Dem Forscherteam um Lee u.a. aus Seoul ist es
gelungen, Mäuse vom Diabetes Typ I gentechnisch zu heilen. Sie
haben dazu eine Arbeit in Nature im November 2000
veröffentlicht.
Kranke vom Diabetes Typ I produzieren absolut kein Insulin. Ihre b-Zellen in der
Bauchspeicheldrüse sind zerstört. Sie müssen
sich daher Insulin zuführen. Die Zuführung erfolgt
entweder durch subkutane oder intravenöse Injektion oder auch
in Form von Nasensprays. Die Behandlung ist deshalb schwierig, weil der
Bedarf an Insulin natürlich von der Lebensführung
abhängig ist und weil eigentlich eine andauernde Regulation
erforderlich ist, die natürlich kein Patient leisten kann.
Eine gentechnische Heilung, bei der ein Gen
eingesetzt wird, das Insulin bilden kann, hat verschiedene
Schwierigkeiten zu überwinden.
1. Das Gewebe, das Insulin produziert, gibt es im Körper nicht
mehr. Die b-Zellen der
Langerhansschen Inseln sind zerstört. Das Gen muss also in ein
Gewebe oder Organ eingesetzt werden, in dem es normalerweise nicht
produziert wird.
2. Insulin wird als Proinsulin hergestellt und erst wenn es ins Blut
abgegeben werden soll, wird in den Zellen aus dem Proinsulin das
wirksame Insulin hergestellt. Diese Herstellung geschieht dadurch, dass
ein Teil der Peptidkette abgespalten wird (Das ist ganz
ähnlich wie bei den Verdauungsenzymen, die ja auch in
unwirksamen Vorstufen hergestellt werden und erst im Darm aktiviert
werden).
3. Die Insulinausschüttung wird normalerweise durch die
Glucose Konzentration im Blut gesteuert. Ist sie hoch, wird die
Ausschüttung von Insulin angeregt. Das Insulin liegt in
Vesikeln unter der Membran der Bauchspeicheldrüsenzellen
bereit, Glucose bindet an Membranrezeptoren und löst die
Verschmelzung der Vesikel mit der Membran aus, wodurch Insulin in das
Blut abgegeben wird.
Zu 1:
Welches Organ sollte also als Zielorgan für das Einsetzen
eines Insulingens gewählt werden ? Das naheliegendste Organ
ist die Leber, weil sie sehr viele Stoffwechselprozesse regelt. Sie
spricht zum Beispiel auch auf erhöhte
Blutzuckerkonzentrationen an. Das geschieht deshalb, damit nach einer
Zuckeraufnahme im Darm, die von einer erhöhten
Blutzuckerkonzentration gefolgt wird, diese wieder gesenkt wird. Die
Leber nimmt die Glucose auf und überführt sie in den
Speicherstoff Glycogen. Das bedeutet, dass hier auch Ansatzpunkte zu
einer Regulation gefunden werden können.
Zu 2: Es ist klar, dass
dieser Prozess außerordentlich schwer nachzuahmen
wäre. Daher entschieden sich die Forscher, nicht das echte Gen
für Insulin zu transplantieren, sondern ein analoges,
verkürztes Gen, von dem bekannt ist, dass es 20-40% der
Wirkung von echtem Insulin hat. Aus diesem Gen wird nur das
insulinanaloge Protein produziert, es ist keine Vorstufe. Es war dann
abzuwarten, ob das auch so möglich ist. Es
läßt sich nicht theoretisch vorhersagen, sondern
muss experimentell erprobt werden.
Zu 3: Zu jedem
eukaryotischen Gen gibt es Promotoren und Regulatorsequenzen (sog.
enhancer- und silencer-Regionen). Letztere Sequenzen können
sehr weit vom Gen entfernt liegen. Das spielt allerdings für
unsere Überlegungen keine Rolle. Es muss nun die
Regulatorsequenz eines Gens miteingesetzt werden, das auf einen
erhöhten Blutzuckerspiegel anspricht. Ein solches Gen ist z.B.
eine Pyruvatkinase, was hier nicht näher ausgeführt
werden soll. Entscheidend ist lediglich, dass dieses Enzym bei
erhöhter Blutzuckerkonzentration vermehrt produziert wird und
das natürlich über seinen Promoter geregelt wird.
Dieser Promoter wurde nun für die Konstruktion des
künstlichen Gens benutzt (s. Abb.1).
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Abb.1 Aufbau des insulinanalogen künstlichen Gens.Oben: |
Ein weiteres Problem ist, dass das Protein wenn es
hergestellt wurde, natürlich ausgeschleust werden muss. Das
geschieht auch nicht von selbst. Da die Leber auch Stoffe ausschleust,
z.B. kann sie das Protein Albumin ins Blut abgeben, befinden sich hier
also auch Gene, deren Produkte ausgeschleust werden. Die Information
für die Ausschleusung bekommen die Produkte in Form einer
kurzen Peptidsequenz mit, d.h. in unserem Falle, dass das
insulinanaloge Protein um diese Sequenz verlängert werden
muss. Im Golgiapparat (wo die Sortierung von Proteinen vorgenommen
wird) wird es dann so sortiert und abgepackt, dass es
anschließend ausgeschleust wird.
Zur Einschleusung und zum Einbau des Gens in eine Maus wurde ein
Adenovirus benutzt. Auf dieses Verfahren gehe ich hier nicht
näher ein. Vielleicht stelle ich es an anderer Stelle dar (s.
Herstellung von knock-out und knock-in-Mäusen).
Die Ergebnisse werden in Abb.2 dargestellt.
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Abb.2
Blutglucosekonzentrationsverläufe bei transgenen
Mäusen, denen das besprochene Gen eingesetzt wurde. |
Grundsätzlich ja. Aber die Maus hat einen
wesentlich intensiveren Stoffwechsel als der Mensch. Daher ist
anzunehmen, dass die Regulation des Gens bei einem Einbau in einen
Menschen nicht so gut funktionieren dürfte bzw. die Regulation
ist einfach viel schwächer. Als Basisbehandlung
könnte es aber vielleicht trotzdem nützlich sein.
J. M. Olefsky, Gene therapy for rats and mice,
Nature 408, 420-421, 2000 (knappe Übersicht)
H. Ch. Lee et. al., Remission in models of type 1 diabetes by gene
therapy using a single-chain insulin analogue.
Nature 408, 483-488, 2000 (Originalaufsatz)