich ? Warum sind
Bakterien
so klein ?). Daher sind sie natürlich auch in der Lage,
Bakterien
zu fressen, und es gibt viele, die das tun. Auf der anderen Seite haben
natürlich auch sie noch nicht die Möglichkeit
Mundwerkzeuge im
eigentlichen Sinne auszubilden. Wovon könnten sie sich also
ernähren ?
Zum einen gibt es natürlich photosynthetisierende Eukaryonten,
sie benötigen also nur CO2 (neben
Salzen). Zum anderen bietet sich jetzt die Möglichkeit
Bakterien zu "fangen". Wie soll man sie aufnehmen und verdauen ?
Paramecium hat dafür eine "Mundregion" ausgebildet, in der die
Bakterien durch Endocytose aufgenonmmen werden. Sie werden also in
Vesikel eingeschlossen und in diesem Vesikel durch das Cytoplasma
transportiert (Abb.3). Am "Afterfeld" werden die Reste, die nicht
verdaut werden konnten wieder abgegeben. Der Vesikel wird an
verschiedenen Stellen im Cytoplasma verschiedenen Bedingungen
unterworfen,
d.h. wahrscheinlich, dass nacheinander verschiedene Arten von
Verdauungsenzymen
in ihn abgegeben werden und verschiedene Stoffgruppen verdaut werden
(also
wieder eine neue Frage: wann wird was wo verdaut, wie wird der Vesikel
transportiert ? usw.). Es zeichnet sich hier schon ein Prinzip ab,
verschiedene
Stoffgruppen an verschiedenen Orten zu verdauen, nur dass hier noch
kein
durchlaufender Kanal dafür geschaffen wurde.
Außerdem weise
ich hier schon darauf hin, dass quasi der Innenraum des Vesikels
Außenmedium
enthält, also eigentlich nicht zum Innenraum des Einzellers
gehört,
sondern zur Außenwelt.
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Abb. 3 Struktur von ParameciumEs kommt es hier nur auf die Nahrungsvakuolen an.
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Amoeben sind noch größer. Sie
vermögen
sogar Paramecien zu fangen und zu fressen (Abb.4).
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Abb. 4Amoeben, die Paramecien gefangen haben.
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Euglena hat am Vorderende eine Vertiefung, die sie durch einen Schließmuskel schließen kann. Das legt doch die Vermutung nahe, dass dieser Raum zur Verdauung genutzt wird (ich habe davon noch nicht gelesen, bin aber überzeugt davon, dass der Raum zu diesem Zweck genutzt wird). Es ergibt sich also die Frage, ob und wann und unter welchen Bedingungen Euglena das tut. An sich betreibt sie ja Photosynthese aber in schmutzigen Pfützen kann sie ihre grüne Farbe verlieren und sich heterotroph ernähren. Vielleicht tut sie es genau so wie Bakterien ? Nimmt sie organische Stoffe über ihre Pellicula auf ? Fängt sie Bakterien ? Wovon ernährt sie sich, wenn sie keine Photosynthese betreiben kann ?
Einfache
Vielzeller, Hydra:
Hydra gehört zu den Cnidariern und besteht nur aus
zwei Zelllagen. Im Inneren befindet sich ein Hohlraum (Wegen seiner
Funktion
Gastrovaskularraum genannt, s. Abb.5). Nahrung wird in diesen Hohlraum
eingestrudelt bzw. über die Tentakel über einen
Schleimfilm "hineingeschoben".
Hier ist es also unproblematisch Verdauungsenzyme
hineinzuschütten,
denn sie können nicht verschwinden.
Wie bekommt sie die Nahrungsreste wieder hinaus ? Darüber
hört man dann weniger als ob das nicht auch wichtig
wäre. Geschieht
das auf demselben Weg, über denselben Mechanismus ? Oder
werden die
Reste vielleicht mit Hilfe von Kontraktionen nach außen
befördert
? Man sieht hier schon, dass es günstig wäre am Ende
einen Ausgang
bzw. einen After zu besitzen, um die Nahrungsreste hinauszuschieben.
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Abb. 5Hydra hat also schon einen "Darm". Er durchzieht den ganzen Körper, auch die Tentakel. Am Boden ist Hydra festgewachsen. Es gibt also keinen After. Mund = After gilt hier. |
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Abb. 6 Schema eines PlattwurmsNeben dem Nervenstrang ist hier das Darmsystem hervorgehoben. Der "Mund" liegt in der Körpermitte ! |
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Abb. 7 SeescheidenAm oberen Ende kann man die
Einströmöffnung erkennen.
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Abb. 8 Darmsystem von AmphioxusHinter der Mundöffnung liegt ein ausgeprägter "Kiemendarm". Beim Darmsystem von Amphioxus lassen sich auch deutlich verschiedene Darmabschnitte erkennen. Ebenso besitzt er einen Mitteldarmdivertikel, der unserer Leber entspricht. |
Differenzierung
des Darmsystems:
Der Beginn des Darms ist der "Mund". Bei verschiedenen
Tierarten wird dieser zu einem Werkzeug ausgestaltet, das der
Auffindung
(Tastsinn), Prüfung (Geschmack), dem Festhalten
(Zähne mit Widerhaken),
dem Töten, (Eck-, Giftzähne) der Zerkleinerung
(Mahlzähne)
und eventuell einer ersten chemischen Aufbereitung der Nahrung dient
(Speicheldrüsen).
Viele Beispiele ließen sich dem Vogelreich entnehmen. Die
verschiedenen
Schnäbel der Vögel sind praktisch verschiedene
Werkzeuge. Meist
schließt sich dann der Ösophagus bzw. die
Speiseröhre an.
Sie befördert die Nahrung in den Magen (Vögel haben
auch noch
einen Kropf). Auch der Magen kann ganz unterschiedliche Funktionen
haben.
War im Mund noch keine Zerkleinerung möglich, wie z.B. bei
Körner
fressenden Vögeln, dann kann die Tierart einen Kaumagen
besitzen,
d.h. in diesen Fällen übernimmt der Magen die
Zerkleinerung der
Nahrung.
Auf jeden Fall muss im Magen auch der Gefahr vorgebeugt
werden, dass Krankheitserreger in den Körper gelangen. Im
Magen sind
sie ja noch in der Außenwelt. So werden die Bakterien hier
also durch
eine kräftige Salzsäuredusche empfangen, was nur
wenige Bakterienarten
überstehen. Es beginnt im Allgemeinen auch die Vorverdauung.
Im Dünndarm
geschieht dann die Hauptverdauungsarbeit. Mehr möchte ich hier
darüber
gar nicht ausführen, weil die Gestaltung und
Ausdifferenzierung sehr
stark von der Art der Ernährung und natürlich auch
von der Tiergruppe,
die man gerade betrachtet, abhängt.
Wie unterschiedlich Darmsysteme aussehen können, sei am
Beispiel der Fische in Abb.8 gezeigt.
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Abb. 8 Verschiedene Darmsysteme von Fischen.Der Mund liegt jeweils links. Die Verdickung stellt den Magen dar. Der After liegt ganz rechts in der Abbildung. |
Zusammenfassung:
Bakterien können Nahrung nur über Rezeptoren
aufnehmen. Einzeller stülpen ihre Membran ein, gewinnen ihre
Nahrung
also durch Endocytose oder durch Bildung eines Hohlraums, in den
Verdauungsenzyme
abgegeben werden können. Der Hohlraum wird bei einfach
gebauten Mehrzellern
durch den ganzen Körper gezogen, bei noch
größeren Tieren
in die verschiedenen Körperteile verzweigt. Dann wird ein
neuer Ausgang
am Ende des Darms geschaffen, der After (Deuterostomier). Von nun an
können
die verschiedenen Darmabschnitte unterschiedliche Funktionen entwickeln
bzw. erhalten, die Nahrung kann wie an einem Fließband
bearbeitet
werden. Bei verschiedenen höherentwickelten Tierarten werden
die verschiedenen
Darmabschnitte entsprechend der Ernährungsweise evolutiv
ausdifferenziert.