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02/04/01

 

Hier soll Material zu den Bands bereitgestellt werden, deren Texte in der Sammlung erscheinen. Oft bietet es sich an, auf Arbeitsblättern ein paar Hintergrundinformationen unterzubringen. Interviews, Berichte oder Essays können der intensiveren Beschäftigung mit einer Band dienen. Die Informationen sind von verschiedenen Fanseiten oder den ofiziellen Bandseiten zusammengesucht und etwas komprimiert worden. 

Silly
Rammstein
Spektacoolär
Hip-Hop- die 3. Generation

Silly

Besetzung
Tamara Danz - Gesang
Ritchie Barton -Keyboards etc.
Uwe Hassbecker -Gitarre
Jack Reznicek - Bass
Herbert Jungk - Drums
kurze Bandgeschichte
Interview mit Tamara Danz aus dem Cosmopolitan (eine sehr Interessante Ost-Biographie mit vielen Verbindungspunkten zu "geschichtsrelevanten" Themen
Links

Die Texte von Silly sind typisch für die Wortkultur in der DDR. Wegen der drohenden Zensur wurden in Bilder verkleidet. man muß es also verstehen, zwischen den zeilen zu lesen, wenn man sich den vollen gehalt des Textes erschließen will. Aber auch ohne die gesellschaftskritische Dimension besitzen Silly-Texte einen hohen Reiz. Während in den Jahren vor der "Wende" die meisten Liedtexte von Werner Karma stammten nahm Tamara Danz mit dem 1993er Album "Hurensöhne" die Feder in die Hand. 

Tamara Danz - über  15 Jahre lang  Leadsängerin  von Silly-  starb am 24. Juli 1996 mit 43 Jahren an Krebs. Es war genau der Zeitpunkt, an dem sich die Band anschickte, sich auch außerhalb des deutschen Ostens Popularität zu erarbeiten.

Stephan Lebert: Ein total verrocktes Weib Cosmopolitan 1/94

Es gibt Menschen, die haben etwas, das sie besonders erscheinen läßt. Manche nennen das Ausstrahlung, andere Glamour oder Charme. All diese Eigenschaften hat Tamara Danz, aber sie sind nicht der einzige Grund, warum die Ostberliner Rocksängerin aus dem Holz ist, aus dem Stars geschnitzt werden. Es ist ihre Kraft, nicht aufzugeben, weiterzukämpfen, auch wenn alle gegen einen sind. Tamara Danz hat sich immer wieder aus dem Sumpf gezogen, und das Verblüffende ist, daß sie dabei so attraktiv, ja, so hübsch geblieben ist, als wäre nie etwas passiert. Vielleicht wird sie auch deshalb so häufig die "Tina Turner des Ostens" genannt.

Tamara Danz und ich sitzen in einem Cafe an der Berliner Friedrichstraße. Der Kellner ist ein bißchen nervös. Dreimal leert er den leeren Aschenbecher aus, ein paarmal zu oft fragt er, ob es denn noch etwas sein dürfe. Dann nimmt er sich ein Herz, legt einen Zettel vor ihr auf den Tisch und bittet um ein Autogramm. "Wissen Sie, ich hab' Sie natürlich gleich erkannt." Das ist nun auch kein Kunststück, denn Tamara Danz fällt gerne auf. Auch jetzt, als sie ihren Nachmittagskaffee trinkt, trägt sie schickes Schwarz, Hose, Seidenbluse, Weste. Und geschminkt ist sie fast wie für einen Auftritt. Dazu ihre langen blonden Haare, ihre Mähne, wie sie sagt.

Früher erzählt sie, hat sie immer furchtbar aufpassen müssen auf ihre Haare. Draußen in den Straßen war sie immer nur mit Kopftuch unterwegs, "in der DDR waren lange Haare nicht erwünscht. Wenn ein Polizist wollte, hat er dich auf die Wache geschleppt und alles abrasiert." Es muß ein harter Schlag für sie gewesen sein, daß ausgerechnet der Zusammenbruch ihres Staates, dessen Führung sie so gehaßt hat, auch der Beginn einer eigenen Krise war. Dabei schien im Herbst 1989 nach dem Fall der Mauer zunächst alles wunderbar: Auftritte mit Westmusikern wie Wolf Maahn und Weltstars wie Joe Cocker, "mit dem durfte ich ,With a little help of my friends' singen, das war ein unglaubliches Gefühl für mich". Dann kamen Angebote von Plattenfirmen, zum Beispiel von der bekannten Ariola in München.

Doch da mußten Tamara Danz und ihre Band "Silly" im Schnellverfahren lernen, wie brutal gerade in der Musikbranche die westdeutschen Marktgesetze sind. "Als erstes haben sie unsere Texte in den Papierkorb geworfen. Was wollt ihr mit dem Zeug, hieß es nur", erzählt sie. Wenn schon deutsch singen, dann bitte in Richtung "Ich liebe dich, ich liebe dich nicht". Ja, hieß es, sie seien eben aus dem Osten und müßten noch viel lernen. Da packten sie ihre Gitarren wieder ein und reisten ab. Ein Scherbenhaufen. Keine Plattenfirma. Die Miete von Tamaras Wohnung kletterte von gerade 200 Mark um das Sechsfache auf 1200 Mark. Auch die anderen Kosten galoppierten, der Markt war völlig zusammengebrochen.

Und plötzlich wollte selbst im Osten niemand mehr die alten Lieder von "Silly" hören, wo doch jetzt endlich die Bands in die Hallen kamen, die man all die Jahre nicht sehen und nur auf schwarz gehandelten Raubkopien hatte hören können. "Ich hab' das verstanden", sagt Tamara, "ich war ja auch scharf auf was Neues, auf neue Musik. Die erste Zeit nach der Wende konnte ich nur konsumieren. Mir ist nichts mehr eingefallen, keine Texte, keine Lieder. Wir mußten uns ja total umstellen. Es war wie der Beginn eines neuen Lebens." In Krisenzeiten zahlt sich aus, wenn man früher schon andere überstanden hat. Und dafür ist Tamara Danz Spezialistin.

Als sie in den siebziger Jahren anfing, Musik zu machen und lustige Reggae-Songs spielen wollte, verweigerte die einzige, natürlich staatliche, Plattenfirma der DDR jede Erlaubnis zur Veröffentlichung. Die schlichte Begründung: Tamaras Musik sei zuwenig staatstragend. Später mußte sie es einstecken, daß sie Einladungen aus dem Westen zu Konzerten und Festivals nie wahrnehmen durfte, die Ausreise wurde ihr immer verweigert. Und als sie sich dann 1988 für die Bürgerbewegung "Neues Forum" stark machte, wurde "Silly" von den bis zuletzt strengen DDR-Behörden verboten. Es war ihr altes Rezept, das auch in der neuen Krise funktionierte: an sich glauben, weiterarbeiten, auf bessere Zeiten hoffen. Die Band-Mitglieder brachten sich zum Teil als Kellner durch, und Tamara Danz schrieb nach fast dreijähriger Pause neue Texte - so gut wie nie. Ihre Leute von "Silly" machten dazu eine Musik, die den Erfolg garantierte.

Die Platte "Hurensöhne", produziert von einer kleinen Ostberliner Firma, bekam euphorische Kritiken. Sie startete im Mai 1993, und innerhalb von wenigen Tagen waren die ersten zehntausend Stück verkauft. Die Tournee in den neuen Bundesländern lief bestens. Und vielleicht noch wichtiger: Auch die Konzerte vor den Wessis in München, Frankfurt und Hamburg im vergangenen Herbst wurden ein großer Erfolg. Tamara Danz singt auf "Hurensöhne" mit einer leidenschaftlichen, impulsiven Melange aus Funk und Rock. Manchmal sehr rauh, manchmal sehr weich und zärtlich. Sie hat ihren eigenen Stil. Ihre Lieder, ihre Texte gehen schnell ins Ohr, wer sie öfter hört, merkt aber, daß sie auch hintergründig sind, eine starke Nachwirkung haben. Und wer Tamara auf der Bühne herumwirbeln sieht, kann getrost sagen, daß derzeit wohl keine deutsche Rocksängerin eine solche Live-Präsenz hat.

Das nächste Mal verabreden wir uns in ihrer Wohnung nahe des Französischen Doms. Es ist zwölf Uhr mittags und sie hat Frühstück gemacht. "Ich arbeite immer nachts, ich kann erst zu denken anfangen, wenn die Sonne untergegangen ist. Da wird es dann oft sehr, sehr spät, bis ich ins Bett komme", sagt sie und gähnt. Wir sitzen um einen kleinen Glastisch, dessen Fuß ein Terrarium ist. Auch sonst dominieren in der weiträumigen, etwas düsteren Wohnung die vielen mächtigen Grünpflanzen. Und die Gitarren, die reihenweise an der Wand lehnen. Tamara lebt hier schon seit vielen Jahren mit dem Gitarristen von "Silly" zusammen. Sie ist 41 Jahre alt. Sie sagt, sie habe aus Überzeugung nie Kinder haben wollen, nie eine eigene Familie. Nur so konnte sie ihr Leben so führen, wie sie es wollte. Nur so konnte sie es sich leisten, keine Kompromisse einzugehen. "Wenn du ein Kind hast, bist du für jemanden verantwortlich, mußt dir Gedanken machen, was aus dem später mal wird. Und damit ist man irgendwie auch gefangen." Gerade den Frauen in den neuen Bundesländern möchte sie den Rat geben, "jetzt nicht auch noch Kinder zu bekommen. Sie sollen lieber versuchen, ihr eigenes Ding zu finden." In Tamaras Wohnung sind keine Erinnerungsstücke zu sehen, auch nichts aus den Zeiten, die ihre Biographie prägten. "Ich versuche im Jetzt zu leben. Ich will das Vergangene nicht verschweigen, aber ich will auch nicht darin versinken", sagt sie. Wer wie sie in einer Diktatur aufgewachsen ist, findet an seinem Lebensweg oftmals Marken, die im Geschichtsbuch stehen. Tamara war gerade 16 Jahre alt, als die Russen in Prag einmarschierten und den Versuch eines sanften Sozialismus zertrümmerten. Sie lebte damals in Bukarest, ihr Vater war dort als Handelsvertreter tätig. In jenen Tagen des beendeten "Prager Frühlings" hielt sie sich zufällig in der dortigen Prager Botschaft auf, weil sie mit der Tochter des Botschafters befreundet war. "Ich hab' diesen Einmarsch dadurch enorm intensiv erlebt. Und mit Entsetzen habe ich damals gehört, daß auch meine DDR mitgemacht hat. Ich war starr vor Wut, das weiß ich heute noch", erzählt sie. Mit Anfang Zwanzig kam der nächste Schlag: Wolf Biermann, den sie kannte, der ihr Idol war, wurde ausgebürgert. Sie weigerte sich, einen Aufruf zu unterschreiben, der diese Maßnahme guthieß. Dadurch geriet sie ins öffentliche Abseits -- ein Studienplatz an der Berliner Hochschule für Musik wurde abgelehnt. "Heute bin ich dankbar dafür", sagt sie, "ich war gezwungen, irgendwie ein Außenseiter zu werden. Und das war gut." Nur durch einen Zufall gelang damals der Aufstieg in der DDR. Die Band "Silly" jobbte Anfang der achtziger Jahre während des Sommers in einem rumänischen Badeort am Schwarzen Meer, und nach einem der vielen Konzerte fragte sie ein Westberliner Musikagent, der gerade Urlaub machte, ob er eine Platte mit ihnen machen dürfe. "Wir dachten, das ist sicher wieder so ein Sprüchemacher", sagt sie. Aber der Mann brachte in Westberlin eine "Silly"-LP heraus -- und die DDR-Führung wußte erst nicht recht, was sie jetzt tun sollte. Als sie aber begriff, daß "Silly" möglicherweise Devisen bringen könnte, produzierte auch die staatseigene Plattenfirma schnell eine LP. "Nur unseren Namen ,Silly' wollten sie nicht, weil er englisch war. Erst als ich ihnen sagte, daß so auch meine Katze heißt, stimmten sie zu."

So begann die DDR-Erfolgsgeschichte, bis zu 200 000 "Silly"-Platten wurden im Jahr verkauft. Mit Problemen für die Band allerdings: Die Texte mußten durch die Zensur und wurden dadurch "ziemlich lyrisch", wie Tamara sagt. Und der Staat kassierte sämtliche Einnahmen dafür, "wir lebten nur von unseren Auftritten". Lange vorbei das alles. "Heute weiß ich erst, wie sehr wir in der DDR alle eingesperrt waren. Wie sehr wir ins nur um uns selber gedreht haben." Sagt sie, die blonde Tina Turner, und in ihren plötzlich sehr groß werdenden blauen Augen steht zu lesen: "Aber jetzt sind wir raus. Und jetzt werden wir zeigen, daß wir 'ne Menge draufhaben."

Rammmstein

Richard Bernstein (ehemals Kruspe) (Gitarre) Geboren am 24.Juni 1967 in Wittenberg
Arbeitete als Kassierer und ist gelernter Koch Frühere Band "Orgasm Death Gimmick"

Paul Landers (Gitarre) Geboren am 9.Dezember 1966 in Berlin
Arbeitete als Heizer in einer Bibliothek Frühere Band "Feeling B." und "Die Firma"

Till Lindemann (Gesang) Geboren am 4.Januer 1963 in Leipzig 
War Europameister im Langstreckenschwimmen Frühere Band "First Arsch"

Christian "Flake" Lorenz (Keyboards) Geboren am 16.November 1966 in Berlin
Gelernter Werkzeugmacher Frühere Band "Feeling B."

Christoph (Doom) Schneider (Schlagzeug) Geboren am 11.Mai 1966 in Berlin
Frühere Band "Die Firma"

Oliver Riedel (Bass) Geboren am 11.April 1971 Schwerin
War Stukateur Frühere Band "The Inchtabokatables"

 


Alles Nazis!
Rammstein und die Deutschen
Sibylle Berg über die Popgruppe Rammstein, deutschen Neid und die deutschen Komplexe aus "Die Zeit - Magazin" Nr. 52 vom 19.12.97


Auf einer verschneiten Parkbank sitzen drei Leichen. Sie kneten die kalten Knöchlein und schweigen aus Gründen. Im Winter sieht man sie gut, die Toten, wegen der fehlenden Schatten, und immer wieder fragen mich verzweifelte Leser, wie kann ich eine Leiche erkennen, Gott, und was passiert mit mir, wenn ich den Löffel abgebe, werde ich ein Wurm, ein Dackel oder was? Und ich antworte: nichts passiert nach dem Tod, du Rübennase. Eine Leiche sieht aus wie du, und man kann sie nur daran erkennen, daß sie nicht mehr die Wahrheit sagen darf und leer lächelt. Siehst du so einen, dann merke auf: ´s ist ein Leichnam, der büßt. Nicht mehr die Wahrheit sagen dürfen, was eines denkt, sich hinter hohlen Wörtern lügengleich verstecken müssen, nicht mehr anders können, als leer herumfaseln.Das ist die Strafe, die jeder Mensch zu erwarten hat, wenn er zu Lebzeiten das Maul gehalten hat, wenn er gelogen, nur mit sich selbst geredet hat, die Strafe für alles, was nicht gesagt, und wenn - dann unwahr. So tapst sie herum, die gemeine Leich´, verbannt zum ewigen falsch und Blödsinn reden. Viele Leichen wirken auf den ersten Blick wie Intellektuelle.


Neulich auf der Buchmesse waren auch wieder viele da. Sie leiden sehr. Man kann dem ewigen Grauen nur entgehen, wenn man während man glaubt zu leben, Lügen vermeidet, Feigheit flieht. So fliehe ich vor dem Schicksal, denn nur noch Müll reden können macht beim stärksten Toten Magenschleimhautentzündungen, und wie ich so flieh´, denk ich, daß ich nunmehr allen alles sagen werde, ab gleich, und gerade da kommt einer, den ich anremple. Flugs packe ich den Herrn und rede zu ihm wahr. Stellvertretend für alle deutschen Menschen soll er sich das hübsch anhören, und irgenwo muß ich ja beginnen. Im Schmetterlingswürgegriff, der dem Palsteck ähnlich ist, halte ich den Alten und beginne mit zischender Stimme meine Wahrheit zu sagen: Hör mal, Deutscher, ich habe mich heute sehr über Dich geärgert, du hast wieder über Rammstein genölt, diese großartige Kapelle beschimpft, behämt, als Nazis bezeichnet, du dummer Sack, immer wenn Dir nichts mehr einfällt, läßt du das große böse Wort heraus, alles Nazis, die was machen was du nicht verstehst.

Du kotzt mich an, Deutscher, sage ich nun lauter, mit Deinen Minderwertigkeitskomplexen, dem Rotwerden, dich einnässen, wenn du ein Bild an den Nagel hängen und dabei den Arm in ausgestreckter Position am Kopf vorbei führen mußt, deinem Scheißkomplex, der Dich bissig macht und unhöflich, der Schnappneurosen macht und nichts Gutes entstehen läßt. Deutsche Menschen, die sich aussetzen, etwas erschaffen, es zeigen, bekommen deshalb in die Fresse von den Medien, dem Sprachrohr der Dummheit des Deutschen: Rammstein sind Nazis, Anselm Kiefer ist ein Nazi, Heiner Müller war Stasi, das ist wie Nazi, Christoph Schlingensief wird auch ein Nazi sein, und Wiglaf Droste ist eh für den Arsch und krank und alles Schweine, weil Deutsche, das kann ja nichts sein, der ist ja wie ich, so schlecht, denkt der Deutsche, auf den schlag ich ein, weil ich mich ja nicht schlagen kann, wo ist übrigens meine Geißel? sagt sich der Deutsche und tut´s: Juhnke ist o.k., das ist ein Kretin, den kann ich akzeptieren, Veronica Ferres ist fad, wie ich, die laß ich leben, und der deutsche Schlager, der ist bekloppt, mehr steht mir nicht zu, den find´ ich gut, sagt sich der Deutsche, alle ab in einen Blister, in den See getaucht, bis sie sich eines Besseren besinnen. Besinnen sich aber nicht.Tauchen wieder auf, schütteln sich und tragen ihr schlechtes Kollektivgewissenmit sich, wie verzogene Mundwinkel, wie den Geruch nach alter Binde, derDeutsche könnte sein wie jeder andere Mensch. Nicht besser, nicht schlechter, ein Mensch halt, und ist - ein Arschloch, mit Schuld, mit Schuld, mit Schuld, die aus ihm tropft, die die Straßen verschmiert und Deutschland unter eine Schleimglocke setzt.

Der Mann unter mir ist verstorben, oder war schon tot, wie die meißten hier, ob ich noch lebe, weiß ich nicht, aber ich werde sagen, was ich denke, nur für ich, weil . Und hernach wird das Land bevölkert mit lachenden, heiter springenden, tanzenden Menschen, die sich freuen und stolz sind auf die, die etwas machen. Die miteinander Wahrheit sprechen und im Sommer baden. Alle werden sich lieben, und ich werde euch retten, rufe ich und beginne, mich mit Benzin einzureiben, ja, ja,...(Herren fangen die Autorin, sperren sie in einen Blister. Deckel drauf. Ruhe.Endlich.)

Sibylle Berg in "Die Zeit - Magazin" Nr. 52 vom 19.12.97
Erzählband : "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot"
Reclam/Leipzig

Rammstein, Rock und Riefenstahl
Gitarrist und Songschreiber Richard Kruspe im Gespräch
Von Steffen Rüth

"Was ich an Rammstein richtig gut finde", sagt Richard Kruspe, der Gitarrist und Songschreiber der Band, "ist die Tatsache, dass wir eine Diskussionsgrundlage bilden für die Leute. Zu uns hat jeder eine Meinung, das gefällt mir." Zum Beispiel in Amerika. Da gibt es Kids, die finden Rammstein so toll, dass sie nun sogar anfangen, Deutsch zu lernen. Damit sie die Texte besser verstehen können. "Durch uns beginnt sich das Bild, das viele Ausländer von den Deutschen haben, zu drehen. Besonders in den USA fangen die Jugendlichen an, sich für unsere Kultur zu interessieren."
Es gibt aber auch andere. Zum Beispiel jene, die Rammstein als Wurzel allen Übels ausgemacht haben, wie kürzlich beim verheerenden Schulmassaker in Littleton. "Überall hieß es plötzlich, ,Die Killer waren Rammstein-Fans.' Die Assoziierung, die das mit sich bringt, halte ich für gefährlich", meint Kruspe. "Ich denke, ich muss hier niemanden erklären, dass solche Taten ganz andere Hintergründe haben. In Deutschland gibt es auch viele Leute, die Rammstein hören, aber keiner geht in die Schule und ballert rum."
"Amerika war der Hammer. Für eine deutsche Band mit deutschen Texten ist dieser Markt normalerweise völlig unerreichbar, deshalb fand ich das schon ungewöhnlicher als unseren Erfolg in Deutschland." Zugleich wehrt sich der Gitarrist aber gegen die gängige Annahme, dass es vor allem die übersteigerte, brachial-teutonische Aura der Band ist, die den amerikanischen Rockfan anmacht. "Die sehen uns nicht als teutonische Freaks, sondern als Musiker, die wirklich was können.
Nun sind sie wieder zurück, Kruspe macht gerade Urlaub mit Töchterchen Khira-Li auf einem Bauernhof bei Schwerin, danach müssen dringend Songs geschrieben werden fürs nächste Album, das im Frühjahr erscheinen soll. Zwischendurch wird der Rammstein-Chef noch Caren Bernstein heiraten, die er auf Tour in New York kennengelernt. Nach einer Woche fragte er sie, ob sie seine Frau werden will.
Eins noch: Was ist mit den Nazi-Vorwürfen und dem umstrittenen Video zum Depeche Mode-Cover "Stripped", in dem die Band Material aus Leni Reifenstahls Berliner Olympia-Propagandafilm aus dem Jahre 1938 verwendet hat? "Mittlerweile denke ich, dass es ein Fehler war, diese Szenen zu verwenden", sagt Kruspe. "Ich kann inzwischen verstehen, dass sich Leute durch das Video angepisst fühlen könnten, aber zu dem Zeitpunkt, als wir es gemacht haben, waren wir naiver. Ich dachte einfach nur: ,Wow, das sind ja wirklich wunderschöne Bilder.'"
Super. Genau dasselbe dürften sich die Leute anno 38 auch gedacht haben, als die Propaganda-Maschine sie zu überrollen begann: "Wunderschöne Bilder."

Spektacoolär

(dieser Werdegang der Band stammt von einer Fanseite)

Matthias "Chico" Reinsdorf wird am 31. März 1971 in Hannover geboren und beginnt nach Schule und kaufmännischer Ausbildung die professionelle Musikerlaufbahn. Noch heute sagenumwoben ist seine Visite in einem Hannoveraner Studio, als er sich mit den Worten "Hi, ich will eine Platte machen, hier ist mein Material", den anwesenden Produzenten vorstellt - und diese sofort überzeugt. Gleich mit dem ersten Projekt erhält er dann einen Plattendeal. Fortan nimmt er die selbst in die Hand. Er komponiert, textet, produziert, bietet an, entwirft die Cover selbst, kümmert sich um Promo, klebt Plakate, verteilt Flyer und knüpft Kontakte. Jeder Handgriff des Musikbusiness ist Matthias vertraut, als er 1993 Maik und Jörg kennenlernt.
Maik Jahnke, geboren am 4. August 1969 in Braunschweig, hat sich bis dahin u.a. als Bauschlosser, Drucker und Car-HiFi-Händler durchgeschlagen. Die einzige Konstante in seinem Leben lautet: Musik. Sein Entertainer-Talent hat er bei spontanen Auftritten als Elvis-Imitator entdeckt. Doch zunächst verlässt er wieder die Bretter, die die Welt bedeuten, kündigt Job und Wohnung, verkauft Studio und Auto, packt seine Siebensachen in einen Koffer und geht nach Sizilien. Aber schon bald vermisst er die Musik. Und als Maik erkennt, dass im Musikbusiness beide Seelen seiner Brust miteinander zu vereinen sind, kehrt er schliesslich nach Deutschland zurück.
Mit Matthias und Jörg - der sich vor Abschluss des Plattendeals mit der BMG Berlin von der Bühne zurückzieht und sich entschliesst, lieber hinter den Kulissen Songs zu schreiben - gründet Maik im Februar 1996 SPEKTACOOLÄR, und schon die ersten Konzerte bestätigen seine Entscheidung. Kurz darauf seht der Deal mit der BMG und die Debut-Single "Es wird ja alles wieder gut" wird ein erster Achtungserfolg. "


Meine kleine Schwester" und die Aktion "Lass das - Keine Gewalt an den Schulen" avancieren dann zu dem Thema des Jahres - auf dem Pausenhof und in den Medien.
Damit ist der Durchbruch geschafft. Der Rest der Erfolgsgeschichte ist bekannt. Und das Erfolgsgeheimnis auch: Matthias und Maik wissen, wovon sie sprechen. Über den HipHop-Jargon hinaus treffen sie mit ihrer Sprache den Ton der Kids. Die Themen sind nah an der Realität, handeln von ersten, (un)glücklichen und verflossenen Lieben, echten und falschen Freunden, den kleinen Dramen des Alltags und den grossen Momenten im Leben. Dabei ist in den Reimen stets auch Platz für Empfindsamkeit, Verletzlichkeit und Selbstzweifel. Ihre Stärke ist ihre Schwäche. Cool sind die fetten Beats, aber genauso ihr Mut zu "uncoolen" Themen. Ihre "kleine Schwester" fand deshalb auch der grosse Bruder gut.
Sprechgesang heisst bei SPEKTACOOLÄR ganz selbstverständlich: Sprechen (Matthias) und singen (Maik). Immer wieder frönen die beiden Vollblutmusiker ihrer Vorliebe für schwarze Grooves und soulige vocals, die mit sicherem Instinkt für unwiderstehliche Hooks direkt in den Bauch gehen. Live stellen das die begnadeten Performer - gemeinsam mit der 7-köpfigen Ex-Combo von Stefan Raab (Groove Unlimited ist gleichsam Name wie Programm) - noch spielfreudiger unter Beweis als auf Tonträger.


Nicht zuletzt aufgrund ihrer Bühnenerfahrung sind SPEKTACOOLÄR absolute TV- und Radiolieblinge. Dass sie es verstehen, auf das Publikum zuzugehen, haben sie auf zahlreichen Sender-Events und Festivals wiederholt eindrucksvoll demonstriert. Schweisstreibendes Entertainment par excelence. Aber auch wer Leer und ausgebrannt vom ersten Album kennt, diese üppige 6-Minuten-Nummer, der wundert sich, warum andere zu Heilsbringern des "deutschen R & B" ausgerufen wurden. Die exklusiven Weihen von JAM FM haben SPEKTACOOLÄR jedenfalls schon erhalten: Der renommierte Black- Music-Sender nahm das Duo als ersten deutschsprachigen Act ins Airplay.

c/o Castor Promotions
Dragoner Str. 21
D - 30163 Hannover
tel: 0049/511/96 16 20
fax: 0049/511/39 25 53
email: Spektacoolaer@castor-promotions.de
Die 3. Generation

Die 3. Generation

(der Text stammt aus der Arte-Sendung "Tracks")

HipHop boomt in Deutschland - die Teenie-Generation ist im Rap-Fieber. Immer mehr Kids stürzen sich auf kommerziellen Realo-HipHop, in dessen Texten Themen wie Gewalt und Drogen verarbeitet werden.

Vom Ghetto in den Vorgarten: Hiphop war in den USA die Musik der schwarzen Underdogs. In Deutschland avancierte der Sprechgesang bislang bevorzugt zum Sound der Mittelstands-Jugend. Bands wie die Absoluten Beginner oder Fünf Sterne Deluxe propagieren in ihren Songs die Rückkehr in die Kinderzimmer. Für den deutschen Hiphop hat sich die Sache mit dem Ghetto weitgehend erledigt, doch die Wirklichkeit sieht anders aus als in den albernen Videoclips der Wohlstands-Hiphop-Formationen.

Zum Beispiel auf deutschen Schulhöfen. Immer öfter regiert dort die blanke Angst. Die Jugendlichen fühlen sich bedroht. Die Folge: Oft genug gehören Waffen zur Schulausrüstung wie die Federtasche. Auch wenn in Berlin die Zahl der Gewalttaten in der Schule im letzten Jahr zurückging - die Angst bleibt. Bloß die Hiphopper bekamen davon nichts mit. Erst vor zwei Jahren endeckten die Hannoveraner Pop-Rapper von "Spektacoolär" das Thema als hit-verdächtig. In ihrem ersten Hit "Meine kleine Schwester" beschreiben Spectacoolär, daß sich Mädchen in der Schule nur noch mit Messern sicher fühlen, weil die Gewalt auf dem Schulhof ihnen extreme Angst macht. "Meine kleine Schwester" wurde für "Spektacoolär" zum Karriere-Durchbruch. Der Einzug der Realität in den deutschen Hiphop - wenn auch nicht der eigenen.

Matthias Reinsdorf, Maik Jahnke, Spektacoolär
Es gibt halt auch eine Geschichte dazu, die nicht so kraß ist, wie es in dem Song beschrieben ist. Die ist halt auch im eigenen Bekanntenkreis passiert. Deshalb heißt der Song auch "Meine kleine Schwester", wo es nicht um ein direkte Verwandte geht. Was uns halt wichtig war, war die Distanz aufzuzeigen zwischen älteren und jüngeren Geschwistern, die gar nicht mehr mitbekommen, was ihren jüngeren Geschwistern in der Schule widerfährt. Deshalb war das auch aus der Sicht des älteren Bruders erzählt.

Mit einem Song über ihre eigenen Probleme stürmt jetzt "Die 3. Generation" die Charts. Die multikulturelle Newcomer-Truppe aus Berlin ist das Produkt eines Castings in einer Diskothek. Obwohl sie unter Hiphop-Insidern nur Hipness-Faktor null genießen, treffen sie mit Problem-Titeln wie "Vater, wo bist du?" bei ihrer Zielgruppe voll ins Schwarze. "Vater, wo bist Du?" , der erste Hit der 3. Generation, ist ein musikalisch wie textlich harter Brocken. Der Song handelt von Gewalt in der Familie, detailliert wird beschrieben, wie der Vater sowohl seine Frau als auch die Kinder schlägt. Die Thematik scheint leider anzukommen - der Titel stieg bis auf Platz 7 der deutschen Single-Charts.

Um soziale Mißstände geht es auch in den anderen Songs der 3. Generation, aber mit dem Etikett "sozialkritisch" können sie gar nichts anfangen.

Darko, Julian, Tolga - die 3. Generation
Die meisten Texte sind einfach wahre Begebenheiten. Alles was wir erlebt haben, was wir denken, was wir fühlen. Da geht's nicht um das Sozialkritische, das wollte ich einfach raushauen, rappen. Das sind richtig harte Texte, die Musik ist auch hart, weil das sind ja auch harte Erlebnisse.
Probleme mit dem Elternhaus - dafür gibt es in Deutschland eine Adresse: Die "Bravo" in München ist seit 42 Jahren das Zentralorgan der deutschen Jugend, Dr. Sommer der Experte für fast alle pubertären Lebenslagen und Realo-Hiphop trifft den Nerv der Zielgruppe:

Norbert Lalla, Redaktionsleiter "Bravo"
Gerade dieser Titel von der Gruppe, die sich mit Gewalt auseinandersetzt, da haben wir automatisch, ohne das wir aufgefordert haben, viele Zuschriften bekommen: "Bei uns ist das ähnlich, wir haben das und das erlebt." Das schreiben die uns alle. Die BRAVO-Leser und die BRAVO-Redaktion tauschen sich aus. Und auch andere Gruppen, zum Beispiel das Lied von der 3. Generation mit dem Vater, der die Familie im Stich läßt, da haben wir auch Zuschriften bekommen, wo die im Grunde sich auch identifizieren mit dem Text und sagen: Wir haben ähnliche Erfahrugen gemacht und das schreiben die uns dann. Also Hiphop lebt hauptsächlich von der Botschaft, von der Glaubwürdigkeit, die da hintersteht, von der Glaubwürdigkeit der Texte.

Und während bei der "Bravo" die Berichterstattung über Hiphop im Allgemeinen und solchen mit realitätsnahen Texten im Besonderen immer mehr zunimmt, stossen diese Titel in den "Immer-gut-drauf"-Radioprogrammen auf erheblichen Widerstand. Keine Airplays, keine Verkäufe - eine Erfahrung, die auch die "Spektacoolärs" machen mußten.

Maik, "Spektacoolär"
Wir hatten natürlich Schwierigkeiten, das Ding in der Radiolandschaft durchzusetzen. Die hatten wir auch schon mit der Plattenfirma. Wir haben das Ding einfach geschrieben und dann produziert und einfach gesagt: Das ist ein Thema, wir versuchen das mal. Dann haben alle erstmal gesagt: Na, ich weiß nicht, ziemlich hartes Thema. Aber das Ding war ein Selbstläufer. Und es hat sich einfach durchgedrückt und dementsprechend lief es dann im Radio sehr gut. Und somit ist es dann in die Charts gegangen und hat sich von selbst dort hochpositioniert.
Das Jugendradio "Fritz" in Potsdam versteht sich als Sprachrohr aller Musikrichtungen. Ernst-Christian Zander ist bei "Fritz" verantwortlich dafür, was gespielt wird und was nicht. Bei ihnen tauchen die Songs von "Spektacoolär" und der "3. Generation" im Programm auf - aber nicht deshalb, weil sie so schön sozialkritisch sind.

Ernst-Christian Zander, "Fritz"
Die wichtigen Dinge bei Musik sind: Stimmt der Rythmus, sind die Rimes gut und sieht der Sänger oder die Sängerin gut aus. Das sind in den 90er-Jahren die wichtigen Faktoren, die Musik populär machen. Und das politische oder soziale Engagement das war mal in den 80er-Jahren oder 70er-Jahren wichtig, oder Bob Dylan oder so, aber heutzutage ist das für die Auswahl und das Kaufverhalten von Leuten nicht so wichtig. Bei so einer Nummer wie der 3. Generation sehe ich überhaupt keinen Grund zu sagen: Das spielen wir nicht.
Seitdem der Vater-Song ein Hit ist, spielen ihn auch andere Radio-Stationen. Moderatoren ergehen sich auf einmal in der großen Betroffenheitsnummer, Hiphop als die musikalische Strömung der späten neunziger Jahre verspricht für die Plattenindustrie jede Menge Umsatz. Da werden auch die Tabu-Nischen schnell besetzt. Motto: Je harmloser die Bands, umso härter die Themen.