Will man die Funktion eines Gens untersuchen, so sucht man
nach Mutanten in diesem Gen. Diese werden dann mit normalen Tieren
verglichen, die eine solche Mutation nicht besitzen. Es
läßt sich aber nie ganz ausschließen, dass
die Unterschiede wenigstens z.T. auch auf andere Gene
zurückzuführen sind, in denen sich die Tiere ja
zwangsläufig unterscheiden. Das Prinzip der isolierenden
Variation konnte also dadurch in der Biologie nicht streng eingehalten
werden.
Unter Knock-out-Mäusen versteht man nun solche Tiere, bei
denen ein ganz bestimmtes Gen gezielt ausgeschaltet wurde, um dessen
Wirkungen zu prüfen. Man möchte gern zwei
Mäusestämme haben, die in sämtlichen Genen
gleich sind und sich nur in dem Knock-out-Gen unterscheiden. Bei dem
ersten Stamm ist es dann intakt, bei dem zweiten defekt. Dann
müssen Unterschiede im Körperbau oder der Physiologie
auf dieses Gen zurückgeführt werden. Daher
benötigt man für dieses Experiment von vornherein
einen Mäusestamm, bei dem alle Tiere den gleichen genetischen
Hintergrund haben. Es werden deshalb Inzuchttiere verwendet. Diese
Inzucht wird schon seit einigen hundert Generationen
durchgeführt (konsequente Bruder-Schwester Verpaarung), was
dazu führt, dass sich die Tiere genetisch gar nicht oder nur
sehr geringfügig unterscheiden.
Weiter kommt hinzu, dass Mutanten eines Gens oft schwer zu finden und
zu identifizieren sind. Während es bei Organismen wie
Drosophila leicht ist z.B. durch Bestrahlung viele verschiedene
Mutanten zu erzeugen und zu untersuchen, gelingt das bei
Säugern wegen ihrer geringen Nachkommenzahl nicht. So ist man
bei dieser Tiergruppe weitgehend auf den Zufall angewiesen, dass man
eine bestimmte Mutation entdeckt. Sucht man z.B. nach Mäusen,
die z.B. eine ähnliche Krankheit wie die cystische Fibrose
haben, so tritt eine Mutation in dem Gen sehr selten auf und ist
vielleicht auch nur schwer zu finden. Dadurch, dass man Mäuse
gezielt in bestimmten Genen mutieren kann, kann man also sog.
Krankheitsmodelle für bestimmte Krankheiten herstellen.
Die Schritte, die zur Herstellung transgener
Knock-out-Mäuse notwendig sind sollen hier nun zusammen
gestellt werden und jeder Schritt soll näher
erläutert werden.
1. Für die Erzeugung der Mutaten werden Stammzellen
von Mäusen verwendet, weil man in einer erwachsenen Maus
natürlich nicht sämtliche Körperzellen
verändern kann. Solche Stammzellen werden aus Blastocysten
entnommen (s. Stammzellen).
Die entnommenen Stammzellen können durch Zugabe von
Wachstumsfaktoren in vitro beliebig vermehrt werden und am Leben
gehalten werden.
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Abb.1 Darstellung der Integration der Fremd-DNA in ein ganz bestimmtes Gena: Das Gen, das verändert bzw. mutiert werden
soll. E1 bis E5 sind Exons, dazwischen liegen Introns.
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2. Diese Stammzellen werden nun genetisch verändert und zwar durch sog. homologe Rekombination. Das ist ein Verfahren, durch das an einer gezielt ausgesuchten Stelle im Erbgut eine beliebige andere Sequenz eingesetzt werden kann. Man kann also z.B. das Insulingen ausschalten, indem man in dieses Gen eine völlig andere Sequenz von Nukleotiden einsetzt, wodurch kein funktionstüchtiges Insulin mehr gebildet werden kann. Eingesetzt wird die Sequenz dadurch, dass man sie künstlich herstellt und dann über Elektroporation (durch elektrischen Strom wird die Membran so durchlässig gemacht, dass die künstlichen DNA-Moleküle eindringen können) in die Stammzelle einführt. Die Integration in das Erbgut nimmt die Zelle dann selber vor. Allerdings kann die Sequenz einerseits an der richtigen Stelle eingesetzt werden, andererseits aber auch an einer nicht erwünschten Stelle oder sogar mehrfach, was man auch nicht möchte. Um das auszuschließen, verleiht man der eingesetzten Sequenz drei wichtige Eigenschaften (s. dazu Abb). Sie enthält einen Marker (meist das Neomycinresistenzgen), der dazu dient, die Zellen später positiv herausfinden zu können (bei Zugabe von Neomycin sterben alle Zellen, die die Sequenz nicht integriert haben ab), die das veränderte Erbgut besitzen. Um den Marker herum liegen auf jeder Seite zum intakten Gen homologe Sequenzen, die dafür sorgen sollen, dass hier eine Hybridisierung mit dem Erbmaterial stattfindet und die Sequenz somit an der richtigen Stelle im Erbgut eingesetzt werden kann. Am Ende ist dann ein zweiter Marker für eine negative Selektion eingesetzt. Dieser wird bei einer homologen Rekombination nicht mit in das Erbgut integriert, wohl aber, wenn die Sequenz an einer beliebigen anderen Stelle in das Erbgut integriert wird. Dieser Marker dient also dazu die Zellen bei denen eine homologe Rekombination aufgetreten ist von solchen zu unterscheiden bei denen eine zufällige Integration aufgetreten ist (oder mehrfache Integrationen erfolgt sind). Die Zellen, wo die Sequenz sich an einer falschen Stelle integriert hat, werden nun abgetötet. Damit verbleiben nur noch Stammzellen, die an der gewünschten Stelle des Erbguts mutiert sind.
3. Die genetisch veränderte Stammzelle wird nun in
eine andere Blastocyste eingeführt, die wiederum einer
scheinschwangeren Maus implantiert wird, die dann das heranwachsende
Tier austrägt. Aus dieser implantierten Blastocyste entsteht
also ein chimäres Tier wie man sagt, ein Tier, dessen
Körperzellen nicht alle dasselbe Erbgut enthalten, sondern das
einerseits Zellen mit dem ursprünglichen Erbgut
enthält und andererseits solche mit dem Erbgut der
eingesetzten Stammzelle (der Körper ist also mosaikartig aus
zwei verschiedenen Erbguttypen aufgebaut).
Man kann nun feststellen, dass die eingesetzte Stammzelle zu allen
Geweben der heranwachsenden Maus beiträgt. Das bedeutet, dass
die Maus auch Ei- oder Samenzellen mit dem veränderten Erbgut
besitzt.
4. Das chimäre Tier wird nun mit einem normalen Tier gekreuzt. Die Nachkommen sind meist homozygot (gesund), aber einige von ihnen tragen das veränderte Gen, weil die Ei- oder Samenzelle von der eingesetzten Stammzelle abstammt. Sie sind heterozygot. Diese heterozygoten Tiere müssen nun herausgefunden werden, was durch Untersuchungen des Erbgutes geschieht. Von solchen heterozygoten Tieren braucht man nun ein Weibchen und ein Männchen. Diese werden miteinander gekreuzt. 25% der Nachkommen dieses Paars müssen homozygot krank sein. Damit ist das gesteckte Ziel erreicht.
Bei der Untersuchung der Entwicklung wurden durch diese
Methode große Fortschritte erreicht. Z.B. sind die Gene Myf5
und MyoD für die Entwicklung der Muskulatur notwendig. Es hat
sich dann herausgestellt, dass ein Knock-out in beiden Genen notwendig
ist, damit sich keine Muskulatur entwickelt. Daraus schließt
man, dass diese Gene sich teilweise ersetzen
können, also redundante Wirkungen ausüben.
Für die Untersuchung der cystischen Fibrose wurde ein
"Mausmodell" hergestellt, das die gleiche Mutation trägt, wie
70% der Patienten, was zu großen Fortschritten in der
Behandlung geführt hat.
Mäuse, deren p53-Gen mutiert ist, bekommen Krebs. Sie sind ein
sehr nützliches Modell für die Krebsforschung. Es
ergab sich dann dass 50% aller Krebspatienten eine Mutation in diesem
Gen besitzen, woraus die enorme Bedeutung dieses Gens für die
Entstehung eines Krebses
hervorgeht.
Ich danke Herrn Euwens (Uni Bonn) dafür, dass er mich auf die Wichtigkeit der Verwendung von Inzuchtstämmen hingewiesen hat und dass es nicht selbstverständlich ist, dass das Gen nach homologer Rekombination nicht abgelesen wird.
Adresse: Helmut Hupfeld, Katzenberg 11,
27283 Verden, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de
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