Ich will hier der Frage nachgehen, warum es
Geschlechtschromosomen gibt und wie sie aufgebaut sind. Ganz allgemein
könnte man fragen, warum es Chromosomen gibt und warum nicht
einzelne Gene weitergegeben werden, insbesondere darum, weil
verschiedene Arten sehr unterschiedlich viele Chromosomen besitzen.
Bei den Reptilien wird das Geschlecht durch die Umgebungstemperatur
bestimmt. Als sich aus diesen einerseits Säuger, andererseits
Vögel entwickelten, die gleichwarm waren, konnte diese Methode
nicht beibehalten werden, weil die Körpertemperatur ja bei
allen hoch war.
Theorie wie die Y-Chromosomen entstanden sind (hier für
Säuger und den Menschen dargestellt, bei anderen Tiergruppen
verlief der Prozess aber ähnlich): Es trat auf einem Chromosom
(also einem Autosom) eine Mutation auf, wodurch ein Gen SRY (in anderen
Tiergruppen hat das Gen andere Namen) entstand, das dominant war und
das zur Ausbildung des männlichen Geschlechtes
führte. Damit war das Y-Chromosom geboren. Man
schätzt, dass das bei den Säugern vor etwa 300 Mill.
Jahren eingetreten ist, was im Groben mit der Evolution der
Säuger im Einklang steht. Das bedeutet, dass es von nun an
zwei Geschlechtschromosomen gab, die hier mit M-
(nicht mutiert) und M+ (was die dominante
Mutation trug) benannt seien. M-M+
waren dann Männchen und M-M-
Weibchen (s. dazu Abb.1).
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Abb.1
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Um dieses Gen (SRY) herum haben sich Gene angesammelt, die
für das männliche Geschlecht nützlich waren.
Damit kein Crossing over vom M+ zum M--Chromosom
stattfinden konnte, ist eine Inversion in dieser Region aufgetreten.
Die M--Chromosomen konnten weiter unter sich vollständig
rekombinieren und haben sich im weiteren Verlauf der Evolution nur
wenig verändert, was durch eine ähnliche Reihenfolge
der Gene bei verschiedenen Säugetieren dokumentiert wird. Auf
dem M+-Chromosom (Y-Chromosom) konnten sich nun
in der Region mit der fehlenden Rekombinationsmöglichkeit
Mutationen ansammeln und so defekte Gene entstehen, die dann im
weiteren Verlauf der Evolution verloren gingen. Das Y-Chromosom wurde
mit der Zeit immer kürzer (s. Abb.1). Dieser Prozess ist bei
verschiedenen Tiergruppen verschiedenen verlaufen, weshalb das
Y-Chromosom zur Untersuchung der Evolution der Säugetiere
herangezogen werden kann. Es entstanden also auf dem M+-Chromosom
hemizygote Gene, d.h. Gene zu denen kein zweites Allel (auf dem M--Chromosom)
vorhanden war. Das musste natürlich zu Dosisproblemen bei der
Expression führen, weil diese Gene nur halb so stark
exprimiert wurden wie normale Gene. Um dem entgegen zu wirken wurden
verschiedene Mechanismen entwickelt. Bei Drosophila wird die Expression
heraufreguliert, bei C. elegans wird sie herabreguliert und bei
Säugern wird ein X-Chromosom inaktiviert.
Diese Theorie müsste zu dem Schluss führen, dass bei
sehr langfristiger Evolution das Y-Chromosom nur noch die Gene
aufweisen sollte, die das Männchen allein benötigt.
(Bei manchen Wühlmäusen ist das Y-Chromosom sogar
ganz verloren gegangen und bei C. elegans ist XX Zwitter und X0 das
Männchen. Das erfordert natürlich weitere
Veränderungen in Bezug auf SRY).
Wenn die Vermutung stimmt, dass nach der Entstehung des SRY-Gens eine
Inversion in dieser Region stattgefunden haben muss, um die
Rekombination zu verhindern, muss es auf dem X-Chromosom also eine
Region geben, die nicht rekombiniert und diese muss zwischen zwei
rekombinierenden Regionen liegen. Das ist auch tatsächlich der
Fall. Sie wird mit NRY (non-rekombining-region) bezeichnet. Die
rekombinierenden Teile sind im Laufe der Evolution stark geschrumpft
und liegen an den äußersten Enden des X-Chromosoms.
Sie werden auch als PAR (pseudoautosomal region) bezeichnet (s. Abb.2).
Diese Regionen machen zusammen etwa 5% des Y-Chromosoms aus.
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Abb.2
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In den verschiedenen Säugergruppen liegen unterschiedlich weit degenerierte Y-Chromosomen vor. Die Monotremen (das sind die ursprünglichsten Säugetiere) z.B. haben ähnlich lange X- und Y-Chromosomen, bei den Beuteltieren ist das Y-Chromosom extrem kurz und bei den Männchen findet keine Rekombination mehr zwischen Y- und X-Chromosom statt. Abgesehen davon sind die Y-Chromosomen verschiedener Arten von Säugern sehr ähnlich aufgebaut. Besonders die Gene auf dem langen Arm haben in der Regel homologe Gene auf dem X-Chromosom.
Bei Vögeln ist die Entwicklung natürlich nicht ganz genauso abgelaufen, aber es ist im Endeffekt zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Außerdem haben bei den Vögeln (bei ihnen werden die Geschlechtschromosomen als W- und Z-Chromosomen bezeichnet, wobei das W-Chromosom dem Y-Chromosom entspricht). die Weibchen W- und Z-Chromosomen und die Männchen zwei Z-Chromosomen.
Nun zur Struktur des Y-Chromosoms (s. auch Abb.2):
Die PARs an den den beiden Enden habe ich schon erwähnt.
Vielleicht sind diese beiden Regionen auch notwendig, um eine Paarung
dieser beiden Chromosomen in der Meiose zu gewährleisten und
damit die Chromosomen korrekt zu trennen.
Der Rest des Y-Chromosom also 95% besteht aus der NRY (nonrekombining
region). Dieser Bereich ist sehr reich an repetitiven Sequenzen, er
besitzt viele Transposonen. An vorhandenen Genen werden drei Klassen
unterschieden.
1. single-copy-Gene (8), die nur in einer Kopie vorliegen. Zu ihnen
existieren homologe Gene auf dem Y-Chromosom und sie werden alle
körperweit exprimiert. Es handelt bei diesen Genen also um
wichtige Haushaltsgene handen, die für beide Geschlechter
unverzichtbar sind. Sie werden auch von der X-Chromosomen-Inaktivierung
ausgenommen.
2. multicopy-Gene (8), sie werden ausschließlich im Hoden
exprimiert, d.h. es handelt sich um solche Gene, die von den
Männchen benötigt werden.
3. weiter gibt es 5 Gene, die eine Mischform aus der ersten und zweiten
Klasse bilden. Sie haben aktive homologe Gene auf dem X-Chromosom, sie
selbst werden jedoch nur im Hoden exprimiert. Hierzu gehört
auch das Gen SRY. Es wird in der bipolaren embryonalen Gonade
exprimiert und leitet so die Differenzierung zum Hoden ein. Das
homologe Gen zu SRY ist SOX3.
Es gibt auch Gene auf dem Y-Chromosom,die die männliche Fitness erhöhen, die aber dem Weibchen schaden würden. Dazu gehören z.B. die Ornamentierungsgene beim Guppy, die dazu führen, dass das Männchen auffällig gefärbt ist, was seine sexuelle Attraktivität erhöht, also positiv für ihn ist, was aber für das Weibchen nicht gut wäre, weil es leichter zur Beute würde. In welche Klasse man solche Gene einordnen will, ist mir nicht ganz klar.
Quellen:
Lahn, B.T., Pearson, N., Jegalian, K.
The Human Y-Chromosome, in the light of Evolution
Nature Review Genetics 2,3,207-216, 2001
Sundström, H.
Mutation and Diversity in avian Sex Chromosomes
Acta Universitatis Upsaliensis
Dissertation 2003