Lebensstrategie von Pflanzen und Tieren im Vergleich
oder die innere Logik des Körperaufbaues bei Tieren und Pflanzen

Energieversorgung

Einleitung: Wenn man Pflanzen und Tiere miteinander vergleichen soll, so kommt einem dieser Vergleich zunächst nicht sonderlich sinnvoll vor, weil man denkt, dass sie doch völlig verschiedenen sind.
Niemand, der einen Apfel oder eine Banane isst, kommt auf die Idee, dass er gerade einen lebenden Organismus verspeist, weil eine Banane einfach nicht lebendig zu sein scheint. Und doch, lässt man die Banane liegen, dann wächst und reift sie, die Schale wird dünner, das Fruchtfleisch dicker, jeder kann es ausprobieren.
Warum wirken Pflanzen so leblos? Natürlich weil sie sich nicht selbständig fortbewegen. Das wird auch allgemein als der Unterschied zwischen Pflanzen und Tieren angesehen, obwohl es auch festsitzende Tiere gibt. Diese festsitzenden Tiere werden bezeichnender Weise auch Blumentiere genannt (Anthozoa) weil sie rein äußerlich wie Pflanzen auf uns wirken. Sie müssen doch etwas Wesentliches mit Pflanzen gemeinsam haben? Das haben sie auch tatsächlich wie wir weiter unten sehen werden.
Was benötigt ein Organismus zum Leben? Es sind zwei Dinge auf die kein Organismus verzichten kann. Er benötigt Baumaterial, um seinen Körper aufzubauen und dieser Aufbau und die Lebensführung kosten Energie.
Wir wollen die einzelnen Baumaterialien hier nicht besprechen. Wir betrachten vielmehr zunächst die Energiequellen für Tiere und Pflanzen. Tiere müssen organische Stoffe wie Fette und Kohlenhydrate aufnehmen, um die Energie, die darin steckt für ihren Energiestoffwechsel zu nutzen. Pflanzen dagegen nehmen keine organischen Stoffe auf, sondern sie beziehen ihre Energie aus der Sonnenenergie. Nun scheint die Sonne überall, d.h. sie müssen sich nicht zu ihr hinbewegen. Daher können Pflanzen unbeweglich sein.
Dort aber wo es kein Licht gibt, können auch keine Pflanzen wachsen (z.B. am Grunde tiefer Seen, in dunklen Höhlen usw.). Da aus dem Sonnenlicht, die Energie nur schwer umgewandelt werden kann, benötigen die Pflanzen also eine möglichst große Aufnahmefläche. Die Energieaufnahme erfolgt daher über Blätter, die flach und breit sind, um eine große Aufnahmefläche zu bieten (Ausnahme heiße Wüstengebiete). Abfall entsteht dabei nicht. Die Pflanzen benötigen daher keine Exkretionsorgane. Durch die Konkurrenz um das Sonnenlicht, sind Landpflanzen immer größer geworden und es haben sich schließlich hohe Bäume entwickelt. Außerdem konkurrieren sie natürlich mit ihren Nachbarn um das Licht.

Tiere dagegen nehmen organische Stoffe zur Energieversorgung auf. Diese befinden sich normalerweise nicht überall und man bekommt sie nicht geliefert, sondern sie müssen in irgendeiner Weise aufgesucht und erbeutet werden. Daher müssen Tiere beweglich sein. Sie "erbeuten" die benötigten Stoffe in Form von lebenden oder toten Pflanzen oder Tieren. Diese müssen also irgendwie aufgenommen werden, wozu ein Mund samt Gebiss erforderlich ist. Dieser ist also das Vorderteil des Nahrungsaufnahmeapparates. Mit der Aufnahme allein ist es nicht getan, sondern es schließt sich der Darm an, in dem die Nahrung zerkleinert und in die Grundbausteine zerlegt wird (Aminosäuren, Zucker, usw.). Erst dann können diese in den Körper aufgenommen werden. Der Darm endet in einem After über den die unverdaulichen Reste wieder nach außen abgegeben werden. Das ist keine Exkretion oder Ausscheidung, weil es sich um abgegebene Stoffe handelt, die nie echt in den Körper aufgenommen wurden, sondern nur an der Darmwand entlang geführt wurden um dort die brauchbaren Stoffe aufzunehmen. Beim Abbau der Stoffe im Körperinneren wird die Energie gewonnen, die das Tier braucht (in Form von ATP). Es entstehen am Ende aber Abfallprodukte, die nicht verwertet werden können, sondern die ausgeschieden werden müssen (CO2, SO42-, NH4+ u.a.). Daher benötigen Tiere als Folge davon Exkretionsorgane, die diese Folgeaufgabe übernehmen müssen. Das sind bei den Säugetieren die Lunge, die das CO2 entfernt und die Niere, die die anderen Abfallstoffe beseitigt. Bei anderen Tieren können auch die Haut oder die Kiemen als Exkretionsorgane genutzt werden. Wirbellose Tiere besitzen Protonephridien u.a. Organe dafür.

Stoffversorgung

Aber müssen Pflanzen sich nicht auch Baustoffe "besorgen"?
Ja, das müssen sie tatsächlich. Als Stoffe benötigen sie aber keine Bausteine, die einen Energieinhalt besitzen, sondern sie können sich mit kleinsten anorganischen Stoffen begnügen, weil sie ja genügend Energie aus dem Sonnenlicht entnehmen können, um daraus energiehaltige Baustoffe für den Körper aufzubauen. Tiere können viele Aminosäuren nicht selbst aufbauen, Pflanzen dagegen können jeden Stoff, den sie benötigen für den Aufbau ihres Körpers aus kleinsten anorganischen Molekülen aufbauen. Sie benötigen daher neben dem Wasser vor allem Kohlenstoff zur Synthese sämtlicher organischer Stoffe, den sie in Form von CO2 aufnehmen. Und siehe da, auch dieser fliegt ihnen durch die Luft zu. Das CO2 ist an jedem Standort gleichermaßen vorhanden und es kann auch zu keiner Konkurrenz kommen (bei Wasserpflanzen, die ich hier nicht betrachte ist die Situation etwas anders).
Nur die Elemente N, S und einige Kationen können sie nicht über die Luft aufnehmen. Diese Elemente benötigen sie aber nur in geringer Menge. Sie müssen sie als Salze aus dem Boden mit dem Wasser aufnehmen (als NH3 oder NO3-). Daher bereitet die Stickstoffaufnahme in der Regel das größte Problem, weil N laufend und in etwas größeren Mengen benötigt wird als die Kationen. Daher fördert die N-Düngung auch am stärksten das Wachstum der Pflanzen.
Schwierigkeiten können sich auch daraus ergeben, dass sie die Nacht überstehen müssen ohne dass die Sonne scheint. Dafür müssen sie also Energie am Tage speichern, die sie nachts verbrauchen können. Dafür wird in der Regel Stärke aufgebaut und gespeichert. In der Nacht gewinnen die Pflanzen dann die benötigte Energie aus dem Wiederabbau der Stärke in ganz ähnlicher Weise wie die Tiere.
Das Wasser wird aus dem Boden aufgenommen. D.h. Pflanzen benötigen dafür ein Aufnahmeorgan, nämlich die Wurzel. Die Mineralien befinden sich praktisch in kleineren Mengen überall im Boden und können so zusammen mit dem Wasser aufgenommen werden. Natürlich können sie in Abhängigkeit vom Standort auch fehlen. Da es in den meisten Regionen auch überall regnet, kommt auch das Wasser zu den Pflanzen. D.h. beide Stoffkomponenten können ebenfalls erhalten werden, ohne dass sich die Pflanze bewegt. Um Wasser zu erhalten, wäre es für Wüstenpflanzen natürlich nützlich, wenn sie es aufsuchen könnten, aber sie bilden eher eine Ausnahme. Die Entwicklung eines Wurzelsystems bei höheren Pflanzen hat dann natürlich dazu geführt, dass die Entwicklung bewegter Pflanzen ausgeschlossen wurde.
Das CO2 (bzw. der Kohlenstoff) kann nicht in genügendem Umfang aus dem Boden aufgenommen werden, obwohl dieses auch im Boden vorkommt, aber in ähnlich geringem Umfang wie die Mineralien. Daher muss es aus der Luft extrahiert werden. Da die Konzentration in der Luft nur gering ist, benötigen die Pflanzen auch hierfür ein großflächiges Organ zur Aufnahme. Da bietet es sich natürlich an, die Blätter ebenfalls dafür zu nutzen. Daher besitzen diese auf der Unterseite Spaltöffnungen, über die das CO2 aufgenommen wird. Das CO2 ist immer gleichmäßig in der Luft verteilt, d.h. auch dieser Stoff kommt zu den Pflanzen und muss nicht irgendwie erbeutet werden. So ist also insgesamt der feste Standort von Pflanzen verständlich, weil alle Stoffe, die sie benötigen zu ihnen kommen.
Die Blätter werden darüber hinaus dafür ausgenutzt, dass das aus den Spaltöffnungen verdunstende Wasser, Wasser aus dem Boden nachsaugt und so die Energie für den Transport geliefert wird. Wurzel und Blatt hängen so zusammen und leisten insgesamt die Stoffaufnahme, was bei Tieren dem Darmsystem entspricht.
Bei all diesen Prozessen fällt kein Abfall an, was erklärt, dass Pflanzen kein Exkretionsorgan benötigen und auch nicht besitzen. Sie müssen auf der anderen Seite eine enorme Synthesekapazität besitzen. D.h. sie müssen alle Stoffe, die für ihren Körperaufbau benötigt werden und auch alle Enzyme selbst herstellen können. D.h. sie können z.B. nicht unter Vitaminmangel leiden wie Tiere oder in eine Situation geraten, wo ihnen bestimmte Stoffe fehlen (außer Mineralien, die knapp sein können oder in trockenen Regionen Wasser). Natürlich kann es auch Mangel an Nitrat im Boden geben. Dann führt das dazu, dass die Pflanze weniger gut oder weniger schnell wachsen kann, man könnte das dann eher mit einer Unterernährung vergleichen. Aber man muss sich dabei klar machen, dass die Minerale nur in sehr geringen Mengen benötigt werden (Eine Pflanze, die 160 kg wiegt, enthält ca. 30g Mineralien!).

Tiere ernähren sich in der Regel von Pflanzen oder Tieren (andere Ernährungsweisen sollen hier nicht betrachtet werden). Daher nehmen sie vorwiegend komplexe organische Stoffe auf (Proteine, Kohlenhydrate, Fette). Das hat dazu geführt, dass sie die Grundbausteine (Aminosäuren, Einfachzucker), aus denen diese Stoffe bestehen, nicht selbst aufbauen müssen. Die Stoffe, die sie mit Sicherheit in der Nahrung vorfinden, brauchten sie also nicht mehr selbst aufzubauen, wodurch sie dann auch noch Energie sparen. Sie haben damit Synthesekapazität aufgegeben und sind in dieser Hinsicht weniger leistungsfähig als Pflanzen. So werden die aufgenommenen Stoffe zu Aminosäuren, Einfachzuckern u.ä. abgebaut und diese dann gleich für den Aufbau des eigenen Körpers verwendet. Die Mineralien, die sie benötigen, befinden sich ebenfalls in ihrer "Beute", d.h. sie können ebenso aus der aufgenommenen Nahrung erhalten werden.
Die erbeuteten Organismen wehren sich aber oft dadurch, dass sie Stoffe bilden, die giftig oder unverdaubar sind und ihre Feinde davon abhalten sollen, sie zu fressen. Daraus folgt, dass Tiere bei ihrer Nahrungsaufnahme viel vorsichtiger und umsichtiger sein müssen als Pflanzen. Im Darm muss einerseits ein konsequenter Abbau der aufgenommenen Nahrung in ungefährliche kleinere Teile erfolgen (die der Körper "kennt"), aber auch eine weitere Überprüfung nach der Aufnahme in den Körper durch die Darmwand, erscheint notwendig. Dafür haben Tiere eine Leber entwickelt, durch die zunächst die gesamte aufgenommene Nahrung geschleust wird (über die Pfortader) und die Aufgabe hat, eventuelle Giftstoffe unschädlich zu machen. Außerdem müssen die unverdaulichen Teile, ohne dass sie in den Körper aufgenommen werden, wieder abgegeben werden können, was durch den After geschieht.
Ein weiterer Gefahrenpunkt ist der, dass mit den gegessenen Pflanzen oder Tieren auch Bakterien und Viren aufgenommen werden können, die dem Tier gefährlich werden könnten. So haben die Tiere einen Magen entwickelt, in dem sie die Nahrung einer extremen Säurekonzentration aussetzen, um dieser Gefahr vorzubeugen, weil die meisten Mikroorganismen ein solches Säurebad nicht aushalten. Diejenigen, die das trotzdem überstehen, müssen von einem Immunsystem unschädlich gemacht werden.
Die Art der tierischen Ernährung erfordert es, dass die Nahrung gesucht und erbeutet werden muss. Bei der Pflanzenessern ist das etwas einfacher als bei den Räubern, weil die Pflanzen nicht weglaufen können. Sie müssen sich aber mit schwierigerer Verdaubarkeit auseinander setzen und mit der Entgiftung der Nahrung. In jedem Falle ist ein hochentwickeltes Nervensystem und Sinnesorgansystem erforderlich, um die "Beute" zu finden und zu fangen. Außerdem natürlich eine ausgeprägte Beweglichkeit, um die "Beute" erreichen zu können.
Mit den Fortpflanzungsstrategien will ich mich hier nicht weiter beschäftigen, sondern es ging mir darum, herzuleiten, worin sich Tiere und Pflanzen grundsätzlich unterscheiden und welche Leistungen sie erbringen müssen und welche Organe sie deshalb besitzen müssen.

Vereinfachende Zusammenfassung

Pflanzen: haben alle Stoffe, die sie gebrauchen, überall zur Verfügung. Daher sind sie standorttreu und brauchen sich nicht fortzubewegen. Daher benötigen sie keine Muskulatur, kein Nervensystem und keine Sinnesorgane. Aufnahmeorgane sind Blätter und Wurzeln. Für den Transport benötigen sie ein Leitungssystem (Wasser und Mineralien von der Wurzel in die Blätter, Glucose als Energiequelle von den Blättern zu den anderen Teilen, besonders der Wurzel). Sie nehmen nur anorganische Stoffe auf und können alle Körperteile selber aufbauen. Daher sind sie auch nur wenig durch giftige Stoffe bedroht und Exkretionsorgane werden nicht benötigt. Verteidigen können sie sich nur chemisch (Gifte) oder mechanisch (harte Teile, unverdauliche Teile, Stacheln, usw.).

Tiere: müssen ihre Nahrung suchen, erbeuten und essen. Dafür brauchen sie einen Bewegungsapparat in Form der Muskulatur. Diese muss von einem Nervensystem gesteuert werden. Für die Suche und Nahrungsaufnahme müssen sie sich orientieren können. Dafür brauchen sie Geruchs-, Gehör-, Seh-, Tastsinn. Die Informationen werden ebenfalls durch das Nervensystem verarbeitet. Um die Nahrung zu überprüfen, brauchen sie einen Geschmackssinn. Für ihre Entgiftung eine Leber, für die Ausscheidung von Endprodukten ein Exkretionsorgan und ein Immunsystem für ihren Schutz gegen eingedrungene Krankheitserreger.

Fortpflanzungsorgane benötigen natürlich beide Organismenreiche.

Kommentar
Mario Hupfeld ,78464 Konstanz, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de