Modellbau der Wieskirche
von Reinhard von Tümpling

 

 

Barock/ Rokoko/ Wieskirche

Das Thema ist Bereich übergreifend in der 7. Jahrgangsstufe Kunst (Hauptschule Bayern) angelagert. Ich habe es eingebunden in eine handlungsorientierte Arbeit mit dem Schwerpunkt des Modellbaus.

  Gesamtansicht von Norden her.

Es kann und soll im Zusammenhang gesehen werden mit dem Lz. 6.4 "ein mittelalterliches Werk entsteht", mit dem Lz. 7.3 "Lebensbilder von Künstlern der Renaissance und des Barock" sowie mit Lz. 7.4 Erkunden und Erklären: Kunsthandwerk und Handwerkskunst.
An dieser Stelle sei dem Kollegen Henle für einige Sinn stiftende Hinweise gedankt. Ebenso habe ich Msgr. Kirchmayer und Herrn Georg Rehm zu danken.

 


Die sachlichen Netzadressen und -einträge zur Wieskirche bei Steingaden findet man unter:
www.wieskirche.de/ und www.steingaden.de/kirche_wies.htm.
den genauesten und gut bebilderten Eintrag findet man unter: www.her.nw.schule.de/pgherne/p-kult/wies.htm

Wer das Problem unterrichtlich anders angeht, findet in dem Fotoarchiv der Uni Marburg www.fotomr.uni-marburg.de genug lizenzfreies Schwarz-Weiß-Bildmaterial in guter Auflösung.

 

Das Thema kann auch gesehen werden unter dem geschichtlichen Aspekt der Säkularisation 1801-1804.

Der Rokokostil ist in seinen ersten Anfängen um 1725 in Paris zu beobachten. Die Kunstrichtung Rokoko entfaltete sich bis 1774. In Deutschland setzte sich der Rokoko um 1730 durch. Rokoko kommt von dem französischen Wort roc, rocaille = Felsgestein, Grotten - oder Muschelwerk, weil die Muschel in der Ornamentik des Rokokos eine sehr große Rolle spielt.

Rokoko ist charakteristisch für schwingende Formen. Die Gesellschaft suchte die Gemütlichkeit. Die schweren barocken Formen werden durch kleine, zierliche und kunstvoll geschmückte Formen abgelöst.

In den deutschen Prachtbauten der Fürstenschlösser in Würzburg, Bruchsal, Brühl, Wilhelmstall, Potsdam, Berlin Charlottenburg, Dresden, Ansbach, Schleißheim, Nymphenburg und München hat sich der Stil des Rokoko richtig entfalten können.

Sehr deutlich erkennt man das Rokoko in den Innenräumen. Im Vergleich zum Barock sind die Räume nicht mehr so groß. Die Wände werden in Pastellfarben gehalten. Das Oval wird eine Lieblingsform der neuen Zeit.

Das Gesims, das einst die Decke so streng vom Raum schied, fällt ganz fort. Es läuft wohl noch als Hohlkehle oder dünnes Band von Wand zu Wand, von Tür zu Tür, seine architektonischen Bedeutung jedoch hat es eingebüßt. An dieser Stelle tritt die Malerei. Der Raum und die Decke verschmelzen in eins.

Die Ausstattung an den Wänden der Wallfahrtskirche ist mit Stuckmarmor versehen. Stuckmarmor ist ein künstlicher Stein bei dem man von vorn herein Farbigkeit und Maserung bestimmen kann. Grundsubstanz ist ganz normaler weißer Stuck, der aus einem Gemisch aus Gips, Wasser und Sand besteht.

Der weiße Stuck kann einfärbt werden, indem man diverse Pigmente und Natursubstanzen beifügt, z.B. blaue aus Heidelbeeren, rote durch Ochsenblut und ähnliches. Es entsteht also ein sehr dicker Brei und dieser wird auf das Mauerwerk aufgetragen. Nachdem er getrocknet ist, wird er abgeschliffen bis eine glatt glänzende Oberfläche entsteht.

Wie oft dieser Stuckmarmor abgeschliffen worden ist, weiß man nicht mehr. Klar ist, daß er an einigen Stellen "eierschalendünn" ist und immer wieder Gefahr läuft heraus zu brechen.

Die Wallfahrtskirche in Wies bei Steingaden (Oberbayern; 1747) von Dominikus Zimmermann hat ein ovales Schiff, an das sich ein langer Chor anschließt. Außen ist die Kirche, wie oft im Rokoko, ganz einfach in den Farben Gelb/Weiß gehalten, um so überraschender ist die Wirkung des Innenraumes. Das architektonische Gerüst ist in einer Überfülle von Dekoration aufgelöst. Das Ganze ist ein wirbelndes Wellenspiel hellfarbiger Rokokoornamentik, das auch in das Deckengewölbe kräuselt.
Eine Besonderheit betrifft die geometrische Grundform: was ursprünglich als ovale Grundrissform angenommen wurde stellte sich bei der Vermessung im Rahmen der großen Renovierung als falsch heraus. Den Grundriss des Hauptschiffs bilden ein querliegendes Rechteck zwischen den beiden Seitenaltären mit hinten und vorne angesetzten verkleinerten Halbkreisen. Genauer beschrieben ist dies im Buch "Die Wies- Geschichte und Restaurierung" Arbeitshefte des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege Nr. 55, auf S. 84.

Hier sieht man ganz deutlich dieses Merkmal des Rokokos, die Muschelformen bei der Raumgestaltung. Diese Muschelformen sind schnörkelhaft, unsymmetrisch und zeigen spitze Endbildungen. Sie widerspiegeln die eigenartige Wellung der Muschelfläche. Der Saum ist meist zackig oder in Tropfenform, manchmal auch wie eine lodernde züngelnde Flamme gebildet.

 

 

Durchgesehene Literatur:
  • Dominikus Zimmermann, Sixtus Lampl, Schnell & Steiner 1987, gut bebildert
  • Dominikus Zimmermann, Schnell & Steiner 1985 Katalog, ISBN-Nr. 3-7954-0631-5, Abb. S/W, gut bebildert, Schwerpunkt Biografie, sehr gut
  • Die Wies, Hugo Schnell, Schnell & Steiner, 1979, ISBN 3-7954-08121, Abb. Fa. u. S/W, gut bebildert, Schwerpunkt Übersicht, 143 S.
  • Johann Baptist und Dominikus Zimmermann, Hermann und Anna Bauer, Friedrich Pustet Regensburg, ISBN 3-7917-0918-6, 1985, großformatig, Fa. u. S/W, sehr gut fotografiert
  • Die Wies, Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, 1992, Lipp-Verlag München, ISBN 3-87490-518-7, 568 S. dt./engl., 149.- DM, präzise und exemplarische wissenschaftliche Dokumentation anlässlich der Restaurierung 1985-1991, bestens bebildert, sehr empfehlenswert.

 

Gesamtansicht des Originalbauwerkes von Norden her, wie jeder Besucher der Wieskirche in Steingaden sie sehen kann.

 

 

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Ich habe vor dem Modellbau der Wieskirche in einer methodischen Reihe andere Modelle bauen lassen, um die erheblichen Unterschiede der Baustile zu zeigen.

Die Schüler hatten absolut keine Vorerfahrung.

Eine sehr fleißige Schülergruppe hatte die Zusatz-Aufgabe, den Kartonrundbogen zu bauen. Eine andere Schülergruppe klebte eine Architekturfantasie aus vorher geschnittenen Styropor-Rundbögen mit Styropor-Montagekleber zusammen, um Leonardo da Vincis Ideen der Wohnbauten zu zeigen.

Anschließend bauten die Schüler über vier Doppelstunden hinweg das Kartonfaltmodell von Hildesheim ("Interdidact"- Unterrichtswerk: Romanik und Gotik) nach und malten es an.

Aus Lizenzgründen muss ich leider darauf verzichten, die 11 Faltblätter hier zu zeigen. Ich gehe aber davon aus, dass das sehr gute Unterrichtswerk weit verbreitet ist.

Unterrichtlich war für mich als Lehrer die Form der inneren Kuppel und der umlaufende Kranz von stichkuppenartigen Gewölbeteilen wegen des Raumgefühls im Rokoko wichtig, denn das Video der Kreisbildstelle hat seinen Schwerpunkt in der Malerei, welche den realen Raum wieder völlig auflöst zugunsten einer bildhaften Zitatesammlung der Theologie und es schildert danach die Wallfahrten. Wer sich mit den Bildern, Wand- und Deckenmalereien beschäftigen möchte:

. legende.gif

Methodisch habe ich zuerst den Grundriss nachkonstruiert, um dann anhand von frei verfügbaren Fotos die Höhe des Modells festzulegen. Rein technisch ist das Modell in der Größe konstruiert auf eine Styroporplattendicke von 60 Millimetern zur Darstellung des Mauerwerkes der Wand.

styropor.jpg styropor.jpg

Bild >styropor.jpg< zeigt den Winkelversatz des senkrechten Styroporschneidedrahtes: die Wanddicke des Werkstückes bleibt durch den leicht schrägen Winkel des Hitzedrahtes erhalten. Das Werkstück sollte immer mitgedreht werden, um den Hitzedraht immer senkrecht zum Objekt zu haben.

 

 

Im Video sind noch zwei Zeichnungen zu sehen, wie Dominikus Zimmermann sich die Kapitelle als Balkenkonstruktion vorstellte und wie die Kuppel im Querschnitt aussieht.

kaptell.gifansich_1.gifansich_2.gif

>kapitell.gif< >ansich_1.gif< >ansich_2.gif<

Wer das Original zu vergleichen sucht, kann sich mühsam tatsächlich unter den Kapitellen Balkenkonstruktionen vorstellen.

 

Auf dem Grundriss und auf dem Querschnitt aufbauend habe ich modellhaft die Teile der Kuppelkonstruktion nachempfunden, um zumindest dem Wesen des Originalbaues nahe zu kommen und um ein unterrichtlich praktikables Modell zu erhalten. Anschließend habe ich die Explosionszeichnung durch Export nach AutoCAD Lt konstruiert, die isometrische extrudierte Ansicht wieder nach AutoSketch 2.1 exportiert, die Elemente aufgelöst und neu in der Reihenfolge des Modellbaues zusammengestellt.

wies_5D1

>wies__5d.gif< zeigt die unvollständige Explosionszeichnung.

Mit den beiden Blättern des Grundrisses lässt sich eine ganze Doppelstunde bestreiten: OH-Folie auflegen, Mauerwerk schraffieren lassen, Fenster und Türen aussparen. Erheblich schwieriger ist das Schraffieren des Originalgrundrisses, auf dem noch die Breite des Fundamentes eingezeichnet ist.

Absichtlich habe ich auf das sehr gut aufbereitende Unterrichtswerk des Wolf-Verlages verzichtet, weil dessen Handlungsintention auf der Papierebene bleibt.

Ich habe das Video der Kreisbildstelle etwa die ersten 20 Minuten von insgesamt 45 Minuten parallel durchlaufen lassen, um die Entstehungsgeschichte der Wieskirche schildern zu lassen und um die Ursache der Volksfrömmigkeit zu zeigen. Wie sehr bei der Einweihung der Wieskirche die Volksfrömmigkeit beachtet wurde, schildert das Prozessionsbild >wiesproz.jpg<, das am Fuße des kleinen Zugangsweges in der kleinen offenen Kapelle zu sehen ist.

wiesproz.jpg

Prozessionsbild >wiesproz.jpg<

 

 

 

 

 

Hier die Bilder der konstruierten und benutzten Sperrholzteile:

Bild >wies5a1.gif< Draufsicht DIN A4 Grundriss,
Bild >wies8.gif< Draufsicht dto.,
Bild >wies5a2.gif< Schablonen Chorraum;
Bild >wies5a3.gif< Schablone Firstpfette stark vereinfachend;
Bild >wies5b.gif< Schablone Styropor für Mauer und Teile Oberkante Mauerwerk
Bild >wies5e.gif< Basen und Kapitelle
Bild >wies5f.gif< Kuppeldecken-Teil
Bild >wies5g.gif< Bogenteile des Umlaufkranzes
Bild >wies5h.gif< Bogenteile für Säulenkranz
Bild >wies5i.gif< Viertelbogenteile für Kuppel und Zentrierkranz für Säulenmontage

Zum Verkleben benutzten die Schüler UHU Vielzweckkleber ohne Lösungsmittel.

 

 

WIES5A1.GIF

>wies5a1.gif<
Draufsicht DIN A4 Grundriss

 

 

 

WIES8.GIF

>wies8.gif<
Draufsicht dto

 

 

WIES5A2.GIF

>wies5a2.gif<
Schablonen Chorraum

 

 

 

>wies5a3.gif<
Schablone Firstpfette stark vereinfachend

 

 

>wies5b.gif<
Schablone Styropor für Mauer und Teile Oberkante Mauerwerk

 

 

 

WIES5E.GIF

>wies5e.gif<
Basen und Kapitelle

 

 

WIES5F.GIF

>wies5f.gif<
Kuppeldecken-Teil

 

 

 

WIES5G.GIF

>wies5g.gif<
Bogenteile des Umlaufkranzes

 

 

WIES5H.GIF

>wies5h.gif<
Bogenteile für Säulenkranz

 

 

WIES5I.GIF

>wies5i.gif<
Viertelbogenteile für Kuppel und Zentrierkranz für Säulenmontage

 

 

Methodischer Aufbau des Modellbaues:

Bild >bausatz.jpg< zeigt den Start der Schülerarbeiten
Bild >modell_2.jpg< zeigt die Ansicht des ganzen einzelnen Deckenteils
Bild >modell_3.jpg< zeigt die Bodenplatte mit Säulen, Basen, Kapitellen und den nötigen Zentrierkranz
Bild >modell_4.jpg< zeigt den Arbeitsfortschritt mit den Wandteilen
Bild >modell_5.jpg< zeigt die einzeln gefertigte Decke mit den Viertelbögen
Bild >modell_6.jpg< zeigt die Säulen und Bögen mit Einwölbung
Bild >modell_7.jpg< zeigt den hinein gefügten Chor
Bild >modell_8.jpg< zeigt die Arbeit mit stark stilisierter Firstpfette und Sparren, sowie die eingeschmolzenen Fensteröffnungen
Bild >modell_9.jpg< zeigt den nahezu fertigen Rohbau mit beginnender Eindeckung.

 

BAUSATZ.JPG

Bild >bausatz.jpg<
zeigt den Start der Schülerarbeiten

 

 

 

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Bild >modell_2.jpg<
zeigt die Ansicht des ganzen einzelnen Deckenteils

 

 

 

MODELL_3.JPG

Bild >modell_3.jpg<
zeigt die Bodenplatte mit Säulen, Basen, Kapitellen und den nötigen Zentrierkranz

 

 

 

MODELL_4.JPG

Bild >modell_4.jpg<
zeigt den Arbeitsfortschritt mit den Wandteilen

 

 

MODELL_5.JPG

Bild >modell_5.jpg<
zeigt die einzeln gefertigte Decke mit den Viertelbögen

 

 

 

MODELL_6.JPG

Bild >modell_6.jpg<
zeigt die Säulen und Bögen mit Einwölbung

 

 

MODELL_7.JPG

Bild >modell_7.jpg<
zeigt den hinein gefügten Chor

 

 

 

MODELL_8.JPG

Bild >modell_8.jpg<
zeigt die Arbeit mit stark stilisierter Firstpfette und Sparren, sowie die eingeschmolzenen Fensteröffnungen

 

 

MODELL_9.JPG

Bild >modell_9.jpg<
zeigt den nahezu fertigen Rohbau mit beginnender Eindeckung.

 

Bild Wies_9.jpg
Stammt aus dem Schuljahr 2002/03. Es zeigt noch eine Besonderheit der
Lichtführung in diesem Kirchenbau: durch die Oberlichter fällt Licht auf den Altar.

Bild Wies_10.jpg
Als Zusatzaufgabe war es noch möglich, die Fassade und Fensterfassungen blau/gelb anzumalen.

Bild Wies_11.jpg
Zum Einschneiden der Fenster benutzte ich dieses Schuljahr den "Plastostift" des
Styroporschneiders. Der abgerissene Stecker zeugt vom heftigen Gebrauch.
Ich habe den kräftigeren Hitzedraht als dünne Drahtschleife verbogen, um die
Fenster einstechen und schneiden zu lassen.
Die Krokodilklemmen verkürzen den Widerstandsweg, obwohl auch so noch das
Schneiden der Fenster sehr langsam geschehen musste.