Vorbemerkung: O2 ist für fast alle Lebewesen eine notwendige Ressource. Sie muss also erschlossen werden. Sehr kleine Organismen (z.B. Einzeller) brauchen sich nicht darum zu "kümmern", weil genügend von dieser Ressource vorhanden ist und von ganz allein in ihren Körper diffundiert. Bei hoch entwickelten Vielzellern wird ein Atmungsorgan erforderlich.
Jegliche biologische Betrachtung macht nur Sinn im Rahmen der Evolutionstheorie und zusätzlich im Rahmen der ökologischen Bedingungen unter denen eine Tierart lebt. Deshalb betrachte ich hier beides. Es ist klar, dass die primitivsten Vielzeller kein "eigentliches" Atmungsorgan besaßen, sie benötigten es auch noch nicht. Sie waren wahrscheinlich sehr flach gebaut und atmeten natürlicherweise über die "Haut". Hat ein Tier einen Körperdurchmesser, der über 1 mm liegt, so reicht die Diffusion zur O2-Versorgung aber nicht mehr aus. Das bedeutet, dass O2 ins Körperinnere aufgenommen (Aufnahmeorgan = Atmungsorgan), und weiter transportiert und verteilt werden muss (Verteilungsorgan, z.B. Kreislauf- oder Tracheensystem). Bei ganz einfachen Organismen ist zu erwarten, dass sie ihre Haut als Atmungsorgan nutzen aber zusätzlich ein Transportsystem benötigen (im einfachsten Fall vielleicht einfach einen Stoff, der O2 bindet und dadurch die Diffusion in den Körper erleichtert). Ein relativ hoch entwickeltes Beispiel ist der Regenwurm, der seine Haut zur Atmung verwendet. Diese ist stark durchblutet, um den O2 aufzunehmen. Über ein geschlossenes Kreislaufsystem wird der O2 im gesamten Körper verteilt.
Die Evolution eines Atmungssystems ist natürlich abhängig von den Vorausetzungen, die die Art in morpohologischer und anatomischer Hinsicht mit sich bringt und andererseits von den ökologischen Bedingungen bzgl. des O2-Gehaltes des Mediums in denen die Art lebt.
Bzgl. der Ökologie der Atmungsorgane unterscheide ich hier zwischen Lebewesen, die in freier Luft, im Boden oder im Wasser leben.
Luft: Die Diffusion der Gase in Luft ist außerordentlich schnell, so dass praktisch keine Konzentrationsdifferenzen entstehen und immer und überall genügend O2 in gleichbleibender Konzentration zur Verfügung steht. O2 kann aber nur durch feuchte, dünne Membranen diffundieren. Daher ist die Aufnahme von O2 an Land immer mit einem Wasserverlust gekoppelt. In trockenen Regionen (auch schon bei einem längeren Aufenthalt an der Luft in gemäßigten Zonen) besteht also immer die Gefahr, dass das Tier austrocknet oder doch viel Wasser verliert, wenn die 2-Aufnahmeflächen groß sind. Eine reine Hautatmung bei dauerhaften Leben an der Luft kommt also praktisch nicht in Frage (Ausnahme eine Salamanderart). Es ist daher klar und verständlich, dass die O2-aufnehmenden Flächen bei den meisten Landtieren (die ausschließlich in der freien Luft leben) in das Innere des Tierkörpers verlagert sind. Tracheen bei Insekten, Buchlungen bei Spinnen und Lungen bei Wirbeltieren. Landschnecken haben ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück und setzen ihren Körper nur vorübergehend der Luft aus.
Boden/Luft: Tiere, die nur zeitweise an der Luft leben wie Regenwürmer können auch ihre Haut als einziges Atmungsorgan zur O2-Aufnahme nutzen. Hierher dürften auch die Nacktschnecken zählen, die sich natürlich auch zurück ziehen müssen, wenn die Luft zu trocken oder die Sonneneinstrahlung zu intensiv wird.
Wasser/Luft: Auch Tiere die amphibisch leben, können natürlich die Hautatmung nutzen. Bei den Wirbeltieren sind das die Amphibien, bei Fischen der Schlammspringer und der Aal. Sie sind also gezwungen in der Nähe von Gewässern zu leben, in die sie sich notfalls zurück ziehen können.
Wasser: Im Wasser dagegen sehen die Verhältnisse ganz anders aus. Der O2 diffundiert nur sehr langsam, wird er am Grunde von Seen durch Bakterien aufgezehrt, kann er nicht wieder nachdiffundieren. Daher gibt es in allen Gewässern viele unterschiedlich gut mit O2 versorgte Regionen. Die Oberfläche der Gewässer enthält normalerweise viele Algen, die O2 produzieren und ist daher gut mit O2 durchlüftet. Eine weitere Schwierigkeit im Wasser liegt darin, dass Wasser sehr schwer ist und dass daher eine Ventilation eines Atmungsorgans sehr viel Energie kostet. Weiter ist es notwendig zwischen Salz- und Süßwasser zu unterscheiden. Niedere Tiere können im Meer problemlos ihre Haut als Atmungsorgan nutzen, weil die Osmolarität ihrer Körperflüssigkeit in etwa der des Meeres entspricht, während im Süßwasser die Gefahr, dass das Wasser über die Haut in den Körper eindringt und das Tier platzt, gebannt werden muss.
Im Folgenden seien die verschiedenen Typen von Atmungsorganen betrachtet:
a) Tiere ohne
Atmungsorgane
Da alle Tiere für Energieumwandlungen O2
benötigen, können Atmungsorgane nur dann fehlen, wenn
die Diffusion von O2 eine ausreichende
Versorgung gewährleistet. D.h. entweder ist die
Stoffwechselrate sehr klein (z.B. Quallen) oder die Tiere sind sehr
klein (Mikroorganismen) oder die Tiere haben einen sehr flach gebauten
Körper (Plattwürmer). Solche Organismen
dürfen nicht dicker als 1 mm sein. Auch Schwämme und
Hohltiere haben keine Atmungsorgane. Letztere bestehen bis zu 98% aus
Wasser, weshalb ihre Stoffwechselrate sehr gering ist. Bei diesen
Tieren werden auch die Stoffwechselendprodukte CO2
und NH3 direkt durch Diffusion an das Wasser abgegeben.
b) Hautatmung
Bei Anneliden (z.B. Regenwurm) und anderen Würmern ist die
äußere Haut stark vaskularisiert (von Kapillaren
durchzogen) ist. Schon bei diesen Wirbellosen befindet sich im Blut ein
Blutfarbstoff, der den O2 bindet und so ins
Körperinnere transportiert. Sie haben auch einen geschlossenen
Kreislauf. Die genannten Würmer atmen ausschließlich
über die Haut.
Die Hautatmung spielt darüberhinaus bei anderen Tieren als
zusätzliches Atmungsorgan eine wichtige Rolle. Das gilt zum
Beispiel für Amphibien, die ebenfalls eine stark
vaskularisierte Haut besitzen. Diese Tiere benutzen im Wasser
vorwiegend die Haut als Atmungsorgan und an Land ihre Lunge. Die
Bedeutung der beiden Atmungsorgane variiert von Art zu Art. In jedem
Falle wird das CO2 vornehmlich über die
Haut ausgeschieden. Das führt natürlich dazu, dass
diese Tiere sich nicht ewig an Land aufhalten können, weil
das nur im Wasser funktioniert.
Auch einige Fische, die an Land gehen können, atmen mit der
Haut (Aal, Schlammspringer u.a.). Der Aal kann sich bei Temperaturen
unter 7 C0 beliebig lange an Land aufhalten. Bei
15 C0 kann er noch eine 20-30 minütige
Wanderung über Land machen. Aale wandern vor allem nachts von
einem Gewässer zum anderen.
Neben den genannten Tierarten kommt die Hautatmung noch bei Schnecken
und kleineren Krebsen vor.
c) Kiemen als
Atmungsorgane
Ist die Haut alleiniges oder vornehmliches Atmungsorgan, so kann oft
kein effektiver Körperschutz gegen Feinde entwickelt werden.
Außerdem setzt sich das Tier an der Luft der Gefahr der
Austrocknung aus. Heiße oder trockene Biotope können
deshalb von diesen Arten gar nicht oder nur schwer erobert werden.
Kiemen sind Hautausstülpungen an bestimmten Stellen des
Körpers, die stark vaskularisiert sind. Sie kommen bei
Anneliden, Mollusken, Krebsen, Fischen und Amphibienlarven vor. Man
unterscheidet äußere und innere Kiemen. Kiemen
müssen, damit sie zur Aufnahme von O2
geeignet sind, sehr feine, zarte Gebilde sein. Daher können
äußere Kiemen von Feinden natürlich leicht
"abgeweidet" werden. Fische schützen ihre Kiemen daher in der
Regel durch einen Kiemendeckel.
d) Lungen als
Atmungsorgane
Lungen sind Atmungsorgane, die durch
Körpereinstülpungen (bei den Wirbeltieren
Darmausstülpung) entstehen, wobei diese meist vom Darmkanal
ausgehen. Sie wurden im Laufe der Entwicklungsgeschichte zuerst von
Lungenfischen und Quastenflossern entwickelt. In tropischen
Gewässern, die oft sehr warm und nährstoffreich sind,
ist nur wenig O2 enthalten und dieser geringe O2-Gehalt
wird schnell von Mikroorganismen verbraucht. Deshalb bestand in diesen
Regionen ein starker Selektionsdruck den Luftsauerstoff
zusätzlich zum O2, der im Wasser
enthalten ist, zu nutzen. Dazu eignen sich vor allem die
Mundschleimhaut und die Schleimhäute des Darmes. Zu den
Lungenatmern gehören neben den genannten Lungenfischen
Amphibien, Reptilien, Vögel und Säuger. Spinnen haben
z.T. sogenannte Buchlungen, die sich nicht mit den Wirbeltierlungen
vergleichen lassen. Es sind Einstülpungen der
äußeren Haut.
e) Tracheen als
Atmungsorgane
Insekten transportieren den O2 nicht mit dem
Blut. (Sie können sich daher ein offenes Blutkreislaufsystem
leisten, das die Stoffe viel ineffektiver im Körper verteilt
als ein geschlossenes System). Sie haben für den Transport von
O2 ein Röhrensystem entwickelt, das man
Tracheensystem nennt. Von der Körperoberfläche gehen
Röhren ins Körperinnere, verzweigen sich dort in
immer kleinere Röhren bis zu ganz feinen Tracheolen. Diese
ziehen schließlich zu allen Organen. Der Luftsauerstoff wird
also direkt zu den einzelnen Körperorganen transportiert. Die
feinsten Endausläufer erstrecken sich bis in die
Körperzellen und dort bis zu den Mitochondrien. Daher ist
dieses System effektiver als die Verteilung des O2
über das Kreislaufsystem der Wirbeltiere. Nur mit Hilfe dieses
Systems kann die hohe Leistungsfähigkeit der Flugmuskulatur
bei den Libellen erreicht werden. Spinnen besitzen als zweites
Atmungssystem ebenfalls Tracheen.
f) Sonderformen
von Atmungsorganen
Manche Tiere z.B. der Röhrenwurm Tubifex benutzen ihren
Enddarm zum Atmen, in den sie Wasser einsaugen und wieder
herauspressen. Auch andere Darmabschnitte werden gelegentlich als
Atmungsorgan benutzt. So schlucken zum Beispiel der Schlammpeitzger,
die Bartgrundel und einige Welse Luft, der im Magen oder anderen
Darmabschnitten O2 entzogen wird. Diese
Darmabschnitte sind dann entsprechend ihrer Funktion besonders stark
askularisiert.
Spinnen haben in der Regel zwei verschiedene Atmungsorgane. Zum einen
Röhrentracheen wie die Insekten und zum anderen sog.
Fächertacheen oder Buchlungen. Das sind Atmungsorgane, die
Körpereinstülpungen darstellen, bei denen von einem
Atemvorhof viele blattartige Atemtaschen ausgehen. Die Atemtaschen
tauchen in einen Blutsinus ein, in den das Blut vom Herzen aus gepumpt
wird.