Der Genbegriff

Der klassische Begriff des Gens: Nach 1900 wurden die Mendelschen Regeln in vielen Ländern "wiederentdeckt". 1909 stellte der britische Genetiker Bateson eine Liste von über 100 analysierten Beispielen aus dem Pflanzen- und Tierreich zusammen, aus der hervorging, dass die Vererbung der verschiedensten Merkmale den Mendelschen Regeln folgte, und dass sie daher als allgemeingültig anzusehen sind. Von Johannsen wurde 1909 der Begriff Gen geprägt, Mendel hatte noch von genetischen Faktoren gesprochen.
Allerdings betonte Johannsen 1909: "Das Wort Gen ist völlig frei von jeder Hypothese. Es drückt nur die sichergestellte Tatsache aus, dass viele Eigenschaften des Organismus durch besondere, trennbare und somit selbständige 'Zustände', 'Grundlagen', 'Anlagen' - kurz, was wir eben Gene nennen wollen - bedingt sind." Weiter hob er hervor: "Das Gen ist nur als eine Art Rechnungseinheit zu verwenden. Man hat nicht das Recht, das Gen als morphologisches Gebilde zu bezeichnen." Man kann aus diesen Bemerkungen erkennen, dass Johannsens Begriff vom Gen ganz anderer Natur war als das, was wir heute darunter verstehen. So weit war man damals also noch nicht. Heute würde niemand mehr bezweifeln, dass ein Gen eine materielle Grundlage hat. Damals gabe es noch den Konflikt zwischen Anhängern eines materiellen Genbegriffes und denen, die das Gen eher als eine Art Kraft ansahen.
Erst als die materielle Basis als gesichert galt, verstand man darunter die kleinste als unteilbar angesehene genetische Einheit der Vererbung (Weitergabe an die nächste Generation), der Rekombination, der Mutation und der Funktion. Die Einheiten wurden nach Mendel unabhängig voneinander vererbt. Das ist der klassische Begriff, der sich in der Zeit um 1910 durchsetzte und dann bis etwa 1940 vorherrschte.
Bemerkenswerterweise war die Chromosomentheorie viel weiter fortgeschritten als die Theorie des Gens.
Der geniale Biologe Boveri hatte schon 1903 vermutet, dass die Chromosomen die Erbinformationen tragen und weiter geben, weil sich die Mendelschen Regeln mit Hilfe des Verhaltens der Chromosomen in der Meiose erklären lassen. So wurde schon 1904 von Sutton und Boveri die Chromosomentheorie in der Weise formuliert, wie wir sie heute auch noch verstehen (auf den Chromosomen sind die Gene linear aufgereiht). Die Theorie fand weitgehende Anerkennung. Allerdings gab es zu der Zeit auch führende Wissenschaftler (Bateson, Johannsen, Morgan), die sich gegen die Chromosomentheorie aussprachen. Morgan, der oft als Begründer der Chromosomentheorie angesehen wird (was aber eindeutig falsch ist) griff die Theorie sogar in einer Reihe von Aufsätzen, die zwischen 1903 und 1910 geschrieben wurden, scharf an. Erst nach 1910 wurde er zu einem Befürworter dieser Theorie und trug dann viel zu ihrer endgültigen Etablierung bei. Morgan, Bridges, Muller und Sturtevant führten die Theorie dann durch intensive Untersuchungen an Drosophila weiter.
Die Gruppe um Morgan konnte die Chromosomentheorie dadurch weiter untermauern, dass sie zeigten, dass die Anzahl der Genkopplungsgruppen der Anzahl der Chromosomen eines haploiden Satzes entsprachen. Bridges konnte dann sogar Gene in den Riesenchromosomen der Speicheldrüsen von Drosophila lokalisieren, wodurch das Gen auch als materielles Substrat etabliert wurde.
Von den Genen wurde dann auch gefordert, dass sie die kleinsten Einheiten darstellen, die noch mutieren können. Es wurde gezeigt, dass Röntgenstrahlen die Anzahl der Mutationen proportional zu ihrer Dosis erhöhen. Damit war im Wesentlichen das klassische Konzept des Gens etabliert. Es nahm an, dass dem Gen ein materielles Substrat zugrunde liegt und dass das Gen die kleinste Einheit bzgl. der Vererbung, der Mutation, der Rekombination und der Funktion darstellt.
Zu Beginn der 40er Jahre begann dieses klassische Konzept des Gens zu wanken, weil Oliver (1940) und Lewis (1941) bei Drosophila die intragenische Rekombination entdeckten. Es gab nun doch Situationen, in denen der Komplementationstest (Begriff s.u.) anzeigte, dass es sich um zwei Gene handelte, in Wirklichkeit lag aber nur ein Gen vor. Die Rekombinationshäufigkeit war in diesen Fällen nur sehr gering, was ja auch verständlich ist. Damit brach das Kriterium der Einheit der Rekombination zusammen.
Durch Beadle und Tatum wurde dann 1941 die Funktion der Gene dahingehend spezifiziert, dass sie zeigen konnten, dass von einem Gen ein Protein bzw. ein Enzym produziert wird. Es kam zu der berühmten Ein-Gen-ein-Enzym-Hypothese. Es wurde nun zunehmend klar, dass das Gen auch keine Einheit der Mutation darstellen konnte.
So wurde im Laufe der 40er Jahre der klassische Genbegriff durch den neoklassischen ersetzt, der sich nicht prinzipiell vom alten Begriff unterschied, der aber die strengen Forderungen nach Einheit von Rekombination, Mutation und Funktion aufgab.
Dann zeigten Griffith und Avery 1944, dass das genetische Material, aus dem Gene bestehen, die DNA ist, indem sie nachwiesen, dass bakterielle Transformationen durch DNA ausgelöst werden. Diese Befunde wurden schon bald von anderen Seiten erhärtet.
M. und K. Green konnten 1949 sogar alle Mutationen des lozenge-Gen von Drosophila in eine lineare Reihenfolge kartierten.
Von Benzer wurde dann 1955 der Begriff Cistron geprägt, der den neoklassische Begriff des Gens zunächst ablöste. Er konnte Mutationen in Genen von Bakteriophagen kartieren, sie in eine lineare Reihenfolge bringen und so zeigen, dass das Gen weder Einheit der Mutation noch der Rekombination ist, sondern dass innerhalb von einem Gen viele verschiedene Mutationen existieren können. Ein Cistron wurde daher durch den cis-trans-Test definiert, ähnlich wie der alte Begriff durch den Komplementationstest. So wurden von Benzer in diesem Zusammenhang die Begriffe Muton für die kleinste noch mutierbare Einheit und Rekon für die kleinste noch rekombinierbare Einheit eingeführt. Es musste einen Zusammenhang zwischen der linearen Struktur von Cistronen und der der DNA geben.
Das wurde dann auch durch die Aufklärung der DNA-Struktur durch Watson und Crick 1954 bestätigt. Dounce und Gamow entwickelten unabhängig voneinander die Colinearitätshypothese wonach die lineare Struktur der DNA, die lineare Struktur der Gene und dann auch der Proteine nach sich zieht. Yanofsky war dann Mitte der 60er Jahre in der Lage zu zeigen, dass Mutationen im A-Cistron der Tryptophansynthetase nur das A- Protein dieses Enzyms betrafen und dass Entsprechendes für das B-Cistron zutraf. So konnte die Einheit der Mutation und der Rekombination wieder zusammen geführt werden und gezeigt werden, dass diese jeweils aus einem Nukleotid bestehen. So wurde aus der Ein-Gen-ein-Enzym-Hypothese die Ein-Cistron-ein-Polypeptid-Hypothese.
In den 50er Jahren wurde auch der Zusammenhang zwischen DNA und RNA bei der Proteinbiosynthese hergestellt. Davern, Meselson und Riley zeigten, dass die RNA, die bei der Proteinbiosynthese hergestellt wird instabil ist im Gegensatz zur RNA in Ribosomen. So wurde die Klassifizierung mRNA und rRNA von Jacob und Monod vorgenommen. So kulminierte die neue Sichtweise darin, dass von einem Cistron eine mRNA und von dieser ein Polypeptid hergestellt wird. Diese Sichtweise kann man als neoklassisch bezeichnen und sie war bis zu Beginn der 70er Jahre vorherrschend.
Anfang der 70er Jahre wurde dann das Zeitalter der Gentechnologie eingeläutet und auch das neoklassische Konzept vom Genbegriff brach total zusammen. Die dafür bahnbrechenden Untersuchungen waren die Entdeckung der Restriktionsenzyme 1968 von Linn, Arber, Meselson und Yuan. Smith und Wilcox reinigten einige dieser Enzyme. Mit ihnen konnte man nun bestimmte DNA-Stücke und sogar Gene aus den Chromosomen herausschneiden, sie klonieren, sequenzieren und analysieren. Diese Stücke konnten auch als Marker eingesetzt werden, um das Gen im Genom zu lokalisieren. In schneller Folge folgten dann die Entdeckungen der vielfachen Gene, der unterbrochenen Gene, des alternativen splicings, der springenden Gene, komplexer Promoteren, der Polyproteingene, des mRNA-editing und der eingeschachtelten Gene. Diese Entdeckungen sollen hier kurz in Hinsicht auf den Genbegriff besprochen werden.

Vielfachgene: 100- bis 1000-fach sich wiederholende DNA-Sequenzen wurden durch die Reassoziationskinetik gefunden. Es betraf zunächst die rRNA der Amphibien. Sie liegen in einer Vielzahl von Kopien tandemartig hintereinander aufgereiht in der DNA. Dieselbe Anordnung wurde dann für die Histon-Proteine entdeckt. Soll man diese 100-mal wiederholten Sequenzen als 100 Gene auffassen ? Das erscheint wenig sinnvoll. Mutiert eines der Gene, so hat das praktisch keine Auswirkungen. Es ist also sicher sinnvoller diese Sequenzen als Kopien eines Gens anzusehen.
Unterbrochene Gene und alternatives Splicing: in tierischen Viren wurde zum ersten Mal ein Gen entdeckt, dessen codierende Sequenz durch ein nichtcodierendes Intron unterbrochen war. Fast zur selben Zeit wurden unterbrochene Gene auch in eukaryotischen Organismen gefunden. Sie wurden immer häufiger gefunden und schließlich wurde klar, dass es keine Ausnahmen waren, sondern dass es eher die Regel ist.
Durch diese Entdeckung wurde die direkte Colinearität zwischen DNA, mRNA und Protein aufgehoben. Die Introns werden aus der primären mRNA herausgesplict und es entsteht eine sekundäre mRNA, die für die Translation benutzt wird. In der Regel werden alle Exons in der Reihenfolge, in der sie in der primären mRNA vorkommen, aneinander gehängt. Aber es kann auch dazu kommen, dass einzelne Exons mit den Introns zusammen herausgesplict werden. Dann können aus einer primären mRNA zwei verschiedene sekundäre mRNAs gewonnen werden. D.h. ein Cistron dient zur Produktion von zwei Proteinen. Das widersprach klar der neoklassischen Sichtweise des Gens.
Das erste Gen, das bei Eukaryonten gefunden wurde, das alternativ gesplict wurde, ist ein Immunglobulin der Maus. Danach wurde das an hunderten anderer Gene von anderen Eukaryonten bestätigt.
Beim Fibrinogengen wurde dann zum erstem Mal gezeigt, dass dieses alternative Splicen gewebespezifisch eingesetzt wird. An dem Gen für die Alkoholdehydrogenase wurde gezeigt, dass es auch in verschiedenen Entwicklungsstadien genutzt werden kann. Das bedeutet, dass dieser Mechanismus zur Genregulation eingesetzt werden kann. Daher erscheint es auch in diesem Falle sinnvoll die DNA-Sequenz als ein Gen anzusehen, das entwicklungs- und gewebespezifisch genutzt wird.
Springende Gene: Bei diesen "Genen" handelt es sich um DNA-Sequenzen, die sich von einem Ort in der DNA zu einem anderen bewegen können, d.h. sie können ausgeschnitten werden und an anderer Stelle sich wieder integrieren. Dass es so etwas geben könnte, hatte schon McClintock in den 40er Jahren behauptet. Sie hatte das aus ihren Untersuchungen am Mais geschlossen, aber man glaubte ihr nicht. Nun wurden solche Elemente plötzlich in allen möglichen Organismen gefunden und man erinnerte sich an ihre Veröffentlichungen. Dadurch bekam sie erst 1983, als sie bereits 81 Jahre alt war, einen Nobelpreis für ihre Untersuchungen.
Inwieweit es sich hier um Gene handelt oder "genetische Parasiten" ist bisher ungeklärt. Für den eigentlichen Organismus haben sie wahrscheinlich keine Funktion. Bei Drosophila ist es aber so, dass sie für 80% der Mutationen verantwortlich sind, weil sie sich in intakte Gene integrieren und diese dadurch defekt sind. Hier stellt sich also die Frage, ob man diese Sequenzen überhaupt als Gene anerkennen will.
Komplexe Promoteren: Promotoren liegen vor der eigentlichen codierenden Sequenz eines Gens, also am 5´-Ende. Bei vielen Organismen wurden nun alternative Promoteren gefunden, die es ermöglichen, das Gen von verschiedenen Startpunkten aus, abzulesen. D.h. auch in diesem Fall ist das Endergebnis, dass verschiedene Proteine von demselben Gen hergestellt werden können.
Bei höheren Eukaryonten ist die Verwendung alternativer Promotoren gewebe- oder stadienspezifisch, was z.B. auf die Alkoholdehydrogenase von Drosophila zutrifft.
Polyadenylierung: An die gesplicte mRNA werden am 3´-Ende ca. 200 Adenosylreste angehängt. Diese sind aber nicht im Gen codiert. Die mRNA entspricht damit nicht der ursprünglichen codierenden Sequenz des Gens. Mit dem neoklassischen Konzept vom Gen ist so ein Phänomen also nicht vereinbar.
Polyproteingene: Besonders bei Viren werden hergestellte Proteine in mehrere kürzere Proteine zerlegt. Dieses Verfahren wird aber auch bei der Herstellung der Neuropeptide der Säuger verwendet. Handelt es sich nun bei der Sequenz um ein Gen oder mehrere Gene ?
mRNA-Editing: Eine merkwürdige Erscheinung ist, dass bei Trypanosomen und mitochondrialen Genen von Pflanzen nach Fertigstellung der mRNA in dieser Uracil- durch Cytosinnukleotide ersetzt werden. D.h. auch hier entspricht die mRNA-Sequenz nicht dem Komplement der codierenden DNA-Sequenz. Ein Gen wird sozusagen nachträglich verändert.
Verschachtelte Gene: schließlich fand man, dass ganze Gene in einem Intron eines anderen Gens liegen können. Z.B. ist das der Fall für den Blutgerinnungsfaktor VIII beim Menschen. In seinem 22. Exon liegt ein zusätzliches Gen. Es gibt sogar Introns, in denen mehrere Gene liegen. Hier ist es sicher sinnvoll, einfach zu sagen, dass innerhalb eines Gens die Sequenz eines anderen lokalisiert ist.
Enhancer: am 3´- oder 5´-Ende eines Gens liegen in der Regel enhancer. Diese können z.T. in sehr großer Entfernung vom Promoter liegen. Durch sie wird die Transcription reguliert. Sie können einen positiven oder negativen Effekt auf die Transcriptionsrate ausüben. Enhancer können auch in Introns liegen. Ob man sie zum Gen selbst rechnen soll ist fraglich. Eine einfache und verständliche Sprachregelung wäre die, dass man regulativen Sequenzen eines Gens spricht.
Abschließende Betrachtung: An den obigen Beispielen kann man erkennen, dass keines der klassischen oder neoklassischen Kriterien streng auf die Definition aller Gene anwendbar ist. In verschiedenen Zusammenhängen wird man mit dem Genbegriff daher Unterschiedliches meinen.
Singer und Berg schlagen folgende moderne Fassung der Definition des Genbegriffes vor:
Ein eukaryotisches Gen ist eine Kombination von DNA Sequenzen die zusammen eine exprimierbare Einheit darstellen. Ihre Expression führt zur Herstellung eines oder mehrerer Genprodukte, die entweder RNA-, oder Polypeptidmoleküle darstellen. Außerdem gibt es Sequenzen die für die Regulation verantwortlich sind. So gehören zu einem Gen mindestens folgende Komponenten: enhancer-Sequenzen, Promoter, Exons, Introns sowie leader- und trailer-Sequenzen.
Die Codierung der Immunglobulingene stellt einen weiteren Sonderfall dar, den ich hier nicht behandele. Es findet bei ihnen eine somatische Rekombination statt. Nur dadurch kann ihre große Vielfalt erreicht werden.

Zu den verwendeten Begriffen:
Komplementationstest: Liegen in einem Gen zwei Mutationen a und b vor, dann muss der Phänotyp der Heterozygote a/b einen mutierten Phänotyp zeigen. Falls aber die Mutationen a und b in verschiedenen Genen vorliegen, so ist der heterozygote Genotyp a+/+b vom Phänotyp des Wildtyps.
Cis-Trans-Test: Es werden die cis- und die trans-Mutanten verglichen. Bei den cis-Mutanten liegen beide Mutationen im selben Gen, bei der trans-Mutante liegen sie in den beiden homologen Allelen vor. Daher ist die cis-Mutante ab/++ phänotypisch wild, die trans-Mutante a+/+b zeigt dem mutierten Phänotyp, wenn es sich um ein einziges Gen handelt, das betroffen ist. Anderenfalls liegen zwei verschiedene Gene vor.

Quellen:
Biologie online
Hennig, W., Genetik, Springer, 1998, S. 450
Mayr, E. Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt, Springer, 1984
Portin, P. The Origin, Development and Present Status of the Concept of the Gene: A Short Historical Account of the Discoveries, Current Genomics, 2000

Mario Hupfeld ,78464 Konstanz, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de
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