Lebensstrategien

Einführung und Begriffserläuterung: Jede Tier- und Pflanzenart "verfolgt" eine bestimmte Lebensstrategie. Diese Strategie bezieht sich darauf, wie und wo die Art lebt, wovon sie sich ernährt, wie sie aufwächst, wie sie mit ihren Feinden umgeht usw. Der Begriff Lebensstrategie darf nicht in dem Sinne missverstanden werden, als hätte eine bestimmte Tier- oder Pflanzenart eine bewusst geplante Strategie, sein Leben zu bewältigen oder zu gestalten. Der Begriff besagt vielmehr, dass jede Art Erbanlagen mitbekommt, die die Ausbildung bestimmter anatomischer, morphologischer, physiologischer und anderer Strukturen bewirken, die die Art für eine bestimmte Lebensweise und in einem bestimmten Biotop prädestinieren. D.h. die Erbanlagen enthalten sozusagen den Plan für die Lebensstrategie, sie spiegeln diese wieder. Dazu gehört auch, dass bestimmte Verhaltensweisen von vornherein angelegt sind, oder wie andere sagen würden, angeboren sind. (Wobei klar ist, dass nicht jede angeborene Verhaltensweise sofort nach der Geburt auftritt, z.B. Nüsse vergraben beim Eichhörnchen). Anstelle des Begriffes Lebensstrategie könnte im Deutschen auch der Ausdruck Lebenszyklus verwendet werden. Früher sprach man auch von Lebensformtypen. Umgangssprachlich gibt vielleicht auch der Begriff Lebensweise in etwa das wieder, was hier gemeint ist. Der englische Ausdruck dafür ist life history pattern. Daraus geht nun hervor, dass das zum Einen das Erbgut, zum anderen der Körperbau mit seinem Verhalten und zum Dritten die ökologische Nische, die eine Tierart besetzt, alle eng miteinander verflochten sind. Diese drei Begriffe drücken letztlich etwas Ähnliches aus.
Lebensstrategieen lassen sich auf verschiedenen Niveaus betrachten. Z.B. haben Pflanzen eine andere Strategie als Tiere (s. dazu Lebensstrategie von Pflanzen und Tieren). Das wären also Strategien auf dem Niveau Organismenreich. Ebenso haben Gliedertiere eine andere Strategie als Wirbeltiere, d.h. das wäre eine Strategie auf dem Niveau von Stämmen, Reptilien verfolgen eine andere Strategie als Säugetiere, was Strategien auf Klassenniveau wären usw.
Es sollen zunächst einige wichtige Komponenten bzw. Variablen von Lebensstrategien genannt und besprochen werden. Dabei will ich von vornherein sagen, dass die Zusammenstellung dieser Komponenten nicht vollständig sein kann und dass die Komponenten nicht unabhängig voneinander sind, sondern sich gegenseitig beeinflussen. Um eine bestimmte Nahrung zu finden, muss man sich in einem bestimmten Biotop aufhalten und umgekehrt findet man in einem bestimmten Biotop nur bestimmte Ernährungsmöglichkeiten vor.
Ernährungsweise: Die Art der Ernährung ist das grundlegendste Merkmal einer Art und damit ihrer Lebensstrategie. Ich rechne hier alles zur Ernährung, was ein Individuum notwendigerweise zum Überleben benötigt (also nicht in Bezug auf die Art insgesamt). Zur Ernährung gehört deshalb die Versorgung mit Energie und mit materiellen Stoffen. Zu den Stoffen gehört das Wasser, welches ich wegen seiner besonderen Bedeutung getrennt aufführe. Außerdem gehören noch Mineralien dazu und bei Tieren weitere Stoffe. Dabei wird die Energie dafür benötigt, um die Lebensprozesse in Gang zu halten (Verdauung, Herzschlag, Bewegung, usw.) und die Stoffe dafür, um den Körper aufzubauen oder defekte Teile zu regenerieren und Wasser, um die Stoffe in einen gelösten Zustand zu überführen, in dem chemische Reaktionen stattfinden können und die Stoffe im Körper transportiert werden können.
Bzgl. der Energieversorgung zerfallen die Vielzeller in das Reich der Pflanzen und das der Tiere (Lebensstrategie Pflanzen und Tiere). Erstere beziehen ihre Energie aus dem Sonnenlicht mit Hilfe der Photosynthese und letztere aus organischen Stoffen, die sie zu diesem Zweck abbauen (vorwiegend Fette und Kohlenhydrate).
Für Pflanzen ist deshalb die "Ernährung" recht einheitlich. Sie verwenden alle das Sonnenlicht als Nettoenergiequelle. An Stoffen benötigen sie einerseits Wasser, andererseits CO2 als Kohlenstoffquelle, NO3- oder NH4+ als Stickstoffquelle, SO42- als Schwefelquelle, PO43- als Phosphatquelle sowie bestimmte Kationen für ihren Stoffwechsel (K+, Mg2+, u.a.). Alle komplexen Moleküle können sie selbst aufbauen.
Tiere dagegen benötigen organische Stoffe für die Energieversorgung (wobei Fette und Kohlenhydrate hierfür in erster Linie genutzt werden) und gleichzeitig benötigen sie diese und andere komplexe Stoffe für den Körperaufbau (z.B. Aminosäuren, Vitamine, Kohlenhydrate, essentielle Fettsäuren u.a.). D.h. bei ihnen sind diese beiden Aspekte der Energie- und Stoffversorgung enger miteinander verwoben, woraus sich gewisse Komplikationen ergeben können.
Pflanzen haben also in Bezug auf die Art der Ernährung alle dieselbe Strategie. Tiere dagegen können ganz unterschiedliche Ernährungsstrategieen besitzen. Bei ihnen ist die Art der Ernährung die wichtigste Komponente ihrer Lebensstrategie. Aus der Art der Ernährungsweise ergeben sich ein Großteil der Eigenschaften, die eine Art aufweist (s. Lebensstrategie der Wildkatze).
Für eine befriedigende Ernährung ist es erforderlich, dass ein Tier neben der Energie alle Grundbausteine, aus denen sein Körper besteht, sich auch beschaffen kann. Bei Tierarten ist die wichtigste Unterscheidung in dieser Hinsicht zunächst die zwischen Pflanzenessern und Fleischessern (Räubern). Bei Tieren, die sich von pflanzlicher Kost ernähren, können ganz unterschiedliche Spezialisierungen vorliegen. Z.B. kann sich das Tier von Gras, Kräutern, Knospen, Blättern, Früchten oder gar Holz ernähren. Pflanzen sind im allgemeinen aus anderen Stoffen aufgebaut als Tiere. Daraus ergibt sich für die Ernährung das Problem, dass das Tier auch alle für es selbst wichtigen Stoffe im richtigen Verhältnis erhält, bzw. erforderlichenfalls selbst aufbauen kann. Für die Verdauung von Samen oder Holz sind völlig unterschiedliche Verdauungssysteme erforderlich, woraus folgt, dass ein Tier normalerweise nicht beides fressen kann. Daher gibt es kein Tier, das sich von beliebiger pflanzlicher Nahrung ernähren kann.
Bei Fleischessern sieht das insofern einfacher aus, als alle Tiere aus grundsätzlich denselben Stoffen aufgebaut sind. Das bedeutet, dass die Art der Beute hier keine wichtige Rolle spielt und jedes Beutetier im Prinzip durch eine andere Art ersetzt werden könnte, wenn es gefangen werden kann. Darüber hinaus sind in tierischen Körpern auch alle lebensnotwendigen Stoffe für Tiere enthalten. Deshalb konzentriert sich hier die Frage nicht auf die Art der Stoffe, die ein Fleischesser erbeutet, sondern eher darauf, welche Tiere er erbeuten kann. Sie können zu groß, zu schnell oder sonstwie schwer zu fangen sein. Daher ist es im allgemeinen notwendig, dass ein Räuber sich auf eine oder wenige Tierarten spezialisiert, die er fangen kann.
Feinde: Die Bedeutung der Feinde geht aus folgenden Fragen hervor: Welche potentiellen Feinde wird es geben ? Welche Verteidigungsmittel stehen zur Verfügung?
Sollte das Tier sich verstecken, fliehen oder sich aktiv verteidigen ? Wie können sich Pflanzen verteidigen?
Pflanzen: Sie stehen immer fest an einem Ort. Außerdem können sie sich nicht aktiv bewegen. Das bedingt, dass sie sich nicht aktiv verteidigen können. Außerdem können sie im Prinzip von jedem Tier gefressen werden, ohne vor ihm fliehen zu können. Als einziges Mittel steht ihnen somit eine chemische Verteidigung oder eine Schutz durch äußere Strukturen zur Verfügung (Dornen, Stacheln, usw.). Wenn man sich das klar macht, wundert man sich nicht mehr darüber, wie viele Pflanzen giftig sind oder dass zumindest große Teile von ihnen ungenießbar oder praktisch unverdaubar sind. Verschiedene Pflanzenteile müssen in unterschiedlicher Weise geschützt werden. Blätter sind einerseits für die Photosynthese unverzichtbar und müssen deshalb gut geschützt werden, sie stehen andererseits in relativ großer Zahl zur Verfügung und die Pflanze kann leicht auf einen Teil von ihnen verzichten und sie regenerieren. Da sie flach gebaut sein müssen, können auch nicht so große Mengen an giftigen Stoffen in ihnen untergebracht werden. Das würde auch hohe Kosten für die Pflanze verursachen. Sie sind deshalb in der Regel schwer verdaubar und ungenießbar, von wenigen (gezüchteten) Pflanzen abgesehen. Selbst Pflanzenesser können nicht alle Blattsorten essen, sondern sind in der Regel auf eine Pflanzenart spezialisiert, die sie dann zu verdauen und zu entgiften vermögen. Auch der Spross, Blüten und Samen müssen geschützt werden, weil sie für die Pflanze sehr wichtig sind. Früchte dagegen sind darauf angelegt, dass sie von Tieren verzehrt werden, weil in ihnen Samen enthalten sind, die die Tiere verbreiten sollen. Daher sind die meisten von ihnen ungiftig und sogar mit anlockendem Duft oder auffälliger Farbe ausgestattet.
Tiere: Bei Tieren hängt die Anzahl der Feinde meist von ihrer Körpergröße ab. Kleine Tiere wie Mäuse haben viele Feinde, Elefanten haben als erwachsene Tiere praktisch keine Feinde und sind nur als Jungtiere gefährdet. Durch Krankheitserreger sind natürlich alle Tiere gefährdet, wenn man sie hier in die Reihe ihrer Feinde aufnehmen will.
Auch hier ist die Unterscheidung Pflanzenesser und Räuber wichtig. Da Räuber andere Tiere fangen, haben sie oft "Angriffswaffen" wie spitze Zähne oder Krallen u.ä. Sie können sich daher auch leichter verteidigen. So wird eine Wildkatze sicher nicht so leicht von einem größeren Tier angegriffen wie ein Kaninchen, das sich weniger gut verteidigen kann. So gehört zur Pflanzenesserstrategie in der Regel dazu, dass das Tier vor seinen Feinden flüchtet (große Tiere wie Gnus) oder sich in einer Höhle oder seinem Bau versteckt (kleine Tiere wie Mäuse oder Kaninchen).
Fortpflanzung: Fragen, die die Problematik aufleuchten lassen sind z.B.: Wann soll die Fortpflanzung erfolgen ? Wie oft im Jahr soll sie erfolgen ? Wieviele Eier sollen gebildet werden ? Wie groß sollen sie sein ? Wo sollen sie abgelegt werden ? Sollen sie geschützt, gehegt werden? Soll zunächst eine Larve schlüpfen ? Wie soll sich diese ernähren ? Wie groß ist das Junge? Wovon soll es sich ernähren ? Muss das Junge geschützt werden ? Wie lange?
Diese Fragen können natürlich ganz unterschiedlich "beantwortet" werden. Daher will ich hier auf weitere Einzelheiten nicht eingehen. Sie sollen eventuell bei Lebensstrategieen einzelner Tierarten besprochen werden.
Verbreitung: Eine Art muss auch darauf bedacht sein, sich zu verbreiten. Wenn die Bedingungen sich in der Umwelt ändern, ist es gut schon in anderen Territorien verbreitet zu sein.
Evolution: Jede Art muss sich an sich wandelnde Bedingungen der Umwelt anpassen können. Darauf will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.
Körpergröße: Kleine Organismen werden sich im allgemeinen auf andere Nahrungsquellen spezialisieren (müssen) als große. Ein Elefant könnte sich nicht von Grassamen ernähren, eine Maus durchaus. Die Körpergröße schränkt also die Ernährungsmöglichkeiten ein. Das kann man natürlich auch umgekehrt sehen, nämlich, dass die Art der Nahrung die Körpergröße mitbestimmt.
Es taucht hier auch das Problem auf, dass Tiere unmittelbar nach der Geburt bzw. dem Schlupf sich nicht von derselben Nahrung ernähren können wie ihre Eltern, weil sie viel kleiner sind als diese. Die Säugetiere haben dieses Problem einheitlich dadurch gelöst, dass sie ihre Jungen mit Milch großziehen. Das ist also ein wichtiges kennzeichnendes Element ihrer Lebensstrategie, in dem sie sich von der Reptilienstrategie unterscheiden. Deshalb gehört es bei anderen Arten auch mit zur Lebensstrategie, eine besondere Ernährungsweise im Jugendalter zu besitzen.
Eine große Körpergröße bringt fast nur Vorteile mit sich. Ein großes Tier ist normalerweise stärker und schneller als ein kleines. Das macht sich vorteilhaft zwischen Artgenossen insbesondere bei der Findung eines Partners bemerkbar, aber auch zwischen verschiedenen Tierarten, wo es ebenfalls wichtig ist, seinem Gegner körperlich überlegen zu sein. Weibchen können dann auch größere Eier produzieren usw. Ein größerer Organismus benötigt auf der anderen Seite mehr Nahrung. Trotzdem muss man immer eher fragen warum ist diese Tierart so klein und nicht warum ist sie so groß.

Kommentar
Mario Hupfeld ,78464 Konstanz, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de